Kanon Muratori

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Letzte Seite des Kanon Muratori nach der Veröffentlichung von Tregelles, 1868

Der Kanon Muratori ist eines der wichtigsten Zeugnisse für die frühe Kanongeschichte des Neuen Testaments. Dieses Verzeichnis aus dem 7. Jahrhundert ist nach seinem Entdecker benannt, dem Archivar Muratori. Er veröffentlichte es 1740 als Beispiel für eine schlechte Art mittelalterlicher Handschriften.

Fund[Bearbeiten]

Der Kanon Muratori ist in einem Codex aus dem 8. Jahrhundert überliefert. Ludovico Antonio Muratori (1672–1750) fand diese Handschrift in der von Columban gestifteten Bibliothek der Abtei Bobbio, als er an der Schule der Dottori der Biblioteca Ambrosiana in Mailand historische Forschungen betrieb.

Entstehungszeit und Autor[Bearbeiten]

Vermutlich handelt es sich um eine Übersetzung eines ca. 170-200 n. Chr. in Rom geschriebenen griechischen Originals in schlechtes Latein (vgl. z.B. den deutlich erkennbaren Schreibfehler "apocalapse" in Zeile 9 der abgebildeten Seite). Diese Datierung stützt sich vor allem darauf, dass der Hirte des Hermas (zwischen ca. 120-145) als "vor kurzem zu unserer Zeit" entstanden bezeichnet wird. Außerdem werden am Ende mehrere abgelehnte Autoren genannt, die vor oder um 150 n. Chr. schrieben (Valentinus, Marcion, Basilides), nicht aber spätere Autoren wie z.B. Montanus, über den es ab ca. 170 n. Chr. Auseinandersetzungen gab.

Alternative Vermutungen zur Entstehung des Verzeichnisses datieren es in die zweite Hälfte des 3. Jhs. oder in das 4. Jh.

Der Autor geht nicht direkt aus dem Text hervor. Als Verfasser vermuten manche Hippolyt von Rom oder Victorinus von Poetovio, dies aufgrund von textlichen oder inhaltlichen Parallelen.

Verzeichnis neutestamentlicher Bücher[Bearbeiten]

Der Anfang der Handschrift mit den Hinweisen auf Matthäus und Markus ist nicht erhalten. Von den kanonischen Schriften des Neuen Testaments erwähnt der Kanon Muratori das Lukasevangelium „als drittes Evangelium“ und das Johannesevangelium als viertes, gefolgt von der Apostelgeschichte des Lukas. Dann zählt er die Paulusbriefe auf, nennt drei der Katholischen Briefe (Judas, 1. und 2. Johannesbrief) und das Buch der Weisheit, das heute zu den deuterokanonischen Schriften des Alten Testaments zählt. Nicht enthalten sind außer dem Hebräerbrief, die Briefe des Petrus und Jakobus sowie der 3. Brief des Johannes.

Neben der Apokalypse des Johannes wird auch die apokryphe Apokalypse des Petrus erwähnt, in Bezug auf letztere mit dem Zusatz quam quidam ex nostris legi in ecclesia nolunt (von der manche nicht wollen, dass sie in der Gemeinde gelesen wird).

Der apokryphe Hirte des Hermas darf zwar gelesen (legi eum quidem oportet), aber nicht öffentlich der Gemeinde verlesen werden (publicare vero in ecclesia populo). Weitere apokryphe Schriften werden verworfen: Die Briefe des Paulus an die Laodizäer und Alexandriner werden als Fälschungen abgelehnt (Pauli nomine fictae), ebenso Schriften des Arsinous, Valentinus, Miltiades und ein angeblich für Markion verfasstes Psalmenbuch (nihil in totum recipimus).

Literatur[Bearbeiten]

  • Hans Lietzmann: Das Muratorische Fragment und die Monarchianischen Prologe zu den Evangelien (= Kleine Texte für theologische Vorlesungen und Übungen. Hrsg. von Hans Lietzmann. Bd. 1). A. Marcus und E. Weber's Verlag, Bonn 1902 (Online verfügbar).
  • Wilhelm Schneemelcher: Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. Bd. 1. Mohr, Tübingen 1999, ISBN 3-16-147252-7 (deutsche Übersetzung S. 27-29).
  • Werner Georg Kümmel: Einleitung in das Neue Testament. Quelle + Meyer, Heidelberg 1983, ISBN 3-494-00089-1.
  • Geoffrey Mark Hahneman: The Muratorian Fragment and the Development of the Canon. Clarendon Press, Oxford 1992, ISBN 0-19-826341-4.
  • C. E. Hill: The Debate Over the Muratorian Fragment and the Development of the Canon. In: Westminster Theological Journal. 57:2 (Fall 1995), S. 437–452.
  • Jonathan J. Armstrong: Victorinus of Pettau as the Author of the Canon Muratori. In: Vigiliae Christianae 62. Leiden 2008, S. 1–34.
  • J. Verheyden: The Canon Muratori; A Matter of dispute. In: Biblitheca Ephemeridum Theologicarum Lovaniensium (BEThL). Leuven 2003, S. 487–556.
  • Karl August Credner: Über die ältesten Verzeichnisse der heiligen Schriften der katholischen Kirche. In: Ferdinand Christian Baur, Eduard Zeller (Hrsg.): Theologische Jahrbücher. Bd. 16, Tübingen 1857, S. 299 (Online verfügbar).
  • Karl August Credner: Zur Geschichte des Kanons. Verlag des Buchhandlung des Waisenhauses, Halle 1847, S. 69–94 (Kapitel 2: Das fragmentum de canone scripturarum ss. bei Muratori (Online verfügbar)).
  • Samuel Prideaux Tregelles: Canon Muratorianus. The earliest catalogue of the books of the New Testament. Edited with notes and a facsimile of the MS in the Ambrosian Library at Milan. Clarendon Press, Oxford 1867 (Online verfügbar).

Weblinks[Bearbeiten]