Karl Hans Janke

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Karl Hans Joachim Janke (* 21. August 1909 in Kolberg, Pommern; † 15. Februar 1988 in Wermsdorf) war ein deutscher Künstler und pathologischer Erfinder. Er verfertigte zahlreiche Modelle und Zeichnungen hauptsächlich zur Luft- und Raumfahrttechnik. Seine Arbeiten werden heute häufig als Kunstwerke rezipiert.

Leben und Werk[Bearbeiten]

Karl Hans Janke war das einzige Kind der Eheleute Otto Karl Richard Janke und Hedwig geb. Steffen. Nach 1929 verkaufte Otto Janke sein Mietshaus mit zehn Wohnungen in Kolberg und erwarb das Restgut im nahegelegenen Dryhn im Landkreis Kolberg-Körlin.[1] Die Familie übersiedelte dorthin und bewirtschaftete das 132 Hektar große Gut. Karl Hans Janke besuchte nach eigenen Angaben das Domgymnasium Kolberg und die Vorbereitungsanstalt für Oberrealschulen in Stettin. Im Februar 1932 machte er an der Hindenburg-Oberrealschule in Berlin-Lichterfelde das Abitur.[2]

Selbst behauptete er, nach seinem Abitur Abendkurse an der Technischen Universität Berlin belegt und an der Universität Greifswald drei Semester Zahnmedizin studiert zu haben. Belegt ist, dass Janke sich zu Ostern 1932 in Greifswald immatrikulieren ließ. Dort studierte er wahrscheinlich ein Semester lang Zahnmedizin.[3] Der Zeitpunkt des Studienendes ist nicht mehr nachweisbar, vermutlich konnte er das Studium nicht fortsetzen, da er bereits erkrankt war.[2] Ebenso erscheint es ausgeschlossen, dass er ein Ingenieurstudium begann. Unter den Einwohnern von Dryhn war er noch für 1937 als „Janke, Hans; Student“ aufgeführt,[1] arbeitete aber vermutlich bereits auf dem Landgut seiner Eltern und beschäftigte sich in einer kleinen Werkstatt mit der Entwicklung von Flugzeugtypen. 1936 reichte er ein Patent zu einem „Flugzeug mit schwingender Tragfläche“ (Schwingenflugzeug)[4] und 1939 eines zu einem „Standortanzeiger, insbesondere für Luftfahrzeuge“[5] ein. Beide wurden 1943 vom Reichspatentamt erteilt. Dies zeigt, dass Janke sich selbst als Ingenieur, Erfinder und Originalgenie sah und nicht etwa als Künstler.

Während des Zweiten Weltkrieges erwarb das Deutsche Reich Dryhn, und auf dem elterlichen Gut wurde ein Artillerie-Schießplatz angelegt. Im Mai 1940 wurde Janke zur Wehrmacht eingezogen. Dort kam er das erste Mal im Mai 1941 zur Behandlung von Geisteskrankheiten in das Reserve-Kriegslazarett. Mit Verdacht auf Schizophrenie verlegte man ihn später in das Reservelazarett Haldensleben. Wegen seines Geisteszustandes wurde er im Januar 1943 endgültig aus der Wehrmacht entlassen.[2] Nach dem Tod des Vaters 1945 und durch die Kriegswirren auf der Flucht gelangte er 1947 mit seiner Mutter nach Großenhain, wo er eine kleine Werkstatt betrieb. Der Tod der 79-jährigen Mutter am 6. August 1948 bereitete ihm derart psychische Probleme, dass er sich nicht mehr selbst versorgen konnte, und er verwahrloste zusehends. Nach eigener Aussage bekam er im Frühjahr 1949 ohne Bezugsschein keine Pappe und Papier mehr, darum brachte er in seinem Schaukasten den Vermerk „Mit dem heutigen Tage dürfen keine Spielsachen für die Kinder mehr angefertigt werden, da wir das ‚Material‘ für Kanonen brauchen. A. Hitler. Drei Dinge sollen sie haben, 1.) eine große Schnauze zum tüchtigen Angeben. 2.) einen Fußball zum Austoben, 3.) ein Gewehr zum Kriegführen.“[6] an und wurde daraufhin verhaftet.[7] Auf Antrag von Sozialamt und Amtsarzt wurde Janke am 4. Juni 1949 vorübergehend in die Nervenklinik Arnsdorf eingewiesen. Mit der Diagnose einer chronisch paranoiden Schizophrenie, die von einem Erfinderwahn geprägt sei, erfolgte am 8. November 1950 seine Verlegung in die Krankenanstalten Hubertusburg in Wermsdorf, wo er den Rest seines Lebens verbrachte.[7]

Bis zu seinem Tode schuf er ein umfassendes Œeuvre bestechender Zeichnungen, Skizzen und Modelle. Selbst gab er an, 300 bis 400 technische Neuerungen erfunden zu haben. Dazu fertigte er über 3000 Zeichnungen an, wovon heute noch etwa 2000 existieren.[8] Außerdem baute er Modelle von Flugmobilen, futuristischen Raumschiffen und elektromechanischen Geräten, entwarf ein „Stammbuch der Menschheit“, verfasste politische und militärische Strategien und hinterließ einen äußerst umfangreichen Briefwechsel.[8] Außerdem verfasste er Konzepte zur friedlichen Nutzung der Kernenergie und Entwürfe neuartiger Antriebe, die auf der Nutzung des Erdmagnetfeldes basierten.

Fast zwanzig Jahre lang lagerten Jankes Modelle und Alben unentdeckt in einem Abstellraum der Nervenklinik Hubertusburg. Im Jahr 2000 wurden sie auf einem Dachboden der Klinik durch den Chefarzt Dr. Peter Grampp wiederentdeckt. Die großformatigen Zeichnungen befanden sich in mehreren Obststiegen und waren von Janke platzsparend auf Postkartengröße zusammengefaltet worden. Unterzeichnet sind sie in eigenwilliger Schreibweise mit „Karl Hans (Joachim) Janke.“[9]

Jankes Nachlass wurde an den 1998 gegründeten nach Hannah Greens Buch[10] benannten Rosengarten e. V.[11] übergeben. Der Verein widmet sich der Aufarbeitung Jankes in dessen fast 40 Jahren Klinikaufenthalt geschaffenen Werks. Aus dieser Arbeit resultierten seither zahlreiche Ausstellungen und Medienberichte. Jankes Werk wird teilweise der Art Brut zugerechnet, was aber vermutlich aus einem Missverständnis seiner Intentionen resultiert. Jan Hoet vergleicht die Zeichnungen mit denen Leonardo da Vincis und äußerte sich darüber: „das Blatt ist von links nach rechts, von oben nach unten vollkommen. Es ist perfekt. Man kann nichts hinzufügen. Man kann auch nichts wegnehmen.“[12]

In sein Testament schrieb Janke „Ich bitte, die Bilder und Alben aufzubewahren, mit den vielen Zeichnungen und Modellen, die ich für Euch Menschen geschaffen habe.“[13] Eine Auswahl seines Nachlasses wird seit Juni 2007 in einer kleinen Ausstellung im Schloss Hubertusburg gezeigt.

Karl Hans Jankes Urne wurde 1988 in einem Gemeinschaftsgrab auf dem Friedhof in Döbeln beigesetzt.

Rezeption[Bearbeiten]

Eine erstmalige Ausstellung von Werken Jankes erfolgte auf Anregung des ehemaligen Leiters der Documenta IX Jan Hoet im Frühjahr 2001 in der Kunstausstellung Y.E.L.L.O.W. Tentoonstelling over Actuele Kunst en Psychiatrie. im belgischen Geel.[12]

Im Sommer 2003 zeigte der Kurator und Janke-Forscher Peter Lang die erste umfangreiche Einzelausstellung zu Jankes Werk im Künstlerhaus Bethanien in Berlin[14] und anschließend im Dresdner Festspielhaus Hellerau.

Karl Hans Jankes Leben bildet Grundlage einer Theateradaption von Florian Caspar Seibel mit dem Titel „Der Phantast“ (Verlag: Edition Smidt, Pullach).[15] Darin kontrastiert der Autor die persönliche Geschichte von Karl Hans Janke (im Stück Julius Ferne genannt) mit dem Aufstieg von Hermann Oberth.

Am 3. Dezember 2007 wurde vom MDR Fernsehen die 45-minütige Dokumentation „Genie und Wahnsinn – Der Fall Janke“ (Produktion: Michael Erler) gesendet,[16] welche seither mehrfach (auch auf 3sat[17] und Phoenix) wiederholt wurde. Der Deutschlandfunk sendete 2008 das Feature Jules Verne von der Heilanstalt.[18]

2008 schrieb und inszenierte Adriana Altaras am Hans Otto Theater in Potsdam ihr Stück „Janke“.[19] Hier wurden die zwei Biografien von Wernher von Braun als erfolgreichem Visionär und dem gescheiterten, nicht in die Praxis durchdringenden Janke gegeneinandergestellt. Ein besonderer Akzent wurde auf die Thematik der speziell ostdeutschen Psychiatrie und Wirklichkeit gelegt.

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Manfred Vollack: Das Kolberger Land. Seine Städte und Dörfer. Ein pommersches Heimatbuch. Husum Druck- und Verlagsgesellschaft, Husum 1999, ISBN 3-88042-784-4, S. 487.
  2. a b c Wer war Karl Hans Janke? In: Karl Hans Janke, Wandkalender 2009. Rosengarten e. V. Wermsdorf, abgerufen am 16. Dezember 2011.
  3. Karl Hans (Joachim) Janke. Biografie. In: Peter Lang; Moritz Götze (Hrsg.): Karl Hans Janke vs. Wernher von Braun. Die Ideen eines Weltraumphantasten. S. 138
  4. Patent DE734303: Flugzeug mit schwingender Tragfläche. Angemeldet am 24. Mai 1936, veröffentlicht am 12. April 1943, Anmelder: Hans Joachim Janke, Erfinder: Hans Joachim Janke.
  5. Patent DE743758: Standortsanzeiger, insbesondere für Luftfahrzeuge. Angemeldet am 11. Mai 1939, veröffentlicht am 31. Dezember 1943, Anmelder: Hans Joachim Janke, Erfinder: Hans Joachim Janke.
  6. Zitiert in: Krankenakte Karl Hans Janke, Arnsdorf, 4. Juni 1949
  7. a b Peter Grampp: Zwischen Wahn und Wirklichkeit. Karl Hans Janke und sein Werk im Spiegel seiner Zeit. In: Peter Lang; Moritz Götze (Hrsg.): Karl Hans Janke vs. Wernher von Braun. Die Ideen eines Weltraumphantasten. S. 28–31 (28)
  8. a b Peter Lang: Auf zu den Sternen. In: Karl Hans (Joachim) Janke. Ein Brevier. S. 6–8 (8)
  9. Andreas Höll: Schizophrenie und Genie, Kunst und Science Fiction. Der Kosmos des K. H. (J.) Janke. In: Karl Hans (Joachim) Janke. Ein Brevier. S. 10–12 (10)
  10. Hannah Green: Ich hab dir nie einen Rosengarten versprochen. Bericht einer Heilung. (englischer Originaltitel: I never promised you a rose garden. Übersetzt aus dem Amerikanischen von Jürgen u. Elisabeth Hilke), Radius-Verlag, Stuttgart 1973, ISBN 3-87173-505-1
  11. Website des Rosengarten e. V. im FKH Hubertusburg, Abteilung für Psychiatrie
  12. a b Andreas Höll: Universelle Obsession und „totale Wahrhaftigkeit“. Der Ausstellungsmacher Jan Hoet zum Werk Karl Hans (Joachim) Jankes. In: Karl Hans (Joachim) Janke. Ein Brevier. S. 18–22
  13. Clemens Füsers: Raumbasis Hubertusburg oder Die Geschichte des sächsischen Ikarus. In: Peter Lang; Moritz Götze (Hrsg.): Karl Hans Janke vs. Wernher von Braun. Die Ideen eines Weltraumphantasten. S. 88–90 (89)
  14. Karl Hans (Joachim) Janke_Ein Brevier. Künstler – Erfinder – Ingenieur (1909-1988). Pressemitteilung. Künstlerhaus Bethanien, 2. Juni 2003, abgerufen am 19. Dezember 2011.
  15. Florian Caspar Seibel: Der Phantast. Verband Deutscher Bühnen- und Medienverlage, abgerufen am 1. Juli 2011.
  16. Christina Onnasch: Genie und Wahnsinn. Der MDR zeigt in einer Dokumentation die tragische Geschichte des Karl-Hans Janke. In: Sächsische Zeitung vom 3. Dezember 2007
  17. Genie und Wahnsinn – Der Fall Janke. 3sat TV-Programm, 21. April 2010
  18. Rosemarie Mieder, Gislinde Schwarz: Jules Verne von der Heilanstalt. Aus dem Leben eines verrückten Erfinders. Deutschlandfunk, 25. April 2008, abgerufen am 1. Juli 2011 (Programmtip).
  19. Hartmut Krug: Wenn ich ein Raumschiff wär’. Der Fall Janke – Adriana Altaras träumt vom Fliegen. Nachtkritik.de, 17. Oktober 2008, abgerufen am 1. Juli 2011 (Kritik).