Karl Griewank

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Karl Griewank (* 16. August 1900 in Bützow; † 27. Oktober 1953 in Jena) war ein deutscher Historiker.

Leben[Bearbeiten]

Karl Griewank, Sohn des Bützower Arztes und Medizinalrates Otto Griewank, bestand mit 18 Jahren sein Abitur. Eine Einziehung zum Militärdienst erfolgte nicht mehr. Nach Studium in Göttingen, Leipzig, Rostock[1] und Berlin promovierte er im Alter von 22 Jahren in Rostock mit der Arbeit Friedrich Wilhelm Held und der vulgäre Liberalismus und Radikalismus in Leipzig und Berlin 1842 bis 1849. Er arbeitete dann zunächst als Hauslehrer und auch als Lokalredakteur der demokratisch orientierten und der DDP nahestehenden Charlottenburger Tageszeitung. Ab 1926 war er hauptberuflich Mitarbeiter der Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft, der späteren Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Später übernahm er die Funktion als Leiter der dortigen geisteswissenschaftlichen Abteilung. Er betrieb Studien über die Zeit der preußischen Reformen. Schwerpunkte waren hierbei Königin Luise, August Neidhardt von Gneisenau und Karl August von Hardenberg.

In der Zeit des Nationalsozialismus setzte er die politischen Vorgaben zur inhaltlichen Umgestaltung der DFG um, trat jedoch weder der NSDAP noch dem NS-Dozentenbund bei. Griewank wird jedoch in der Sturmrolle der SA seit 15. Oktober 1933 als SA-Mitglied vom Dienstgrad Sturmmann geführt. 1936 wurde er wegen schwerer Krankheit entlassen. Im selben Jahr trat er der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt bei.[2] Der christlich geprägte Griewank hatte seit 1934 Kontakt zur Bekennenden Kirche,[3] arbeitete aber auch beim NS-Projekt Kriegseinsatz der Geisteswissenschaften mit.[4] 1942 erfolgte die Habilitation mit der Arbeit Der Wiener Kongreß und die Neuordnung Europas. Im Jahr 1943 wurde Griewank Dozent für Geschichte an der Friedrich-Wilhelm-Universität, der späteren Humboldt-Universität.

Nach dem Kriegsende und der Wiedereröffnung der Universität wurde Griewank als politisch unbelasteter Neuzeithistoriker zum Professor berufen. 1947 übernahm er das Amt des Herausgebers der Deutschen Literaturzeitung. Im gleichen Jahr wechselte er nach Jena und übernahm hier auch die Funktion als Dekan. Um dem Mangel an Lehrbüchern in der Nachkriegszeit zu begegnen, verfasste er eine kurze Darstellung der französischen Revolution von 1789 bis 1799. Sein Arbeitsschwerpunkt wurde die zur damaligen Zeit sehr unterschiedlich formulierte Idee der Demokratie, wobei er vor allem die französische Revolution und die Revolution 1848 behandelte. Viel beachtet wurde sein Aufsatz Ursachen und Folgen des Scheiterns der deutschen Revolution von 1848, der aus seiner Festrede zum 100. Jahrestag der Revolution entstand. Im Rahmen seiner Arbeiten zur französischen Revolution beschäftigte er sich mit der Universalität der Menschenrechte.

Griewank, Dekan an einer ostdeutschen Universität, fand sich damit im Spannungsverhältnis zu den sich in der Sowjetischen Besatzungszone und der späteren DDR anbahnenden politischen Veränderungen. Die politischen Kräfte in der SED waren bemüht die noch bestehende politische Unabhängigkeit der Hochschulen einzuschränken und ihre ideologischen Vorgaben, die in besonderem Maße das Arbeitsfeld Griewanks betrafen, umzusetzen. Trotz des Widerstands seiner Fakultät wurde der Professor für Philosophie Hans Leisegang seines Amtes enthoben. Der Jenaer Rektor Friedrich Hund wurde zum Rücktritt gezwungen und durch Otto Schwarz (SED) ersetzt.

Die SED-Betriebsparteileitung, an deren Sekretariatssitzungen auch Otto Schwarz teilnahm, beabsichtigte dann ab 1950 auch Karl Griewank bloßzustellen. So wurde eine von Griewank vorgenommene Erwähnung des nationalistischen Historikers Heinrich von Treitschke zum Vorwurf genutzt, Griewank verherrliche Nationalisten.[5] Griewank bestritt die Vorwürfe und übergab dem Rektor sein Manuskript, um zu beweisen, dass er Treitschke lediglich als im Rahmen eines Überblicks über ältere Literatur erwähnt hatte. Schwarz unterstützte ihn jedoch nicht.

Karl Griewank akzeptierte den von der SED propagierten Historischen Materialismus zwar als ein heuristisches Prinzip, stellte jedoch klar, dass er keine zwingende Methode sei. Die Konflikte verschärften sich. Seitens der marxistischen Gruppe wurde im Januar 1951 die Ansicht vertreten, dass die unterschiedlichen Richtungen der Wissenschaft nicht gleichberechtigt seien, sondern grundsätzlich zwischen der fortschrittlichen und der reaktionären Richtung zu unterscheiden sei.[6] Griewank und die wie er bürgerlichen, nicht marxistischen Teile der Studentenschaft lehnten diese Ansicht ab.

In Briefen äußerte Griewank gegenüber Dritten, dass er als Nichtmarxist seine Position in der DDR nicht mehr würde lange halten können.[7] Trotz dieser Auseinandersetzung und Anfeindungen war Griewank im wissenschaftlichen Betrieb der DDR nicht völlig isoliert und genoss eine hohe Reputation. So wurde ihm 1952 ein so genannter Einzelvertrag angeboten. Mit solchen Verträgen versuchte die DDR besonders wichtige Wissenschaftler auf ihrem Territorium zu halten. Griewank gehörte der Deutschen Akademie der Wissenschaften an. 1952 berief man ihn darüber hinaus in den „Wissenschaftlichen Beirat der Fachrichtung Geschichte". Auf einer Historiker-Tagung der DDR im Juni 1952 hielt er einen kontrovers diskutierten, ihm aber auch Anerkennung einbringenden Vortrag über einen neuzeitlichen Revolutionsbegriff. Griewank hatte somit letztlich eine Mittlerrolle zwischen Ost und West und den unterschiedlichen politischen Ansätzen inne.

Er war auch Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und Sekretär deren historischer Kommission. Zugleich galt er als wichtige Brücke zwischen den Mitgliedern des Verbandes der Historiker Deutschlands in Ost und West. Trotz eines Angebots aus München blieb er in Jena, da er sich seinen Schülern gegenüber in einer Verpflichtung sah und die DDR zum damaligen Zeitpunkt am Ziel der Deutschen Einheit festhielt. Er gehörte auch dem wissenschaftlichen Rat des Museums für Deutsche Geschichte an.

1953 verübte Griewank, er war gerade vom Historikertag in Bremen zurückgekehrt, Suizid. Trotz der schwierigen politischen und beruflichen Situation wird davon ausgegangen, dass die Motive im persönlichen gesundheitlichen Bereich und nicht im gesellschaftlichen Klima bestanden.[8]

Schriften[Bearbeiten]

  • Friedrich Wilhelm Held und der vulgäre Liberalismus und Radikalsismus in Leipzig und Berlin 1842 bis 1849, Dissertation, zum Teil abgedruckt unter Vulgärer Radikalismus und demokratische Bewegung in Berlin 1842 bis 1848. In: Forschungen zur brandenburgischen und preußischen Geschichte, Band 36, 1924, Seite 14 ff.
  • Der Wiener Kongreß und die Neuordnung Europas, Leipzig 1942
  • Deutsche Studenten und Universitäten in der Revolution von 1848, Weimar 1949
  • Ursachen und Folgen des Scheiterns der deutschen Revolution von 1848. In: Historische Zeitschrift, Band 170, 1950
  • Dr. Wirth und die Krisen der Weimarer Republik. In: Wissenschaftliche Zeitschrift der Universität Jena, 1951/52, Heft 2
  • Das Problem des christlichen Staatsmannes bei Bismarck. In: Schriften der Evangelischen Forschungsakademie Ilsenburg, Heft 11, 1953
  • Der neuzeitliche Revolutionsbegriff. Entstehung und Entwicklung. 3. Auflage, Hamburg 1992, ISBN 3-434-50010-3.

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Immatrikulation von Karl Griewank im Rostocker Matrikelportal
  2. Tobias Kaiser: Karl Griewank (1900–1953). Ein deutscher Historiker im „Zeitalter der Extreme“. Stuttgart 2007, S. 104.
  3. Tobias Kaiser: Karl Griewank (1900–1953). Ein deutscher Historiker im „Zeitalter der Extreme“. Stuttgart 2007, S. 105.
  4. Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. Fischer Taschenbuch Verlag, Zweite aktualisierte Auflage, Frankfurt am Main 2005, ISBN 978-3-596-16048-8, S. 200.
  5. Kaiser, Mittler zwischen Ost und West [1]
  6. Kaiser, Mittler zwischen Ost und West [2]
  7. Kaiser, Mittler zwischen Ost und West [3]
  8. Kaiser, Mittler zwischen Ost und West [4]; Kurt Pätzold: Die Geschichte kennt kein Pardon. Erinnerungen eines deutschen Historikers. Berlin 2008, S. 98. Siehe aber auch Udo Grashoff: "In einem Anfall von Depression--": Selbsttötungen in der DDR. Berlin 2006, 196ff.