Karlsplatz (Prag)

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Karlsplatz
Prague CoA CZ.svg
Platz in Prag
Karlsplatz
Der Karlsplatz im Jahr 1871
Basisdaten
Ort Prag
Ortsteil Prager Neustadt
Angelegt Mittelalter
Neugestaltet im 20. Jahrhundert
Einmündende Straßen Žitná ul., Ječná ul., U Nemocnice, Vyšehradska ul., Na Morani, Resslova ul., Spalena, Vodičkova
Bauwerke Neustädter Rathaus, Denkmale für Benedikt Roesl, Jan Evangelista Purkyně, Karolína Světlá, Eliška Krásnohorská und Vítězslav Hálek; Springbrunnen
Nutzung
Nutzergruppen Fußverkehr, Radverkehr
Platzgestaltung Mitte des 19. Jahrhunderts
Technische Daten
Platzfläche 5,6 Hektar

Der Karlsplatz (Karlovo náměstí) in der Prager Neustadt bildete im Mittelalter und in der Neuzeit deren administratives und wirtschaftliches Zentrum und war der wohl größte Marktplatz Europas. Seine zentrale Funktion hat erst in jüngerer Zeit der Wenzelsplatz übernommen. 1848 wurde er in Karlsplatz umbenannt und zwischen 1843 und 1863 als Park gestaltet. Aus dieser Zeit sind noch zahlreiche alte Bäume wie Linden, Platanen oder Kastanien erhalten.

Anlage des Platzes nach 1348[Bearbeiten]

Mit der Anlage der Prager Neustadt nach 1348 ließ König Karl IV. durch Verbreiterung einer über die Prager Kleinseite, eines im frühen Mittelalter bedeutenden Umschlagplatzes des Sklavenhandels verlaufenden Fernhandelsstraße den Viehmarkt (heute Dobytčí trh) anlegen. Mit einer Ausdehnung von rund 550 x 150 Meter war dieser lange Zeit der größte Platz Europas. Er diente hauptsächlich dem Vieh-, Fisch-, Holz- und Kohlenhandel. Dem Handel mit Pferden und Waffen diente der ebenfalls in dieser Zeit an der Grenze zur Altstadt angelegte Roßmarkt, der später in Wenzelsplatz umbenannt wurde. Die damit verbundene wirtschaftliche Entwicklung der entstehenden Stadt Prag führte 1348 zur Gründung der Karls-Universität Prag.

Auf dem Viehmarkt waren ursprünglich zwei lange Reihen von Markthallen geplant, sie konnten aber anscheinend nur teilweise vollendet werden. Sie sind in der Art einer Basilika mit einem durch Obergaden belichteten Mittelschiff errichtet worden, die durch mindestens einen Quergang verbunden waren und dienten wahrscheinlich dem Fischhandel. Der Getreidehandel wurde mit der Zeit in die beiden den Markt rechtwinklig kreuzenden Gassen verlegt, die danach die Namen Korngasse (heute Žitná ulice) und Gerstengasse (heute Ječná ulice) erhielten.

Heilig-Blut- oder Fronleichnamskapelle[Bearbeiten]

In der Mitte des Platzes stand ein hölzerner Turm, in dem ab 1354 einmal im Jahr die Reichskleinodien und Reliquien öffentlich gezeigt wurden. König Karl IV. hatte das damit verbundene Heiltumsfest zum allgemeinen Feiertag in seinem Herrschaftsbereich Heiliges Römisches Reich bestimmt, wodurch Prag zu einem der bedeutendsten Pilgerzentren Mitteleuropas wurde.

Der Bau der Heilig-Blut- oder Fronleichnamskapelle anstelle des erwähnten Turms war noch zu Lebzeiten Karls IV. geplant gewesen. Sie wurde jedoch erst 1382 begonnen und um 1393 fertiggestellt. Im Jahr 1437 wurden in dieser Kapelle die Kompaktate proklamiert, ein Abkommen zwischen den Hussiten in Böhmen und den römisch-katholischen Vertretern am Konzil von Basel.[1] – Obwohl die Kapelle 1791 abgerissen wurde, lässt sich aufgrund alter Stiche ihre Gestalt rekonstruieren. Es handelte sich um eine kreuzförmige Anlage mit einem zentralen Turm. Von dessen oberen äußeren Umgang wurden die Reliquien gezeigt. Zwischen den Kreuzarmen, die außer dem westlichen polygonal geschlossen waren, befanden sich diagonal eingestellte, ebenfalls polygonale Nebenchöre. Zum Schutz der Kostbarkeiten war die Kapelle mit einer ringförmigen, mit Wehrgang und Zinnen versehenen Mauer mit drei Toren umgeben. Die Kapelle orientierte sich damit nicht nur inhaltlich, sondern auch in der Architektur an der Aachener Pfalzkapelle, einem weiteren bedeutenden Pilgerzentrum im späten Mittelalter.

Neustädter Rathaus[Bearbeiten]

Neustädter Rathaus mit dem Bronzedenkmal des Predigers Jan Želivsky im Vordergrund
Hauptartikel: Neustädter Rathaus (Prag)

Geschichte[Bearbeiten]

In dominanter Lage an der Nordostecke des Viehmarktes entstand ab 1367, spätestens aber nach der erneuten rechtlichen Trennung von der Prager Altstadt 1377, auf einem markanten Geländesprung das Neustädter Rathaus (Novoměstská radnice) als Symbol der selbstständigen königlichen Stadt. Das Gebäude war zunächst einstöckig mit zwei Flügeln, der Ostflügel (erbaut 1377–1398) zur Vodičkova enthielt Amtsstuben und das Gefängnis, der Südflügel (erbaut 1411–1418) zum Karlsplatz hin Repräsentations- und Beratungsräume.

In diesem Rathaus fand am 30. Juli 1419 der erste Prager Fenstersturz statt. Unter Führung des hussitischen Predigers Jan Želivský waren prozessionsartig mehrere tausend Neustädter zum Rathaus gezogen und hatten die Freilassung ihrer reformatorischen Gefangenen verlangt. Nach einer provokativen Antwort stürmten sie das Rathaus, warfen die katholischen (deutschen) Ratsherren und Richter aus dem Fenster und erstachen oder erschlugen die Überlebenden. Diese Aktion bedeutete den Beginn des fünfzehnjährigen Hussitenkrieges. König Wenzel IV. geriet darüber so in Wut und Angst, dass er einen Schlaganfall erlitt, an dessen Folgen er am 16. August 1419 starb. Vor dem Rathaus befindet sich ein 1960 von J. Lukesova geschaffenes Bronzedenkmal, das an Jan Želivsky erinnert.

Eine Gedenktafel an der Fassade zur Vodičkova hin ehrt hier eingekerkerte Teilnehmer des Prager Pfingstaufstandes im Jahr 1848, drei Vorkämpfer der Arbeiterbewegung aus dem Jahr 1879 sowie Mitglieder der Omladina-Jugend 1893.[1]

Architektur und Nutzung[Bearbeiten]

Durch den Zusammenschluss der vier Prager Städte im Jahr 1784 wurde das Gebäude funktionslos. Ab 1811 diente es nach Umbauarbeiten im Empirestil, bei denen die Giebel abgeschlagen wurden, als Gericht und Gefängnis.

Heute sind noch Kellerräume und der zweischiffige Säulensaal im Erdgeschoss aus der ersten Bauzeit erhalten, letzterer dient seit 1958 als Trauungssaal. 1452–1456 kam es zum Anbau des Eckturms und 1520–26 zur Umgestaltung des Südflügels im Renaissancestil wahrscheinlich durch Benedikt Ried. Nach einem Stadtbrand 1559 wurde das Rathaus samt Turm im Renaissancestil erneuert und durch Anbauten im Westen und Norden eine Vierflügelanlage mit Arkadenhof geschaffen.
Am Anfang des 20. Jahrhunderts entstand der angrenzende Komplex des Justizgebäudes. Bei einer ersten Restaurierung 1905/06 wurde die heutige Ansicht mit der dreigiebeligen Südseite nach dem Zustand von um 1526 rekonstruiert.

Aufgrund seines städtebaulichen Wertes sowie der kulturellen und politischen Ereignisse wurde das Neustädter Rathaus zum Nationalen Kulturdenkmal erklärt.[1]

Faust-Haus[Bearbeiten]

Faust-Haus am Karlsplatz (rechts das Eingangstor zum Vorhof der Heiligen Johannes-Nepomuk-Kirche am Felsen)

Auch die übrigen Seiten des Viehmarktes wurden nach der Anlage des Platzes recht zügig bebaut, wobei sich hier vor allem Angehörige des Adels und des königlichen Hofes niederließen. An der Südseite des Platzes stand zum Beispiel der gotische Palast der Herzöge von Troppau, deren Grundstück sich weit nach Süden erstreckte. In der Renaissance wurde das Faust-Haus (Faustův dům) Nr. 40/502 umgebaut und unter anderem mit einem Erker erweitert. Das Gebäude präsentiert sich nach einer weiteren Umgestaltung zwischen 1740 und 1770 in barocken Formen.

Schon im 14. Jahrhundert beschäftigten sich die Bewohner dieses Hauses angeblich mit chemischen Versuchen. Im 16. Jahrhundert hatte der englische Abenteurer und Alchimist Edward Kelley mit dem Hausbesitzer, dem Hofarzt Rudolfs II. Johann Kopp, experimentiert. Der Kaiser hatte sich die Herstellung von Gold versprechen lassen und ihn in den Adelsstand erhoben. Rudolfs Nachfolger Kaiser Matthias ließ Kelley später in dem Weißen Turm nahe dem Georgskloster auf der Prager Burg einsperren. Im 18. Jahrhundert hatte noch einmal Chemiker Ferdinand Antonín Mladota von Solopisk hier Versuche angestellt. Hieraus entstand die Sage von Doktor Faustus in Prag, die sich mit dem Haus verknüpfte. Heute dient es recht passend als Apotheke des Krankenhauses.

St. Johannes von Nepomuk am Felsen[Bearbeiten]

Eingangstor der Heiligen Johannes-Nepomuk-Kirche zum Karlsplatz

An der Südwestecke des Karlsplatz direkt neben dem Faust-Haus erhebt sich das zweiflüglige Eingangsportal zum Kirchhof der Barockkirche St. Johannes Nepomuk auf dem Felsen. Die Front der Kirche mit ihrer Freitreppe und der Doppelturmfassade ist jedoch zur vom Karlsplatz wegführenden Straße Na Slupi gewandt.

Jesuitenkolleg und St. Ignatius-Kirche[Bearbeiten]

Innenansicht der Heiligen Ignaz Kirche der Jesuiten

An der langen Ostseite des Platzes entstand nach dem Abbruch von 23 Bürgerhäusern und 13 Gärten das ehemalige Jesuitenkolleg, neben dem Klementinum und dem jüngeren Jesuitenkollegium St.  Niklas auf der Prager Kleinseite die dritte Niederlassung des Ordens in Prag. Der frühbarocke zweigeschossige Pilasterbau wurde von 1658 bis 1667 errichtet, das Nordende des Kollegs jedoch erst 1770 fertiggestellt. Nach Aufhebung des Jesuitenordens diente das Gebäude ab 1773 als Militärspital, seit dem 19.  Jahrhundert ist es ein Krankenhaus. Der Orden der Jesuiten gründete 1866 in einem Haus neben der Kirche, die wieder in seine Obhut kam, eine neue Residenz. Dieser Konvent wurde 1950 aufgehoben.

Die Jesuiten wirkten zunächst in der gotischen Fronleichnamskirche, die ihnen 1623 während der Rekatholisierung in Böhmen von Ferdinand II. mit mehreren Grundstücken geschenkt worden war. In den Jahren 1665–1670 baute Carlo Lurago nach Plänen Giovanni Domenico Orsi die St.-Ignatius-Kirche (Kostel sv. Ignáce) als erste wirklich barocke Kirche auf dem rechten Ufer der Moldau. Sie zeigt große Ähnlichkeit zur Kirche Il  Gesù in Rom. Am Vordergiebel steht eine St. Ignatius Statue mit Strahlenkreis aus dem Jahr 1671. Den viereckigen Turm und den Arkadenporticus fügte Paul Ignaz Bayer 1686–1699 an. Zur gleichen Zeit hat Antoni Soldati den reichen Fassadenschmuck und die Ausschmückung des Kircheninneren ausgeführt.[2]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Karlovo náměstí (Prague) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c Michal Flegl: Prag, Reiseführer Olympia. Olympia-Verlag Prag 1988, S. 243ff.
  2. Thomas Rygl: Prag. ISBN 80-86893-51-0.

50.07614.4205Koordinaten: 50° 4′ 33,6″ N, 14° 25′ 13,8″ O