Karl Polanyi

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Karl Paul Polanyi (* 21. Oktober 1886 in Wien; † 23. April 1964 in Pickering (Ontario)) war ein ungarisch-österreichischer Wirtschaftshistoriker und Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler, der bekannt wurde durch seine vom Mainstream der traditionellen ökonomischen Lehre abweichende theoretische Position und seine fruchtbare Verbindung von Wirtschaftstheorie, Politikwissenschaft und Kulturanthropologie, die sich in zahlreichen und ein breites Themenfeld behandelnden Publikationen niederschlug. Er ist der ältere Bruder von Michael Polanyi.

Besonders bekannt wurde sein einflussreiches Buch The Great Transformation, das zu den Hauptwerken der Soziologie gezählt wird.[1] Daneben verfasste Polanyi auch wichtige Arbeiten zu den Ursprüngen monetärer Wirtschaftsformen.

Leben[Bearbeiten]

Das Leben und Wirken von Karl Polanyi fiel in eine Zeit und Umgebung, die mit ihren einschneidenden Ereignissen einen großen Einfluss auf seine wissenschaftliche Arbeit und sein Leben hatten. Nach seiner Geburt in Wien studierte er in Budapest Jura und Philosophie. Er stammte aus einem intellektuellen und bürgerlichen familiären Umfeld, in dem seine Geschwister und er schon früh von der Mutter sozialistisch geprägt wurden.

An der Universität engagierte er sich in linken Studentengruppen und war aktiv an der sozialistischen Bildung von Arbeitern beteiligt. Ende des Ersten Weltkrieges zog er aus politischen Gründen nach Wien um und arbeitete dort als Redakteur in der Zeitschrift „Der Österreichische Volkswirt“ und der deutschen Ausgabe: „Der Deutsche Volkswirt“. Er lebte mit seiner Familie unter ärmlichen Bedingungen, da er sein Gehalt an die zahlreichen Flüchtlinge spendete. Die Weltwirtschaftskrise erlebte er in der Pleite der Österreichischen Creditanstalt in Wien, die Ausgangspunkt der europäischen Bankenkrise wurde. Als Jude verließ er Österreich 1933, nachdem er seine Anstellung verloren hatte und die faschistischen Tendenzen deutlich zugenommen hatten. Er emigrierte nach Großbritannien, wo er vor allem in der Arbeiterbildung tätig wurde.

1940 kam er in die USA, um mit einem zweijährigen Stipendium der Rockefeller-Stiftung von 1941 bis 1943 The Great Transformation fertigzustellen.[2] Im Jahre 1947 berief ihn die Columbia University auf eine Gastprofessur, die er bis 1953 wahrnahm. Bis 1958 leitete er gemeinsam mit Conrad M. Arensberg ein Forschungsprojekt über wirtschaftliche Aspekte von Institutionen. Es entstand Trade and Market in the Early Empires. Danach arbeitete er auf dem Feld der Anthropologie. Er starb 1964 in Kanada, wo er sich aufhielt, weil seine Frau als bekennende Sozialistin und ehemalige Teilnehmerin der ungarischen Sowjetrepublik (1949) kein Visum für die USA erhalten hatte. Sein letztes Werk Dahomey and the Slave Trade erschien posthum 1966.

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Primitive, archaic and modern economies: Essays, Hg. George Dalton. Anchor, Garden City 1968.
  • Ökonomie und Gesellschaft. Dt. von Heinrich Jelinek. Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft stw 295, Frankfurt 1979 ISBN 3518278959 & ISBN 351807895X.
  • The Great Transformation: The political and economic origins of our time. Beacon, Boston 2001, ISBN 0-8070-5643-X.
    • Ins Dt. von Heinrich Jelinek: The Great Transformation. Politische und ökonomische Ursprünge von Gesellschaften und Wirtschaftssystemen. Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft stw, 8. Aufl. Frankfurt 1973 ISBN 3518278606.
  • Chronik der großen Transformation: Artikel und Aufsätze (1920-1945), hrsg. von Michele Cangiani. Metropolis, Marburg 2002-2005, 3 Bde.:
  • Karl Polanyi, Conrad M. Arensberg & H. W. Pearson (eds.): Trade and Markets in the Early Empires, The Free Press, Glenco 1957.
  • Karl Polanyi: Dahomey and the Slave Trade, UP of Washington, Seattle 1966.

Literatur[Bearbeiten]

  • Gregory Baum: Karl Polanyi on Ethics and Economics, McGill-Queen's University Press, 1996.
  • Gareth Dale: Karl Polanyi: The Limits of the Market. Polity Press, 2010. ISBN 0745640710.
  • Gerhard J. Mauch: Polanyi, Karl. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 20, Duncker & Humblot, Berlin 2001, ISBN 3-428-00201-6, S. 596 (Digitalisat).
  •  Marguerite Mendell, Daniel Salée (Hrsg.): The legacy of Karl Polanyi: market, state and society at the end of the twentieth century. St. Martins Press, New York 1991, ISBN 978-0312047832.
  • Ayşe Buğra, Kaan Ağartan: Reading Karl Polanyi for the twenty-first century: market economy as political project. Palgrave Macmillan, 2007. ISBN 1403983933, 9781403983930.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vgl. Wolfgang Streeck in Dirk Kaesler und Ludgera Vogt (Hrsg.): Hauptwerke der Soziologie, Stuttgart: Kröner Verlag, 2000, S. 359-361 sowie Carsten Klingemann in Sven Papcke und Georg W. Oesterdiekhoff (Hrsg.): Schlüsselwerke der Soziologie: Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, 2001, S. 394-396.
  2. Karl Polanyi, Vorwort zu The Great Transformation