Karl Mayr (SPD)

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Karl Mayr (* 5. Januar 1883 in Mindelheim; † 9. Februar 1945 im KZ Buchenwald) war ein deutscher Offizier und politischer Aktivist. Nach der Novemberrevolution 1918 war Mayr in Bayern für die Reichswehr nachrichtendienstlich tätig. Weil er Adolf Hitler als V-Mann rekrutierte und ihn als Beobachter zu Versammlungen der DAP, der späteren NSDAP, schickte, gilt er als einer der politischen „Geburtshelfer“ Hitlers. Nach einem grundsätzlichen politischen Gesinnungswandel baute Mayr das pro-republikanische Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold mit auf.

Leben[Bearbeiten]

Jugend und Erster Weltkrieg[Bearbeiten]

Er war der Sohn des Oberlandesgerichtsrates Albert Mayr (1848–1938).

Nach dem Schulbesuch, den er 1901 mit dem Abitur am Wilhelmsgymnasium München[1] abschloss, trat Mayr am 14. Juli 1901 als Fahnenjunker in das 1. Infanterie-Regiment „König“ der Bayerischen Armee in München ein. Nach seiner Kommandierung zur Kriegsschule wurde Mayr 1903 zum Leutnant befördert. 1909 stieg er zum Regimentsadjutant auf. Seine 1913 begonnene Ausbildung an der Kriegsakademie musste er 1914 als Oberleutnant nach dem Ende des ersten Lehrgangs wegen des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs vorzeitig abbrechen.

Mit der Mobilmachung wurde Mayr kurzzeitig als Beobachter der Fliegerabteilung des II. Armee-Korps zugeteilt, kehrte dann aber wieder zum 1. Infanterie-Regiment „König“ zurück und beteiligte sich an den Kämpfen in Lothringen und Frankreich. Mit der Bildung der 1. Jäger-Brigade wurde Mayr Ende Mai 1915 zum Brigadestab versetzt und dort am 1. Juni 1915 zum Hauptmann befördert. Von September 1916 bis Januar 1918 war er Generalstabsoffizier beim Alpenkorps. Anschließend mit der Führung des 2. Jägerbataillons beauftragt, wurde Mayr am 13. März 1918 zum Kommandeur des 1. Jägerbataillon „König“ ernannt. Im Juli 1918 wurde er zur Deutschen Militärmission in die Türkei abkommandiert. Vom 20. Juli bis zum 15. Oktober 1918 war er dort bei der Heeresgruppe Ost und der Armee des Islam eingesetzt.

Weimarer Republik[Bearbeiten]

Kurz nach Kriegsende, ab dem 1. Dezember 1918, agierte Mayr kurzfristig beim bayerischen Kriegsministerium und als Kompaniechef beim 1. bayerischen Infanterieregiment in München. Am 15. Februar 1919 wurde er vom Militär beurlaubt, kehrte aber bereits im Mai als Kommandeur des 6. Bataillons des Wachregiments München und ab dem 30. Mai als Leiter der Nachrichten- und Propagandaabteilung beim Generalkommando Oven und des Gruppenkommandos Nr. 4 (Abteilung Ib) unter Generalleutnant Arnold von Möhl zurück.[2]

In seiner Eigenschaft als Leiter der Nachrichtenabteilung pflegte Mayr vielfältige Kontakte zu antibolschewistischen, antisemitischen und separatistischen Gruppierungen und Personen in Bayern, denen er auch politisch nahestand.[3] Eine seiner Aufgaben bestand darin, Aufklärungskurse für Bildungsoffiziere und Vertrauensmänner der Truppe zu organisieren, um sie propagandistisch zu schulen. Anfang Juni 1919 rekrutierte Mayr dabei den Kriegsheimkehrer Adolf Hitler als Militärspitzel und „Aufklärungsredner“. Mayr ließ Hitler einen Kurs im Reichswehrlager Lechfeld bei Augsburg durchlaufen, in dem den von Krieg demoralisierten und „bolschewisierten Truppen“ nationale Gesinnung beigebracht werden sollte. Nach dieser Ausbildung erteilte Mayr Hitler den Auftrag, als „antibolschewistischer Aufklärungsredner“ vor den Soldaten der Münchener Kasernen aufzutreten. Außerdem wurde Hitler als Beobachter zu Versammlungen der zahlreichen zu dieser Zeit in München neu gegründeten politischen Parteien geschickt. Dort wohnte Hitler den Sitzungen bei und verfasste Berichte über die politischen Vorstellungen, Ziele und Methoden der betreffenden Gruppen. In diesem Zusammenhang nahm Hitler auf Veranlassung Mayrs am 12. September 1919 an einer Sitzung der von Anton Drexler gegründeten Deutschen Arbeiterpartei teil. Nach dem Besuch einer weiteren Sitzung am 3. Oktober bat er Mayr in seinem Bericht um die Erlaubnis, „diesem Verein oder Partei beitreten zu dürfen, da diese Männer den Gedanken des Frontsoldaten sprechen“.[4] Mayr wird in diesem Zusammenhang deshalb als einer der entscheidenden politischen „Geburtshelfer“ Hitlers angesehen.[3]

Im März 1920 schickte Mayr Hitler, Dietrich Eckart und Ritter von Greim nach Berlin, um die Ereignisse des Kapp-Putsches in seinem Auftrag aus nächster Nähe zu beobachten. Wenige Monate später am 8. Juli 1920 wurde Mayr auf eigenen Wunsch als Major aus dem Generalstab des Wehrkreiskommandos VII aus dem Militärdienst entlassen. Ohne dass man letzte Sicherheit hätte, spricht einiges dafür, dass Mayrs Verwicklung in separatistische Pläne des einflussreichen BVP-Politikers Georg Heim und dessen Vertrauten Karl von Bothmer verwickelt war. Im Laufe des Jahres 1920 hatte sich Mayr offenbar von deren Ideen abgewandt und publizierte im Juli 1920 Material über Heims Bestrebungen.[3]

In der Folge trat Mayr der NSDAP bei und wurde erster außenpolitischer Schriftleiter des Völkischen Beobachters. Im März 1921 verließ er die NSDAP jedoch wieder. Im Herbst 1921 distanzierte er sich anlässlich von Putschgerüchten zur Restauration der Wittelsbacher-Monarchie von den in Bayern sehr aktiven „Vaterländischen Verbänden“ und dem Kreis um Erich Ludendorff. Er begann, den Behörden und der sozialdemokratischen Zeitung Münchener Post kompromittierendes Material zuzuspielen. Anfang 1923 deckte er Kontakte des französischen Offiziers Augustin Xavier Richert zu bayerischen Separatisten auf und trat im folgenden Prozess gegen Georg Fuchs als Belastungszeuge auf. Zu diesem Zeitpunkt war Mayr bereits zum „Vernunftrepublikaner“ geworden. Im völkischen Lager war er fortan verfemt.[5]

1925 trat Mayr in die SPD ein. Nach einem kritischen Artikel über die Memoiren eines bayerischen Offiziers wurde er aus dem Offiziersverein des 1. Infanterieregiments ausgeschlossen. Er knüpfte Kontakte zu dem liberalen Historiker Hans Delbrück, der ihm bei Publikationen behilflich war. Mayr wiederum assistierte Delbrück bei dessen Gutachten zum sogenannten Dolchstoßprozess.[6]

In der zweiten Hälfte der 1920er Jahre war Mayr nicht zuletzt als Redner maßgeblich am Aufbau des pro-republikanischen, die Weimarer Republikunterstützenden Wehrverbandes Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold beteiligt, der sich vor allem aus Anhängern der SPD, der Gewerkschaften, des Zentrums und der linksliberalen Parteien rekrutierte. Mayr war 1923 bereits Gründungsmitglied der „Auergarde“, eines Münchner Vorläufers des Reichsbanners und auch im 1924 gegründeten Bund republikanischer Kriegsteilnehmer. Bei den Auseinandersetzungen mit den radikalen Pazifisten innerhalb des Reichsbanners befürwortete er die Herausdrängung der Befürworter der Kriegsdienstverweigerung. Seine Auseinandersetzung mit Fritz Küster eskalierte 1929/30 bis zum Beleidigungsprozess.[7]

Daneben tat Mayr sich auch als Redakteur in der sozialdemokratischen Presse hervor. Im Herbst 1928 gehörte er der Wehrkommission der SPD an und hat sich dabei gegen den Panzerkreuzer A ausgesprochen.[8]

In den frühen 1930er Jahren sammelte Mayr unter anderem Material über Georg Bell, das er z. T. in der SPD-Presse verwandte. Für öffentliches Aufsehen sorgte Mayrs Involvierung in einen Skandal um den Stabschef der SA, Ernst Röhm, im Jahr 1932: Im Herbst dieses Jahres wurde ruchbar, dass Teile der Parteiführung der NSDAP Röhm und einigen seiner Mitarbeitern nach dem Leben trachteten. Um einem mutmaßlich geplanten Anschlag auf sein Leben zu entgehen, floh Röhm zeitweise von München nach Berlin, wo es zu Aussprachen zwischen ihm und Mayr kam, dem Röhm auch Informationen über seine parteiinternen Gegner zuspielte. Das Bekanntwerden dieser Gespräche nutzte die gegen die NSDAP eingestellte Presse zu einer Kampagne gegen die mutmaßliche „Feme im Braunen Haus“. Dabei ging sie insbesondere auf den Umstand ein, dass Hitler'sche Stabschef „Unterschlupf“ bei einem Sozialdemokraten gesucht habe.

Emigration und Tod[Bearbeiten]

Nach der nationalsozialistischen „Machtergreifung“ emigrierte Karl Mayr im Frühjahr 1933 nach Frankreich. Nach der deutschen Invasion 1940 wurde er in Paris von der Gestapo verhaftet und nach Deutschland gebracht. Über das Konzentrationslager Sachsenhausen gelangte er 1941 als Häftling nach Buchenwald. Da er weder in der Nummernkartei des Lagers noch in der Liste prominenter Häftlinge auftaucht wurde in der Forschung die Vermutung geäußert, dass er den Status eines Sondergefangenen Hitlers hatte.[9]

Er starb am 9. Februar 1945 im Konzentrationslager Buchenwald, wobei bislang nicht völlig geklärt ist, ob er während eines Außenkommandos einem alliierten Luftangriff zum Opfer fiel oder ob er aufgrund eines Sonderbefehls ermordet wurde.

Mayrs persönliche Papiere wurden 1933 von der Gestapo beschlagnahmt. Der Nachlass gilt als verschollen.[10]

Beurteilungen[Bearbeiten]

Die zeitgenössische kommunistische Tagespresse der Weimarer Republik verdächtigte Mayr, ein überzeugter Nationalsozialist geblieben und französischer Spion zu sein. Pazifisten wie Carl von Ossietzky oder Fritz Küster sahen in Mayr den „Drahtzieher“ der militaristischen Politik von Reichsbanner und SPD. Historiker der DDR gingen davon aus, dass Mayr der SPD beitrat, um im Auftrag der Reichswehr die sozialdemokratische Wehrpolitik zu erkunden.[11] Der Historiker Benjamin Ziemann sieht in solchen Urteilen Überzeichungen, die Mayrs abrupten politischen Positionswechseln und seinem Hang zur Polemik geschuldet seien. Mit seiner Arbeit im Reichsbanner habe Mayr versucht, die Republik als wichtige Voraussetzung friedenspolitischer Arbeit zu erhalten und zu schützen. Zugleich sei er aber seiner Praktik der Winkelzüge hinter den Kulissen treu geblieben.[12]

Schriften[Bearbeiten]

  • Sozialdemokratie und Wehrprogramm. Grundsätzliche Betrachtung. Von Karl Mayr, vormals Generalstabsoffizier beim Deutschen Alpenkorps, (= Sonderdruck aus den Sozialistischen Monatsheften) Berlin o.J. [1928].

Literatur[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Jahresbericht über das K. Wilhelms-Gymnasium zu München. ZDB-ID 12448436, 1900/01
  2. Claudia Schmölders: Hitlers Gesicht, S. 45.
  3. a b c Benjamin Ziemann: Wanderer zwischen den Welten – Der Militärkritiker und Gegner des entschiedenen Pazifismus Major a.D. Karl Mayr (1883–1945). In: Wolfram Wette (Hrsg.): Pazifistische Offiziere in Deutschland 1871–1933. Donat-Verlag, Bremen 1999, S. 274.
  4. Eberhard Jäckel: Hitler. Sämtliche Aufzeichnungen 1905–1924. Stuttgart 1980. S. 90f.
  5. Benjamin Ziemann: Wanderer zwischen den Welten – Der Militärkritiker und Gegner des entschiedenen Pazifismus Major a.D. Karl Mayr (1883–1945). In: Wolfram Wette (Hrsg.): Pazifistische Offiziere in Deutschland 1871–1933. Donat-Verlag, Bremen 1999, S. 273f..
  6. Benjamin Ziemann: Wanderer zwischen den Welten – Der Militärkritiker und Gegner des entschiedenen Pazifismus Major a.D. Karl Mayr (1883–1945). In: Wolfram Wette (Hrsg.): Pazifistische Offiziere in Deutschland 1871–1933. Donat-Verlag. Bremen 1999. S. 275–277.
  7. Benjamin Ziemann: Wanderer zwischen den Welten – Der Militärkritiker und Gegner des entschiedenen Pazifismus Major a.D. Karl Mayr (1883–1945). In: Wolfram Wette (Hrsg.): Pazifistische Offiziere in Deutschland 1871–1933. Donat-Verlag. Bremen 1999. S. 282.
  8. Benjamin Ziemann: Wanderer zwischen den Welten – Der Militärkritiker und Gegner des entschiedenen Pazifismus Major a.D. Karl Mayr (1883–1945). In: Wolfram Wette (Hrsg.): Pazifistische Offiziere in Deutschland 1871–1933. Donat-Verlag. Bremen 1999. S. 281.
  9. Dornheim: Röhms Mann fürs Ausland, S. 253.
  10. Wolfgang Mommsen: Die Nachlässe in den deutschen Archiven, Teil 1, Boppard am Rhein 1971, S. 327.
  11. Benjamin Ziemann: Wanderer zwischen den Welten – Der Militärkritiker und Gegner des entschiedenen Pazifismus Major a.D. Karl Mayr (1883–1945). In: Wolfram Wette (Hrsg.): Pazifistische Offiziere in Deutschland 1871–1933. Donat-Verlag, Bremen 1999, S. 273.
  12. Benjamin Ziemann: Wanderer zwischen den Welten – Der Militärkritiker und Gegner des entschiedenen Pazifismus Major a.D. Karl Mayr (1883–1945). In: Wolfram Wette (Hrsg.): Pazifistische Offiziere in Deutschland 1871–1933. Donat-Verlag, Bremen 1999, S. 285.