Karl Bosl

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Karl Bosl (* 11. November 1908 in Cham, Oberpfalz; † 18. Januar 1993 in München) war ein deutscher Historiker. Er war Inhaber des Lehrstuhls für Bayerische Landesgeschichte an der Universität München.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Leben

Karl Bosl legte 1927 das Abitur am humanistischen Gymnasium im Kloster Metten ab. Bosl studierte seit dem Sommersemester 1927 u.a. bei Paul Lehmann in München Geschichte, Germanistik, Klassische Sprachen und Mittellateinische Philologie. Als Student schloss er sich dem Katholischen Studentenverein Albertia im KV an, dessen engagiertes Mitglied er bis zum Tode blieb. Im Frühjahr 1931 schloss er das Studium mit dem Staatsexamen in Klassischer Philologie, Deutsch und Geschichte ab. Seit dem Frühjahr 1932 war er zunächst im Schuldienst an verschiedenen Orten tätig.

Seit 1930 war Bosl Mitglied im Stahlhelm. Nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten war Bosl ab Mai 1933 Mitglied der NSDAP, wurde 1934 Mitglied des NS-Lehrerbundes und wenige Wochen später trat er auch der SA bei. Seine Mitgliedschaft in der SA endete jedoch bereits 1934 und in der NSDAP fehlte es ihm an Engagement.[1] Seit 1935 arbeitete er in der Landesleitung des NS-Bundes Deutscher Osten mit. Bosl promovierte 1938 in München bei Karl Alexander von Müller mit einer Arbeit Das Nordgaukloster Kastl. (Gründung, Gründer, Wirtschafts- und Geistesgeschichte).

1939 erhielt einen Forschungsauftrag zum Thema „Die Lehns- und Holzrechte im Berchtesgadner Land“ im Rahmen des SS-Ahnenerbeprojekts Forschungswerk Wald und Baum in der arisch-germanischen Geistes- und Kulturgeschichte;[2] für dieses Projekt erhielt er eine monatliche Unterstützung von 120 Reichsmark.[3]

Nach der Dissertation beschäftigte sich Bosl schwerpunktmäßig mit der Reichsministerialität. Mit diesen thematischen Schwerpunkt gelang ihm der Anschluss an die führende Mediävistik. Er war jedoch weiterhin hauptberuflich als Lehrer tätig und seit 1940 Studienrat am humanistischen Gymnasium in Ansbach. 1942 versuchte Bosl, seine kurz vor der Fertigstellung stehende Habilitationsschrift für eine Publikation in der Veröffentlichungsreihe des „Ahnenerbes“ unterzubringen.[4] Bosl habilitierte sich 1944 an der Universität München; die Kriegszustände verhinderten jedoch, dass Bosl den Status eines Privatdozenten durch das Reichswissenschaftsministerium erhielt. Bosl engagierte sich im Bund Deutscher Osten, im Reichskolonialbund und in der NS-Volkswohlfahrt.

Ab 1947 war Bosl Privatdozent in München und als Beauftragter des Kultusministeriums am Wiederaufbau des bayerischen Gymnasialwesens beteiligt. Er war 1949 Mitbegründer des Bayrischen Philologenverbandes und dessen Erster Vorsitzender bis 1954, dann dessen Ehrenvorsitzender. 1951 hatte er einen Lehrauftrag an der Universität München. 1953 wurde er als Professor auf den Lehrstuhl für mittlere und neuere Geschichte der Universität Würzburg berufen. Sein Schwerpunkt lag auf der bayerischen Landesgeschichte. Von 1960 bis 1977 hatte er als Nachfolger von Max Spindler am Institut für Bayerische Geschichte an der Universität München den Lehrstuhl für Bayerische Geschichte und Vergleichende Landesgeschichte mit besonderer Berücksichtigung der Neuzeit inne.[5] 1961 wurde er zum ordentlichen Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften gewählt. Bosl war Mitglied des Konstanzer Arbeitskreises für mittelalterliche Geschichte. 1977 wurde Bosl emeritiert. Bosl hatte 1977 die Carl-Schurz-Gastprofessur an der Universität Madison/Wisconsin und 1978 die Rose-Morgan-Professur an der State University of Kansas in Lawrence.

Den Schwerpunkt seiner Forschungen als ordentlicher Professor für Geschichte des Mittelalters stellten vor allem Studien zur Gesellschaft und Wirtschaftsgeschichte des europäischen Mittelalters dar. Bosl erreichte mit über 50 Schriften, etwa siebenhundert Aufsätzen, Handbucheinträgen und Besprechungen sowie etwa vierzig Herausgeberschaften eine ungewöhnlich hohe Publikationszahl. Auch als akademischer Lehrer war Bosl besonders aktiv; an seinem Lehrstuhl betreute er 205 Dissertationen.[6] Zu Schülern Bosls gehören Wolf D. Gruner, Karl Möckl, Ludwig Hüttl, Friedrich Prinz und Ferdinand Seibt.

Bosl erhielt zahlreiche Ehrungen und Auszeichnungen (u.a. Großes Bundesverdienstkreuz, Bayerischer Verdienstorden, Bayerische Verfassungsmedaille in Gold, Bayerischer Maximiliansorden für Wissenschaft und Kunst, Kulturpreis der Sudetendeutschen Landsmannschaft, Adalbert-Stifter-Medaille) und war Mitglied historischer Gesellschaften in den USA, Großbritannien und Österreich.

Neben seiner Mitgliedschaft im KV war Bosl auch Mitglied der K.B.St.V. Rhaetia München. Bosl wurde 1984 zum Ehrenbürger seiner Heimatstadt Cham ernannt.

[Bearbeiten] Neubewertung seines Lebens im Nationalsozialismus

Bosl behauptete bis zu seinem Tod 1993 in zahlreichen Interviews, dass er ein aktiver Widerstandskämpfer gegen das Nazi-Regime gewesen sei. In einem Interview des Projektes „Zeitzeugen zur bayerischen Geschichte“ von Karl N. Renner vom 11. Juli 1999 bleibt sein NS-Engagement unerwähnt. Seine Ernennung zum Privatdozenten soll durch den NS-Dozentenbundführer Robert Spindler aus „politischen Gründen“ hintertrieben worden sein. Bosl präsentiert sich vielmehr als Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime, indem er durch Flugblätter aktiv Propaganda gegen das Dritte Reich betrieben haben soll.[7]

Seine Heimatstadt hat Bosl mittlerweile alle Ehrungen aberkannt, denn entgegen seiner Selbstaussage verhielt sich Bosl nach neueren Forschungsergebnissen alles andere als distanziert zum NS-Regime. Nach ihm benannte Straßen und Plätze wurden wieder umbenannt.[8]

[Bearbeiten] Schriften (Auswahl)

  • Das Nordgaukloster Kastl (Gründung, Gründer, Wirtschafts- u. Geistesgeschichte). München, Phil. Diss., 1939. Regensburg: Verlag des Historischen Vereins von Oberpfalz und Regensburg, (1939), (Aus: Verhandlungen des Historischen Vereins von Oberpfalz und Regensburg, Band 89)
  • Die Reichsministerialität der Salier und Staufer. Ein Beitrag zur Geschichte des hochmittelalterlichen deutschen Volkes, Staates und Reiches. [Habilitationsschrift]. Stuttgart: Hiersemann. 2 Bände: Teil 1 (1950); Teil 2 (1951) (Schriften der Monumenta Germaniae historica; 10)
  • Schreibmüller: Lehrbuch für bayerische Geschichte. Schnell & Steiner, München.
  • (Hrsg.): Bosls bayerische Biographie. Regensburg: Pustet 1983, ISBN 3-7917-1162-8 (Digitalisat)
  • Biographisches Wörterbuch zur deutschen Geschichte. Begründet von Hellmuth Rössler und Günther Franz. 2., völlig neubearb. und stark erw. Auflage. Bearb. von Karl Bosl; Günther Franz; Hanns Hubert Hofmann. München: K. G. Saur, 1995, Bd. 1 – 3, XVI S., 3330 Sp., ISBN 3-907820-83-5

[Bearbeiten] Literatur

Darstellungen

  • Patrick Bahners: Die Legende eines Humanisten. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6. Juli 2011, Nr. 154, S. N3.
  • Matthias Berg: Lehrjahre eines Historikers. Karl Bosl im Nationalsozialismus, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 59 (2011), Heft 1, S. 45–63.
  • Werner K. Blessing: Karl Bosl im Blick eines Schülers. Erinnerungen zum 100. Geburtstag. In: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte, Bd. 72 (2009), Heft 3, S. 893–916.
  • Eintrag Karl Bosl. In: Jürgen Petersohn (Hrsg.): Der Konstanzer Arbeitskreis für mittelalterliche Geschichte. Die Mitglieder und ihr Werk. Eine bio-bibliographische Dokumentation, Stuttgart 2001, S. 55–79, ISBN 3-7995-6906-5.
  • Ferdinand Kramer: Der Lehrstuhl für bayerische Landesgeschichte von 1917 bis 1977. In: Wilhelm Volkert/ Walter Ziegler (Hrsg.), Im Dienst der bayerischen Geschichte. 70 Jahre Kommission für Bayerische Landesgeschichte. 50 Jahre Institut für Bayerische Geschichte. 2. aktualisierte Auflage, Beck, München 1999, ISBN 3-406-10692-7.
  • Karl Möckl In: Siegfried Koß/Wolfgang Löhr (Hrsg.), Biographisches Lexikon des KV, Teil 6, SH-Verlag, Köln 2000, ISBN 3-89498-097-4, S. 12–17.
  • Anne Christine Nagel: Im Schatten des Dritten Reichs. Mittelalterforschung in der Bundesrepublik Deutschland 1945–1970. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2005, S. 116, 136–144.
  • Peter Herde, Benjamin Kedar: A Bavarian Historian Reinvents Himself. Karl Bosl and the Third Reich. Hebrew University Magnes Press, Jerusalem 2011, ISBN 978-965-493-564-7.

Nekrologe

  • Ferdinand Seibt: Karl Bosl 11.11.1908–18.1.1993. In: Bohemia, Bd. 34 (1993), S. 1–6.
  • Wilhelm Störmer: Karl Bosl (1908–1993). Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte, 57 (1994), S. 171–176.
  • Eberhard Weiß: Karl Bosl 11.11.1908–18.1.1993. In: Jahrbuch der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, 1993, S. 246–253.
  • Friedrich Prinz: Karl Bosl (1908–1993). Ein bayerischer und europäischer Geschichtsforscher. In: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas, Bd. 41 (1993), S. 318f.

Festschriften

  • Ferdinand Seibt (Hrsg.): Gesellschaftsgeschichte. Festschrift für Karl Bosl zum 80. Geburtstag. Hrsg. im Auftrag des Collegium Carolinum von Ferdinand Seibt. Oldenbourg, München 1988.
  • Friedrich Prinz (Hrsg.): Bayerische Geschichte als Tradition und Modell. Festschrift für Karl Bosl zum 65. Geburtstag. Beck, München 1973.

[Bearbeiten] Weblinks

[Bearbeiten] Anmerkungen

  1. Matthias Berg: Lehrjahre eines Historikers. Karl Bosl im Nationalsozialismus, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, Bd. 59 (2011), Heft 1, S. 45–63, hier: S. 48.
  2. Bernd-A. Rusinek: 'Wald und Baum in der arisch-germanischen Geistes- und Kulturgeschichte'. Ein Forschungsprojekt des 'Ahnenerbe' der SS 1937–1945. In: Albrecht Lehmann/ Klaus Schriewer (Hrsg.): Der Wald – Ein deutscher Mythos? Perspektiven eines Kulturthemas, Berlin u.a. 2000, S. 267–363.
  3. Anne Christine Nagel: Im Schatten des Dritten Reichs. Mittelalterforschung in der Bundesrepublik Deutschland 1945–1970. Göttingen 2005, S. 137.
  4. Anne Christine Nagel: Im Schatten des Dritten Reichs. Mittelalterforschung in der Bundesrepublik Deutschland 1945–1970. Göttingen 2005, S. 138 Anm. 141.
  5. Professor Dr. Karl Bosl
  6. Anne Christine Nagel: Im Schatten des Dritten Reichs. Mittelalterforschung in der Bundesrepublik Deutschland 1945–1970. Göttingen 2005, S. 139.
  7. Karl Bosl als Zeitzeuge zur bayerischen Geschichte. In: Karl Bosl. Eine Bibliographie. Materialien zur bayerischen Geschichte und Kultur 3. Augsburg 1996, S. 14–30. Vgl. dazu: Anne Christine Nagel: Im Schatten des Dritten Reichs. Mittelalterforschung in der Bundesrepublik Deutschland 1945–1970. Göttingen 2005, S. 137 Anm. 139.
  8. Hans Kratzer: Cham stürzt das Denkmal Bosl. In: Süddeutsche Zeitung, 29. November 2011 sowie Christoph Giesen: Erst die Eloge, jetzt die Abrechnung. In: Süddeutsche Zeitung, 30. November 2011.
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