Karlheinz Blaschke

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Karlheinz Blaschke (* 4. Oktober 1927 in Schönlinde, Tschechoslowakei) ist ein deutscher Archivar und Historiker. Er gilt als der Nestor der sächsischen Landesgeschichtsforschung nach dem Zweiten Weltkrieg.[1]

Leben[Bearbeiten]

Blaschke wuchs in Leipzig auf und studierte seit 1946 an der dortigen Universität Geschichte, Germanistik und Latinistik. Im Dezember 1950 promovierte er als Schüler Rudolf Kötzschkes mit einer Dissertation über „Die fünf neuen Leipziger Universitätsdörfer. Im Anschluss nahm er eine Ausbildung am Institut für Archivwissenschaft Potsdam bei Heinrich Otto Meisner auf. Als Gegner des politischen Systems in der DDR trat Blaschke 1956 aus der CDU aus.

Während seiner von 1951 bis 1968 dauernden wissenschaftlichen Tätigkeit im Landeshauptarchiv Dresden entstand das 1957 veröffentlichte vierbändige „Historische Ortsverzeichnis von Sachsen“. 1962 habilitierte sich Blaschke mit einer Arbeit zur „Bevölkerungsgeschichte von Sachsen bis zur Industriellen Revolution“ an der Universität Leipzig, wo er jedoch keine Lehrberechtigung erhielt. Blaschke galt als sogenannter „bürgerlicher Historiker“, der sich im Gegensatz zu seinen marxistischen Kollegen auch weiterhin der wissenschaftlichen Erforschung der sächsischen Landesgeschichte widmete und sich gegen deren politisch motivierten Ersatz in Form einer marxistischen Regionalgeschichte verwahrte. Mit dieser Einstellung galt der bekennende Christ als kritischer und unliebsamer Geist, dem sich kaum mehr Spielräume boten und keine Karrieremöglichkeiten in der staatlichen Hochschullandschaft eröffneten.

Deshalb übernahm Blaschke 1969 die einzige nichttheologische Dozentur am Theologischen Seminar Leipzig, einer staatlich nicht anerkannten Hochschule in der Trägerschaft der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens. An dem 1990 in Kirchliche Hochschule Leipzig umbenannten und nun auch staatlich anerkannten Institut erhielt er am 2. Oktober 1990, wie mehrere andere Dozenten, den Professorentitel verliehen. Blaschke lehrte dort bis zur Auflösung der Hochschule 1992. Daneben war er seit 1990 als Honorarprofessor an der Philipps-Universität Marburg tätig.

1991 wurde Blaschke, der seit 1990 wieder der CDU angehört, zum ersten Leiter des neu gebildeten Referats für Archivwesen beim Sächsischen Innenministerium berufen. Nach Beendigung der Aufbauarbeit und der Schaffung neuer Strukturen im sächsischen Archivwesen widmete sich Blaschke wieder der wissenschaftlichen Arbeit. Er folgte 1992 einem Ruf auf den Lehrstuhl für sächsische Landesgeschichte an der Technischen Universität Dresden, den er bis zu seiner Emeritierung 1998 innehatte.

Für sein Werk bekam Blaschke 1999 das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse verliehen. Davor wurde er bereits 1997 mit der Sächsischen Verfassungsmedaille ausgezeichnet.

Blaschke ist Herausgeber des Neuen Archivs für Sächsische Geschichte, das er 1993 nach 50 Jahren des Nichterscheinens wieder begründete, und des Atlas zur Geschichte und Landeskunde von Sachsen. Er gehört der Philologisch-historischen Klasse der Sächsischen Akademie der Wissenschaften als ordentliches Mitglied an und wurde in die Historische Kommission der Bayerischen Akademie der Wissenschaften berufen. Blaschke ist Mitglied zahlreicher Verbände, Kuratorien und Gesellschaften; u. a. war er 2000 bis 2004 der Präsident der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften.

Wissenschaftliche Bedeutung[Bearbeiten]

Mit seinen Veröffentlichungen zum Nikolai-Patrozinium leistete Blaschke einen wichtigen Beitrag zur Erforschung der hochmittelalterlichen Siedlungsgeschichte in der Germania Slavica; die Nikolaikirchen sind als Kaufmannskirchen ein wichtiges Indiz für die jeweilige Stadtentstehung. Seine Studien über Moritz von Sachsen führten zu einer grundlegenden Neubewertung des zuvor als „Judas von Meißen“ verschmähten sächsischen Kurfürsten; Blaschke bezeichnet ihn sogar als „bedeutendsten Wettiner überhaupt.

Werke (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Lauter alte Akten. Urania-Verlag, Leipzig/Jena 1956 (Digitalisat)
  • Historisches Ortsverzeichnis von Sachsen. VEB Bibliographisches Institut, Leipzig 1957
  • Historisches Ortsverzeichnis von Sachsen. Neuausgabe, Leipziger Universitätsverlag GmbH 2006, ISBN 3-937209-15-8 (Link zur Internetseite "hov.isgv.de" mit Ortssuchfunktion)
  • Bevölkerungsgeschichte von Sachsen bis zur Industriellen Revolution. Böhlau Verlag, Weimar 1967 [Habilitationsschrift, Leipzig 1962].
  • Nikolaipatrozinium und städtische Frühgeschichte. In: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte. Band 84, 1967, S. 273–337; erneut abgedruckt In: Peter Johanek (Hrsg.): Stadtgrundriss und Stadtentwicklung. Forschungen zur Entstehung mitteleuropäischer Städte. Ausgewählte Aufsätze von Karlheinz Blaschke. Böhlau Verlag, Köln/Weimar/Wien 1997, S. 3–58.
  • Sachsen im Zeitalter der Reformation. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 1970 (Schriften des Vereins für Reformationsgeschichte. Band 185).
  • Moritz von Sachsen. Ein Reformationsfürst der zweiten Generation. Muster-Schmidt Verlag, Zürich/Göttingen 1984, ISBN 3-788-10113-X (Persönlichkeit und Geschichte. Band 113).
  • Geschichte Sachsens im Mittelalter. Verlag C. H. Beck, München 1990, ISBN 3-406-31722-7, Berlin 1991, ISBN 3-372-00076-5
  • Der Fürstenzug zu Dresden. Denkmal und Geschichte des Hauses Wettin. Urania Verlag, Leipzig/Jena/Berlin 1991, ISBN 3-332-00377-1.

Literatur[Bearbeiten]

  • Rainer Aurig, Steffen Herzog, Simone Lässig: Der aufrechte Gang. Lebensmaxime und wissenschaftlicher Anspruch. Karlheinz Blaschke zum 70. Geburtstag. In: Dies. (Hrsg.): Landesgeschichte in Sachsen. Tradition und Innovation (= Studien zur Regionalgeschichte. Band 10). Verlag für Regionalgeschichte, Bielefeld 1997, ISBN 3-895-34210-6, S. 9−13.
  • Karlheinz Blaschke: Als bürgerlicher Historiker am Rande der DDR. Erlebnisse, Beobachtungen und Überlegungen eines Nonkonformisten. In: Karl Heinrich Pohl (Hrsg.): Historiker in der DDR. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1997, ISBN 3-525-33558-X, S. 45–92 (autobiographischer Aufsatz).
  • Karlheinz Blaschke: Geschichtswissenschaft im SED-Staat. Erfahrungen eines „bürgerlichen“ Historikers in der DDR. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. Band 42, Nr. 17/18, 1992, ISSN 0479-611X, S. 14–27 (autobiographischer Aufsatz).
  • Ilko-Sascha KowalczukBlaschke, Karlheinz. In: Wer war wer in der DDR? 5. Ausgabe. Band 1, Ch. Links, Berlin 2010, ISBN 978-3-86153-561-4.
  • Hans K. Schulze: Karlheinz Blaschke zur Feier des siebzigsten Geburtstages. In: Uwe John, Josef Matzerath (Hrsg.): Landesgeschichte als Herausforderung und Programm. Karlheinz Blaschke zum 70. Geburtstag (= Quellen und Forschungen zur sächsischen Geschichte. Band 15). Steiner Verlag, Stuttgart 1997, ISBN 3-515-07212-8, S. 1−6.
  • Uwe Schirmer, André Thieme: Vorwort. In: Dies. (Hrsg.): Beiträge zur Verfassungs- und Verwaltungsgeschichte Sachsens. Ausgewählte Aufsätze von Karlheinz Blaschke herausgegeben aus Anlaß seines 75. Geburtstages (= Schriften zur sächsischen Geschichte und Volkskunde. Band 5). Leipziger Universitätsverlag, Leipzig 2002, ISBN 3-935-69382-6, S. 13−15.
  • Martin Schmidt: Widmung. In: Ders. (Hrsg.): Die Oberlausitz und Sachsen in Mitteleuropa. Festschrift zum 75. Geburtstag von Karlheinz Blaschke (= Neues Lausitzisches Magazin. Beiheft 3). Verlag G. Oettel, Görlitz/Zittau 2003, ISBN 3-932-69374-4, S. 9 f.
  • Hans Joachim Meyer: Laudatio. In: Winfried Müller (Hrsg.): Perspektiven der Reformationsforschung in Sachsen. Ehrenkolloquium zum 80. Geburtstag von Karlheinz Blaschke (= Bausteine aus dem Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde. Band 12). Thelem Verlag, Dresden 2008, ISBN 3-939-88862-1, S. 33−42.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Simone Lässig, Karl Heinrich Pohl: Vorwort. In: Dies. (Hrsg.): Sachsen im Kaiserreich. Politik, Wirtschaft und Gesellschaft im Umbruch. Böhlau, Köln/Weimar/Wien 1997, ISBN 3-412-04396-6, S. 9.