Karl Fiehler

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Karl Fiehler
Karl Fiehler im Alter von 15 Jahren (Nr. 5) mit Eltern und Geschwistern)
Karl Fiehler (zweite Reihe, helle Uniform, zwischen Neville Chamberlain und Joachim von Ribbentrop) beim Münchner Abkommen 1938

Karl Fiehler (* 31. August 1895 in Braunschweig; † 8. Dezember 1969 in Dießen am Ammersee) war ein deutscher Politiker (NSDAP) und Münchner Oberbürgermeister von 1933 bis 1945.

Biografie[Bearbeiten]

Karl Fiehler war ein Sohn des Baptistenpredigers Heinrich Fiehler[1] und übersiedelte 1902 mit seinen Eltern nach München. Dort besuchte er die Realschule, durchlief eine kaufmännische Lehre und arbeitete ab 1914 in Schleswig-Holstein als Handlungsgehilfe. Ab Mai 1915 nahm Fiehler als Soldat am Ersten Weltkrieg teil, erlitt 1918 eine Beinverletzung und wurde mit dem Eisernen Kreuz 2. Klasse (EK II) ausgezeichnet. Am 19. März 1919 trat er in den Verwaltungsdienst der Stadt München ein, zunächst als Aushilfe in einer Lebensmittelkartenverteilungsstelle. Im Februar 1922 wurde er beamtet, nachdem er die Prüfung für den mittleren Staats- und Gemeindeverwaltungsdienst erfolgreich abgelegt hatte. Zuvor war sein Antrag auf Beamtung im Juli 1921 noch gescheitert.

Parteikarriere bis zur Machtergreifung[Bearbeiten]

Fiehler trat bereits 1920 der NSDAP bei. Am 6. November 1923 wurde der überzeugte Nationalsozialist Karl Fiehler Angehöriger des Stoßtrupps Hitler, der den NS-Führer vor Übergriffen der parteieigenen Sturmabteilungen (SA) schützen sollte. Am 8. und 9. November 1923 beteiligte er sich aktiv am gescheiterten Hitlerputsch, nach welchem der Stoßtrupp Hitler verboten wurde, aus dem jedoch 1925 die Schutzstaffel (SS) hervorging. Fiehler wurde am 28. April 1924 vom Volksgericht München I zu 15 Monaten Festungshaft in Landsberg am Lech und zu einer Geldstrafe von 30 Goldmark wegen Beihilfe zum Hochverrat verurteilt.

Von 1924 bis 1933 war er ehrenamtlicher Münchner Stadtrat und veröffentlichte 1929 im Münchner Eher-Verlag, dem zentralen Parteiverlag der NSDAP, die Grundzüge der NS-Kommunalpolitik in seinem 80-seitigen Buch Nationalsozialistische Gemeindepolitik. In den 1930er Jahren publizierte er mehrfach zu kommunalpolitischen Themen aus nationalsozialistischer Sicht.

Nach der Neugründung der NSDAP im Februar 1925 trat Fiehler der Partei erneut bei (Mitgliedsnummer 37). Als „Alter Kämpfer“ (Mitgliedernummern unter 100.000) machte er eine steile Parteikarriere: Von 1927 bis 1930 war er Ortsgruppenleiter der NSDAP in München und von 1935 bis zum Ende der NS-Herrschaft im Frühjahr 1945 bekleidete er den Rang eines Reichsleiters der NSDAP, zunächst als Schriftführer, danach als Leiter des Hauptamtes für Kommunalpolitik. Er gehörte damit zum höchsten Führungszirkel der NSDAP und zu den 20 engsten Mitarbeitern Adolf Hitlers in der Partei. Auch innerhalb der SS (Mitglieds-Nr. 91.724) stieg Fiehler auf: Am 31. Juli 1933 wurde er Standartenführer, am 24. Dezember 1933 Oberführer und schließlich am 27. Januar 1934 SS-Gruppenführer (Ehrenführer Oberabschnitt Süd). Am 30. Januar 1942 wurde er zum SS-Obergruppenführer befördert und war bis zum 9. November 1944 dem Stab RFSS (Reichsführer-SS) von Heinrich Himmler zugeteilt.

Von 1933 bis 1945 war Karl Fiehler Mitglied des gleichgeschalteten deutschen Reichstages.

Fiehler als Oberbürgermeister[Bearbeiten]

Am 9. März 1933 besetzte die SA das Münchner Rathaus und entrollte eine Hakenkreuz-Fahne. Zwar trotzte der Erste Bürgermeister Karl Scharnagl (BVP) an Münchens Stadtspitze noch für elf Tage den neuen Machthabern, aber am 20. März 1933 musste er „der Gewalt weichen“. An diesem Tag ernannte Adolf Wagner, bayerischer NS-Innenminister und Gauleiter von München-Oberbayern, Karl Fiehler zum kommissarischen Ersten Bürgermeister. Am 20. Mai 1933 erhielt er den Titel Oberbürgermeister.

Wie in ganz Deutschland, so wurden auch in München infolge der nationalsozialistischen Machtergreifung alle Parteien und Organisationen, die sich einer politischen Gleichschaltung widersetzten, verboten. Die Bücherverbrennung am Königsplatz vor der Antikensammlung am 10. Mai 1933, die Verfolgung nicht „völkischer“ Schriftsteller, Künstler und Wissenschaftler führten zu einem Exodus der geistigen Elite Münchens. Thomas Mann kehrte von einer Auslandsreise nicht nach München zurück. Am 22. März 1933 eröffnete der kommissarische Münchner Polizeipräsident Heinrich Himmler das KZ Dachau.

1933 wurden die kommunalen Spitzenverbände gezwungen, den Einheitsverband Deutscher Gemeindetag zu gründen. Zu dessen Vorsitzenden wurde der Münchner Oberbürgermeister Fiehler bestimmt. Die Geschäftsstelle befand sich an der Alsenstraße in Berlin-Tiergarten. Am 2. August 1935 kam es zu einer denkwürdigen Besprechung zwischen Hitler und Fiehler, in deren Verlauf München einen neuen Titel erhielt: „Hauptstadt der Bewegung“. Dieser sollte auf die Ursprünge der NSDAP in der bayerischen Metropole hinweisen.

In den 1930er Jahren wurden von Paul Ludwig Troost, der vor Albert Speer „Hofarchitekt“ Adolf Hitlers war, in München eine Reihe von Musterbauten der gigantomanen NS-Architektur errichtet. Es wurde eine grundlegende Umgestaltung Münchens beabsichtigt, die Karl Fiehler 1937 als Herausgeber des Bildbandes München baut auf. Ein Tatsachen- und Bildbericht über den nationalsozialistischen Aufbau in der Hauptstadt der Bewegung illustrieren wollte. Durch großzügige Eingemeindungen vor allem im Westen (Pasing) stieg die Einwohnerzahl von 746.000 im Jahr 1936 auf 889.000 im Jahr 1943. Großprojekte wie die Verlegung des Hauptbahnhofs nach Laim kamen jedoch über das Planungsstadium nicht mehr hinaus.

Judenverfolgung in München[Bearbeiten]

Wenn es um Aktionen gegen Juden ging, wurde München unter Karl Fiehler zum Vorreiter. Der erste planmäßige Boykott gegen jüdische Geschäfte im Frühjahr 1933 wurde von ihm ausgesprochen eifrig betrieben. Karl Fiehler ordnete den Laden-Boykott in vorauseilendem Gehorsam bereits für den 30. März an, während „offizieller“ Termin eigentlich der 1. April war. SA- und SS-Gruppen hatten bereits Anfang März 1933 Münchner jüdische Geschäftsleute terrorisiert und 280 von ihnen in „Schutzhaft“ genommen. Fiehler untersagte im selben Jahr – ohne legale Grundlage –, städtische Aufträge an „nichtdeutsche Firmen“ zu vergeben. SA-Posten beschmierten Schaufenster jüdischer Geschäfte mit der Aufschrift „Jude“ oder „Bin in Urlaub in Dachau“. Schaufenster wurden eingeschlagen und Kunden eingeschüchtert, indem sie von der SA angepöbelt, registriert und manchmal sogar fotografiert wurden. München beeilte sich auch besonders mit dem Abbruch jüdischer Gotteshäuser. Propaganda-Minister Joseph Goebbels ließ die Hauptsynagoge schon im Juni 1938 zerstören, um herauszufinden, ob die „arische“ Öffentlichkeit schockiert oder gleichgültig reagieren würde. Das apathische Verhalten der Bevölkerung ermutigte die Nazis zu neuen Exzessen.

Am 9. November 1938 versammelte sich im großen Saal des Alten Rathauses in München auf Einladung des Oberbürgermeisters Fiehler nahezu die gesamte NSDAP-Spitze zu einem Kameradschaftsabend. Eine wüste antisemitische Hetzrede von Joseph Goebbels war für die anwesenden SA- und Parteiführer das Signal für eine allgemeine Hetzjagd auf Juden. In der später euphemistisch als „Reichskristallnacht“ verharmlosten Pogromnacht wurden zahlreiche Menschen getötet, gefoltert und verletzt. Der Verwüstung und Plünderung fielen viele jüdische Einrichtungen, Synagogen und Geschäfte zum Opfer.

Das Städtische Bestattungsamt in München verhielt sich unter Fiehler auf absurde Weise streng antisemitisch. Es weigerte sich, verstorbene Christen jüdischer Abstammung im Krematorium einzuäschern. Auch durften auf den Münchner Friedhöfen so genannte „Judenchristen“ in ihren eigenen, längst bestehenden Familiengräbern nicht mehr bestattet werden. Das Amt verwies die Angehörigen bürokratisch an die Israelitische Kultusgemeinde. Beim Begräbnis auf dem jüdisch–orthodoxen Friedhof war u. a. das Tragen des evangelischen Talars nicht mehr erlaubt. Johannes Zwanzger, der im Dezember 1938 zum Leiter der Münchner Hilfsstelle für nicht-arische Christen ernannt worden war, formulierte für den evangelisch-lutherischen Landeskirchenrat eine erfolglose Beschwerde an Oberbürgermeister Fiehler.

Fiehlers Name ist auch mit einer eher skurrilen Beanstandung verknüpft. Der beliebte Münchner Komiker Karl Valentin beklagte am 20. Februar 1940 in einem Brief an den NS-Oberbürgermeister den Verlust seines Bühnenfundus. Kurz darauf ging Valentin seiner Requisiten jedoch endgültig verlustig, als sein Panoptikum und Kellerlokal Ritterspelunke, das sich am Färbergraben 33 befand, im Juni 1940 einem Luftschutzkeller weichen musste.

Der Entrechtung der Juden folgte im Zweiten Weltkrieg der Völkermord. Am 20. November 1941 fuhr der erste Deportationstransport mit 1.000 Jüdinnen und Juden von München nach Riga ab. Den verängstigten Menschen wurde vorgespiegelt, es handele sich um eine „Evakuierung“. Der Transport wurde in das Ghetto Kauen in der litauischen Stadt Kaunas umgeleitet, weil das Rigaer Ghetto zu diesem Zeitpunkt überfüllt war. Im Fort IX von Kaunas wurden die Menschen kurz nach ihrer Ankunft am 25. November 1941 von Angehörigen der Einsatzgruppe A, die unter dem Kommando des SS-Brigadeführers Walter Stahlecker stand, bei einer Massenerschießung ermordet. Bis zum Februar 1945 verließen insgesamt 42 Transporte in unregelmäßigen Abständen München: Zur Vernichtung nach Kaunas, Piaski (bei Lublin) und Auschwitz sowie in das „Alters- und Prominentenghetto“ Theresienstadt.

Fiehlers Ende[Bearbeiten]

Am 30. April 1945 erreichten die ersten amerikanischen Soldaten den Marienplatz. Mit der Übergabe des Rathauses endete die nationalsozialistische Diktatur in München. Längst vor der kampflosen Besetzung Münchens hatte Fiehler das Rathaus verlassen. Am 4. Mai 1945, vier Tage vor dem offiziellen Ende des Zweiten Weltkrieges, setzten die siegreichen Amerikaner Karl Scharnagl wieder ins Amt des Oberbürgermeisters ein.

Nach dem Holocaust war das jüdische Leben in München nahezu erloschen. Von einst 12.000 Münchner Juden konnten 7.500 rechtzeitig vor den Nationalsozialisten fliehen. Fast 3.000 wurden in KZs deportiert, davon mehr als die Hälfte ins Ghetto Theresienstadt. Nur 430 überlebende Münchner Juden kehrten 1945 in ihre Heimatstadt zurück.

Die Stadt München bilanzierte im Mai 1945 22.346 Kriegsgefallene, 6.632 Bombentote, ca. 15.000 Verletzte und etwa 300.000 Obdachlose. Durch Tod, Evakuierung und Flucht aus der Stadt war die Bevölkerungszahl von 824.000 (1939) auf 479.000 (1945) gesunken. Die historische Altstadt war zu 90 Prozent und die Stadt insgesamt zu ungefähr 50 Prozent zerstört.

Am 14. Januar 1949 wurde Fiehler von der Hauptspruchkammer München als „Aktivist“ eingestuft und zu zwei Jahren Arbeitslager, Einziehung eines Fünftels seines Vermögens, dem Verlust des aktiven und passiven Wahlrechts sowie zu zwölfjährigem Berufsverbot verurteilt. Als strafmildernd wurde berücksichtigt, dass Fiehler die Sprengung der Isarbrücken durch die Wehrmacht verhindert hatte. Die Haft musste Fiehler nicht antreten, da man ihm eine dreieinhalbjährige Internierungszeit anrechnete. Er lebte bis zu seinem Tod 1969 zurückgezogen in Dießen am Ammersee und arbeitete als Buchhalter.

1962 verpflichtete ein Verwaltungsgerichtsbeschluss die Stadt München, Karl Fiehler die Pension eines städtischen Obersekretärs zu zahlen. Diese Stellung hatte er vor seiner Ernennung zum Bürgermeister innegehabt. Fiehler legte gegen diesen Beschluss Berufung ein, um das Ruhegehalt eines Oberbürgermeisters zu erstreiten. 1963 wurde die Berufung vom Bayerischen Verwaltungsgerichtshof verworfen. 1965 bestätigte das Bundesverwaltungsgericht dieses Urteil.

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Ulrike Haerendel: Kommunale Wohnungspolitik im Dritten Reich. Siedlungsideologie, Kleinhausbau und „Wohnraumarisierung“ am Beispiel Münchens. Oldenbourg, München 1999, ISBN 3-486-56389-0 (zugleich Dissertation, Universität München, 1995/96).
  • Andreas Heusler: Karl Fiehler. Oberbürgermeister der „Hauptstadt der Bewegung“ 1933–1945. In: Die Münchner Oberbürgermeister. 200 Jahre gelebte Stadtgeschichte. Hrsg. von Friedrich H. Hettler und Achim Sing. Volk, München 2008, ISBN 978-3-937200-42-2, S. 117–134.
  • Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945 (= Fischer-Taschenbücher. Bd. 16048). 3. Auflage. Fischer, Frankfurt am Main 2005, ISBN 3-596-16048-0.
  • David Clay Large: Hitlers München. Aufstieg und Fall der Hauptstadt der Bewegung. Beck, München 1998, ISBN 3-406-44195-5 (Originaltitel: „Where ghosts walked.“ Siehe die deutsche Rezension von Claus-Christian W. Szejnmann und die englische Rezension von Raffael Scheck).
  • Münchner Stadtmuseum, Richard Bauer (Hrsg.): München – „Hauptstadt der Bewegung“. Bayerns Metropole und der Nationalsozialismus. 2. Auflage. Ed. Minerva, Wolfratshausen 2002, ISBN 3-932353-63-3.
  • Helga Pfoertner: Mahnmale, Gedenkstätten, Erinnerungsorte für die Opfer des Nationalsozialismus in München 1933–1945. Literareon, Utz, München. 3 Bände:
  • Mathias Rösch: Die Münchner NSDAP 1925–1933. Eine Untersuchung zur inneren Struktur der NSDAP in der Weimarer Republik. Oldenbourg, München 2002, ISBN 3-486-56670-9 (zugleich Dissertation, Universität München, 1998).
  • Gavriel D. Rosenfeld: Architektur und Gedächtnis: München und Nationalsozialismus. Strategien des Vergessens. Aus dem Amerikanischen von Uli Nickel und Bernadette Ott. Dölling und Galitz, Ebenhausen bei München / Hamburg 2004, ISBN 3-935549-81-4 (Originaltitel: „Munich and memory“).
  • Hildegard Vieregg: Wächst Gras darüber? München: Hochburg des Nationalsozialismus und Zentrum des Widerstands. Museumspädagogisches Zentrum München (MPZ), München 1993, ISBN 3-929862-25-5.
  • Robert S. Wistrich: Wer war wer im Dritten Reich: Anhänger, Mitläufer, Gegner aus Politik, Wirtschaft, Militär, Kunst und Wissenschaft. Aus dem Englischen übersetzt von Joachim Rehork. Überarbeitete, erweiterte und illustrierte deutsche Ausgabe. Harnack, München 1983, ISBN 3-88966-004-5 (Originaltitel: „Who’s Who in Nazi Germany“).
  • Friedrich H. Hettler, Achim Sing (Hrsg.): Die Münchner Oberbürgermeister. 200 Jahre gelebte Stadtgeschichte. Volk, München 2008, ISBN 978-3-937200-42-2.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Karl Fiehler – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Andrea Strübind: Wir Christen unter Zuschauern. Die deutschen Baptisten und die Judenverfolgung in der Zeit des NS-Diktatur, in Glaube - Freiheit - Diktatur in Europa und den USA. Festschrift für Gerhard Besier zum 60. Geburtstag (herausgegeben von Katarzyna Stokłosa und Andrea Strübind), Göttingen 2007, S. 121