Kapitalismuskritik

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Das Wort Kapitalismuskritik bezeichnet die Kritik am Kapitalismus oder an dessen konkreten historischen Erscheinungsformen und Wechselwirkungen mit dem jeweiligen politischen, kulturellen, religiösen, sozialen oder ökologischen Umfeld. Den Begriff Kapitalismus definieren Kritiker dabei unterschiedlich.

Inhaltsverzeichnis

Kritiker und Kritikpunkte

Maschinenstürmer

Nach Edward Palmer Thompson können bereits die so genannten „Maschinenstürmer“ kapitalismuskritischen Strömungen zugerechnet werden. Mit der Veränderung der Arbeitswelt durch die Industrialisierung kam es vor allem in England (Luddismus), aber auch in anderen europäischen Ländern, zu Arbeiterbewegungen, deren Zielsetzung die Erhaltung ihrer Lebensgrundlagen darstellte, unter anderem durch die Zerstörung von Maschinen.

Frühsozialismus

Die sozialistische Kapitalismuskritik geht ursprünglich von einer Entfremdung durch die industrielle Revolution aus. Bereits die Utopischen Sozialisten wie Charles Fourier kritisierten den Kapitalismus und entwarfen utopische Gegenmodelle.

Marxistische Kapitalismuskritik

Karl Marx (1875)
Karl Marx (1875)

Karl Marx und Friedrich Engels beschreiben die kapitalistische Gesellschaft als Gesellschaft des Elends, der Ausbeutung und der Entfremdung.

In seinen Frühschriften betont Marx besonders den Aspekt der Entfremdung. Im Kapitalismus könne ein Lohnarbeiter ohne Eigentum an Produktionsmitteln nicht frei über seine Arbeitskraft verfügen, sondern müsste sie nach den Vorgaben des Kapitalisten einsetzen, für den er arbeitete. Die Güter, die er so produziere, erlebe der Arbeiter nicht mehr als seine eigenen, sondern als fremde; er könne sich in den Ergebnissen seiner eigenen Tätigkeit nicht wiedererkennen.

Der Kapitalismus sei eine subtile Form der Knechtschaft, die sich auf eine scheinbare Freiheit stütze. Formell seien in der zwar kapitalistischen Gesellschaft alle Mitglieder frei und rechtsgleich, de facto aber könnten Lohnabeiter nur wählen, an wen sie ihre Arbeitskraft verkauften. Arbeit sei im Kapitalismus nicht eine Möglichkeit der Selbstverwirklichung, sondern ihrem Wesen nach Zwangsarbeit.

In seinem späteren Werk, insbesondere in seinem Hauptwerk Das Kapital, betont Marx vor allem den ausbeuterischen Charakter des Kapitalismus. Der Kapitalist vermehre sein Kapital durch die Ausbeutung fremder Arbeitskraft, da er dem Lohnarbeiter nur einen Teil des vom Arbeiter geschaffenen Wertes vergüte. Einen großen Teil des vom Arbeiter geschaffenen Wertes streiche der Kapitalist dagegen als Mehrwert ein, aus dem er seinen Profit schöpfe. Statt mit dem Fortschritt der Industrie seine Lage zu verbessern, werde der Arbeiter so zum Pauper, es komme zu einer allgemeinen Verarmung.

Nach Karl Marx ist die Aufhebung des Privateigentums an Produktionsmitteln in der Diktatur des Proletariats die ökonomische Voraussetzung der klassenlosen Gesellschaft. Im Manifest der Kommunistischen Partei fordern Marx und Engels die Verstaatlichung aller Produktionsinstrumente:[1]

„Das Proletariat wird seine politische Herrschaft dazu benutzen, der Bourgeoisie nach und nach alles Kapital zu entreißen, alle Produktionsinstrumente in den Händen des Staats, d. h. des als herrschende Klasse organisierten Proletariats, zu zentralisieren und die Masse der Produktionskräfte möglichst rasch zu vermehren.“

Sozialistische und kommunistische Parteien

Der Demokratische Sozialismus ist weiterhin in den aktuellen Programmen linksorientierter Parteien verankert (z. B. in der Partei Die Linke [2], in der Kommunistischen Partei Italiens, der Kommunistischen Partei Frankreichs und anderen).

Gewerkschaftliche Kapitalismuskritik

Plakat des IWW von 1911
Plakat des IWW von 1911

Die gewerkschaftlichen Ansätze der Kapitalismuskritik beziehen sich in der Regel auf die sozialistische Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse. Allerdings sind die Schlussfolgerungen und Forderungen aus gewerkschaftlicher Perspektive eher auf eine reformistische Umsetzung einer gerechten Gesellschaft bedacht. Dazu gehört im Sozialstaatsmodell das Konsensprinzip, demzufolge Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften als Verhandlungspartner entsprechend dem Tarifvertragsgesetz in der Aushandlung von Tarifverträgen eine Sozialpartnerschaft eingehen und damit eine Verantwortung für eine friedliche gütliche Einigung in Konfliktfällen anstreben sollen. Dieser Ansatz zielt in erster Linie auf einen pragmatischen, realistischen Ausgleich von Interessen.

Gegen dieses Modell der Sozialpartnerschaft stehen kapitalismuskritische Ansätze syndikalistischer und sozialistischer Gewerkschafter, die allerdings in der Praxis selten zum Tragen kommen. Ausreichende Stärke um revolutionäre gesellschaftliche Veränderungen durchsetzen zu können, hatten sie beispielsweise im Spanischen Bürgerkrieg.

Neomarxismus und Neue Linke

Die Kritische Theorie der Frankfurter Schule, zu deren wichtigsten Vertretern Max Horkheimer, Theodor W. Adorno und Herbert Marcuse zählen, entwickelten einen neuen Ansatz für eine wissenschaftliche Kapitalismuskritik (Neomarxismus). Die Kritische Theorie übte großen Einfluss auf die internationale Studentenbewegung von 1968 aus. Diese bezog sowohl gegen den Kapitalismus als auch gegen den Realsozialismus Stellung. In der Folgezeit der Studentenbewegung entstand in den 1970ern in der BRD die vielschichtige, so genannte Neue Linke. Aus dieser Bewegung ging auch die Terrororganisation RAF hervor, die den Kapitalismus durch einen revolutionären Befreiungskampf zu überwinden suchte. Ihre gewaltsamen Aktionen richteten sich gegen Repräsentanten des kapitalistischen westdeutschen Systems. Weitere sozialistische Strömungen dieser Zeit waren die so genannten K-Gruppen, die am Stalinismus, dem Trotzkismus oder dem Maoismus ausgerichtet waren.

Postmoderne

Nach den Erfahrungen mit dem Realsozialismus und durch die Dekonstruktion z. B. des Werkes von Marx entstanden in Folge der 68er-Bewegung Strömungen einer postmodernen Philosophie, die sich sowohl mit dem Kapitalismus als auch mit den klassischen sozialistischen und kommunistischen Ansätzen kritisch auseinandersetzten (Poststrukturalismus). Philosophen wie Gilles Deleuze, Jacques Derrida, Jean Baudrillard oder Michel Foucault („Bio-Macht“) äußerten sich immer wieder kritisch z. B. gegenüber neoliberalen Ideen oder dem aus ihrer Sicht zugehörigen Menschenbild. Bisher werden die Ansätze allerdings nur innerhalb einer akademischen Minderheit diskutiert, teils wegen ihrer theoretischen Komplexität, teils wegen ihres offenen Bruchs mit herkömmlichen Ansätzen der Kapitalismuskritik. Weitere neuere Ansätze in dieser Richtung finden sich z. B. bei Richard Sennett, Antonio Negri und Michael Hardt.

Anarchistische Kapitalismuskritik

Der libertäre Sozialismus geht davon aus, dass mit dem Kapitalismus Herrschaft von Menschen über Menschen verbunden ist, aufgrund dessen sie ihn grundsätzlich ablehnen. Der Kapitalismus bedarf in ihren Augen eines Wohlstands- und Machtgefälles innerhalb der Gesellschaft, um zu funktionieren, sowie einer Militarisierung der Gesellschaft zum Schutz des Eigentums. Stattdessen vertreten sie hierarchiefreie Selbstorganisation und Gemeinbesitz, entweder allgemein oder im Produktionskollektiv.

Kommunistische Anarchisten sehen den Kapitalismus als ein ineffizientes Wirtschaftssystem an. Durch Konkurrenzkampf und im Finanzwesen würde in großem Umfang unproduktiver Arbeitsaufwand erzeugt. Weiterhin würden Bedürfnisse durch Werbung künstlich erzeugt, während andererseits nur die Bedürfnisse befriedigt werden, denen eine zahlungskräftige und somit -fähige Nachfrage zu Grunde liegt.

Individualanarchisten definieren Kapitalismus als eine Marktwirtschaft, in der sich privilegierte Gruppen mit Hilfe von staatlichen Interventionen auf Kosten der übrigen Gesellschaft bereichern und dadurch zu Reichtum gelangen. Im Kapitalismus würden Gruppen derjenigen, die großen Einfluss auf den Staat besäßen, mit Hilfe des Staates Rahmenbedingungen wie Monopole schaffen, die ihnen einen wirtschaftlichen Gewinn verschafften. Die sich aus dem geschaffenen Rahmen ergebenen Kosten sowie die Kosten zu Aufrechterhaltung der Rahmenbedingungen würden dabei zu einem großen Teil auf andere Gesellschaftsmitglieder abgewälzt. Jedes Übel des Kapitalismus werde so durch staatliche Eingriffe in den freien Markt erzeugt.[3][4]

Freiwirtschaftliche Kapitalismuskritik

Die Theorie der Freiwirtschaft definiert Kapitalismus als ein System, in dem die Möglichkeit besteht, sich allein durch den Besitz von Geld oder Boden ein arbeitsfreies Einkommen (Kapitaleinkommen) auf Kosten der Mehrarbeit anderer zu verschaffen. Aus diesem Grund wird auch der Kommunismus als Form des Kapitalismus (Staatskapitalismus) angesehen. Ein großes Problem des Kapitalismus sei, dass nicht benötigtes Geld durch seinen jeweiligen Besitzer beliebig „zurückgehalten“ (also aus dem Umlauf genommen) werden könne, ohne dass er dadurch benachteiligt würde. Laut der Theorie der Freiwirtschaft sind gegenwärtige kapitalistische Wirtschaftssysteme wegen stetig steigender Zinslasten auf ein andauerndes Wirtschaftswachstum angewiesen. Auf lange Sicht sei ein Scheitern unausweichlich, da eine unendliche Steigerung der Produktion von Gütern in einer endlichen Welt faktisch unmöglich sei.

Nationalsozialistische Kapitalismuskritik

Gottfried Feder, einer der führenden Wirtschaftstheoretiker des Nationalsozialismus, forderte „unter der Parole Brechung der Zinsknechtschaft die Verstaatlichung der Banken und die Abschaffung des Zinses“.[5] Feder unterschied zwischen einem „schaffenden“ Kapital (Gewerbe- und Agrarkapital) und einem „raffenden“ Kapital (Handels- und Finanzkapital). Das schaffende Kapital diene dabei Volk und Vaterland, während das raffende Kapital, das er zum Teil auch mit dem Judentum assoziierte, rein egoistische Ziele verfolge. So war Feders Antikapitalismus auch Ausdruck seines Antisemitismus. Aktuell finden sich solche Argumentationsmuster in der rechtsextremen Szene in Deutschland (Querfront). Weiter ging die Kapitalismuskritik der Gruppe um Otto Strasser. Strasser hielt den Nationalsozialismus vor allem „für die große Antithese des internationalen Kapitalismus, der die vom Marxismus geschändete Idee des Sozialismus als der Gemeinwirtschaft einer Nation zugunsten dieser Nation durchführt und jenes System der Herrschaft des Geldes über die Arbeit bricht.“[6] Forderungen dieser Strömung waren u. a. die Verstaatlichung von Industrie und Banken sowie eine enge Anlehnung Deutschlands an die Sowjetunion. Nach dem Röhm-Putsch spielte diese antikapitalistische Strömung des Hitlerfaschismus keine Rolle mehr in der NSDAP und der Politik.

Christliche Kapitalismuskritik

In der Christlichen Soziallehre finden sich bei dem Versuch, christliche Positionen für das Zusammenleben in einer aufgeklärten Gesellschaft zu formulieren, ebenfalls kapitalismuskritische Positionen, die sich vor allem gegen die materialistischen Grundlagen des Systems, gegen die Verelendung der Arbeiterschaft und die zunehmende Vergötterung des Geldes richten. Allerdings wird eine klare Abgrenzung zu den atheistisch sozialistischen Ideen gesucht. Ähnlich wie die Globalisierungskritik ist die Kritik der Kirchen antirevolutionär und sucht nach einem Konsens zwischen Kapital und Arbeiterinteressen. Der Schwerpunkt liegt dabei auf dem Einfordern christlicher Werte, der Bewahrung der Schöpfung, dem Einsatz für die Armen und der Forderung nach Teilhabe für alle Menschen.

Die Befreiungstheologie vertritt allerdings weitergehende Ziele. Der Vatikan distanziert sich jedoch von ihr. Insbesondere Papst Benedikt XVI. und sein Vorgänger Papst Johannes Paul II. zählen zu den Gegnern der Befreiungstheologie.

Beim Religiösen Sozialismus vereinigen sich Elemente religiöser und sozialistischer Kapitalismuskritik.

Wertkritik

Ist eine postmarxistische Strömung die ausgehend von der Analyse der „Verwertung von Wert“ die gesellschaftlichen Institutionen zu beschreiben versucht. Das Ziel der Kritik ist das Dasein der Wertform selbst, die Verwandlung von konkretem Nutzen in ein abstraktes Medium, gemäß dem aber Produktion und Konsumtion organisiert sind. Diese Verwertung wird durch das soziale Handeln erst verwirklicht, jedoch gibt es diesem Ziel und Form vor. Die Wertkritik hängt im theoretischen Stadium fest, da bisher keine soziale Bewegung eine Aussicht auf Emanzipation von der Wertform selbst in sich trug. Wichtige Vertreter dieser Richtung sind: Robert Kurz, Moishe Postone, Franz Schandl und Eske Bockelmann.

sozialwissenschaftliche Kapitalismuskritik mit ökologischem Schwerpunkt

Der Politologe Elmar Altvater schreibt in seinem Buch Das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen unvereinbare Widersprüche zwischen Kapitalismus und Naturhaushalt.[7] A. Karathanassis (FU Berlin) fasst sein Buch Naturzerstörung und kapitalistisches Wachstum wie folgt zusammen: „Stoffliche Umwandlungsprozesse und Verbräuche kapitalistischer Ökonomien sind naturzerstörerisch“.[8]

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. Manifest der Kommunistischen Partei; Kapitel II: Proletarier und Kommunisten
  2. Die Linke / Programmatische Eckpunkte, Teil III "Unsere Alternative: Soziale, demokratische und friedensstiftende Reformen zur Überwindung des Kapitalismus"
  3. Kevin A. Carson: Studies in Mutualist Political Economy. Ark, Fayetteville 2004 (Chapter 4 & 5).
  4. Jack Schwartzman, Hanson, Ingalls and Tucker: Nineteenth-Century American Anarchists. In: American Journal of Economics and Sociology. Vol. 62, Nr. 5, November 2003, S. 325.
  5. Gottfried Feder. In: Deutsches Historisches Museum. Abgerufen am 21. März 2008.
  6. „Revolutionäre Nationalsozialisten“: "Die Sozialisten verlassen die NSDAP". In: NS-Archiv. 4. Juli 1930, abgerufen am 21. März 2008.
  7. Elmar Altvater, Das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen. Eine radikale Kapitalismuskritik. Münster: Westfälisches Dampfboot, 2007. 240 Seiten. 14,90 €. ISBN: 3-89691-627-0
  8. Athanasios Karathanassis: Naturzerstörung und kapitalistisches Wachstum. 2003, ISBN 3-89965-018-2.

Literatur

Weblinks

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