Kanon der Medizin

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Die erste Seite einer Abschrift des Kanons von 1597/98
Avicenna als "Fürst der Ärzte" (Holzschnitt, Venedig 1520)
Faksimile einer lateinischen Ausgabe von 1484

Der Kanon der Medizin (arab. القانون في الطب (Qānūn at-Tibb oder Al-Qanun fi'l-Tibb); lat. Canon medicinae) ist das bekannteste medizinische Werk von Avicenna († 1037) und ist in fünf Hauptabschnitte unterteilt. Es war im Mittelalter und in der Neuzeit bis ins 19. Jahrhundert ein Standardwerk der medizinischen Ausbildung.

Inhalt[Bearbeiten]

Der Kanon der Medizin ist streng untergliedert. Die fünf Bücher (Libri) sind in Stoffeinheiten (Doctrinae), Untereinheiten (Fen), Kapitel (Capitula) sowie Zusammenfassungen (Summae) unterteilt.[1]

Das erste Buch enthält eine Definition der Medizin als Wissenschaft, sie wird in Theorie und Praxis unterschieden. Als Ursachen von Gesundheit und Krankheit führt Avicenna stoffliche, bewirkende, formgebende und zweckdienliche Ursachen an. Dies soll helfen, den menschlichen Körper zu untersuchen, um ihn von Krankheit wieder zurück zur Gesundheit zu führen. Dem Arzt stehen hierzu fünf Mittel zur Verfügung: Ernährungstherapie, gute Luft, ein ausgeglichenes Verhältnis von Bewegung und Ruhe sowie als letzte die Behandlung durch Arzneimittel oder durch chirurgische Eingriffe.[1] Es folgen Darstellungen zu den Elementen und des Kosmos sowie, sehr ausführlich, zur Säftelehre. Hier systematisiert Avicenna erstmals die Lehren von Galenos von Pergamon. Als Krankheitskonzept hatten sie teils bis ins 19. Jahrhundert Bestand, als sie von der Zellularpathologie (Rudolf Virchow) und der medizinischen Mikrobiologie (Robert Koch) abgelöst wurden.

Das zweite Buch enthält eine Arzneimittelkunde (Materia medica). Zu Beginn geht Avicenna auf die Primärqualitäten (warm, kalt, feucht, trocken) ein und erläutert, wie die Mischung verschiedener Einzeldrogen ihre Wirksamkeit beeinflusst. Anschließend stellt er sieben Regeln zum Experimentieren auf:[2]

  1. Die Droge darf nicht durch Hitze, Kälte oder Nähe zu anderen Drogen beeinflusst sein.
  2. Die Droge darf nur bei einzeln auftretenden Leiden angewendet werden, nicht aber bei kombinierten Krankheiten.
  3. Die Droge muss bei zwei gegensätzlichen Leiden getestet werden, um die Wirksamkeit auf Ursache und Symptome zu überprüfen.
  4. Die Potenz der Droge sollte der Schwere des Leidens angemessen sein.
  5. Die Zeit, die eine Droge zum Wirken benötigt, sollte beachtet werden. Daraus lässt sich schließen, ob Symptome oder Ursache des Leidens gelindert wurden.
  6. Der Effekt der Droge sollte in allen Fällen gleich sein, oder zumindest in den meisten.
  7. Experimente sollten am Menschen und nicht an Tieren durchgeführt werden.

In alphabetischer Form werden nun Einzeldrogen in 758 Kapiteln behandelt. Sie sind durch Stichworte systematisch gegliedert.[3] Avicenna beschreibt hier u.a. Bolus armenus, die armenische Tonheilerde (Kapitel 423). Er schreibt ihr blustillende Wirkung zu, sie soll bei Pestbeulen nützlich sein und besonders bei Wunden helfen. Außerdem soll sie bei Katarrhen und Kopfschmerzen wirksam einzusetzen sein, ebenso bei Geschwüren der Atemwege und des Verdauungstraktes sowie bei Fieber.[4] Ab der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts lässt sich dieses Wissen auch in Europa nachweisen, u.a. im Liber graduum von Constantinus Africanicus († 1087) und im Circa instans (Mitte des 12. Jahrhunderts). Auch andere, vorher in Europa unbekannte Drogen, fanden so ihren Weg in die Medizin des Abendlandes.

Das dritte Buch ist der Anatomie der Organe des Menschen und ihrer Erkrankungen gewidmet (Pathologie und Therapie). Es beginnt mit der Anatomie des Gehirns und behandelt dann entsprechende Krankheiten wie Epilepsie oder Schlaganfall. Am Ende stehen die Ausscheidungsorgane und ihre Erkrankungen. Die Extremitäten (Arme und Beine) fehlen. Sie gehörten in den Bereich der Chirurgie. Avicenna behandelt hier also ausschließlich die Innere Medizin.[5]

Im vierten Buch werden die Krankheiten aufgeführt, die sich im ganzen Körper ausbreiten (Chirurgie und Allgemeinkrankheiten). Es beginnt mit den Fiebern, behandelt eitrige Geschwüre (Apostemata), Nervenleiden, Luxationen, Frakturen, Verletzungen durch Tiere (Tierbisse, Insektenstiche), Hauterkrankungen und Kosmetik.[5]

Das fünfte Buch befasst sich mit der Herstellung von etwa 650 Heilmitteln aus mehreren Komponenten (Antidotarium). Es enthält teilweise sehr komplexe Arzneimittel, darunter auch verschiedene Theriak-Zubereitungen sowie Confekte, Elektuarien (Leckmittel), medizinische Öle, Sirupzubereitungen, Pillen und Salben. Den Schluss bildet eine Sammlung kürzerer Rezepturen gegen bestimmte Leiden.[5]

Nachwirkung[Bearbeiten]

Der Kanon wurde nicht nur in der islamischen Welt, sondern ab dem 13. Jahrhundert in ganz Europa zum Standardwerk der medizinischen Ausbildung.[1][6] Etwa 1170 übersetzte eine Gruppe um Gerhard von Cremona in Toledo ihn ins Lateinische.[3] Diese Fassung wurde u.a. in der Schule von Salerno verwendet. Eine hebräische Übersetzung folgte 1279. Sie wurde 1491 in Neapel von den Gersoniden gedruckt. Die lateinische Übersetzung des Gerhard von Cremona wurde 1472 in Mailand erstmals gedruckt.[7] Diese Übersetzung hat Andrea Alpago aus Belluno (1450-1521) auf Grund alter arabischer Handschriften verbessert. Sie wurde 1527 in Venedig durch L. A. Juntae gedruckt. Im 15. und 16. Jh. ist der lateinische Canon 36 Mal gedruckt worden.[8] Eine 1507 in Venedig gedruckte Ausgabe erschien 1964 in Hildesheim als Reprint. In Basel wurde 1556 eine weitere Fassung gedruckt, die 1976 in Teheran als Faksimile herausgegeben wurde. 1593 wurde in Rom der arabische Text erstmals gedruckt. Dennoch war im 16. Jahrhundert der Einfluss des Kanons bereits am schwinden. Die Humanisten zogen lieber griechische und römische Autoren heran als Avicenna. In Padua wurde der Kanon jedoch im frühen 18. Jahrhundert noch für die Lehre verwendet.[9]

Doch schon Otto Brunfels († 1534) und Leonhart Fuchs († 1566) kritisierten, das Werk Avicennas sei noch nicht komplett verstanden.[3] In gewissem Maße trifft das auch heute noch zu. Der Kanon ist weiterhin Gegenstand weltweiter Forschung. Eine vollständige deutsche Übersetzung gibt es bis heute nicht.

Ausgaben und Übersetzungen[Bearbeiten]

lateinisch (Renaissance)
  • Liber canonis. Venedig 1507, Nachdruck Olms, Hildesheim 1964
  • Liber Canonis, De medicinis cordialibus et Cantica. Basel 1556, Neudruck: Teheran 1976 (die erstmals 1544 in Venedig gedruckte zweite Auflage der von Andrea Alpago überarbeiteten Fassung der mittelalterlichen Übersetzung von Gerhard von Cremona)
lateinisch (modern)
  • Avicenna Latinus. Louvain / Leiden 1968 ff. (kritische Gesamtausgabe des lateinischen Avicenna)
englisch
  • Avicenna’s Physics of the Healing. A Parallel English-Arabic Text in Two Volumes, Brigham Young University Islamic Translation Series, hrsg. und Übers. von Jon McGinnis, 2 Bände, Brigham Young University Press, Provo UT 2010.
deutsch

Literatur[Bearbeiten]

  • Donald Campbell: Arabian medicine and its influence on the Middle Ages. London 1926, Neudruck Amsterdam 1974.
  • Konrad Goehl: Avicenna und seine Darstellung der Arzneiwirkungen. Deutscher Wissenschafts-Verlag, Baden-Baden 2014. ISBN 978-3-86888-078-6.
  • Arnold Carl Klebs. Incunabula scientifica et medica. (Reprint der Ausgabe von 1938) Olms, Hildesheim 2004, S. 68-69.
  • Johannes Gottfried Mayer, Konrad Goehl: Die Grundzüge der Medizin Avicennas. In: Kräuterbuch der Klostermedizin. Reprint-Verlag, Leipzig 2003. ISBN 3-8262-1130-8. S. 42-73.
  • Manfred Ullmann: Die Medizin im Islam. In: Handbuch der Orientalistik, 1. Abteilung, Ergänzungsband IV, 1. Abschnitt. Leiden 1970. S. 152-156.

Digitalisate[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Kanon der Medizin – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c Johannes Gottfried Mayer, Konrad Goehl: Die Grundzüge der Medizin Avicennas. In: Kräuterbuch der Klostermedizin. Reprint-Verlag, Leipzig 2003. ISBN 3-8262-1130-8 S. 42-73
  2. Mona Nasser, Aida Tibi, Emilie Savage-Smith: Ibn Sina’s Canon of Medicine: 11th century rules for assessing the effects of drugs. In: Journal of the Royal Society of Medicine, 2009, Heft 2. S. 78–80 (doi:10.1258/jrsm.2008.08k040)
  3. a b c Avicennas Canon medicinae, Forschergruppe Klostermedizin
  4. Johannes Gottfried Mayer, Katharina Englert: Ton-Heilerde. Terra Armena. Die Wiederentdeckung eines alten Mittels zur inneren Reinigung. Heinrich Hugendubel Verlag, Kreuzlingen/ München 2007. ISBN 978-3-7205-5010-9 S.7ff.
  5. a b c Anhand der Inhaltsangabe der lat. Ausgabe Basel 1556, die 1976 als Faksimile in Teheran herausgegeben wurde
  6. Frank Thadeusz: Doktor Allwissend. In: Spiegel Geschichte, Heft 2, 2010. S. 74f.
  7. Arnold Carl Klebs. Incunabula scientifica et medica. (Reprint der Ausgabe von 1938) Olms, Hildesheim 2004, S. 68.
  8. Manfred Ullmann: Die Medizin im Islam. Leiden 1970, S. 154.
  9. The influence of Avicenna on medical studies in the West. in der Encyclopædia Iranica