Kanonenkugel

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„Kanonenkugeln“ in Rhodos
Kanonenkugel der Burgruine Loch in Bayern
Kanonenkugel im Gesenk eines Gesenkschmiedehammers

Bei einer Kanonenkugel handelte es sich ursprünglich um eine großkalibrige Steinkugel, die mit Hilfe von Schwarzpulver aus dem Rohr der Steinbüchse abgefeuert wurde. Sie wurden aber auch von Katapultvorrichtungen geschleudert, wie zum Beispiel die in Rhodos (siehe Abbildung). Im Laufe des 15. Jahrhunderts setzten sich gegossene Eisenkugeln durch, doch fanden Steinkugeln als Munition für Schiffskanonen bis weit in die Frühe Neuzeit hinein weiterhin Verwendung. Die Kanonen wurden ursprünglich nicht nach dem Kaliber, sondern nach dem Gewicht ihrer Kugeln eingeteilt, vom 6-Pfünder („6-pfdg“) bis zu 32-Pfünder und mehr.

Zur historischen Entwicklung[Bearbeiten]

Als man im 14. Jahrhundert begann, mit Geschützen zu schießen, benutzte man zunächst vorwiegend Stein- oder Bleikugeln, da die Herstellung geschmiedeter Eisenkugeln sehr aufwendig war. Wegen des relativ niedrigen spezifischen Gewichts der Steine benötigte man zum Brechen dicker Mauern sehr große Steinkugeln, weshalb die ersten Steinbüchsen, wie sie genannt wurden, nicht selten ein Kaliber bis zu 90 cm besaßen. Damit war ein Geschossgewicht von bis zu 450 kg zu erreichen.[1]

Diese Situation änderte sich erst, als die eisenverarbeitende Industrie schließlich in der Lage war, Eisenkugeln zu gießen, die das gleiche Gewicht besaßen wie eine mehrfach größere Steinkugel. Nach der allgemeinen Einführung gegossener Kanonenkugeln aus Eisen im 16. Jahrhundert wurden diese (nicht nur) in Deutschland üblicherweise nach dem Nürnberger Pfund[2] gewogen. Daher bestand ein fester Zusammenhang zwischen dem Gewicht und dem Durchmesser einer eisernen Vollkugel. Das Kaliber einer „sechspfündigen Kanone“ war dementsprechend (etwa) 9 cm und das eines „12 Pfünders“ war 12 cm (zwischen der Kugel und der Rohrinnenwand musste ein gewisser Spielraum gelassen werden; daher war das Kaliber in der Regel ein Zwanzigstel bis ein Dreißigstel größer als der Durchmesser der Kanonenkugel). Für den Gebrauch von Blei-, Eisen und Steinkugeln lagen gedruckte Tabellen vor und es gab entsprechend geeichte Messinstrumente (die ursprünglich überwiegend aus Nürnberg kamen). Da mit Mörsern und Haubitzen noch lange Zeit danach mit Steinkugeln geschossen wurde, galten bei diesen andere Maße, bis sich bei beiden Geschützarten schließlich die Kaliberangabe in Zoll durchsetzte. Das Nürnberger Maßsystem galt im Waffenbau letztlich bis zur Einführung der gezogenen Geschützrohre und der Langgranaten im 19. Jahrhundert. Allerdings gingen im Verlauf des 18. Jahrhunderts die großen Armeen, die ihre Geschütze selbst herstellten, immer mehr dazu über, die Nürnberger Maße in die jeweils regional üblichen umzurechnen (jedoch ohne das System zu ändern; dies zog allerdings eine Unzahl abweichender Zahlenangaben in der Artillerie nach sich).[3]

Bei der Feldartillerie waren Kanonenkugeln die Hauptgeschosse, da nach dem Abfeuern in flachem Winkel die Kugeln in Mannshöhe flogen und nach 800 Metern das erste Mal den Boden berührten, um gleich darauf weiter zu hüpfen und nach weiteren 400 Metern nochmals aufzusetzen und noch weitere 200 Meter zu springen (→ Rikoschettschuss). In dichten Infanterieformationen konnte eine Kugel so gleich drei bis vier Menschen töten und fünf bis sechs weitere verletzen.

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts werden in der Artillerie statt der Kugeln ogivale Langgranaten als Geschosse verwendet, die drei bis sechsmal schwerer sind als demselben Kaliber entsprechende Kanonenkugeln. Allerdings benötigt man zu deren Abschuss gezogene Kanonenrohre, die solchen Geschossen einen Drall geben, damit sie sich im Flug nicht überschlagen.

Kettenkugeln[Bearbeiten]

Verschiedene Kugeltypen, gefunden im Wrack der Vasa

Besonders verheerend waren die so genannten Kettenkugeln, die aus zwei mit einer Kette verbundenen Eisenkugeln, manchmal auch zwei Halbkugeln bestanden.[4] Beim Verlassen des Rohres gingen die Kugeln auf Kettenlänge auseinander und flogen instabil um sich selbst rotierend bis zum Aufprall, bei dem sie ein fast doppelt so großes Loch verursachten wie eine Vollkugel. Durch das Flugverhalten wurde aber die Geschwindigkeit der Geschosse beeinträchtigt, so dass ihre Energieabgabe im Ziel deutlich geringer war. Bei Belagerungen im 16. Jahrhundert warf man Kettenkugeln auch oft aus Mörsern, da sie aufgrund der steileren Flugbahn eine höhere Geschwindigkeit erreichten als beim direkten Schuss und damit mit mehr Wucht einschlugen. Außerdem richteten sie in ungedeckten Zielen wie Dächern, Straßen, Plätzen und Geschützstellungen von oben mehr Schaden an. Da die Kettenkugeln im Flug rotierten, verursachten sie auch unter dichten Formationen äußerst schwere Verluste. Sie kamen z. B. 1642 in der zweiten Schlacht bei Breitenfeld zum Einsatz.

Stangenkugel[Bearbeiten]

Eine Variante der Kettenkugel war die Stangenkugel, bei der zwei ganze oder halbe Kanonenkugeln durch eine Eisenstange verbunden waren. Beide Kugeltypen wurden auch bei Seegefechten zur gezielten Zerstörung von Takelagen und Masten eingesetzt.

Erhitzte Kugel[Bearbeiten]

Zur Schiffsbekämpfung und bei Belagerungen wurden auch rotglühende Kugeln verschossen, die im Ziel Brände verursachen sollten. Allerdings war dieses Vorgehen nur für ortsfeste Landbatterien praktikabel. Auf Schiffen selbst war die Brandgefahr zu groß und für Feldbatterien fehlten meistens geeignete Öfen. Weitere Einschränkungen waren, dass nur in Salven geschossen werden konnte, weil gleichzeitiges Hantieren mit Schießpulver und den glühenden Kugeln zu gefährlich war. Ferner musste sofort nach dem Fertigladen geschossen werden, weil ansonsten der Treibpfropf durchglühte und sich der Schuss selbst auslöste, wodurch die Bedienmannschaft gefährdet wurde. Außerdem musste die Größe und Heizleistung des Ofens angepasst sein, um die Kugeln schnell genug auf Rotglut, aber nicht über die Verformungstemperatur zu erhitzen. Wegen dieses großen Aufwands und den vielen Einschränkungen fand diese Einsatzart nur selten Verwendung.

Hohlkugel[Bearbeiten]

Die meisten der als Hohlkugeln verwendete Kanonenkugeln enthielten eine Sprengladung. Diese zündete man mit unterschiedlichen Zündeinrichtungen, u.a. mit einer in einer Holztülle befindlichen Zündschnur. Diese Hohlkugeln wurden als Bomben oder Granaten bezeichnet, je nachdem ob sie mit einem Mörser oder einer Haubitze geworfen wurden.

Brandkugel[Bearbeiten]

Die Brandkugel (auch Feuerkugel genannt) besteht aus einem starken Eisendraht, der ähnlich der Karkasse mit Salpeter, Schwefel, Mehlpulver, Kolophonium, Pech (siehe Brandsatz) gefüllt wurde. Man überzog diesen dann mit Stoff, meist Drillich, nähte das Ganze zu und tauchte es in flüssiges Pech. Diese Brandkugeln wurden aus kleineren Mörsern aus geringeren Entfernungen geworfen (vgl. Hauptartikel →Granate).

Varia[Bearbeiten]

Gelegentlich befinden sich Kanonenkugeln, die nur leichte Schäden an Gebäuden verursachten, noch an der Stelle, wo sie einschlugen wie zum Beispiel am Braunschweiger Dom. Sie dienen gewissermaßen einerseits als Erinnerungsstücke an historische Ereignisse, andererseits als „Verzierung“ des Hauses. Auch wurden Kanonenkugeln in Kirchen zur Erinnerung an glücklich überstandene Belagerungen aufgehängt, wie in zwei Kopenhagener Kirchen.[5]

Auch wurden Kanonenkugeln bei der Reparatur von Belagerungsschäden absichtlich von außen sichtbar ins Mauerwerk eingefügt, um einem möglichen Gegner den augenscheinlich hohen Fortifikationswert der Festung zu suggerieren. Es gab selbst Kanonen, zu denen zwar Kugeln gegossen wurden, die aber nie mit Kugeln geschossen hatten. Das war namentlich bei der Zarenkanone im Moskauer Kreml der Fall. Die Kugeln hatten im Vornherein nur dekorative Funktion. Die Kanone selbst wäre zum Abfeuern von Kartätschen verwendbar gewesen.

Durch die von Gottfried August Bürger veröffentlichte Geschichte des als „Lügenbaron“ bekannten Freiherrn Karl Friedrich Hieronymus von Münchhausen, der auf einer Kanonenkugel in eine belagerte Stadt geflogen sein soll, fand dieser an und für sich kriegerischen Zwecken dienende Gegenstand Eingang in die Unterhaltungsliteratur.

Einzelnachweise und Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Ortenburg, Waffe und Waffengebrauch im Zeitalter der Landsknechte, 1984, 65
  2. 509,96 Gramm.
  3. Hoyer, Allgemeines Wörterbuch der Artillerie, 1802 - 1806, s.v. Gewicht der Kugeln, s.v. Kaliber, s.v. Kalibermaß; Ortenburg, Waffen und Waffengebrauch im Zeitalter der Landsknechte, 1984, 69ff
  4. Siehe auch unter Bola und Manriki Gusari als Wurfwaffen.
  5. Jürgen Beyer: Donations by strangers to Lutheran churches during the seventeenth and eighteenth centuries. In: Journal of Social History 47 (2013–14), S. 196–221, hier S. 207f.

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Kanonenkugeln – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien