Karl Ludwig von Haller

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Karl Ludwig von Haller

Karl Ludwig von Haller (auch Carl) (* 1. August 1768 in Bern; † 20. Mai 1854 in Solothurn) war ein Schweizer Staatsrechtler, Politiker, Publizist und Nationalökonom in Bern. Er gilt als Vordenker eines frühen, reaktionären Konservatismus.

Leben[Bearbeiten]

Karl Ludwig von Haller ist der Enkel des Universalgelehrten Albrecht von Haller (1708-1777). Aufgewachsen in Bern im Milieu des calvinistisch geprägten Patriziats der Stadt, trat er 1786 in den Staatsdienst ein und war unter anderem diplomatisch und nebenbei auch bereits schriftstellerisch tätig. 1798 floh er vor den anrückenden französischen Revolutionsarmeen nach Süddeutschland, wo er Stationen in Augsburg, Nürnberg und Weimar machte und antifranzösische bzw. antirevolutionäre Schriften verfasste. Nach einem Aufenthalt in Wien ab 1800/01 kehrte er 1806 nach Bern zurück und wurde im Jahr 1807 – obwohl er Autodidakt war, nicht studiert hatte – als Professor für allgemeines Staatsrecht, vaterländische Geschichte und Kameralistik an die Berner Akademie berufen.[1] Hier lehrte er wohl bis 1814, wurde dann in den Großen Rat der Stadt Bern gewählt und begann zeitgleich mit der Ausarbeitung seines Hauptwerks, der „Restauration der Staatswissenschaft“.

Nachdem er sich vom Katholizismus stark angezogen fühlte, konvertierte er 1820 im Geheimen und rechtfertigte diesen Schritt in seinem 1822 als Broschüre veröffentlichten „Lettre à sa famille“, was einen Skandal – nicht zuletzt im protestantischen Bern – und erhebliche Polemik Haller gegenüber auslöste.[2] In der Folge war er gezwungen, von allen öffentlichen Ämtern zurückzutreten. Noch im selben Jahr ging er nach Paris, wo er sich als ultraroyalistischer Publizist betätigte, die Bekanntschaft de Bonalds und Lamennais' machte und 1824 ins französische Außenministerium berufen wurde. Im Mai 1830 ernannte man ihn schließlich zum Professor an der École des Chartes, jedoch musste er im Zuge der Julirevolution wiederum das Land verlassen. Haller kehrte nach diesem erneuten Exil in die Schweiz zurück, lebte in Solothurn und wirkte bis zu seinem Tode im Jahr 1854 als konservativer Publizist und Schriftsteller.

Denken[Bearbeiten]

Weit über die Schweiz hinaus bekannt wurde Karl Ludwig von Haller durch seine Schrift „Restauration der Staatswissenschaft“ (1816–1834), mit ganzem Titel eigentlich: „Restauration der Staats-Wissenschaft oder Theorie des natürlich-geselligen Zustands der Chimäre des künstlich-bürgerlichen entgegengesezt“. In diesem seinem zu großer zeitgenössischer Bekanntheit gelangtem, mehrbändigen Hauptwerk vertrat er eine bisweilen extreme Position starker, eigenständiger Fürstenmacht, die als direkter Gegenentwurf zum politischen Denken der Aufklärung und der Revolutionäre von 1789 angelegt ist.

Ausgehend von der Behauptung, dass das gesamte revolutionäre Gedankengut schlichtweg auf Verdrehung und Verdunkelung der politischen und rechtlichen Wirklichkeit beruhe und die Fürsten in Wahrheit durch ihr ursprüngliches Eigentum am Staat auch das ungeteilte Recht auf die oberste Staatsgewalt besäßen, entwickelt er eine Theorie des „Patrimonialstaates“, in dem alle sozialen und politischen Beziehungen zwischen den Menschen rein privatrechtlicher und nicht öffentlich-rechtlicher Natur sind. Er bedient sich bei seiner Argumentation einer historischen Kritik der Vertragstheorie und ihrer Grundannahmen sowie des Gedankens einer natürlich-göttlichen Weltordnung, die ohne jedes aufklärerische Naturrecht jedem Menschen dem ihm gebührenden Platz in der Gesellschaft zuweist, einfach kraft des Gesetzes von der „Herrschaft des Mächtigeren“. Diese Pointe brachte Haller in späterer Zeit den Vorwurf eines „Machtnaturalismus“ ein,[3] wohingegen das Fehlen jedweden öffentlichen Rechts in seinem Konzept, bzw. des öffentlich-rechtlichen Charakters der Staatsgewalt, bereits früh und auch von konservativer Seite kritisiert wurde. Man warf ihm unter anderem vor, einen „Patrimonialstaat“ des Mittelalters wiederbeleben zu wollen und mit seiner Theorie lediglich die Interessen der landbesitzenden Oberschicht (etwa der preußischen „Junker“) zu verteidigen.

Auch wenn sein Konzept breit kritisiert und selbst innerhalb der späteren konservativen Theoriebildung kaum rezipiert worden ist, hatte die Lektüre der „Restauration“ dennoch einen nachweisbaren Mobilisierungseffekt auf einige konservative Politiker der späteren Jahrzehnte, so etwa Ernst Ludwig von Gerlach und seine Mitstreiter in deren Jugendzeit, Carl Ernst Jarcke oder Carl Wilhelm von Lancizolle.[4]

Nach dem Titel seiner Schrift erhielt die historische Phase der „Restauration“ nach dem Wiener Kongress, ca. 1815 bis 1830, ihren Namen.

Belege[Bearbeiten]

  1. Vgl. Kraus, Hans-Christof (1996): Artikel "Haller, Carl Ludwig von", in: Schrenk-Notzing, Caspar (Hrsg.): Lexikon des Konservatismus. Graz: Leopold Stocker Verlag, S. 228-230.
  2. Vgl. Maschke, Günther (2010): Artikel „Haller, Carl Ludwig von“, in: Voigt, Rüdiger/Weiß, Ulrich (Hrsg.): Handbuch Staatsdenker. Stuttgart: Franz Steiner Verlag, S. 147-149.
  3. Vgl. Kraus, 1996.
  4. Vgl. Maschke, 2010.

Werke (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Handbuch der allgemeinen Staaten-Kunde. Steiner'schen Buchhandlung, Winterthur, 1808. Digitalisat
  • Politische Religion oder biblische Lehre über die Staaten. Steiner'schen Buchhandlung, Winterthur, 1811. Digitalisat
  • Was sind Unterthanen-Verhältnisse?, o.O., 1814 (online)
  • Restauration der Staats-Wissenschaft oder Theorie des natürlich-geselligen Zustands der Chimäre des künstlich-bürgerlichen entgegengesezt, 6 Bände (in zwei Auflagen), Winterthur, 1817–1834 doi:10.3931/e-rara-24495.
  • Ueber die Constitution der spanischen Cortes, o.O., 1820. Digitalisat
  • Lettre de M. Charles-Louis de Haller, membre du conseil souverain de Berne, à sa famille, pour lui déclarer son retour à l'église catholique, apostolique et romaine [dt., Schreiben des Herrn Carl Ludwig von Haller an seine Familie; um Ihr seinen Übertritt zur Römisch-katholischen-apostolischen Kirche zu eröffnen], Paris/Lyon, 1821. Digitalisat
  • Freymaurerey und ihr Einfluss auf die Schweiz, Schaffhausen: Hurter, 1840. Digitalisat

Literatur[Bearbeiten]

  • Heinrich Gottlieb Tzschirner: Der Uebertritt des Herrn von Haller zur katholischen Kirche. Vogel, Leipzig 1821 Digitalisat
  • Emil BlöschHaller, Karl Ludwig von. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 10, Duncker & Humblot, Leipzig 1879, S. 431–436.
  • Edgar BonjourHaller, Karl Ludwig von. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 7, Duncker & Humblot, Berlin 1966, ISBN 3-428-00188-5, S. 549 f. (Digitalisat).
  • Kurt Guggisberg: Carl Ludwig von Haller. Frauenfeld/Leipzig 1938
  • Hans-Christof Kraus (1996): Artikel "Haller, Carl Ludwig von", in: Schrenk-Notzing, Caspar (Hrsg.): Lexikon des Konservatismus. Graz: Leopold Stocker Verlag, S. 228-230.
  • Herbert R. Liedke: The German Romanticists and Carl Ludwig von Hallers Doctrines of European Restauration. In: The Journal of English and Germanic Philology. 1958
  • Günther Masche (2010): Artikel „Haller, Carl Ludwig von“, in: Voigt, Rüdiger/Weiß, Ulrich (Hrsg.): Handbuch Staatsdenker. Stuttgart: Franz Steiner Verlag, S. 147-149.
  • Dijon de Monteton, Charles Philippe: Die Entzauberung des Gesellschaftsvertrags. Ein Vergleich der Anti-Sozial-Kontrakts-Theorien von Carl Ludwig von Haller und Joseph Graf de Maistre im Kontext der politischen Ideengeschichte. Frankfurt am Main 2007, ISBN 978-3-631-55538-5
  • Christoph Pfister: Die Publizistik Karl Ludwig von Hallers in der Frühzeit. 1791–1815. Bern: Herbert Lang; Frankfurt/M.: Peter Lang 1975.
  • Albert Portmann-Tinguely: Haller, Karl Ludwig von. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 17, Bautz, Herzberg 2000, ISBN 3-88309-080-8, Sp. 587–614.
  • Ewald Reinhard: Carl Ludwig von Haller – Ein Lebensbild aus der Zeit der Restauration. Köln 1915
  • Ewald Reinhard: Carl Ludwig von Haller, der «Restaurator der Staatswissenschaft». Münster 1933
  • Ewald Reinhard: Der Streit um Carl Ludwig von Hallers «Restauration der Staatswissenschaft». In: Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft. 1955, S. 115-130
  • Ronald Roggen: Restauration – Kampfruf und Schimpfwort. Eine Kommunikationsanalyse zum Hauptwerk des Staatstheoretikers Karl Ludwig von Haller (1768–1854). Dissertation Freiburg/Schweiz 1999.
  • Wilhelm Hans von Sonntag: Die Staatsauffassung Carl Ludwig von Hallers, ihre metaphysische Grundlegung und ihre politische Formung. Jena 1929

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Karl Ludwig von Haller – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikisource: Karl Ludwig von Haller – Quellen und Volltexte