Kaninchenhunger

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Kaninchenhunger, auch Kaninchen-Auszehrung[1] genannt, ist eine Form von Mangelernährung. Sie entsteht, wenn die Nahrung vor allem aus magerem Fleisch (z. B. vom Kaninchen oder Schneeschuhhasen[2] ) besteht und zusätzliche Stressfaktoren wie Kälte und Trockenheit herrschen. Die Symptome bestehen aus Durchfall, Kopfschmerzen, Müdigkeit, tiefem Blutdruck, niedrigem Puls sowie vagem Unwohlsein. Hinzu kommt ein Hungergefühl, das nur durch Aufnahme von Fett oder Kohlenhydraten zu sättigen ist.

In der englischsprachigen Fachliteratur ist der Begriff rabbit starvation etabliert.

Mögliche Mechanismen[Bearbeiten]

Der genaue Pathomechanismus, der zum Kaninchenhunger führt ist noch nicht vollständig geklärt. Folgende Faktoren spielen jedoch eine wesentliche Rolle:

  • Gefährliche Proteinmenge: Die Leber eines Menschen kann einen plötzlichen Anstieg der Eiweißmenge auf mehr als 200 bis 300 g Eiweiß pro Tag nicht verwerten,[3] und die Nieren sind ebenso beschränkt in ihrer Fähigkeit, Harnstoff (ein Nebenprodukt des Protein-Abbaus) aus dem Blutkreislauf zu entfernen. Dies kann zu schädlichen Mengen an Aminosäuren, Ammoniak und/oder Harnstoff im Blut führen. Diese Gefahr besteht vor allem dann, wenn eine Person ohne ausreichende Umstellungszeit die Proteinzufuhr stark erhöht. Weil Eiweiß nur etwa 17 kJ Energie pro Gramm enthält, sind zur Deckung des Grundbedarfs einer 70 kg schweren Person 419 g Eiweiß erforderlich – mehr, als die Leber, beziehungsweise die Nieren, ohne langsame Anpassung verwerten bzw. verkraften können.
  • Kaloriendefizit: Ein 19- bis 30-jähriger Mann, der pro Tag eine Stunde mittelmäßig schwere Arbeit leistet (zum Beispiel zügiges Gehen während der Jagd), benötigt 12 500 kJ/Tag an Energie.[4] Rohes Fleisch von Wildkaninchen enthält 456 kJ Energie pro 100 Gramm.[5] Ein erwachsener Mann müsste jeden Tag 2,6 kg Kaninchenfleisch essen, um seinen Energiebedarf nur mit Kaninchenfleisch zu decken. Soviel Fleisch kann jedoch nur aus acht Wildkaninchen mittlerer Größe gewonnen werden.[6] Dies bedeutet einen beträchtlichen Aufwand bei der Jagd.

Beschreibungen[Bearbeiten]

Der Anthropologe und Polarforscher Vilhjálmur Stefánsson (1879–1962) beschrieb den Kaninchenhunger folgendermaßen:[7]

„Die Menschen, die vom Blubber erlegter Tiere leben, sind die glückseligsten im Jägerleben, da sie nie an Fett-Hunger leiden. Dieses Problem ist in Nordamerika bei den Indianern, die von Kaninchen – der magersten Jagdbeute – abhängig sind, am Schlimmsten. Sie entwickeln einen extremen Fett-Hunger, der als Kaninchenhunger bekannt ist. Kaninchenesser, sofern sie kein Fett aus einer anderen Quelle wie Biber, Elch oder Fisch beziehen können, erleiden innerhalb einer Woche Durchfall, Kopfschmerzen, Niedergeschlagenheit und vages Unwohlsein. Wenn es genügend Kaninchen zu jagen gibt, essen die Menschen Kaninchen bis ihnen die Bäuche platzen – gleich wie viel sie auch essen, sie werden sich nicht satt fühlen.“

Stefansson schrieb auch, dass Todesfälle durch Kaninchenhunger selten seien, denn die Bewohner Nordamerikas kennen die Gefahren fettloser Ernährung und würden rechtzeitig Maßnahmen ergreifen.[8] Nordamerikanische Indianer kennen zum Beispiel das lang haltbare, fett- und proteinreiche Pemmikan. Im Gegensatz zum Hungern, bei dem nach einiger Zeit der Appetit weitgehend verloren gehe, sei beim Kaninchenhunger das Hungergefühl unablässig vorhanden, allerdings verbunden mit Übelkeit und Durchfall.[9] Stefánsson prägte auch den englischsprachigen Begriff rabbit starvation.[10]

In der Einleitung zu Alden Todds Buch Abandoned: The Story of the Adolphus Greely Arctic Expedition 1881–1884 beschreibt Stefánsson den Kaninchenhunger als Hauptproblem der 25-köpfigen Greely-Expedition. Von dieser Reise kehrten nur sechs Personen lebendig zurück. Stefansson erwähnt in dieser Sache auch den Kannibalismus – durch den Verzehr des mageren Fleisches verstorbener Expeditionsteilnehmer konnte niemand seinen Hunger stillen.

Charles Darwin schrieb in seinem Reisetagebuch The Voyage of the Beagle (Die Reise auf der Beagle):[11]

We were here able to buy some biscuit. I had now been several days without tasting anything besides meat: I did not at all dislike this new regimen; but I felt as if it would only have agreed with me with hard exercise. I have heard that patients in England, when desired to confine themselves exclusively to an animal diet, even with the hope of life before their eyes, have hardly been able to endure it. Yet the Gaucho in the Pampas, for months together, touches nothing but beef. But they eat, I observe, a very large proportion of fat, which is of a less animalized nature; and they particularly dislike dry meat, such as that of the Agouti. Dr. Richardson also, has remarked, "that when people have fed for a long time solely upon lean animal food, the desire for fat becomes so insatiable, that they can consume a large quantity of unmixed and even oily fat without nausea:" this appears to me a curious physiological fact.

„Wir konnten hier einige Kekse kaufen. Ich hatte nun mehrere Tage nichts als Fleisch gegessen: ich hatte gar nichts gegen diese neue Ernährungsform; aber es fühlte sich an, als hätte sie sich mir nur durch strenge Übung angepaßt. Ich habe von Patienten in England gehört, die, wenn sie ausschließlich tierische Nahrung zu sich nehmen sollten, das kaum durchhielten, und wenn ihr Leben davon abhing. Die Gauchos der Pampa dagegen ernähren sich monatelang nur von Rindfleisch. Sie essen aber, wie ich beobachtet habe, eine sehr große Menge Fett, das weniger tierhaft ist; und im Besonderen verabscheuen sie trockenes Fleisch, wie etwa das des Aguti. Dr. Richardson bemerkte auch: ‚werden Menschen eine lange Zeit nur mit magerem Fleisch ernährt, wird das Verlangen nach Fett so unstillbar, daß sie dann eine große Menge ungemischtes und sogar öliges Fett ohne Übelkeit zu sich nehmen können‘: das finde ich eine merkwürdige physiologische Tatsache.“

In einem klinischen Versuch ernährten sich Vilhjálmur Stefánsson und Rudolph Martin Anderson ein Jahr lang in New York ausschließlich von Fleisch. Beide vertrugen diese Diät problemlos. Bei Stefánsson stellten sich allerdings Darmprobleme in Form von Durchfall ein, als seine Nahrung für drei Tage fettarm war und einen Proteinanteil am Nährwert von 45 % aufwies. Danach wurde der Fettanteil wieder erhöht, so dass der Proteinanteil am Nährwert für zwei Tage nur noch 20 % und danach 25 % betrug. Die Darmprobleme verschwanden daraufhin.[12]

Literatur[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Marvin Harris: Wohlgeschmack und Widerwillen: Die Rätsel der Nahrungstabus. Klett-Cotta, 2005, ISBN 3-608-94412-5, S. 39. eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche
  2. C. H. Vanderwolf: The Evolving Brain. Springer, 2007, ISBN 0-387-34230-3, S. 38. eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche
  3. Staffan Lindeberg: Food and Western Disease: Health and Nutrition from an Evolutionary Perspective. John Wiley & Sons, 2009, ISBN 1-444-31718-0, S. 41. eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche
  4. „Estimated Energy Requirements“, Canada's Food Guide.
  5. Sarah Egert, Ursel Wahrburg: Die große Wahrburg/Egert Kalorien-&-Nährwerttabelle. Georg Thieme Verlag, 2011, ISBN 3-830-46068-6, S. 34. eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche
  6. D. Carter, A. Harestad, F. L. Bunnell: Status of Nuttall's Cottontail in British Columbia. Wildlife Branch, Ministry of Environment, Lands and Park; Wildlife Working Report No. WR-56; März 1993
  7. S. Fallon: Nasty, Brutish and Short? In: The Ecologist. Band 29, Nummer 1, 1999, S. 20–27.
  8. Kerry G. Brock, George M. Dicks jr.: The Hunter-Gatherer Within: Health and the Natural Human Diet. Kapitel 6: Proteins: The Body's Building Blocks. BRIT Press, 2013, ISBN 1-889-87840-5, S. 60. eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche
  9. George Edgar Folk, Mary A. Folk: Vilhjalmur Stefansson and the Development of Arctic Science. University of Iowa, 1984, S. 135.
  10. Organic Living Journal Bände 62-80, S. 45 ([1])
  11. Charles Darwin: The Voyage of the Beagle. Kapitel 7: Buenos Ayres to St. Fe. ISBN 1-616-40109-5, S. 130. eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche
  12. Walter S.McClellan, Eugene F. Du Bois: Prolonged meat diets with a study of kidney function and ketosis. (PDF; 1,5 MB) In: J Biol Chem. Band 87, 1930, S. 651–668.