Karen Horney

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Karen Horney (1938)

Karen Clementine Theodore Horney geb. Danielsen (* 16. September 1885 in Hamburg-Blankenese; † 4. Dezember 1952 in New York) war eine deutsch-amerikanische Psychoanalytikerin und Vertreterin der Neopsychoanalyse.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Leben

Gegen den Wunsch ihres Vaters, eines norwegischen Kapitäns, aber unterstützt von ihrer aus Holland stammenden Mutter Clothilde Marie van Ronzelen und ihrem älteren Bruder, begann Karen Horney 1906 als eine der ersten Frauen in Deutschland das Studium der Medizin (in Freiburg). Über ihren Studienkollegen Carl Müller-Braunschweig – der wie sie später Psychoanalytiker werden sollte – lernte sie dort den Wirtschaftsstudenten Oskar Horney kennen. Beide heirateten 1909 und zogen, zusammen mit ihrer Mutter, nach Berlin, wo ihr Mann in der Industrie tätig wurde und sie an der Charité ihr Studium fortsetzte.

Noch während des Studiums brachte Karen Horney 1911 ihre erste Tochter Sonni Brigitte (die spätere Schauspielerin Brigitte Horney) zur Welt. Im gleichen Jahr begann sie – wie der ebenfalls nach Berlin gezogene Müller-Braunschweig – eine Psychoanalyse bei Karl Abraham. Nach ihrem Staatsexamen Ende des Jahres und ihrem Praktischen Jahr am Urbankrankenhaus sowie auf der psychiatrischen Abteilung des Berolinums von James Fraenkel in Lankwitz erhielt sie 1913 ihre Approbation. 1915 promovierte sie bei Karl Bonhoeffer über Psychosen nach Kopfverletzungen. Bereits 1913 hatte sie ihre zweite Tochter Marianne bekommen; 1916 kam die dritte Tochter Renate.

1915 arbeitete sie kurz als Assistentin in der Poliklinik von Hermann Oppenheim und dann bis 1918 an einem Berliner Psychiatrischen Krankenhaus. 1919 eröffnete sie eine eigene Praxis als Psychoanalytikerin und wirkte am Berliner Psychoanalytischen Institut als Lehranalytikerin, blieb aber auch für Anregungen von anderen Seiten offen, so dass sie sich beispielsweise 1928 im Vorstand der Berliner Ortsgruppe der schulenübergreifenden Allgemeinen Ärztlichen Gesellschaft für Psychotherapie engagierte.

1932 verließ Karen Horney Deutschland, um in den USA zunächst als Direktionsassistentin unter Franz Alexander am Psychoanalytischen Institut in Chicago zu arbeiten.

Nach verschiedenen Auseinandersetzungen in der amerikanischen psychoanalytischen Gesellschaft gründete Karen Horney 1942 zusammen mit einer Reihe anderer Analytiker (u. a. Erich Fromm) eine neue Gesellschaft, die „Association for the Advancement of Psychoanalysis“ und gründete ein eigenes psychoanalytisches Institut, das auch heute noch unter dem Namen „Karen Horney Institut“ existiert. Horney verstarb am 4. Dezember 1952 in New York im Alter von 67 Jahren an den Folgen einer Krebserkrankung.

[Bearbeiten] Psychoanalytisches Werk

Zusammenfassung: Die hier folgende Darstellung von Karen Horneys Werk, mit dem sie wie wenige die psychoanalytische Landschaft bereichtert hat, stützt sich ausschließlich auf ihre Bücher, nicht auf ihre Beiträge in Fachzeitschriften oder Vorträge (was also noch ergänzt werden könnte). Es werden daraus aber auch nur ihre Hauptgedanken und grundlegenden Ideen erläutert.

In ihrem ersten Buch[1] beschreibt Horney erstmalig in der Tiefenpsychologie die Entstehung der Neurosen als Ergebnis soziologischer Faktoren. Außerdem macht sie deutlich, welche gravierenden kulturellen Folgen die weite Verbreitung der Neurosen hat, d. h. wie sehr sie die menschliche Gesellschaft prägen.

In ihrem zweiten Buch [2] nimmt sie sich die Theorie von Übervater Sigmund Freud mit wissenschaftlicher Gründlichkeit vor und deckt massive Widersprüche und Fehler auf. Gleichzeitig kann sie an dieser Vorlage sehr beeindruckend ihren viel einfacheren und plausibleren Ansatz zum Verständnis der Neurose deutlich machen.

Danach ist der Weg für die Entwicklung eines noch tieferen Verständnisses von Neurosen frei. Dieses entwickelt sie Schritt für Schritt in ihren letzten drei Bänden, wie sie selbst im Kapitel Theoretische Betrachtungen zusammenfasst[3]. Sie werden deshalb im weiteren als ihr Spätwerk bezeichnet. Auf diesem langen Weg wird mancher Begriff aus den Frühwerken in ihrem Spätwerk neu gefasst oder neu begründet (vergl. die Rolle von Angst/Feindseligkeit in[1] im Vergleich zu der des Selbsthasses in der Neurose in[3]).

[Bearbeiten] Erste eigene Schritte

Einleitung: Erste eigene Schritte unternahm Horney mit „Der neurotische Mensch unserer Zeit“ (New York, 1937)[1] und wagte damit zum ersten Mal, gegenüber Freud eine eigene Stellung zu beziehen. Mit diesem Buch ermöglicht sie dem Leser ein Verständnis für Neurosen und gibt ihm eine Vorstellung, welche Auswirkung diese fast unsichtbare Fehlentwicklung im Leben jedes Menschen auf sein Verhalten und auf die ganze Kultur hat. Deshalb beginnt das Buch mit einer soziologisch inspirierte Definition der Neurose, führt die Neurose auf Angst und Feindseligkeit zurück, beschreibt die kulturell weit verbreiteten Methoden zur Beruhigung neurotischer Ängste und beleuchtet das Problem des universellen Wettbewerbs in unserer Gesellschaft.

[Bearbeiten] Der Begriff der Neurose

Kennzeichen einer Neurose sind für Horney:

  1. Eine vom Durchschnitt der Gesellschaft abweichende Verhaltensweise,
  2. eine starre, monotone Reaktionsweise,
  3. eine starke Diskrepanz zwischen Befähigung zu und tatsächlich erbrachter Leistung,
  4. ein extremes Ausmaß von Ängsten,
  5. die Verfolgung von widersprüchlichen Absichten.

(Zu 1: Innerhalb einer Population/Gesellschaftsschicht werden bestimmte Verhaltensweisen als normal empfunden, andere als abweichend. Zu 2: Anstatt je nach Situation freundlich oder misstrauisch zu sein, ist der Neurotiker (N.) entweder immer freundlich oder immer misstrauisch. Zu 3: Z. B. nimmt in einem tatsächlichen Fall ein N. keine seiner Ausbildung entsprechende Position an, sondern begnügt sich mit einer sehr unterdurchschnittlichen Arbeit. Zu 4: Das Leben jedes Menschen ist mit Ängsten verbunden, die des N. aber übersteigen das Normalmaß beträchtlich. Ihre Beruhigung beansprucht ihn so sehr, dass ihm wenig Kraft für anderes bleibt. Zu 5: Der N. versucht Ziele zu erreichen, die sich eigentlich ausschließen. Z. B. möchte er sich zugleich konkurrierend und rücksichtsvoll verhalten und sucht endlos nach einem ausgewogenen Kompromiss zwischen diesen Extremen.)

[Bearbeiten] Angst und Feindseligkeit

Nach Horneys Ansicht ist Angst das zentrale Problem einer Neurose. In ihren Büchern beschreibt sie die unzähligen Wege, auf denen die (übersteigerte = neurotische) Angst im Menschen entsteht und immer weitere Bereiche seines Lebens verändert: Seinen Charakter, seine Beziehungen, seine Gesundheit und sein Schicksal. So schreibt sie in der Einleitung zu ihrem letzten Buch: Der neurotische Prozess ist eine besondere Form der menschlichen Entwicklung. Er bedeutet eine Vergeudung der menschlichen Kräfte[3]. Auf dem Weg in die Neurose spielt für Horney das Entstehen der sog. Grundangst eine zentrale Rolle. Das Kind, das nach der Geburt von seinen Pflegepersonen betreut wird, ist zwar nicht hilflos, aber in hohem Maße auf Hilfe angewiesen. Ist diese Hilfe und auch alle übrige Kommunikation mit Feindseligkeiten durchsetzt, reagiert das Kind darauf ebenfalls mit Feindseligkeit. Diese (berechtigte) Gegenreaktion des Kindes wird aber unter Ausnutzung der großen Abhängigkeit des Kindes bekämpft und unterdrückt, zum großen Teil in völliger Unwissenheit, die Feindseligkeit selbst ausgelöst zu haben. Um zu Überleben muss das Kind fortan seine feindseligen Regungen in sich unterdrücken. Wird dieser Zustand nicht durch günstige Umstände überwunden und bleibt deshalb für einen langen Zeitraum erhalten, entwickelt das Kind die sog. Grundangst.

Die unterdrückte Feindseligkeit führt dazu, dass eine feindselige Reaktion für eine konkrete Problembewältigung nicht mehr zur Verfügung steht (z. B. Feindseligkeit als Reaktion auf Provokation) und außerdem, dass der unterdrückte Affekt so lange wie eine Sprengladung im Gemüt kreist, bis er eine Möglichkeit zur Entladung findet. Letztlich gelingt diese Art der Affektabfuhr aber nur schlecht, so dass die Feindseligkeit im N. mehr und mehr zunimmt. Dazu kommt noch eine positive Rückkopplung von Angst und Feindseligkeit: Die Feindseligkeit steigert die Angst des N., weil Feindseligkeit nicht gut vorzeigbar ist, während die Angst selbst wieder die Feindseligkeit steigert, weil die anderen so wenig kalkulierbar sind.

[Bearbeiten] Minderung der Grundangst

Die Grundangst plagt nicht nur den psychisch Kranken, sondern ist mehr oder weniger bei jedem anzutreffen! Zu ihrer Beschwichtigung beschreiten die Menschen in der westlichen Kultur verbreitet vier Wege, die von Horney kurz mit Liebe, Abhängigkeit, Macht und Distanzierung bezeichnet werden. D. h., jedermann und jedefrau, aber auch der N., dämpft seine Angst, in dem er

  1. sich Liebe zu verschaffen versucht.
  2. a) sich Institutionen unterwirft (Annahme traditioneller Ansichten, Akzeptanz einer Regel (Mönchtum, Guru)) und/oder b) sich Personen gegenüber nachgiebig verhält (der Versuch, es allen recht zu machen).
  3. nach Macht strebt.
  4. sich von allem distanziert. Dazu verzichtet er auf Besitz, reduziert seine Bedürfnisse oder tut so, als ob er unverletzbar wäre. Sein Ziel ist es, von seinen Mitmenschen unabhängig zu sein.

Diese Beschwichtigungsmaßnahmen sind für die Person unverzichtbar und zwingend wie ein biologischer Trieb. Diese Wege sind nicht alle kombinierbar, manche schließen sich gegenseitig aus.

N. (aber auch weniger stark gestörte Menschen) entwickeln aus diesen vier Wegen vor allem folgende Verhaltensweisen:

  • Ein neurotisches Liebesbedürfnis. Der N. versucht die Angst durch eine Liebesbeziehung zu überwinden. Gelingt ihm das, gewinnt er Sicherheit, etwas Befriedigung und eine Möglichkeit, seine Feindseligkeit etwas abzureagieren. Die Merkmale des neurotischen Liebesbedürfnisses sind Hilflosigkeit, Verlust an Spontanität und Anpassungsfähigkeit, Überschätzung des Geliebtwerdens, der Wunsch von allen geliebt zu werden, Unfähigkeit zur Einsamkeit, die Bereitschaft für Zuneigung jeden Preis zu zahlen, Unersättlichkeit, Eifersucht, Verlangen nach bedingungsloser Liebe und Empfindlichkeit gegen Ablehnung. Um trotz eigener Feindseligkeit Liebe zu erhalten, versucht er mit Liebe zu bestechen, Mitleid oder Gegenleistung einzuklagen, wagt es aber auch Leib und Leben zu bedrohen. Dass sehr oft Sexualität als Mittel zur Minderung der Angst gewählt wird (andere Mittel sind Schlaf, Essen und Trinken) hat nach Horney seinen Ursprung nicht im Sexualtrieb, sondern im Fortsetzen des Sich-Anklammerns an ein Elternteil während der Kindheit.
  • Streben nach Macht, Anerkennung und Besitz (MAB). Während Liebe durch intensiven Kontakt beruhigt, beruhigen MAB durch Distanz. In der Kultur der Pueblo-Indianer haben MAB diese beruhigende Wirkung nicht(!). In unserer Kultur verstärken MAB das Gefühl von Sicherheit. Sie werden allerdings erst dann gewählt, wenn Liebe als Beruhigungsmittel nicht möglich ist. Horney bezeichnet MAB deshalb als abgeleitete Bestrebungen des Menschen. Macht schützt vor dem Gefühl der Hilf- und Bedeutungslosigkeit und der Schwäche. Der N. missbraucht sie jedoch leicht durch Herrschsucht, Rechthaberei, totale Beherrschtheit, Dickköpfigkeit, Ahnungslosigkeit oder Unnachgiebigkeit. Ansehen hilft gegen die gleichen Gefühle. Der N. versucht Ansehen zu erreichen, in dem er beeindruckt, Bewunderung oder Verehrung auslöst. Besitz schützt dagegen vor Verarmung, Entbehrung und Abhängigkeit von anderen, ist aber auch ein Weg, um zu Macht und Ansehen zu gelangen.

Alle drei Mittel erlauben es, die Feindseligkeit abzureagieren: In Form von Dominanz über andere, durch ihre Demütigung oder die Benachteiligung anderer.

[Bearbeiten] Der Wettbewerb und seine Folgen

MAB werden in der westlichen Kultur überwiegend durch Wettbewerb mit anderen errungen. Züge eines Wettbewerbs finden sich in allen Lebenszusammenhängen: In Liebesbeziehungen, in Spielen und sonstigen Beziehungen. Der N. (aber auch der weniger stark gestörte Mensch) reagiert auf den Wettbewerb mit einem neurotischem Konkurrenzbedürfnis: Er

  • vergleicht sich auch dann mit anderen, wenn es unsinnig ist,
  • verlangt von sich, einzigartig und ungewöhnlich zu sein,
  • entwickelt einen von Feindseligkeit begleiteten Ehrgeiz.

In einer Liebesbeziehung führt das neurotische Konkurrenzbedürfnis z. B. dazu, dass der N. den Partner zu unterwerfen und unterdrücken versucht. Der Wunsch, den Partner damit zu demütigen, kann vorsätzlich, aber auch völlig unbewusst sein. Zur Tarnung seines neurotischen Konkurrenzbedürfnisses verfällt der N. entweder in Bewunderung oder in Skepsis. Neurotische Skepsis bricht in dem Moment in sich zusammen, in dem sie in Frage gestellt wird. Neurotische Bewunderung will davon ablenken, dass man dem Bewunderten den Erfolg nicht gönnt. Nur der N. selbst hätte ihn verdient, meint er. Frauen treiben z. B. gerne Männer mit ihrer Bewunderung an, um den eigenen Wunsch nach Erfolg zu verwirklichen.

Überraschend findet Horney einen Einfluss des Wettbewerbs auf die Partnerwahl: Die Partnerwahl von gesunden Menschen ist überwiegend vom jeweiligen Ansehen und Besitz geprägt und nur wenig von Neigung, diejenige des N. ausschließlich von MAB. Nach ihrer Meinung verstärkt der Wettbewerb die Neigung zu homosexueller Partnerwahl. Er bewirkt, dass das andere Geschlecht als gefährlicher und ein Bündnis mit dem eigenen Geschlecht als großer Vorteil empfunden wird.

Der Wettbewerb erzeugt im N. starke Ängste und bringt ihn u. U. dazu, sich aus dem Wettbewerb zurückzuziehen. Die Ängste entstehen, weil der N. Vergeltung, Demütigung, gezielte Gegenwehr bis hin zur eigenen Vernichtung befürchtet, aber noch viel mehr, weil er im Wettbewerb außer nach Macht auch noch nach Liebe strebt, eine Kombination, die nicht zu verwirklichen ist. Aus dieser Klemme gibt es 2 Auswege:

  • Er tarnt seine Herrschsucht als selbstlosen Einsatz für eine gerechte Sache (was allerdings zu permanentem Rechtfertigungszwang führt).
  • Er bändigt seinen Ehrgeiz.

Typische Formen der Angst in einer Wettbewerbssituation sind:

  • Angst vor Misserfolg. Der N. bewertet Misserfolg in seiner Bedeutung völlig über. Infolge leidet er unter Konzentrationsunfähigkeit, hypochondrischen Befürchtungen und erschöpft sich durch Arbeit übermäßig. Zur Erholung vermeidet er jegliche Art von Wettbewerb, wodurch ihm echte Erholung unmöglich wird.
  • Angst vor Erfolg. Der N. fürchtet den Entzug von Liebe und den Neid der anderen als Folge des Erfolgs. Diese Angst äußert sich in unbewussten Fehlleistungen (z. B. Vergesslichkeit), die den Erfolg verringern.

[Bearbeiten] Die Abkehr von Freud

Einleitung: Horney hat sich von Sigmund Freud nie richtig abgewendet, aber sie hat seine Begrifflichkeit und seine Vorstellungen vom Seelenleben des Menschen an vielen Stellen völlig überarbeitet und ist zu einer gravierend andersartigen Betrachtung der menschlichen Probleme gekommen. Ihre Erklärung für die Symptome im neurotischen Störungsbild kann sie beeindruckend vor dem Hintergrund der freudschen Theorie entfalten und plausibel machen. Freud bleibt aber für sie ein hervorragender Beobachter psychischer Eigenarten des Menschen und Urheber vieler grundlegender Erkenntnisse in der Tiefenpsychologie.

Mit der Ablehnung des Ödipus-Komplexes hat sie allerdings den „Rubikon“, die von Freud selbst gezogende Trennlinie zwischen Psychoanalyse und anderen Therapieansätzen, überschritten. Deshalb zählt Horney zu den Neopsychoanalytikerinnen. Mit dem hier zugrunde liegenden Buch wurde Horney weltbekannt [2].

[Bearbeiten] Penisneid

Horneys Kritik an der Lehre Freuds entzündete sich am Penisneid, den Freud bei Mädchen beobachtet hatte und der ihm zur Erklärung jeglicher typisch weiblicher Störungen diente (Gereiztheit während der Menstruation, Schwierigkeiten mit Männern, Neid, Minderwertigkeitsgefühle uvm.). Sie wendet ein, dass viele dieser Züge bei Männern ebenfalls zu finden sind und sich diese Probleme nicht nur gegenüber Männern, sondern auch gegenüber Kindern und Frauen äußern. Penisneid lässt sich als Motiv bei Frauen empirisch nicht finden, aber z. B. übertriebene Ansprüche an sich oder die Umwelt und Ehrgeiz. Deshalb findet sie die Vorstellung vom Penisneid unbegründet und hinderlich.

[Bearbeiten] Libido-Theorie

Die Libido-Theorie (Existenz einer ungerichteten Sexualenergie) kritisiert Horney u. a., weil unterschiedslos alle Lustempfindungen und -wünsche beim Menschen dem Sexualtrieb zugeordnet werden, ohne dass diese Annahme ausreichend bewiesen werden kann. Sie erkennt z. B. den Ausdruck von Lust beim Säugling nach dem Gestilltwerden an, aber nicht den Ausdruck von Sexualität dabei. Deshalb ist die Libido-Theorie für sie unbewiesen.

[Bearbeiten] Ödipus-Komplex

Mit dem Ödipus-Komplex erklärte Freud die nachteilig enge Bindung eines N. an ein Elternteil. Der Komplex dränge das Kind in eine sexuell gefärbte Bindung an ein Elternteil und kulminiere im sexuellen Wunsch. Horney wendet dagegen ein, dass sich ein sexuelles Motiv des Kindes bei einer derartigen Bindung nie nachweisen lässt, wohl aber des beteiligten Elternteils. Viel häufiger dagegen führt die Angst des Kindes vor einem Elternteil zur Unterwerfung und engen Bindung an ihn und ist dann mitnichten sexuell motiviert. Damit ist der Ödipus-Komplex mit Sicherheit beim Menschen nicht vorhanden und die Vorstellungen über ihn widerlegt.

[Bearbeiten] Narzissmus

Narzissmus ist ein Sammelbegriff u. a. für Eitelkeit, Überheblichkeit, übersteigertes Prestige- und Bewunderungsbedürfnis, Liebesbedürfnis ohne Liebesfähigkeit, Distanziertheit, Besorgnis um Gesundheit, Schönheit oder geistige Fähigkeiten. Narzissmus wurde von Freud als in Eigenliebe umgelenkte Libido aufgefasst, die mit dem Verlust der Liebesfähigkeit zu anderen einhergeht. Auch hier kann Horney keine sexuelle Motivation aufdecken, erkennt dagegen in den vielen Äußerungsformen des Narzissmus ohne Unterschied den Ausdruck tiefsitzender Angst. Ungünstige Bedingungen beim Heranwachsen haben nach ihrer Ansicht dazu geführt, dass solche Menschen ihr wahres Wesen aufgegeben haben.

[Bearbeiten] Todestrieb

Freud kannte nicht nur den Sexualtrieb, sondern nahm zuerst einen Selbsterhaltungstrieb, später stattdessen einen Selbstzerstörungstrieb (den „Todestrieb“) als eigenständigen Trieb im Menschen an. Mit ihm erklärte er die Grausamkeit des Menschen gegen sich und andere (Selbstmord, Kriege, religiöse Verfolgungen als Ventil für den Todestrieb im Menschen). Er spekulierte sogar, dass das Ziel des Lebens der Tod sein könnte. Außerdem erklärte er mit ihm die Aggressivität des N., seinen Masochismus, sein Misstrauen, seine Furcht vor der Feindseligkeit anderer uvm.

Horney wendet gegen die Annahme eines Todestriebs im Menschen ein, dass sich die Grausamkeit beim Menschen nicht ständig, sondern nur unter bestimmten Umständen zeigt. Triebe zeigen sich aber grundlos bei jeder Gelegenheit. Die beobachtete Feindseligkeit und Aggressivität eines Neurotikers erklärt sie lieber mit dessen Verunsicherung, die dieser, auch aufgrund einer Fehleinschätzung seiner Lage, empfinden kann. Die Erklärung der Feindseligkeit mit Hilfe des Todestriebs ist auf jeden Fall eine vergleichsweise gewagte Vorgehensweise und wenig plausibel.

Ein Trieb legt ein Hauptziel des menschlichen Lebens fest. Dieses müsste beim Todestrieb in Grausamkeit oder Zerstörung bestehen. Das stellt die Frage, was der Sinn des Lebens ist: Zu leben oder zu zerstören? Der Sinn kann nur sein, zu leben. Damit kann es keinen Todestrieb geben. Als weitere Schwäche in der Theorie vom Todestrieb findet Horney, dass sie nicht zwischen Selbstbehauptung und Destruktion unterscheidet. Damit kann konstruktive Aggression nicht von destruktiver unterschieden werden, was deren Verständnis verhindert.

[Bearbeiten] Kindheitserlebnisse

Freud nahm nahm an, dass die Kindheitserlebnisse für den Erwachsenen von großer Bedeutung sind und sie von ihm fast mechanisch wiederholt werden (unbewusster Wiederholungszwang; Bsp.: Eine Frau heiratet dreimal einen impotenten Mann). Hier bestreitet Horney nicht, dass es einen Zusammenhang gibt, sieht aber die Wiederholung als eine Folge der Charakterzüge, die infolge der Verarbeitung der frühen Erlebnisse entwickelt wurden.

[Bearbeiten] Über-Ich, Ich und Es

Das Über-Ich ist für Freud der Ort besonders strenger Maßstäbe, zwanghafter Vollkommenheitsvorstellungen, wahlloser Maximalforderungen und ich-fremder Ansprüche. Mit ihm erklärt Freud hauptsächlich das Entstehen des Störungsbildes des Perfektionisten. Freud erklärt die strengen Maßstäbe als Überrest des Ödipus-Komplexes und eine Mischung aus narzisstischen, masochistischen und zerstörerischen Trieben.

Horney erklärt die perfektionistische Störung als Folge eines neurotischen Entwicklungsprozesses, infolge dessen der Mensch versucht, Anerkennung durch Perfektion zu erreichen. Damit ist Perfektion weder ein vom Sexualtrieb gesteuerter Prozess, noch von einer über dem Ich angeordneten Instanz im Menschen. Da auch Horney den Ort sittlicher Forderungen und des Gewissens im Ich und nicht im Über-Ich sieht, ist das Über-Ich für sie überflüssig und bedeutungslos. Das Ich spielt dagegen auch bei Horney eine zentrale Rolle.

Für Freud ist das Ich die zentrale Instanz zwischen den Ansprüchen des Über-Ichs, des Es und der Umwelt, zwischen denen es vermittelt, von denen es aber auch beherrscht wird. Seine Energie bezieht es vom Es, von dem es sich aber nur Kräfte borgen kann.

Horney kritisiert an dieser Darstellung, dass es das Ich eines selbstentfremdeten, kranken Menschen ist. Es ist Spielball der Kräfte in seiner Umgebung und in seinem Urteil verunsichert. Dagegen setzt Horney das Bild eines spontanen und urteilsstarken Ichs, eines Ortes echter Gefühle und tiefer Überzeugungen.

Über das Es besteht keine Uneinigkeit. Es ist der Ort der ungeschminkten Begierde, Lust und ungezügelten Triebe.

[Bearbeiten] Masochismus

Im Masochismus wird sexuelle Befriedigung durch Unterjochung, Erniedrigung oder körperliche Misshandlung gefunden. Freud verstand sie als Ausformung der Libido. Auch im moralischen Masochismus hielt er an dieser Vorstellung fest. Diesen erklärte er als Versuch des Ichs, sich mit dem Über-Ich auszusöhnen. Dabei akzeptiert der Masochist bereitwillig Misserfolge oder er zieht Unfälle magisch an oder er geißelt sich mit Selbstvorwürfen.

Der Masochist löst sein Sicherheitsproblem, in dem er sich der Gnade irgendeines anderen ausliefert. Die eigene Persönlichkeit wird ausgeschaltet. Im masochistischen Liebesverhältnis geht der Masochist ganz im Partner auf. Jedoch nicht aus Liebe, Zutrauen, Vertrauen, Loyalität oder Ehrerbietung, sondern aus Angst. Die so gefundene Sicherheit ist allerdings bedroht, da dem Partner auffallen könnte, dass er gar nicht geliebt, verehrt oder geachtet wird.

Die typische Befindlichkeit des Masochisten ist, dass er sich selbst wegen seiner Schwäche verachtet. Er weiß, dass sie seinem Glück im Wege steht. Auch nach kleinen Vorfällen wirft er sich häufig vor, falsch reagiert zu haben. Stärke betet er bei anderen regelrecht an. Er kann allerdings schlecht unterscheiden zwischen der Vortäuschung und echtem Mut. In seiner Phantasie ist er dagegen geistreich, überlegen und unwiderstehlich - welch ein Gegensatz. Zur Dämpfung seiner Angst lässt er sich von Hilflosigkeit und Elend überwältigen, woraufhin seine Angst nachlässt und er Befriedigung und Wohlempfinden spürt.

Da Horney weder das Über-Ich, noch den Ödipus-Komplex, noch den sexuellen Ursprung vieler masochistischer Phänomene anerkennt, lehnt sie auch hier Freuds Vorstellungen ab. Für sie kann ein Kranker nicht den Wunsch haben, krank zu bleiben. Wohl aber kann er versuchen, durch Krankbleiben sich Komplikationen vom Leibe zu halten und so seine Angst zu mildern. Deshalb versteht sie Masochismus als eine besondere Form des Strebens nach Sicherheit.

[Bearbeiten] Horneys Spätwerk

Einleitung: Die drei weiteren Bücher von Horney werden von ihr selber als Ergebnis ihres Versuchs genannt, die Dynamik in Neurosen (noch) besser zu verstehen (Kap. Theoretische Betrachtungen[3]). Von Buch zu Buch entwickelt sie immer präzisere Vorstellungen von den Konflikten in der Neurose und ihren Auswirkungen und begreift in ihrem letzten Band endlich, dass die Neurose ein Konflikt zwischen dem „Wahren Selbst“ und den destruktiven Kräften des „Systems des Stolzes“ (Horneys eigener Begriff) ist.

Die neurotische Entwicklung vollzieht sich, wie auch in der hier folgenden Darstellung, Schritt für Schritt. Grob zusammengefasst besteht sie zuerst in der Suche nach Ruhm und Ehre, dann in der Formulierung neurotischer Ansprüche, neurotischer Gebote und der Entwicklung von neurotischem Stolz. Begleitet wird die Entwicklung von immer heftigerem Selbsthass, zunehmender Selbstverachtung und sich vertiefender Selbstentfremdung. Alle diese Größen bewirken den „zentralen inneren Konflikt“ (Horneys eigener Begriff).

Um den Konflikt zu entschärfen greift der N. zu psychischer Fragmentation und es entwickelt sich eine automatische (unbewusste) (Gefühls-)Kontrolle. Derart geplagt, versucht der eine N. typischerweise die Blockaden und Grenzen mit Hilfe einer expansiven Haltung zur meistern, während der andere in Unterlegenheit schwelgt und der dritte sich resigniert von seinen inneren Konflikten zurückzieht.[4][5][3]

[Bearbeiten] Verstrickung in die Neurose

[Bearbeiten] Suche nach Ruhm und Ehre

Die Äußerungen eines N., die als die Suche nach Ruhm und Ehre zusammengefasst werden, wurden zuerst von Alfred Adler beschrieben. Sie treten im Zuge einer sich verschlimmernden Neurose auf, die eine ausgedehnte Vorgeschichte hat.

In dieser Vorgeschichte treten die Stadien Entwicklung der Grundangst, Entwicklung einer vereinheitlichenden Grundhaltung, Entwicklung strategischer Methoden im Umgang mit anderen Menschen, Selbstidealisierung und Identifizierung mit dem Selbstideal auf.

Nachdem der N. beschlossen hat, sein idealisiertes Selbst zu verwirklichen (und nicht mehr sein wahres Selbst), macht er dies in seinem menschlichen Umfeld bekannt, was sich als Suche nach Ruhm und Ehre äußert. Darin wird das Bedürfnis nach Vollkommenheit, nach Umwandlung in eine ganz andere Person, sowie eine übersteigerte Rolle der Phantasie sichtbar, die das Augenmaß für das Konkrete und Abgegrenzte verloren hat.

[Bearbeiten] Neurotische Ansprüche

Neurotische Ansprüche sind das Ergebnis einer neurotischen Persönlichkeitsentwicklung und der Erfahrung, dass sich das idealisierte Selbst nicht mit der Realität in Einklang bringen lässt. Unfähig die Realität genauer zu verstehen, fordert der N. von der Realität ein Bild von sich, das seinem idealisierten Selbst entspricht. So fordert er für sich z. B. besondere Rücksicht, Aufmerksamkeit und Ehrerbietung, bis hin zur exklusiven Aufhebung physikalischer Gesetze.

Neurotische Ansprüche zeichnen sich durch Maßlosigkeit, Anspruchsdenken, beinahe willkürliche Forderungen und Egozentrik aus. Dem N. fehlt das zugehörige Problembewusstsein. Die Umsetzbarkeit und Angemessenheit der Forderungen wird nicht reflektiert. Die n. Ansprüche beziehen sich auf beliebige Dinge, die eigentliche Ursache der Ansprüche ist ihm aber immer unbekannt. Der n. Anspruch kommt z. B. in der Verkleidung des Versuchs zu beeindrucken, in einer geweckten Erwartung, in der Betonung des eigenen Leidens, in mürrischem oder reizbarem Verhalten, in heftigen Anklagen und in Provokationen daher.

[Bearbeiten] Neurotische Gebote (Solls, Tabus)

Bei den neurotischen Geboten unterscheidet Horney zwischen den positiven Geboten, den Solls, die unter allen Umständen erreicht werden sollen (Vorbild sein, immer ehrlich, großzügig, gerecht, mutig sein) und den negativen Geboten, den Tabus, die unter allen Umständen vermieden werden sollen (nie müde sein, sich von nichts berühren lassen, nie verletzt sein). So vorbildlich, wie diese Vorstellungen auch sein mögen, so rücksichtslos sind sie gegen den N. und so sehr setzt er sich mit ihnen über die eigenen Grenzen hinweg.

Die Solls und Tabus sind die Fortsetzung des Strebens nach Ruhm und Ehre nach innen hin, in Form eines permanenten Spießrutenlaufs mit dem Ziel der Transformation in das Selbstideal. Typische Vorstellung ist dabei, dass nichts unmöglich sein sollte - und ist. Weder die Solls noch die Tabus sind aber in Reinform umsetzbar und so erlebt der N. ständig auch die Unerfüllbarkeit der Idealvorstellungen. Die Enttäuschung und Ernüchterung darüber ist stets unverhältnismäßig. Sie löst eine so starke Verunsicherung aus, dass sie mit noch größerer Kraftanstrengung aus dem Bewusstsein verdrängt wird. Sie soll unbewusst bleiben.

Obwohl die Solls heftig begehrt werden und sogar noch antizipiert werden, ist die emotionale Qualität dieser Verhaltensweisen/Eigenschaften (z. B. Liebenswürdigkeit, Ehrlichkeit) blass, flüchtig und wenig überzeugend. Ein Leben ohne die tabuisierten Eigenschaften (z. B. Zärtlichkeit, Vertrauen) ist auf der anderen Seite ebenfalls wenig vorstellbar und alles in allem unglaubwürdig.

[Bearbeiten] Neurotischer Stolz

Neurotischer Stolz entwickelt sich als Ersatz für gesundes Selbstvertrauen. Worauf der N. stolz ist, ist fast beliebig. Es wird letztlich alles benutzt, was geeignet erscheint: Stolz auf Unverletzbarkeit, auf Manipulationsvermögen anderer Menschen, auf Ehrlichkeit, auf Selbstlosigkeit, auf völlige Selbständigkeit, auf Moralität, auf einen Prestigewert (z. B. ein Auto). Hinter allen Arten des n. Stolzes verbirgt sich der Zwang, stolz auf sich zu sein, der Taschenspielertrick, mit dem das Gefühl der Schwäche und Minderwertigkeit in vermeintliche Stärke verwandelt wird. Typische derartige Verdrehungen sind z. B.:

  • Blinde Rebellion gegen Moralgesetze ==> Stolz auf unbegrenzte Freiheit,
  • Tabu, etwas für sich selbst tun zu dürfen ==> Stolz auf Selbstlosigkeit,
  • Empfinden von Abhängigkeit ==> Stolz auf Liebesfähigkeit,
  • Empfinden von Rachsucht ==> Stolz auf Gerechtigkeit.

Wird der neurotische Stolz verletzt, zeigt der N. Scham oder er fühlt sich gedemütigt. Falls starke Tabus bestehen, Scham zu zeigen, zeigt der N. u. U. Trauer. Die Möglichkeit der Umwandlung in andere Gefühle ist groß (z. B. in irrationale Feindseligkeit, unerwartete Rachsucht, unerklärliches Desinteresse oder Humor).

[Bearbeiten] Selbsthass und Selbstverachtung

Selbsthass und Selbstverachtung sind die Folge vergeblicher Versuche, das tatsächliche Wesen des N. in das Selbstideal zu transformieren. Horney zählt 6 Formen des Selbsthasses, ohne Anspruch auf Systematik, auf:

  • Unnachgiebige Forderungen an das Selbst: Dies sind die bereits erwähnten Solls und Tabus. Auf ihre Erfüllung reagiert der N. mit Stolz, auf den Verstoß mit Selbsthass.
  • Verdammende Selbstanklagen: Sie werden ausschließlich zum Ausdruck des Selbsthasses erhoben und sind ansonsten unbegründet. In ihnen spiegelt sich ein Soll wider, das nur zum Schutz vor Minderwertigkeitsgefühlen erhoben wird, in der Sache aber nicht begründet ist. Die Selbstanklagen richten sich gegen bestehende Schwierigkeiten (z. B. mangelndes Eintreten für sich selbst anderen gegenüber), gegen die Motivation für ein bestimmtes Tun (Eigeninteresse im Zusammenhang mit Hilfsbereitschaft), gegen Missgeschicke außerhalb des eigenen Einflusses (Selbstvorwurf der Unachtsamkeit trotz völliger Unbeteiligtheit), gegen Unfassbares (unerklärliche Schuldgefühle werden für Schuld aus einem früheren Leben gehalten), gegen positive Handlungen (Genuss führt zum Vorwurf von Schlemmerrei, Sorgfalt zum Vorwurf von Hätschelei).
  • Selbstverachtung: Mit Selbstverachtung fasst Horney alle Vorwürfe zusammen, die das Selbstvertrauen untergraben: Selbsterniedrigung, -herabsetzung, -zweifel, -beschuldigung, -beschimpfung und -verspottung. Die Selbstverachtung bewirkt, dass sich der N. mit jedem zum eigenen Nachteil vergleicht, in zwischenmenschlichen Beziehungen sehr verletzbar ist, die Übergriffe anderer hinnimmt und nach Zuneigung und Liebe der anderen lechzt.
  • Selbstfrustration: Hier greift der Selbsthass Tatsachen und Gegebenheiten des Lebens an und macht sie zu einer Quelle permanenter Frustration. So wird z. B. aus dem Bedürfnis nach Zuneigung und Anerkennung ein neurotisches Liebesbedürfnis, aus der Freiheit der Wahl die Tyrannei der Solls, aus der Selbstachtung Selbstanklagen und Selbstverachtung, aus dem Interesse fürs Leben Tabus gegen Genuss, aus einer erwartungsvollen Einstellung die Zerschlagung von Hoffnung, aus dem Wunsch nach Verbesserung der Lebensverhältnisse ein Tabu gegen jegliches Streben.
  • Selbstquälerei: Hier ist die Selbstfrustration mit Befriedigung verbunden, nämlich mit der Erfüllung eines neurotischen Gebots (z. B. kleinliches Sparen → Erfüllung des Gebots absoluter Sparsamkeit). Andere Beispiele für Selbstquälerei sind Sadismus, Masochismus und Masturbationsphantasien.
  • Selbstzerstörung: Impulse zur Selbstzerstörung können subtil bis heftig, bewusst bis unbewusst, phantasiert bis real sein. Ihr Ziel ist die geistige, psychische oder sogar physische Selbstzerstörung (Selbstmord). Sie treten so kurz auf, so dass sie kaum in die Tat umzusetzen sind. Extremer Leichtsinn, Drogeneinnahme und Arbeitssucht sind ebenfalls die Folge unbewusster Selbstzerstörungsimpulse. Zerstörerische Handlungen sind das Unterminieren des eigenen Erfolgs, Selbstvernachlässigung, sexuelle Wahllosigkeit, Lügen und Stehlen.

[Bearbeiten] Der zentrale innere Konflikt

Die neurotische Entwicklung führt nicht nur über die Selbstidealisierung zu neurotischem Stolz, neurotischen Ansprüchen, Solls und Tabus (zusammen kurz als neurotischer Stolz bezeichnet), sondern auf der anderen Seite auch zu Selbsthass und Selbstverachtung, der zweiten Seite der Medaille. Die Selbstidealisierung zwingt den N., dem Phantom des Selbstideals nachzujagen, wobei dessen Unerreichbarkeit den Selbsthass erregt. Um das Selbstideal zu erreichen, antizipiert der N. zusätzlich die Maßstäbe des Ideals und bewertet mit ihrer Hilfe sein wahres Selbst, was ebenfalls zu Selbsthass und Selbstverachtung führt.

Aus Selbsthass und Selbstverachtung resultiert das Gefühl des N., mit sich selbst im Krieg zu stehen. Da der Konflikt nicht beigelegt werden kann, ist der N. zutiefst verunsichert. Außerdem quält ihn die Assoziation, ein Schwindler oder gar Betrüger zu sein. Tatsächlich bestehen sogar zwei Konflikte nebeneinander:

  1. Zwischen neurotischem Stolz, Selbsthass und Selbstverachtung = System des Stolzes (Horney),
  2. Zwischen dem System des Stolzes und dem wahren Selbst.

Der 2. Konflikt ist der schwerere. Horney hat ihn den zentralen inneren Konflikt genannt. Im ersten bekriegen sich die destruktiven, im zweiten die destruktiven und konstruktiven Kräfte.

[Bearbeiten] Selbstentfremdung

Der Begriff der Selbstentfremdung stammt aus der Psychiatrie und wird dort für Zustände verwendet, in denen ein Mensch seine Identität verloren zu haben scheint oder nicht mehr weiß, wo er ist, oder was er getan hat. In weniger schweren Fällen ist die Fähigkeit zu bewusstem Erleben gemindert. Horney beschreibt damit die Folgen der neurotischen Entwicklung. Der N. ist wie durch eine Blockade von seinem wahren Selbst getrennt. Sie vergleicht die Selbstentfremdung mit Sören Kirkegaards „Krankheit zum Tode“. Auffällgstes Symptom ist dabei der unpersönliche Umgang mit sich selbst.

Im Gefühlsleben schlägt sich Selbstentfremdung entweder in übertriebenen oder in abgestumpften, verflachten Gefühle nieder. Stärke, Art und Bewusstheit des Gefühlsausdrucks sind vom System des Stolzes bestimmt. Hinzu kommt das Leiden an der Tatsache, dass der N. bisher keine einzigartigen Erfolge erzielen konnte. Die dämpfende Wirkung der Neurose ist dem N. nicht bewusst. Seine Gefühllosigkeit in Freundschaften, seine Unempfindlichkeit für Schönheit, die Abwesenheit von jeglicher Gefühlsregung aber sehr wohl. Der emotionale Mangel ist z. B. hinter oberflächlicher Lebhaftigkeit, falscher Spontanität oder Sensationsgier verborgen. Erwartungen von außen werden dagegen erstaunlich sicher empfunden.

Der N. hat die Energie eines normalen Menschen, doch die Energie zur normalen Daseinsbewältigung ist geschmälert. Seine Suche nach Ruhm und Ehre kostet ihn viel Kraft. Die Selbstentfremdung nimmt dem N. den Richtungssinn. Ersatzweise lässt er sich treiben. Manchmal wird die Orientierungslosigkeit erst sichtbar, wenn traditionelle Bahnen nicht mehr benutzt werden können. Nachgiebiges Verhalten hat ähnliche Gründe. Die Fähigkeit Verantwortung zu übernehmen ist gering, die Integrationskräfte sind verringert.

[Bearbeiten] Maßnahmen zur inneren Spannungsminderung

[Bearbeiten] Psychische Fragmentation

Um die intrapersonalen Spannung zu mindern, kann das Interesse für einen Teilbereich des Lebens aufgegeben werden. Die eigenen Schwierigkeiten erscheinen so unzusammenhängend und isoliert. Aufklärung darüber stößt auf Desinteresse. Zwei Methoden können hierbei unterschieden werden: Ignoranz von Kausalzusammenhängen und widersprüchliche Wertmaßstäbe.

[Bearbeiten] Automatische Kontrolle

Im N. arbeitet ein unbewusstes, völlig unsichtbares Kontrollsystem, das die Gefühle dämpft. Denn die Gefühle sind eine schwere Gefahrenquelle. Dadurch sind Gefühlsausdruck und impulsive Handlungen ständig unter Kontrolle. Widerstrebende Gefühle werden so entschärft. Obwohl der N. nichts von diesem Kontrollsystem weiß, fürchtet er das Nachlassen des Kontrollsystems, kann deshalb nicht Einschlafen, hat Angst vor einer Narkose, vor der Wirkung von Alkohol uvm. Kommt es am Kontrollsystem vorbei zu einem Gefühlsausbruch, gerät der N. in Panik.

[Bearbeiten] Die neurotischen Grundtypen

Horney fasst die Charakterentwicklung bei N. in drei Störungstypen zusammen. Den expansiven Typ, den selbstverleugnenden und den resignierten Typ. Diese Typen treten jedoch nie in Reinform auf. Die Typisierung hat den Zweck, die Vielfalt von Störungstypen zu systematisieren.

[Bearbeiten] Expansion als Lösung

Der expansive Typ identifiziert sich mit seinem idealen Selbst (Erhöhung aufs Selbstideal). Das bewirkt den grandiosen Eindruck, den man von diesem Menschen hat. Zum expansiven Typ gehören der narzisstische, der perfektionistische und der arrogant-rachsüchtige Typ, die in der Literatur häufig beschrieben werden.

[Bearbeiten] Selbstverleugnung als Lösung

Der selbstverleugnende Typ glorifiziert seine Unterlegenheit. Dabei kultiviert und übertreibt er seine Hilflosigkeit und sein Leiden. Er ist ein blinder Passagier ohne Rechte, hat Angst davor Spiele zu gewinnen, kann sich nicht gegen Ausbeutung wehren, unterstützt als Opfer den Täter, hat Angst vor Erfolg und Rampenlicht. In seiner Phantasie ist er ein Held, furchtlos, durchsetzungs- und vergeltungsstark. Seine unechte Bescheidenheit führt zu einer Schrumpfung, die die Person schwächt. Seinem Selbsthass steht er hilflos gegenüber. Der selbstverleugnende Typ ist aussichtsreicher Kandidat für eine Beziehung mit morbider oder krankhafter Abhängigkeit vom Partner.

[Bearbeiten] Resignation als Lösung

Der resignierte Typ zieht sich vom inneren Schlachtfeld zurück und erreicht so, dass seine Konflikte weniger berührt werden. Die Strategie des Verzichts findet sich als Empfehlung auch in vielen Religionen, um eine geistig-seelische Entwicklung zu ermöglichen. Eine Lösung des Konflikts ist das Verhalten jedoch nicht. Den Resignierten kennzeichnet, dass er Betrachter seines Lebens und seines Selbst ist, dass er eine Abneigung gegen alle Anstrengung hat, seine Wünsche einschränkt, sich absondert, gegen Einfluss, Druck, Zwang und Fesseln empfindlich ist, und eine Abneigung gegen jeglichen Wandel hat. In der Phantasie hat er dagegen vor, große Taten zu vollbringen, fühlt sich überlegen, steht über dem Wettbewerb uvm. Der Resignierte hat seine expansive und seine selbstverleugnende Seite stillgelegt. Er betont das Sein und sieht keinen Wert in Wachstum und Veränderung. Einmischungen von außen werden abgewiesen. Er ist selbstgenügsam, unabhängig, stoisch, wunschlos und fair.

[Bearbeiten] Die Bedeutung von Liebe und Sex für den N.

Horney bestreitet, dass eine Liebesbeziehung einen N. heilen kann. Der N. ist nämlich zutiefst überzeugt, nicht liebenswert zu sein. Damit kann die Erfahrung von Liebe, die ihm bestätigt liebenswert zu sein, nicht wirken. Ursache ist ein fragmentiertes Denken: Der Zusammenhang zwischen bestimmten Eigenschaften einer Person und dem Empfinden von Liebenswürdigkeit wird nicht hergestellt. Sex stellt für den N. einen intimen menschlichen Kontakt her, muss aber darüber hinaus noch menschliche Nähe ersetzen. Verschärfend kommt hinzu, dass der N. unter der Herrschaft des neurotischen Stolzes steht, der sexuelle Funktionstüchtigkeit, Attraktivität, freie Partnerwahl, Erfahrungsvielfalt u. a. in den Vordergrund treten lässt.

[Bearbeiten] Kritik an Horney

Kritik an der Theorie von Horney findet sich bei anderen schriftstellernden Psychoanalytikern nicht. Sie nehmen vorwiegend Bezug auf Freud und formulieren ihre Vorstellungen im Gegensatz zu ihm. Aus ihrer Kritik an Freud geht vielfach hervor, dass sie unverständlicherweise Horney nicht gelesen haben, oder sich ihre Kritik nicht zu eigen gemacht haben.

Bei ihren Vorstellungen von der schädlichen Wirkung des Wettbewerbs zwischen den Menschen wird nicht deutlich, dass er unvermeidbar ist. Alle Lebewesen auf der Erde entstammen einem Wettbewerbsprozess und können sich ihm nicht entziehen.

[Bearbeiten] Literaturhinweise

  1. a b c K. Horney: The Neurotic Personality of Our Time, New York 1937
  2. a b K. Horney: New Ways in Psychoanalysis, New York 1938
  3. a b c d e K. Horney, Neurosis and Human Growth, New York 1950
  4. K. Horney: Selfanalysis, New York 1942
  5. K. Horney: Our Inner Conflicts, New York 1945

[Bearbeiten] Werke

  • Der Kampf in der Kultur. in: Joachim Wach et al.: Das Problem der Kultur und die ärztliche Psychotherapie. Sechs Vorträge zu Freuds „Unbehagen in der Kultur“, gehalten im Wintersemester 1930/31. Thieme, Leipzig 1931, S. 105-118 (Vorträge des Instituts für Geschichte der Medizin an der Universität Leipzig Band 4, hrsg. von Henry E. Sigerist)
  • The Neurotic Personality of Our Time/Der neurotische Mensch unserer Zeit, New York 1937, Stuttgart 1951
  • New Ways in Psychoanalysis/Neue Wege in der Psychoanalyse, New York 1938, München 1977
  • Self-Analysis/Selbstanalyse, New York 1942, München 1974
  • Our Inner Conflicts/Unsere inneren Konflikte, New York 1945, München 1973
  • Neurosis and Human Growth/Neurose und menschliches Wachstum, New York 1950, München 1975
  • Feminine Psychology/Psychologie der Frau, posthum NewYork 1967, München 1977
  • Final Lectures/Analytische Technik, posthum New York 1987, Frankfurt am Main 1990

[Bearbeiten] Weblinks

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