Karl Landsteiner

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Dieser Artikel behandeltden österreichischen Pathologen. Für den katholischen Theologen siehe Karl Borromäus Landsteiner.
Karl Landsteiners Bronzebüste in der Polio Hall of Fame

Karl Landsteiner (* 14. Juni 1868 in Baden bei Wien; † 26. Juni 1943 in New York) war ein österreichisch-US-amerikanischer Pathologe und Serologe, der 1901 das AB0-System der Blutgruppen entdeckte, wofür er 1930 den Nobelpreis für Medizin erhielt. 1921 führten ihn weitere Arbeiten zur Prägung des Begriffs Hapten; 1940 entdeckte er außerdem mit Alexander Solomon Wiener den Rhesusfaktor.

Anfang der Karriere[Bearbeiten]

Landsteiners Vater Leopold (1817 Wien – 22. Februar 1875 ebenda), ein bekannter Journalist und erster Chefredakteur der Zeitung Die Presse, starb mit 58 Jahren, als Karl sechs Jahre alt war. Dadurch hatte er eine sehr enge Beziehung zu seiner Mutter Fanny, geb. Heß, und ihre Totenmaske hing bis zu seinem Tod in seinem Schlafzimmer. Landsteiner studierte nach seiner am heutigen Gymnasium Wasagasse in Wien mit Vorzug bestandenen Matura [1] ab 1885 an der Universität Wien Medizin und promovierte dort 1891. Während seines Studiums veröffentlichte er eine Arbeit über den Einfluss von Diäten auf die Zusammensetzung des Blutes.

Nach seinem Studium verbrachte Landsteiner fünf Jahre im Ausland in Laboratorien in Zürich bei Arthur Hantzsch, in Würzburg beim berühmten deutschen Chemiker Emil Fischer und in München bei Eugen Bamberger. 1896 kehrte er nach Wien zurück und wurde Assistent am von Max von Gruber geleiteten Hygienischen Institut. Dort führte er Studien über den Mechanismus der Immunität und das Wesen von Antikörpern durch. Zwischen 1898 und 1908 war Landsteiner Assistent an der Pathologischen Anatomie der Universität Wien, danach bis 1919 Prosektor am Wilhelminenspital in Wien. 1903 habilitierte er sich bei Anton Weichselbaum im Fach Pathologie und 1911 erfolgte die Ernennung Landsteiners zum außerordentlichen Professor für Pathologie. Während dieser Zeit veröffentlichte er viele medizinische Arbeiten, unter anderem über die Übertragung der Kinderlähmung. Landsteiners Leistung – zusammen mit Erwin Popper – war der endgültige Nachweis, dass Kinderlähmung eine infektiöse Krankheit ist und durch Injektion von Rückenmarkflüssigkeit eines an der Krankheit verstorbenen Kindes auf Affen übertragen und von einem Tier zum nächsten übertragen werden kann.[2] Für seine bahnbrechenden Erkenntnisse, die als Grundlage für die Poliobekämpfung gelten, wurde er posthum in die Polio Hall of Fame in Warm Springs (Georgia) aufgenommen, die im Januar 1958 eingeweiht wurde.

Entdeckung der Blutgruppen[Bearbeiten]

Karl Landsteiner in seinem Labor im Pathologisch-Anatomischen Institut der Universität Wien (Rückseite der 1000-Schilling-Banknote, 1997)

Landsteiner entdeckte 1900, dass bei Kontakt das Blut zweier Menschen oft verklumpte (Hämagglutination). 1901 stellte er fest, dass dieser Effekt auch durch Kontakt von Blut mit Blutserum eintrat. In seiner Arbeit „Über Agglutinationserscheinungen normalen menschlichen Blutes“, welche 1901 in der „Wiener klinischen Wochenschrift“ der Gesellschaft der Ärzte in Wien erschien, berichtete er erstmals in einer Fußnote über die Annahme, dass es drei verschiedene Blutgruppen geben müsse.[3] In der Folge gelang es ihm dann, die drei Blutgruppenmerkmale A, B, und 0, die er als C bezeichnete, des menschlichen Blutes zu identifizieren.[4] Das (erst 1910 von Emil von Dungern und Ludwik Hirszfeld so bezeichnete) Blutgruppenmerkmal AB wurde 1902 von zwei Kollegen Landsteiners, dem Wiener Internisten Alfred von Decastello-Rechtwehr (1872–1960) und dessen Mitarbeiter Adriano Sturli (1873–1964), entdeckt. Die 1910 von Dungern und Hirszfeld vorgeschlagene AB0-Nomenklatur wurde übrigens erst 1928 auch international übernommen.

Landsteiner war es auch, der erkannte, dass die Bluttransfusion zwischen Personen der gleichen Gruppe nicht zur Zerstörung der Blutzellen führte, wohl aber zwischen Personen verschiedener Blutgruppen, so dass im Jahre 1907 die erste erfolgreiche, auf seinen Arbeiten basierende Bluttransfusion am Mount Sinai Hospital in New York von Reuben Ottenberg durchgeführt werden konnte.

Heute weiß man, dass Menschen mit der Blutgruppe AB Erythrozyten aller anderen Blutgruppen akzeptieren (Universalempfänger), Erythrozyten der Blutgruppe 0 können von allen Gruppen empfangen werden (Universalspender). Dies liegt daran, dass Menschen mit der Blutgruppe AB keine Antikörper gegen die Blutgruppe A oder B bilden. Die Blutgruppe 0 dagegen besitzt weder das Merkmal A noch das Merkmal B, so dass nach der Übertragung beim Empfänger auch keine Antikörper dagegen gebildet werden können.

Heutzutage werden bei Bluttransfusionen nur Erythrozytenkonzentrate ohne Blutserum mit Antikörpern übertragen. Diese Erkenntnis ist besonders bei Bluttransfusionen und Operationen sehr wichtig. Für die Entdeckung der Blutgruppen erhielt Landsteiner 1930 den Nobelpreis für Medizin.

Weitere Forschungstätigkeit[Bearbeiten]

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs folgte Landsteiner 1919 der Berufung nach Den Haag, wo er die Prosektur eines kleinen Katholischen Krankenhauses leitete, in zwölf Veröffentlichungen jedoch weiterhin verschiedene serologische Probleme behandelte. So berichtete er 1921 über niedermolekulare „spezifische Substanzen“, die die Bindung an ein Protein benötigen um ein sog. Vollantigen zu werden, und für die er die Bezeichnung Haptene vorschlug. 1922 nahm Landsteiner eine Stelle am Rockefeller-Institut in New York an, wo er zusammen mit dem Amerikaner Alexander Solomon Wiener den Rhesusfaktor im Blut von Rhesusaffen entdeckte. Neben der Arbeit an den Blutgruppen beschäftigte er sich mit Fragen zur Entstehung der Paroxysmalen Kältehämoglobinurie, in deren Folge die Donath-Landsteiner-Reaktion als Test zur Diagnosesicherung entwickelt werden konnte. In den Jahren 1927/1928 fungierte er als Präsident der American Association of Immunologists.

Auf dem Gebiet der Bakteriologie gelang es Landsteiner zusammen mit Clara Nigg in den Jahren 1930–1932 Rickettsia prowazekii, den Fleckfiebererreger, in lebenden Gewebekulturen zu züchten.

In seinen letzten Jahren arbeitete er an onkologischen Fragestellungen, da seine Frau an einem bösartigen Tumor der Schilddrüse erkrankt war.

Karl Landsteiner war ein Mensch voller Energie und Forscherdrang. Typisch dafür ist auch sein Ende: Mit 75 Jahren, am 24. Juni 1943, erlitt er während der Arbeit in seinem Labor am Rockefeller-Institut einen Herzinfarkt, dem er zwei Tage später erlag. Seine Frau starb am Weihnachtstag desselben Jahres.

Im Laufe seines Lebens empfing er viele hohe Auszeichnungen, darunter Ehrendoktorate von Universitäten – eines allerdings fehlt, das von Wien. Lediglich im Arkadenhof der Wiener Universität wurde ihm eine Gedenkplakette gewidmet. Seit 1929 besaßen er und seine Familie die US-amerikanische Staatsbürgerschaft. 1946 wurde er posthum mit dem Albert Lasker Award for Clinical Medical Research ausgezeichnet.

Privatleben[Bearbeiten]

1916 heiratete Landsteiner nach langjähriger Verlobungszeit (Landsteiner konnte sich aufgrund seiner freiwilligen Arbeitslast nicht zur Heirat entschließen) Leopoldine Helene, geborene Wlasto. Sie war die Tochter des Mesners der griechisch-orientalischen Kirchengemeinde zu St. Georg. Aufgrund ihrer Liebe zu ihm verließ sie ihre angestammte Konfession, um ihrem – 1890 vom Judentum zum katholischen Bekenntnis konvertierten[5] – Gatten auch religiös näher zu sein. 1917 wurde sein Sohn Ernst Karl geboren. Landsteiner war ein guter und äußerst besorgter Vater, dem es im letzten Kriegsjahr gelang, eine Ziege aufzutreiben, so dass trotz allen Mangels wenigstens frische Milch im Haus zur Verfügung stand. Eigenhändig sammelte er Kräuter, damit daraus Ersatzspinat gekocht werden konnte. In der Gemeinde Purkersdorf hatte er ein Haus gekauft, damit sein Nachwuchs nicht in der Stadt, im 9. Wiener Gemeindebezirk, aufwachsen musste.
Privat las er gerne, heimlich auch Kriminalromane – heimlich deswegen, weil er diese Lektüre eigentlich als unter seiner Würde empfand.

Aussehensmäßig strahlte er große Würde aus, war ein Hüne von Gestalt, von kräftiger Statur mit herabhängendem Schnurrbart und einem vergeistigt-forschenden Blick.

Obwohl er seit 1929 die amerikanische Staatsbürgerschaft hatte, fühlte er sich zeit seines Lebens als Europäer, sprach Deutsch allerdings nur dann, wenn er ungehalten wurde, wie seine Schüler an der Universität feststellten.

Seine Frau und er wurden Seite an Seite in Nantucket, Massachusetts, beigesetzt.[1]

Landsteiner war ein ausgezeichneter Pianist. Er hatte einen großen Bechsteinflügel in seinem Salon.

Würdigung[Bearbeiten]

Karl Landsteiner auf der 1000-Schilling-Banknote (1997)

Werke (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Über die Agglutinationserscheinungen normalen menschlichen Blutes. 1901.
  • Die Spezifizität der serologischen Reaktionen. 1933.

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Karl Landsteiner – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Große Österreicher, Ueberreuter, Hrsg.Thomas Chorherr, Autor Dr. Pia Maria Plechl
  2. Titel der Publikation: Landsteiner, K. und Popper, E.: Übertragung der Poliomyelitis acuta auf Affen in Zeitschrift für Immunitätsforschung und experimentelle Therapie, Band 2 (1909), S. 377–390
  3.  Karl Landsteiner: Ueber Agglutinationserscheinungen normalen menschlichen Blutes. In: Wiener klinische Wochenschrift. Wien 1901.
  4. Titel der Veröffentlichung: Zur Kenntnis der antifermantativen, lytischen und agglutinierenden Wirkung des Blutserums und der Lymphe in Centralblatt f. Bakteriologie, Parasitenkunde u. Infektionskrankheiten, Band 27 (1900) S. 357–362
  5. Anna L. Staudacher: „… meldet den Austritt aus dem mosaischen Glauben“. 18000 Austritte aus dem Judentum in Wien, 1868–1914: Namen – Quellen – Daten. Peter Lang, Frankfurt/M. u. a. 2009, ISBN 978-3-631-55832-4, S. 349.
  6. 100. Geburtstag von Dr. Karl Landsteiner
  7. Ratsversammlung vom 18. Mai 2011 (Beschluss-Nr. RBV-822/11), amtliche Bekanntmachung: Leipziger Amtsblatt Nr. 11 vom 4. Juni 2011, bestandskräftig seit dem 5. Juli 2011 bzw. 5. August 2011. Vgl. Leipziger Amtsblatt Nr. 16 vom 10. September 2011