Karl Tschuppik

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Karl Tschuppik (* 26. Juni 1876 in Horowitz oder Melnik, Böhmen, Österreich-Ungarn, heute Tschechien; † 22. Juli 1937 in Wien) war ein österreichischer Journalist, Feuilletonist, Publizist und Herausgeber.

Karl Tschuppik arbeitete für Zeitungen wie das Prager Tagblatt, dem er von 1898 bis 1917 als Redakteur und Herausgeber angehörte, und publizierte in zahlreichen zumeist dem linksintellektuellen Spektrum zuordenbaren Zeitungen und Zeitschriften in Wien und Berlin. Er war einer der bedeutendsten österreichischen Publizisten vor 1938. Bei bedeutenden zeitgenössischen Publizisten und Journalisten wie Max Brod, Joseph Roth oder Friedrich Funder fanden seine Publikationen große Anerkennung,[1] Friedrich Torberg würdigte ihn in seiner „Tante Jolesch“.

Tschuppik sowie sein publizistisches Schaffen, das von der Ablehnung sowohl des Nationalsozialismus und Deutschnationalismus als auch des Austrofaschismus geprägt war, galten lange Zeit als vergessen. Für die nationalsozialistische Propaganda diente Tschuppik als häufiges Angriffsziel unter den Publizisten; so war er bereits auf der ersten, 1933 veröffentlichten „Schwarzen Liste“ der „schädliches und unerwünschtes Schrifttum“ verbreitenden Autoren nicht nur aufgelistet sondern auch gesondert erwähnt.[2]

Leben und Wirken[Bearbeiten]

Herkunft und Forschungsstand[Bearbeiten]

Karl Tschuppik wurde am 26. Juni 1876 als Sohn des Ingenieurs der Österreichischen Nordwestbahn Friedrich Tschuppik in Horowitz (heute Hořovice) oder Melnik (Mělník) in Böhmen in eine jüdische Familie geboren.[3] Für Horowitz spricht, dass es in amtlichen Dokumenten wie Meldezetteln sowie dem Totenschaubefund angegeben wird, sofern nicht in vereinfachter Weise groß „Prag“ geschrieben steht. Für Melnik spricht wiederum, dass es zum einen näher bei Leitmeritz liegt, wo Tschuppik nach eigenen Angaben seine Jugend verbracht hatte und wo 1889 sein Bruder Walter Tschuppik geboren wurde, und zum anderen, dass es im Gegensatz zu Horowitz an der Österreichischen Nordwestbahn liegt, bei der sein Vater schließlich gearbeitet hat. Über seine Mutter Ludmilla, geborene Komarek, ist nur bekannt, dass sie Tochter des Prager Arztes Dr. Komarek war. Die Vorfahren Tschuppiks väterlicherseits dienten über sechs Generationen als Offiziere und Beamten im habsburgischen Österreich.[4]

Nach der Matura studierte er technische Wissenschaften an den technischen Hochschulen von Zürich (Eidgenössische Technische Hochschule Zürich) und Wien (Technische Hochschule Wien). Ob Tschuppik seinen Militärdienst vor oder nach dem Studium absolvierte – er selbst gab an, Gefreiter bei den k.u.k. Hoch- und Deutschmeistern gewesen zu sein – ist nicht bekannt.[5]

Angesichts der Unsicherheiten bei den Angaben zu Tschuppiks Herkunft und jugendlichen Jahren werden bestehende Forschungslücken erkennbar. Dies liegt daran, dass sich bislang nur zwei Forscher mit einer wissenschaftlichen Aufarbeitung von Tschuppiks Leben und Wirken befasst haben: dies ist zum einen der Vorarlberger Literaturhistoriker Klaus Amann, der in den 1980er-Jahren durch die Befassung mit Joseph Roth, einem engen Freund Tschuppiks, auf diesen stieß und 1982 die erste Werkanalyse über ihn veröffentlichte. Die zweite Arbeit stammt ebenfalls von der Universität Klagenfurt und ist eine Diplomarbeit Klaus Prokopps. Dieser recherchierte zahlreiche amtliche Dokumente wie Meldezettel und Totenschaubefund, Briefe und Texte aus dem Umfeld Tschuppiks und untersuchte insbesondere seine Positionen zu politischen und gesellschaftlichen Fragen anhand der Tschuppik zuordenbaren Zeitungsartikel, Feuilletons und Essays. Diese Arbeit erschien 1995.

Karriere im Journalismus in Prag und Wien (1898–1923)[Bearbeiten]

Nach dem Studium kehrte Tschuppik nach Prag zurück. Dort machte er erste Veröffentlichungen bei der zweisprachigen Prager Monatsschrift Akademie, wo er auch Stefan Großmann kennenlernte. Ab 1898 oder 1899 war er Redakteur beim Prager Tagblatt, einer der renommiertesten deutschsprachigen Zeitungen der österreichisch-ungarischen Monarchie. 1909 oder 1910 wurde er dessen Chefredakteur. Noch vor dem Ersten Weltkrieg veröffentlichte er, gemäß Angaben in Nachrufen österreichischer Zeitungen, parallel zum Prager Tagblatt auch in Emil Kuhs Montagsblatt aus Böhmen, in der Frankfurter Zeitung, im Berliner Tageblatt und in der Pariser Le Temps. Welche Artikel er wann genau in diesen Zeitungen veröffentlicht hat, wurde bislang jedoch nicht herausgefunden. Generell ist über Tschuppiks Schaffen vor 1914 nur wenig bekannt.[6] Es konnten jedoch mehrere Artikel ausgemacht werden, die Tschuppik 1902 für die Arbeiter-Zeitung und 1907 für die Monatsschrift Deutsche Arbeit verfasste.

Ab 1914 ändert sich die Quellenlage zu Tschuppik schlagartig, da die Prager Tageszeitung in jenem Jahr die Signierung der Leitartikel mit den Redakteuren zuordenbaren Symbolen einführte. Tschuppiks Symbol war ein schräg nach rechts oben zeigender Pfeil.[7] Insgesamt verfasste Tschuppik über 500 Leitartikel für das Prager Tagblatt. In diesen wird auch eine geistige Wandlung Tschuppiks vom für Deutschnationalismus und Kriegspropaganda Anfälligen zu einem pazifistischen, für ein unabhängiges Österreich Eintretenden erkennbar. So wiesen Tschuppiks Leitartikel vor Kriegsbeginn und in den ersten Monaten danach eine mit dem Krieg sympathisierende, tendenziell der Propaganda entsprechende, Haltung auf.[8] Zudem befürwortete er das Bündnis Österreich-Ungarns mit Deutschland und hieß die staatliche Beeinflussung der Presse gut – zumindest „bis zu einem gewissen Punkt“.[8] Als dieser seiner Meinung nach überschritten wurde, entstanden Konflikte mit der Zensur. Im Laufe des Krieges wandelte sich auch seine übrige Einstellung grundlegend. Er wurde zum entschiedenen Gegner jeglichen Nationalismus, insbesondere des deutschen.[8]

Am 11. November 1917 erschien Tschuppiks vorerst letzter Leitartikel für das Prager Tagblatt. Er wurde entlassen, da der Eigentümer Rudolf Koller der altliberalen Casino-Partei entgegenkommen wollte. Diese plante, die böhmische Zeitung Bohemia zu kaufen. Jenen Konkurrenten des Prager Tagblattes, für den Koller Fusionspläne vorschwebten. Er glaubte, die Casino-Partei durch die Entlassung des ihnen politisch missfallenden Tschuppiks von ihren Plänen abbringen zu können.[9]

Tschuppik übersiedelte mit seiner um zehn Jahre jüngeren Lebensgefährtin Bertha nach Wien, wo er Stefan Großmann um Hilfe bei der Suche nach Arbeit bat. Es wurde ihm schließlich die redaktionelle Leitung von Benno Karpeles’ pazifistischer Wochenschrift Der Friede sowie ein Redakteursposten beim Neuen Wiener Tagblatt angeboten, das ihm 36.000 Kronen anbot. Er entschied sich für das Tagblatt, veröffentlichte aber auch im Frieden.[10] Nachdem die tschechische Zeitung Bohemia dennoch verkauft wurde, bereute Koller seine Entscheidung, Tschuppik zu entlassen. Da Tschuppik nun in Wien beschäftigt war und der Chefredakteurs-Posten in Prag nachbesetzt wurde, einigte man sich mit Tschuppik darauf, von Wien aus Leitartikel für das Prager Tagblatt zu schreiben. Am 24. Dezember 1917 erschien der erste Leitartikel für das Prager Tagblatt nach der Unterbrechung.[11]

Ab 23. März 1919 bis 15. Juli 1919 war Tschuppik für die von Karpeles neu gegründete Tageszeitung Der neue Tag tätig: als Chef vom Dienst und als politischer Hauptredakteur. Er unterbrach hierzu seine Tätigkeit beim Neuen Wiener Tagblatt, kehrte aber anschließend wieder zu dieser Zeitung zurück.[10] Beim Neuen Tag lernte er auch Joseph Roth kennen, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband. Am 7. Dezember 1920 heiratete er seine Lebensgefährtin Bertha.[12]

Seine erste Verhaftung erlebte Tschuppik am 30. Jänner 1922, als er einen in zivil auftretenden „Sittenpolizisten“ an einer Amtshandlung zu hindern versuchte. Dieser versuchte gerade eine Prostituierte zu verhaften, wobei er sie in ein Haustor drängte, was für Außenstehende wie ein Überfall oder ein heftiger Streit aussah – so lautete dann auch Tschuppiks Rechtfertigung, die ihm verordnete Geldstrafe nicht zu bezahlen. Es kam zu einem Prozess, in dem er freigesprochen wurde. Da er sich im Prozessverlauf jedoch verbal nicht zurückhalten konnte, hatte er letztlich eine Geldstrafe wegen „Wachebeleidigung“ zu bezahlen.[13] Eine zweite Verhaftung ereignete sich zu Beginn der 1930er-Jahre (siehe Anekdoten).

Konfliktreiche Zeit als Chefredakteur der Stunde (1923–1926)[Bearbeiten]

Am 2. Februar 1923 wurde Tschuppik Chefredakteur der neu gegründeten Stunde – der ersten Boulevardzeitung Österreichs, die nicht nur systematische Bespitzelung bekannter Personen zum Zwecke voyeuristischer Berichterstattung einführte, sondern auch im redaktionellen und gestalterischen Bereich das österreichische Pressewesen modernisierte und international übliche Standards mitbrachte. Die Zeitung wies jedoch trotz ihrer auf Massengeschmack ausgerichteten Gestaltung mit vielen Bildern und großen Überschriften sowie mit reißerischen bis verleumderischen Artikeln eine klare politische Linie auf: pro-demokratisch sowie gegen Links- und Rechtsextremismus.[14] Der Gründer und in Ungarn als Krimineller gesuchte Emmerich Bekessy war Tschuppik, wie den meisten Österreichern, damals unbekannt und er wollte Tschuppik um jeden Preis als Chefredakteur der Stunde haben. Da er beim Neuen Wiener Tagblatt Aufstiegschancen und Herausforderungen vermisste, da dessen Chefredakteur Emil Löbl erst 1917 an diesen Posten kam und daher nicht an die Aufgabe desselbigen dachte, und nicht zuletzt aufgrund des gewiss hohen Gehaltsangebotes bei der Stunde nahm Tschuppik diesen Posten an.[15]

Die drei Jahre seiner Tätigkeit bei dieser Zeitung waren jedoch auch von heftigen Auseinandersetzungen mit Karl Kraus geprägt. Dieser prangerte vor allem die kriminellen Machenschaften und Geschäftspraktiken des Verlegers Imre Békessy an, machte aber auch Tschuppik als Chefredakteur für die „Bordellpublizistik“ verantwortlich.[16] Tschuppik blieb seiner politischen Linie jedoch auch bei der Stunde weitgehend treu. So veröffentlichte er ausgerechnet in der Stunde zwei umfangreiche Artikel, in denen er gegen die Verflechtung von „Kapital und Presse“ Stellung bezog.[17]

Für Kraus war Tschuppik aber vor allem deswegen ein wichtiges Angriffsziel, da er in ihm sein „Monopol auf Zeit- und Sittenkritik“ gefährdet sah, und trotz derselben politischen Standpunkte Tschuppik unter anderem aufgrund seiner mitunter ironischen Schreibweise, die den Gegnern, so Kraus’ Vorwurf, Sympathie verschaffe, das „moralische Recht“ absprach, diejenigen zu bekämpfen, die Kraus auch in seiner Fackel bekämpfte.[18] So schrieb er 1923 in der Fackel: „Denn ehe ich mit Herrn Tschuppik einen Abscheu gemeinsam habe, protegiere ich lieber dessen Opfer! […] Denn so bacchantisch wie dieser Tschuppik hatte ich die Freiheit nicht gemeint.“[18]

Einmal kam es zu einem Gerichtsprozess, in dem Tschuppik vorgeworfen wurde, jene Notiz in der Zeitung verfasst zu haben, in der die Personenbeschreibung eines angeblich wegen sexuellen Missbrauchs an Kindern gesuchten Straftäters abgegeben wurde, die offensichtlich auf den Chefredakteur der Arbeiterzeitung, Friedrich Austerlitz, abzielte. Tschuppik bestritt, dafür verantwortlich zu sein und wurde freigesprochen.[19]

Nachdem sich Kraus’ Vorwürfe der geschäftsmäßigen Erpressung und Nötigung gegenüber Bekéssy erhärteten, wandte sich auch Tschuppik von seinem Arbeitgeber ab und verließ die Zeitung am 13. Juli 1926. Seither ließ er sich in keiner Redaktion mehr anstellen und war nur noch freischaffend tätig.

Kulturpublizismus und biografische Forschungen in Berlin (1926–1933)[Bearbeiten]

Er übersiedelte 1926 nach Berlin, wo er in Kontakt mit Anton Kuh, Valeriu Marcu, Alfred Polgar, Alexander Roda Roda und Joseph Roth stand. Er schrieb Artikel, Glossen und geschichtliche Essays für die bedeutenden Kultur- und kulturpolitischen Zeitschriften Das Tage-Buch von Leopold Schwarzschild, Literarische Welt von Willy Haas sowie für Der Querschnitt. Während seiner Zeit in Deutschland wurde er bald zum Kenner der deutschen Verhältnisse, wie aus seinen Publikationen hervorgeht. Zugleich gewann er Distanz zu Österreich und dessen Habsburger-Vergangenheit, für die er zusehends mildere Urteile fand.

Ende der 1920er-Jahre und zu Beginn der 1930er-Jahre machte Tschuppik die jüngere Vergangenheit und Biografien zum Schwerpunkt seiner Beschäftigungen. Während seiner Recherchen und Forschungen veröffentlichte er immer wieder auch Ergebnisse in Zeitschriften und Zeitungen, bis schließlich 1928 seine erste Monografie erschien: Franz Joseph I. Der Untergang eines Reiches. Es folgten Monografien über Kaiserin Elisabeth (1929), Erich Ludendorff (1931) und Maria Theresia (1934), die allesamt eine Kombination von „skrupellos-wissenschaftlicher Sorgfalt und literarischer Intuition“[20] darstellten. Dem „Skelett historischer Fakten“ sollte durch „literarische Intuition“, die auch das gesellschaftliche und politische Umfeld der Personen miteinbezog, „Leben eingehaucht werden“.[21] Er bezog sich in diesen Arbeiten stark auf Briefe und Memoiren der beschriebenen Personen. Er versuchte – wie auch in seinen Essays für Zeitungen und Zeitschriften – persönliche Motive und Defizite als Triebfeder des Politischen zu erkennen und darzustellen.[22] Folglich kommt er zum Schluss, dass politische Katastrophen, etwa im Falle von Franz Joseph und Ludendorff, wesentlich auf deren „Mangel an Sensibilität und Intelligenz“ zurückzuführen sei, „die die eigene Unfähigkeit als Not des Staates deklarieren“.[22] Von seinen Monografien wurden jene über Franz Joseph 1933 ins englische, jene über Kaiserin Elisabeth 1934 ins englische, französische sowie schwedische und jene über Ludendorff ins englische und italienische übersetzt.

Tschuppiks antifaschistische, anti-deutschnationale Gesinnung, die in seinen Essays, Artikeln und Büchern deutlich zum Ausdruck kommt, sowie seine Monografie über Ludendorff, in der er auch dessen „höchst primitiven Fascismus von der Art Adolf Hitlers[23] kritisiert, machten ihn zu einem beliebten Angriffsziel nationalsozialistischer-antisemitischer Agitation. So fand sich Tschuppik bereits 1933 auf der ersten, 43 Namen umfassenden „Schwarzen Liste Literatur“ der Nationalsozialisten, die „schädliches und unerwünschtes Schrifttum“ indizierte, das umgehend aus den Bibliotheken entfernt werden musste und der Bücherverbrennung 1933 zum Opfer fiel.

Letzte Jahre in Wien – Publizistische Agitation für Österreich[Bearbeiten]

Tschuppik musste Deutschland verlassen und bezog am 9. März 1933 wieder seine Unterkunft im Wiener Hotel Bristol, in der er bereits während der letzten Zeit in Wien lebte.[24] Ebenfalls nach Wien zurück kehrten 1933 Joseph Roth und Anton Kuh. Zudem pflegte er Kontakt mit Klaus Mann und Ödön von Horvath, dessen Trauzeuge er 1933 war.[25] Tschuppik schrieb nun für die beiden pro-österreichischen Zeitungen Der Morgen und Wiener Sonn- und Montagszeitung. Während der Biograf Josef Roths, David Bronsen, 1974 meinte, Tschuppik habe mit Roth die Wandlung vom demokratischen Linken zum Monarchisten gemein, hält Klaus Amann nach der Lektüre von Tschuppiks Arbeiten der 1930er-Jahre diese Auffassung für haltlos.[25] Es sei vielmehr so, „dass Tschuppik innerhalb des politischen Spektrums der dreißiger-Jahre und vor allem in der Diskussion um die sogenannte ‚Österreich-Idee‘ eine Position einnahm, die Deutschland gegenüber differenzierter und dezidierter war als alles, was die offiziellen Stellen des ‚Ständestaates‘ zu liefern imstande waren.“[26] Dass Tschuppik in den 1930er-Jahren die Monarchie aus einer anderen, milderen Perspektive als unmittelbar nach deren Untergang sah, ergibt sich durch den (zumindest für ihn) erkennbaren herannahenden „Untergang des Abendlandes“ durch den Nationalsozialismus und dessen Expansionsdrang sowie den Austrofaschismus.[27]

Ab 1934 herrschte in Österreich mit dem austrofaschistischen Ständestaat ebenfalls eine autoritäre Regierung, die sich ebenfalls auf das „Deutschtum“ und die deutsche Kulturnation bezog und eine österreichische Eigenständigkeit ausgerechnet durch die Selbstdefinition als „bessere Deutsche“ zu behaupten versuchte. Doch bevor Tschuppik zu solch angriffslustigen, kritischen Tönen fand, brachte er in seinen Artikeln und Kommentaren durchaus Sympathien für den autoritären österreichischen Staat auf. Vor allem die Angriffe des nationalsozialistischen Deutschlands auf Österreich ließen den pro-österreichischen Tschuppik teilweise auf die Linie der österreichischen Propaganda einschwenken. Inwiefern Zensur und staatliche Eingriffe hierbei eine Rolle gespielt haben könnten, ist nicht bekannt.[28] Die Absurdität des austrofaschistischen Versuches, Deutschland zu „überhitlern“,[29] wurde von Tschuppik letztlich jedenfalls entlarvt. In diesem Zusammenhang schrieb Tschuppik 1935 in der Wiener Sonn- und Montagszeitung, dass in Österreich „ein Missbrauch mit dem Wörtchen ‚deutsch‘“ getrieben werde, der geeignet sei, „die von der nationalsozialistischen Ideologie verbreitete Täuschung zu stützen, dass Österreich ein Teil Deutschlands sei“. „Nach der völligen Loslösung des Deutschtums vom ehemals gemeinsamen zivilisatorischen Besitz ist es einem Österreicher heute unmöglich in der gesitteten Welt als ‚Deutscher‘ aufzutreten.“[30]

Seine Einkommenssituation gestaltete sich zusehends schwieriger. Der Amsterdamer Exilverlag Allert de Lange, bei dem Tschuppik seine nach 1933 verfassten Bücher veröffentlichte, wurde zu seiner wichtigsten Einkommensquelle. Eine vorübergehende Verbesserung ergab sich aus dem Umstand, dass sich Maria Theresia sehr gut verkaufte, wie aus seinem Briefwechsel mit Walter Landauer vom Verlag hervorgeht.[31] 1937 erschien Tschuppiks letztes Werk – sein einziger Roman: Ein Sohn aus gutem Hause. Dieser wurde 1989 von Karin Brandauer verfilmt.

Am 21. Juni 1937 berichtete er im Morgen von Drei Unberühmten – darunter eine Blumenfrau von der Kärntner Straße, die er eines Tages vermisst hatte – sie war gestorben. Er kommentierte dies mit „Der liebe Gott weiß, wen er rechtzeitig zu sich nimmt.“ Ein Monat später, am 22. Juli gegen 14 Uhr, starb Tschuppik unerwartet im Bristol. Als Todesursache wurde Angina Pectoris angegeben.[16] Der Weinliebhaber wurde am Grinzinger Friedhof[32] – in Begleitung des Liedes Es wird ein Wein sein und wir werd’n nimmer sein, das, wie er testamentarisch verfügt hatte, vom Harmonika-Spieler seines Lieblings-Heurigen vorgetragen wurde – begraben. Zu Lebzeiten hatte Tschuppik, wenn ihn düstere Zukunftsgedanken überkamen, den Titel des Liedes depressiv abgewandelt: „Es wird kein Wein sein und wir werd’n noch immer sein.“ – „Das ist ihm erspart geblieben.“[33] Joseph Roth berichtete in Paris im Neuen Tage-Buch (Exil-Fortsetzung des Tage-Buches) über Tschuppiks Begräbnis und wusste in seinem Tod „vor der Zeit, aber auch vor der Un-Zeit“ in Vorahnung der Auswirkungen des Nationalsozialismus auch etwas Positives zu erkennen: „Wenn er nicht gestorben wäre, hätten sie ihn erschlagen“.[34]

Anekdoten[Bearbeiten]

  • Tschuppik und Anton Kuh galten in den Kaffeehäusern, damals Treffpunkt des kulturellen und intellektuellen Lebens, aber auch in den Heurigen, die beide gerne und häufig besuchten,[35] als „eines der witzigsten und komischsten Freundespaare“, deren Wirkung der Stegreif-Szenen, in denen sie im Kaffeehaus Personen parodierten, vor allem durch die Gegensätzlichkeit der beiden ergab.[25] So berichtete Hermann Kesten in seinem Buch „Dichter im Café“, dass „Tschuppik in äußerster Ruhe, Kuh in äußerster Unruhe“ in „unerschütterlichem Ernst“ ihre parodierten Figuren spielten, während die „Zuhörer vor Lachen schier barsten“.[36]

„Bald nach dem Beginn seiner Tätigkeit bei dem Wiener Boulevardblatt ‚Die Stunde‘ geriet Tschuppik in einen persönlichen Konflikt mit dem damaligen Polizeipräsidenten Johann Schober. Aus Gründen, die hier nichts zur Sache tun, konnte er seinem Groll in der ‚Stunde‘ keinen Ausdruck geben, und daran trug er schwer. Die Art, wie er sich schließlich doch Luft machte, gehört gleichermaßen zu seinem wie zum Bild der Stadt Wien. Es geschah nach einem nächtlichen Heurigenbesuch. Tschuppik steuerte seinem Domizil im alten Hotel Bristol zu und überquerte unsicheren Schritts die Opernkreuzung, als ihm der dort postierte Verkehrspolizist, den er offen für einen feindlichen Sendboten Schobers hielt, mißfällig ins Auge stach. Ein wenig schwankend pflanzte er sich vor ihm auf und apostrophierte ihn wie folgt: ‚Gehen Sie zu Ihrem Präsidenten … und richten Sie ihm aus … der Tschuppik läßt ihm sagen … er soll ihn im Arsch lecken … Der Schober soll den Tschuppik im Arsch lecken … Haben Sie verstanden?‘ Das Sicherheitsorgan bekundete sein Verständnis durch sofortige Verhaftung Tschuppiks, gab sich jedoch nach Intervention einiger Begleitpersonen mit der Aufnahme der Personaldaten und Erstattung der Anzeige zufrieden. Wenige Tage später erhielt Tschuppik eine geharnischte Vorladung auf das zuständige Polizeikommissariat. […] Tschuppik […] entschuldigte sich gesenkten Hauptes und wurde nach einigem Hin und Her mit der dringlichen Ermahnung, daß so etwas nie wieder vorkommen möge, entlassen. Von diesem Tag an pflegten die Polizisten im Rayon Opernkreuzung – unter denen sich der Vorfall natürlich herumgesprochen hatte – stramm zu salutieren, wenn sie Tschuppik herankommen sahen. Ein Mann, der dem Polizeipräsidenten das Arschlecken schaffen durfte, ohne daß ihm etwas geschah, hatte Anspruch auf höchsten Respekt.“

Friedrich Torberg[37]

„Tschuppik träumte davon, eine Tageszeitung mit dem schlichten Titel ‚Der Arsch‘ zu gründen (wöchentliche Beilagen: ‚Der Kinderarsch‘ und ‚Der Frauenarsch‘). Immer wieder berauschte er sich an der Vision, wie der Nachtkolporteur, einen Stoß der ersten Ausgabe griffbereit überm Arm, nach Schluß der Vorstellung vor der Oper stünde und den vornehm gewandeten Damen und Herren, die jetzt herausströmten, sein tonlos geschäftsmäßiges ‚Der Oasch … der Oasch … der Oasch‘ entgegenriefe. Es blieb ein Traum.“

Friedrich Torberg[38]

Werke[Bearbeiten]

Biografien
1928: Franz Joseph I. Der Untergang eines Reiches. Avalun Verlag, Hellerau bei Dresden
1929: Elisabeth. Kaiserin von Österreich. Verlag Hans Epstein, Wien/Leipzig
1931: Ludendorff. Die Tragödie des Fachmanns. Verlag Hans Epstein, Wien/Leipzig
1933: François-Joseph et Madame Schratt. D’après les carnets du Comte Lonyay, Chabellan de S. M. François-Joseph. Paris
1934: Maria Theresia. Allert de Lange Verlag, Amsterdam
Roman
1937: Ein Sohn aus gutem Hause. Allert de Lange Verlag, Amsterdam
Verfilmung
1989: Ein Sohn aus gutem Hause (Regie: Karin Brandauer)

Literatur[Bearbeiten]

  • Klaus Amann (Hrsg.): Karl Tschuppik: Von Franz Joseph zu Adolf Hitler. Polemiken, Essays und Feuilletons. Böhlau Verlag, Wien/Köln/Graz 1982, ISBN 3-205-07189-1
  • Klaus Amann: Die Dichter und die Politik. Essays zur österreichischen Literatur nach 1918. Edition Falter/Deuticke, Wien 1992, ISBN 3-85463-119-7, S. 31–48
  • Klaus Prokopp: Konformismus und Konfrontation. Der Journalist Karl Tschuppik (1876–1938) und seine Leitartikel im Prager Tagblatt 1914–1918. Diplomarbeit, Universität Klagenfurt, 1994

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. vgl. Amann, 1992, S. 31
  2. Prokopp, 1995, S. 29
  3. Einen endgültigen Nachweis, wie etwa eine Geburtsurkunde oder ein Heimatrechtnachweis, konnte bislang keiner der mit Karl Tschuppik befassten Forscher vorbringen; für beide Angaben lassen sich Für und Wider finden
  4. Prokopp, 1995, S. 7f
  5. Prokopp, 1995, S. 8
  6. Prokopp, 1995, S. 9
  7. Karl Tschuppik plötzlich gestorben. In: Wiener Zeitung, 23. Juli 1937, S. 5 (zitiert aus Prokopp, 1995, S. 4)
  8. a b c Prokopp, 1995, S. 15f
  9. Prokopp, 1995, S. 17–19
  10. a b Prokopp, 1995, S. 19f
  11. Prokopp, 1995, S. 4
  12. Prokopp, 1995, S. 19
  13. Prokopp, 1995, S. 20
  14. Prokopp, 1995, S. 22f
  15. Prokopp, 1995, S. 21
  16. a b Amann, 1992, S. 35
  17. Amann, 1992, S. 46
  18. a b Amann, 1992, S. 37
  19. Prokopp, 1995, S. 23
  20. Amann, 1992, S. 38
  21. Amann, 1992, S. 40
  22. a b Amann, 1992, S. 39
  23. Karl Tschuppik: Ludendorff. Die Tragödie des Fachmanns. Verlag Hans Epstein, Wien/Leipzig 1931, S. 171
  24. Amann, 1992, S. 40 f.
  25. a b c Amann, 1992, S. 41
  26. Amann, 1992, S. 41 f.
  27. Amann, 1992, S. 44
  28. Amann, 1992, S. 33
  29. zit. nach Anton Staudinger: Christlichsoziale Partei und Errichtung des 'Autoritären Ständestaates'. In: Jedlicka, Neck: Vom Justizpalast zum Heldenplatz. Österreichische Staatsdruckerei, Wien 1975 (Äußerung ist von Neustädter-Stürmer)
  30. Karl Tschuppik: Der kleine Unterschied. In: Wiener Sonn- und Montagszeitung, 29. April 1935, S. 8; wiederabgedruckt in: Klaus Amann: Karl Tschuppik: Von Franz-Joseph zu Adolf Hitler. Polemiken, Essays, Feuilletons. Wien/Köln/Graz, 1982, S. 239–245 (zitiert aus Amann, 1992, S. 43)
  31. Prokopp, 1995, S. 30
  32. Sein Grab befindet sich in der Gruppe XIII, Nr. 117, ist verwahrlost und ohne Grabstein (laut Prokopp, 1995, S. 35)
  33. Friedrich Torberg: Die Tante Jolesch. Verlag LangenMüller, München 2008 (Erstveröffentlichung 1975), S. 180
  34. Joseph Roth: An Karl Tschuppiks Grab. In: Das neue Tage-Buch, 31. Juli 1937 (auch in: Hermann Kesten (Hrsg.): Joseph Roth: Werke. Neue erweiterte Ausgabe. Band 4, Köln 1975/1976, S. 749 und 757; zitiert in Amann, 1992, S. 48)
  35. Torberg, LangenMüller 2008, S. 175
  36. Hermann Kesten: Dichter im Café. München/Wien/Basel, 1959 S. 378 f.
  37. Torberg, LangenMüller 2008, S. 177f
  38. Torberg, LangenMüller 2008, S. 179
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