Karl Jäger

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Karl Jäger (Begriffsklärung) aufgeführt.
Besichtigung des ehemaligen Wohnhauses von Karl Jäger in Waldkirch im Rahmen des „Tages des unbequemen Denkmals“ 2013

Karl Jäger (* 20. September 1888 in Schaffhausen, Schweiz; † 22. Juni 1959 im Gefängnis Hohenasperg) war ein deutscher SS-Funktionär in der Zeit des Nationalsozialismus und ein Täter des Holocaust. Er war seit 1940 SS-Standartenführer, Leiter des SD-Abschnitts Münster, Führer des Einsatzkommandos 3 in Litauen und Polizeipräsident von Reichenberg/Sudetenland.

Herkunft[Bearbeiten]

Karl Jäger wurde am 20. September 1888 im schweizerischen Schaffhausen geboren. Im Alter von drei Jahren kam er nach Waldkirch im Breisgau, wohin sein Vater als Musikschullehrer und Dirigent der Stadtmusik berufen worden war. Er nahm am Ersten Weltkrieg teil und erhielt mehrere Auszeichnungen. Im Jahr 1923 gründete er die Ortsgruppe Waldkirch-Breisgau der NSDAP (Mitgliedsnr. 30.988 laut Lebenslauf). Nach 1933 zählte er daher als „alter Kämpfer“ und wegen dieser Aktivitäten erhielt er nach eigener Aussage den Spitznamen „Waldkircher Hitler“.[1] Jäger, der gelernter Orchestrionmacher war, wurde Mitinhaber und technischer Leiter der Orchestrionfabrik Weber in Waldkirch. Als das Unternehmen im Zuge der Weltwirtschaftskrise 1931 in Konkurs ging, wurde Jäger arbeitslos. Er weigerte sich nach eigener Aussage, von der von ihm verachteten Weimarer Republik Arbeitslosenunterstützung zu beziehen.[1] In den Jahren der Arbeitslosigkeit zehrte er sein ganzes Vermögen auf. In dieselbe Zeit fiel auch die Trennung von seiner Frau Emma; die Ehe wurde allerdings erst im Jahre 1940 geschieden.[1]

1932 wurde er in die SS (SS-Nr. 62.823) aufgenommen. In der SS machte er bald Karriere.

Leiter des SD-Abschnitts Münster[Bearbeiten]

Am 1. Mai 1938 wurde Jäger zum SS-Führer im SD-Hauptamt ernannt und 1939 als Leiter des SD-Abschnitts Münster eingesetzt.

„Wird trotzdem eine Jüdin schwanger, so ist sie zu liquidieren“. Eine Seite aus dem Bericht von Jäger

Bei den Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD in Litauen[Bearbeiten]

Nach einer zeitweiligen Verwendung in den besetzten Niederlanden wurde Jäger im Juni 1941 zum Führer des Einsatzkommandos 3 ernannt, das mit Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion im Verband der Einsatzgruppe A im Raum Litauen eingesetzt wurde.

Seit dem 23. September 1941[2] war er Kommandeur der Sicherheitspolizei und des SD für das Generalkommissariat Litauen mit Dienstsitz in Kaunas. Seine Dienststelle bestand einschließlich der Dolmetscher aus 141 Personen,[3] die durch litauische Hilfspolizei unterstützt wurden. Bekannt wurde er durch den sogenannten Jäger-Bericht vom 1. Dezember 1941, in dem er detailliert die Zahl der getöteten Juden, Roma und Geisteskranken aufzählte und mit der Gesamtsumme von 137.346 konstatierte:[4]

„Ich kann heute feststellen, dass das Ziel, das Judenproblem für Litauen zu lösen, vom EK. 3 erreicht worden ist. In Litauen gibt es keine Juden mehr, ausser den Arbeitsjuden incl. ihrer Familien.

Das sind

in Schaulen ca. 4.500
in Kauen " 15.000

in Wilna " 15.000.

Diese Arbeitsjuden incl. ihrer Familien wollte ich ebenfalls umlegen, was mir jedoch scharfe Kampfansage der Zivilverwaltung (dem Reichskommissar) und der Wehrmacht eintrug und das Verbot auslöste: Diese Juden und ihre Familien dürfen nicht erschossen werden! Das Ziel, Litauen judenfrei zu machen, konnte nur erreicht werden durch die Aufstellung eines Rollkommandos mit ausgesuchten Männern unter der Führung des SS-Obersturmführers Hamann, der sich meine Ziele voll und ganz aneignete und es verstand, die Zusammenarbeit mit den litauischen Partisanen und den zuständigen zivilen Stellen zu gewährleisten.“[5][6]

Sein Einsatz für die SS und die Ziele des Nationalsozialismus und den dazugehörigen Massenmord an den Juden wurde von seinen Vorgesetzten lobend gewürdigt. So erhielt er vom Reichsführer-SS Heinrich Himmler 1937/38 den Totenkopfring der SS und später den Ehrendegen des Reichsführers-SS. Von Hitler wurde ihm das Kriegsverdienstkreuz 2. Klasse und 1. Klasse mit Schwertern verliehen.

Polizeipräsident von Reichenberg[Bearbeiten]

Am 24. Mai 1944 wurde Jäger zum kommissarischen Polizeipräsidenten von Reichenberg im Sudetenland bestellt.

Nach dem Krieg[Bearbeiten]

Nach Kriegsende arbeitete Jäger offen, ohne seinen Namen zu verschleiern, als Landarbeiter in Wiesenbach bei Heidelberg.[7] Später lebte er bis zu seiner Verhaftung auf dem Kümmelbacher Hof bei Neckargemünd. Gesucht wurde er von amerikanischen Fahndungsbehörden schon 1948 wegen Mordes. Aber erst im April 1959 konnte er identifiziert und verhaftet werden. Vor Gericht wurde Jäger jedoch nicht gestellt, da er sich während der Untersuchungshaft im Gefängnis Hohenasperg am 22. Juni 1959 erhängte.[8]

Literatur[Bearbeiten]

Referenzen[Bearbeiten]

  1. a b c Vincas Bartuseviécius, Joachim Tauber, Wolfram Wette: Jägers Karriere in der SS 1936–1941. In: Holocaust in Litauen: Krieg, Judenmorde und Kollaboration im Jahre 1941. Böhlau Verlag Köln Weimar. S. 80–82. 2003. Abgerufen am 4. Dezember 2013.
  2. zum Datum vgl http://www.scribd.com/doc/20446398/Grosse-Ghetto-Grosse-Aktion-Kaunas-October-28-29-1941, wo unter Anm. 13 zitiert wird: Bubnys, Vokiečių okupuota Lietuva, page 78
  3. holocaust-history: jaeger-report (Zugriff 9. Januar 2014)
  4. Unter den Toten waren 55.556 Frauen und 34.464 Kinder. Vgl. Hans-Heinrich Wilhelm, Rassenpolitik und Kriegführung - Sicherheitspolizei und Wehrmacht in Polen und der Sowjetunion, Passau 1991, S. 26.
  5. Klee, Dreßen, Rieß, „Schöne Zeiten“. 1988, S. 52-62.
  6. The Jager Report. (engl.) In: A Teacher's Guide to the Holocaust. Florida Center for Instructional Technology. 2005. (alle Zahlen auch online)
  7. Von Tätern, die viele Opfer forderten In Schwetzinger Zeitung vom 13. November 2012
  8.  Jörg Schweigard: Hinter diesen Mauern In: Die Zeit. 22. Juli 2010, ISSN 0044-2070.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: „Jägerbericht“ – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien