Kapitalverkehrskontrolle

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Kapitalverkehrskontrollen schränken die Freiheit des internationalen Kapitalverkehrs ein. Sie können in Gestalt von Steuern auf Kapitalimporte und/oder Kapitalexporte vorliegen, oder in Form von Mengenrestriktionen, Genehmigungspflichten oder Meldepflichten für den Kapitaltransfer in das Ausland.[1]

Kapitalverkehrskontrollen wurden z. B. in Chile von 1982 bis 1999 eingesetzt, um das Volumen kurzfristiger Fremdwährungskredite zu begrenzen, da der plötzliche Abzug derartiger Kredite eine Finanzkrise auslösen kann (so z. B. in der mexikanischen sogenannten Tequila-Krise).[2]

Formen[Bearbeiten]

Grundsätzlich kann unterschieden werden:[3]

  • Direkte Kapitalverkehrskontrollen regeln grenzüberschreitende Finanztransaktionen durch Genehmigungsverfahren bzw. Verbote.
  • Indirekte Kapitalverkehrskontrollen versuchen bestimmte Finanztransaktionen zu verteuern. Beispielsweise durch Besteuerung grenzüberschreitender Kapitalflüsse (Finanztransaktionssteuer) oder durch ein System dualer oder multipler Wechselkurse.

Bewertung[Bearbeiten]

Die Finanzmarkttheorie besagt, dass eine Liberalisierung des Kapitalverkehrs zu sinkenden Kapitalkosten und leichterem Zugang zu Kapital führen werde. Durch den freien Wettbewerb würden Finanzsysteme an Flexibilität und Effizienz gewinnen. Zudem sorgten offene Kapitalmärkte auch dafür, dass die Wirtschaftspolitik der Länder der "Disziplinierungsfunktion" der Finanzmärkte unterworfen werde. Dieser Theorie folgend haben seit den 1980er Jahren die meisten Länder ihre Kapitalmärkte durch Abbau von Kapitalverkehrskontrollen liberalisiert.[4]

Seitdem sind internationale Finanzkrisen wie z. B. die Asienkrise, die Russlandkrise oder die Finanzkrise ab 2007 aufgetreten, die bei einigen Ökonomen zu einer veränderten Bewertung der Liberalisierungen geführt haben. Beispielsweise waren von der Asienkrise solche Länder am stärksten betroffen, die ihre Finanzmärkte kurz zuvor liberalisiert hatten. Länder wie China oder Indien, die strikte Kapitalverkehrskontrollen beibehalten haben, waren von der Krise kaum betroffen. Viele Ökonomen sahen die hohe Volatilität (Unbeständigkeit) der internationalen Kapitalflüsse als Quelle der internationalen Finanzkrisen.[5]

Barry Eichengreen und David Leblang vertreten eine vermittelnde Position. Danach ist der Nettonutzen von Kapitalverkehrskontrollen dann positiv, wenn die internationalen Finanzmärkte eher turbulente Phasen durchlaufen, weil die eigene Volkswirtschaft dann vor Ansteckungseffekten geschützt ist. Wenn die internationalen Finanzmärkte jedoch in robuster Verfassung sind, dominieren die wachstumsförderlichen Effekte freier Finanzmärkte und der Nettoeffekt von Kapitalverkehrskontrollen ist negativ.[6]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Springer Gabler Verlag (Herausgeber), Gabler Wirtschaftslexikon, Internationale Kapitalverkehrskontrollen
  2. Mauricio Vargas, Bedeutung der finanziellen Entwicklung im Aufholprozess von Entwicklungs- und Schwellenländern, Lucius&Lucius Verlagsgesellschaft mbH, 2012, ISBN 978-3-8282-0563-5, S. 311
  3. Helmut Wagner, Einführung in die Weltwirtschaftspolitik, Oldenbourg Wissenschaftsverlag GmbH, 6. Auflage 2009, ISBN 978-3-486-59109-5, S. 229
  4. Helmut Wagner, Einführung in die Weltwirtschaftspolitik, Oldenbourg Wissenschaftsverlag GmbH, 6. Auflage 2009, ISBN 978-3-486-59109-5, S. 229
  5. Helmut Wagner, Einführung in die Weltwirtschaftspolitik, Oldenbourg Wissenschaftsverlag GmbH, 6. Auflage 2009, ISBN 978-3-486-59109-5, S. 229
  6. Helmut Wagner, Einführung in die Weltwirtschaftspolitik, Oldenbourg Wissenschaftsverlag GmbH, 6. Auflage 2009, ISBN 978-3-486-59109-5, S. 230