Karl Löwith

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Karl Löwith (* 9. Januar 1897 in München; † 26. Mai 1973 in Heidelberg, Pseudonym: Hugo Fiala) war ein deutscher Philosoph. Obwohl protestantisch getauft, wurde er von den Nationalsozialisten als Jude verfolgt und musste 1934 aus Deutschland emigrieren. Seine Forschungsschwerpunkte waren Geschichtsphilosophie und das Denken Friedrich Nietzsches und Martin Heideggers.

Leben[Bearbeiten]

Karl Löwiths Eltern waren Wilhelm Löwith (1861–1932), ein renommierter Kunstmaler aus Drosau in Böhmen,[1] und Margarete Löwith geb. Hauser. Er besuchte das Realgymnasium in der Karl-Theodor-Straße 9 in München und meldete sich nach seinem Abitur freiwillig zum Kriegsdienst im Ersten Weltkrieg. Während des Krieges wurde er schwer verletzt und kam in italienische Kriegsgefangenschaft. 1917 wurde er auf dem Wege des Austauschs entlassen und kehrte in seine Heimatstadt München zurück. Dort fing er mit dem Studium der Biologie und Philosophie an. 1919 wechselte er nach Freiburg, wo er an der Albert-Ludwigs-Universität bei Edmund Husserl, dessen Assistent Martin Heidegger und dem Zoologen Hans Spemann studierte. 1922 kehrte er nach München zurück und promovierte 1923 bei dem Phänomenologen Moritz Geiger mit der Studie Auslegung von Nietzsches Selbst-Interpretation und von Nietzsches Interpretationen. 1924 folgte er Martin Heidegger nach Marburg und lernte dort Leo Strauss, Gerhard Krüger und Hans-Georg Gadamer sowie Hermann Deckert[2] kennen. 1928 habilitierte er bei Heidegger mit der Studie Das Individuum in der Rolle des Mitmenschen. Bis 1934 las er als Privatdozent über Geschichtsphilosophie, Existenzphilosophie, philosophische Anthropologie und Psychoanalyse an der Universität Marburg.

Aufgrund seiner jüdischen Herkunft war Löwith nach Beginn der Nazi-Herrschaft von Lehr- und Publikationsverboten betroffen. Er musste emigrieren und ging zunächst 1934 als Rockefeller-Stipendiat nach Italien. In den Jahren 1935 und 1936 beendete er in Rom die Arbeit an den Monographien Nietzsches Philosophie der ewigen Wiederkehr des Gleichen und Jacob Burckhardt. Von 1936 bis 1941 lehrte er in Japan als Professor an der Kaiserlichen Universität Tōhoku in Sendai (heutige Universität Tōhoku). Als deutscher Emigrant auch von Deutschlands Verbündetem Japan nicht mehr geduldet, siedelte Löwith 1941 in die USA über und wurde, auf Empfehlung von Paul Tillich und Reinhold Niebuhr, am Theologischen Seminar von Hartford, Connecticut angestellt. In dieser Zeit entstanden seine bekanntesten Schriften Von Hegel zu Nietzsche und Meaning in History (Weltgeschichte und Heilsgeschehen). In einem Brief aus dem Jahr 1948 an Leo Strauss beschrieb Löwith seine Situation am Seminar in Hartford als die „eines auf dem trockenen Sand der protestantischen Theologie nach Wasser und Luft schnappenden Fisches“. 1949 wurde er dann an die New School for Social Research in New York berufen, wo er bis 1952 tätig war.

Durch Vermittlung Gadamers erhielt Löwith 1952 einen Ruf an die Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg und lehrte dort bis zu seiner Emeritierung 1964. Während dieser Zeit entstanden unter anderem Heidegger - Denker in dürftiger Zeit, Kritik der geschichtlichen Existenz und Gott, Mensch und Welt in der Metaphysik von Descartes bis zu Nietzsche. 1969 wurde ihm die Ehrendoktorwürde der Universität Bologna verliehen. 1973 starb Löwith im Alter von 76 Jahren in Heidelberg.

Philosophie[Bearbeiten]

Löwith wird zum Schülerkreis Martin Heideggers gezählt, hat sich aber schon früh von ihm distanziert und insb. in der NS-Zeit entfremdet. Löwith gilt als skeptischer und agnostischer Philosoph. Eines seiner Hauptthemen war Säkularisierung der christlichen Philosophie und ihrer Heilserwartung durch Geschichtsphilosophie (Hegel, Marx) und Existenzialismus. Er ist bekannt als Kritiker der neuzeitlichen Metaphysik und auch eines existenziellen Pathos. Er charakterisiert das moderne Geschichtsdenken als eine zwiespältige Verschränkung einer antiken Geschichtsauffassung (zyklisch/periodisch, ewiger Ausgleich von hybris und nemesis, nach Herodot, Thukydides, Polybios, gelenkt durch fatum und fortuna, Ewigkeit der kosmischen Ordnung) und eines jüdisch-christlichen Geschichtsverständnisses (geprägt von Eschatologie und Prophetie, begrenzt durch finis und gerichtet auf ein telos). Seine Perspektive auf die Philosophiegeschichte kommt in Selbstcharakterisierungen wie der Folgenden zum Ausdruck:

„Daß wir aber überhaupt die Geschichte im ganzen auf Sinn und Unsinn hin befragen, ist selbst schon geschichtlich bedingt: jüdisches und christliches Denken haben diese maßlose Frage ins Leben gerufen. Nach dem letzten Sinn der Geschichte ernstlich zu fragen, überschreitet alles Wissenkönnen und verschlägt uns den Atem; es versetzt uns in ein Vakuum, das nur Hoffnung und Glaube auszufüllen vermögen.Die Griechen waren bescheidener. Sie maßten sich nicht an, den letzten Sinn der Weltgeschichte zu ergründen. Sie waren von der sichtbaren Ordnung und Schönheit des natürlichen Kosmos ergriffen.“

Löwith: Weltgeschichte und Heilsgeschehen, Sämtliche Schriften Bd. 2, S. 14

Löwiths Vorgehen einer Kritik philosophischer Einstellungen durch philosophiegeschichtliche Analysen ähnelt der Methode, die Heidegger "Destruieren" nennt. Klaus Podak schreibt dazu:

Destruieren ist ein Fremdwort für Zerstören. Diesem Ausdruck haftet etwas von Aggressivität und Gewalttätigkeit an. Löwiths große Lese- und Analysierkunst hatte aber die Eigentümlichkeit, daß sie ein verständnisvolles, ein oft geradezu liebevolles Destruieren war. Er konnte und kann mit seinem Werk noch immer seinen Lesern bis in kleine Verästelungen hinein, die er mit meisterlich ausgesuchten Zitaten sichtbar macht, einen Begriff und sogar eine Anschauung davon geben, warum die Welterklärungsversuche der von ihm sezierten Denker so faszinierend und so wirkungsmächtig waren, daß sie das Denken ihrer Zeit in Bahnen lenken konnten, die uns auch heute noch aus völlig verständlichen Gründen versucherisch anlocken. [...] hinzu also kommt eine nicht anders als urban zu nennende Schreibweise, die jeden Leser mit einem zivilisierten Vergnügen erfreut und belohnt.[3]

Schriften[Bearbeiten]

Sämtliche Schriften, 9 Bde. Hrsgg. von Klaus Stichweh, Marc B. de Launay, Bernd Lutz u. Henning Ritter, Stuttgart 1981-1988:

  • Bd. 1: Mensch und Menschwelt. Beiträge zur Anthropologie, 1981
  • Bd. 2: Weltgeschichte und Heilsgeschehen. Zur Kritik der Geschichtsphilosophie, 1983
  • Bd. 3: Wissen, Glaube und Skepsis. Zur Kritik von Religion und Theologie, 1985
  • Bd. 4: Von Hegel zu Nietzsche, 1988; Neuausgabe: Meiner, Hamburg 1995. ISBN 978-3-7873-1359-4
  • Bd. 5: Hegel und die Aufhebung der Philosophie im 19. Jahrhundert - Max Weber, 1988
  • Bd. 6: Nietzsche, 1987
  • Bd. 7: Jacob Burckhardt, 1984
  • Bd. 8: Heidegger - Denker in dürftiger Zeit. Zur Stellung der Philosophie im 20. Jahrhundert, 1984
  • Bd. 9: Gott, Mensch und Welt - G.B.Vico und Paul Valéry, 1986
  • (1923): Auslegung von Nietzsches Selbst-Interpretation und von Nietzsches Interpretationen; Diss. München
  • (1935): Politischer Dezisionismus, in: Revue internationale de la théorie du droit / Internationale Zeitschrift für Theorie des Rechts 9, 101-123 (Schmitt-Kritik, veröff. unter dem Pseudonym Hugo Fiala)
  • (1960): Der Weltbegriff der neuzeitlichen Philosophie, Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, 4. Abhandlung
  • (1990): Der Mensch inmitten der Geschichte. Philosophische Bilanz des 20. Jahrhunderts, Stuttgart
  • (2007): Mein Leben in Deutschland vor und nach 1933. Ein Bericht, neu herausgegeben von Frank-Rutger Hausmann, mit einem Vorwort von Reinhart Koselleck, 2. Aufl. ISBN 3-476-02181-5 ISBN 978-3-476-02181-6
  • (2013): Der japanische Geist, aus d. Engl. v. A. Brock, Vorw. v. L. Jäger, Vlg.: Matthes & Seitz Berlin, ISBN 978-3-88221-661-5. (Der Band enthält die beiden Ausarbeitungen "Der japanische Geist" (1943) und "Japans Verwestlichung und moralische Grundlage" (1942-43).)
Korrespondenz
  • „Karl Löwith and Leo Strauss: Correspondence“. In: Independent Journal of Philosophy 5/6 (1988), S. 177-192.
  • „Briefwechsel, Karl Löwith und Eric Voegelin“. In: Sinn und Form 6/2007, S. 764-794.

Literatur[Bearbeiten]

  • Hermann Braun (Red.), Manfred Riedel: Natur und Geschichte. Karl Löwith zum 70. Geburtstag. Kohlhammer, Stuttgart 1967. – Inhaltsverzeichnis (PDF; 0,6 MB).
  • Mihran Dabag: Löwiths Kritik der Geschichtsphilosophie und sein Entwurf einer Anthropologie. Studienverlag Brockmeyer, Bochum 1989, ISBN 3-88339-710-5.
  • Jürgen Habermas: Karl Löwiths stoischer Rückzug vom historischen Bewußtsein . In: Ders.: Philosophisch-politische Profile. Erweiterte Ausgabe, erste Auflage. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1987, ISBN 3-518-28259-X, S. 195–216.
  • Birgit Heiderich: Zum Agnostizismus bei Karl Löwith. In: Heinz Robert Schlette (Hg.): Der moderne Agnostizismus. Patmos-Verlag, Düsseldorf 1979, ISBN 3-491-77307-5, S. 92–109.
  • Jacek Koltan: Der Mitmensch. Zur Identitätsproblematik des sozialen Selbst ausgehend von der Frühphilosophie Martin Heideggers und Karl Löwiths. Königshausen und Neumann, Würzburg 2012, ISBN 3-8260-4570-X.
  • Burkhard Liebsch: Verzeitlichte Welt. Variationen über die Philosophie Karl Löwiths. Königshausen und Neumann, Würzburg 1995, ISBN 3-88479-995-9.
  • Bernd Lutz: Art. über Löwith in: Ders. (Hg.): Metzler Philosophen-Lexikon. Dreihundert biographisch-werkgeschichtliche Porträts von den Vorsokratikern bis zu den neuen Philosophen. Metzler, Stuttgart (u.a.) 1989, ISBN 3-476-00639-5, S. 464–470; auch in: Ders. (Hg.): Die großen Philosophen des 20. Jahrhunderts. Biographisches Lexikon. Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 1999, ISBN 3-423-32517-8, S. 279–285.
  • Cathleen Muehleck: Löwith, Karl. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 15, Duncker & Humblot, Berlin 1987, ISBN 3-428-00196-6, S. 112–114 (Digitalisat)
  • Werner RauppKarl Löwith. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 19, Bautz, Nordhausen 2001, ISBN 3-88309-089-1, Sp. 941–955.
  • Manfred Riedel: Karl Löwiths philosophischer Weg. In: Heidelberger Jahrbücher. Band 14.1970, ISSN 0073-1641. Springer, Berlin 1970, S. 120–133.
  • Wiebrecht Ries: Karl Löwith. Metzler, Stuttgart 1992, ISBN 3-476-10264-5.
  • Wolfgang Schwentker: Karl Löwith und Japan. In: Archiv für Kulturgeschichte. Band 76/2.1994, ISSN 0003-9233. Böhlau, Köln (u.a.) 1994, S. 415–449.
  • Liliane Weissberg: Karl Löwiths Weltreise. In: Monika Boll/Raphael Gross (Hrsg.): "Ich staune, dass Sie in dieser Luft atmen können". Jüdische Intellektuelle in Deutschland nach 1945 (=Schriftenreihe des Fritz Bauer Instituts, Bd. 28). S. Fischer, Frankfurt a.M. 2013, S. 126–170.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Prager und Provinzial-Nachrichten. (…) Dem Maler Wilhelm Löwith aus Drosau bei Klattau in Böhmen (…). In: Prager Abendblatt. Beilage zur Prager Zeitung / Prager Abendblatt, Nr. 1/1902, 2. Jänner 1902, S. 2, Mitte oben. (Online bei ANNO)Vorlage:ANNO/Wartung/pab.
  2. Hans-Georg Gadamer: Marburger Erinnerungen: IV. Dozentenjahre, in: alma mater philippina, Wintersemester 1974/75, Marburg 1974, S. 22
  3. Klaus Podak: Ein glaubensloser Mensch des Denkens. Philosophie ohne Verheißung – Karl Löwith zum 100. Geburtstag, in: Süddeutsche Zeitung vom 11. Januar 1997