Karmette

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„Christus ward gehorsam bis zum Tode, ja bis zum Tod am Kreuze.“ (Phil 2,8 EU) 2,8)
Antiphon in den Karmetten.

Karmette, auch Trauermette, älter auch Tenebrae, ist die Bezeichnung der Matutin des kirchlichen Stundengebets an den drei Kartagen Gründonnerstag, Karfreitag und Karsamstag.

Bezeichnung und Brauchtum[Bearbeiten]

Klagelieder des Jeremia, Anfang der ersten Lesung der ersten Nokturn am Gründonnerstag
Vinea mea, drittes Responsorium der ersten Nokturn am Karfreitag

Das Wort Mette kommt - wie auch Matutin - vom lateinischen (hora) matutina „Morgenstunde“. Die Karmetten werden auch Tenebrae (von lat. ‚Dunkelheit‘, wörtlich ‚Schatten‘), Finstermette oder „düstere Mette“ genannt. Der Name leitet sich womöglich ab aus dem Anfang des fünften Responsoriums an Karfreitag Tenebrae factae sunt, dum crucifixissent Jesum Judaei „Finsternis entstand, als die Juden Jesus kreuzigten“. Die Karmetten fanden in der dunklen, schmucklosen Kirche statt; nach der Messfeier am Abend des Gründonnerstag wurden alle Kerzen, Blumen und Decken von den Altären entfernt. So sollte die Todesangst Jesu am Ölberg, seine Entblößung und das Geschehen der Passion reflektiert werden.

Frühere Riten wie das Stampfen bzw. das rituelle Schlagen oder Klopfen auf Kirchenbänke des Zeremonienmeisters am Ende der Feier sind heute nicht mehr üblich. Das Stampfen symbolisierte das Herannahen der Häscher des Hohen Rats; der Lärm sollte den Tumult bei der Gefangennahme und das Erdbeben beim Tod Christi, später auch die Empörung über den Verrat des Judas Ischariot zum Ausdruck bringen.

Regional wurde diese Feier auch als sogenannte Pumper- oder auch Rumpelmette am jeweiligen Vorabend begangen. Mit der Neuordnung der Feier der Karwoche durch Papst Pius XII. wurde die Gestalt der Tenebrae geändert, und sie wurden auf den Vormittag der Kartage verlegt.

Liturgie[Bearbeiten]

Vor der Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils war die Feier der Trauermetten durch die Dreizahl geprägt: In drei aufeinander folgenden Nächten versammelte man sich zum Gesang der Mette, die aus je drei Nokturnen bestand. Jede Nokturn hatte neben dem still gebeteten Vaterunser drei variable Elemente: Psalm, Lesung, Responsorium. Jedes dieser drei Elemente kam in jeder Nokturn dreimal vor: drei Psalmen, drei Lesungen und drei Responsorien.[1]

Die Lesungen der ersten Nokturn an jedem der drei Kartage waren den Klageliedern des Propheten Jeremia (Lamentationes) entnommen:

Lesung 1 Lesung 2 Lesung 3
Gründonnerstag Klgl 1,1–5 EU Klgl 1,6–9 EU Klgl 1,10–14 EU
Karfreitag Klgl 2,8–11 EU Klgl 2,12–15 EU Klgl 3,1–9 EU
Karsamstag Klgl 3,22–30 EU Klgl 4,1–6 EU Klgl 5,1–11 EU

Die heute verkürzte Form der Karmette beginnt mit der liturgischen Eröffnung und dem Invitatorium. Es folgen die Matutin und die Laudes. Die Matutin beginnt mit dem Hymnus Heilig Kreuz, du Baum der Treue (lateinisch Crux fidelis) und drei sich anschließenden Psalmen mit den zugehörigen Antiphonen. Es folgen zwei bis drei Lesungen, auf die jeweils ein Responsorium folgt. Die Klagelieder des Propheten Jeremia werden gesungen und münden stets in den Ruf: Jerusalem[2], Jerusalem, convertere ad Dominum Deum tuum („Jerusalem, Jerusalem, kehr um zum Herrn, deinem Gott“). Wegen der Fastenzeit wird am Ende der Matutin kein Te Deum gesungen.

Die anschließenden Laudes bestehen aus zwei Psalmen und dem Canticum Benedictus mit den dazugehörenden Antiphonen. Der anschließenden Kurzlesung folgt statt des üblichen Responsoriums die feierliche Antiphon Christus factus est („Christus war für uns gehorsam bis zum Tod“). Darauf folgen die Fürbitten und das Vater unser. Die Laudes schließen mit dem Tagesgebet und dem Segen.

Traditionsgemäß befinden sich während der Karmette ein Lichtrechen (Tenebrae-Leuchter) oder zwei symmetrisch angeordnete Leuchter auf dem Altar oder im Chorraum, die jeweils sieben ansteigend angeordnete Kerzen tragen und somit ein Dreieck bilden. Die vierzehn Kerzen gelten als Symbole für die elf Apostel und die drei Marien: Maria Kleophae, Maria Salome und Maria von Magdala. Zusätzlich kann noch eine weitere, meist größere Kerze in der Mitte als Symbol für Christus brennen. Zu Beginn des Gottesdienstes brennen alle Kerzen. Nach jeder Antiphon oder Lesung wird eine Kerze gelöscht. Am Schluss des Gottesdienstes brennt gegebenenfalls nur noch die Christuskerze, diese kann am Karsamstag als Zeichen für den im Grab liegenden Christus ebenfalls gelöscht werden.

Vor allem an Kathedralkirchen werden am Morgen des Gründonnerstags, des Karfreitags und des Karsamstags die Karmetten mit der Gemeinde gefeiert; die Gesänge und Texte sind meist dem Münsterschwarzacher Antiphonale entnommen.[3] Darüber hinaus enthalten auch der Diözesanteil der Diözese Rottenburg-Stuttgart des Gotteslobes und das Münchener Kantorale entsprechende Texte und Vorschläge für den liturgischen Ablauf.

Kompositionen[Bearbeiten]

Die Tenebrae sind in der Geschichte der Kirchenmusik vielfach vertont worden. Es gibt Kompositionen entweder nur der Klagelieder-Lesungen oder auch der Responsorien; zu den letzteren gehören Werke von Carlo Gesualdo und Marc-Antoine Charpentier. Heute am bekanntesten sind die Fassungen von Tomás Luis de Victoria und François Couperin (von diesem sind nur die ersten drei Nokturn erhalten). Auch das Miserere von Gregorio Allegri entstand für die Feier der Tenebrae als Vertonung des ersten Psalms der Laudes.

Der Text der Klagelieder wird unterschiedlich auf die jeweiligen Tage bzw. Nokturnen verteilt:[4]

Gregorianischer Gesang (Mittelalter)
(zum Beispiel im Liber Usualis)
1. Tag 1:1-5 1:6-9 1:10-15
2. Tag 2:8-11 2:12-15 3:1-9
3. Tag 3:22-30 4:1-6 5:1-11
Carpentras (1539)
1. Tag 1:1-4 1:5,4:1-2 1:11-13
2. Tag 2:8-10 2:11,1:14-15 4:10-12
3. Tag 3:22-29 1:8-9,2:17 5:1-7
Orlando di Lasso (1584)
1. Tag 1:1-3 1:7-9 1:12-14
2. Tag 2:8-10 2:13-15 3:1-9
3. Tag 3:22-30 4:1-3 5:1-6
Marc-Antoine Charpentier (Ende 17. Jahrhundert)
1. Tag 1:1-5 1:6-9 1:10-14
2. Tag 2:8-11 2:12-15 3:1-9
3. Tag 3:22-30 4:1-6 5:1-11
Jan Dismas Zelenka (1722)
1. Tag 1:1-5 1:6-9 (fehlt)
2. Tag 2:8-11 2:12-15 (fehlt)
3. Tag 3:22-30 4:1-6 (fehlt)

Literatur[Bearbeiten]

  • Rhabanus Erbacher, Roman Hofer, Godehard Joppich: Benediktinisches Antiphonale, Sonderband: Gründonnerstag bis Ostersonntag; Vier-Türme-Verlag, Münsterschwarzach; ISBN 978-3-87868-233-2
  • Trauermetten in der Karwoche, Auszug aus dem Antiphonale zum Stundengebet, herausgegeben von den Liturgischen Instituten Trier - Salzburg - Zürich, in Zusammenarbeit mit den Mönchen der Abtei Münsterschwarzach; Verlag Herder, Freiburg, Basel, Wien; Vier-Türme-Verlag, Münsterschwarzach, 1980; ISBN 3-451-18973-9
  • Pius Parsch: Der Frühgottesdienst in der Karwoche; Volksliturgisches Apostolat, Klosterneuburg, 1938

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. J. Grabinski: Über die Trauermetten der Kartage.
  2. mit Jerusalem ist hier (siehe Vierfacher Schriftsinn) nicht die Stadt Jerusalem, sondern die Kirche und die einzelne Seele gemeint
  3. Antiphonale zum Stundengebet, Seite 299 ff., Vier-Türme-Verlag, Münsterschwarzach, 7. Auflage 1996
  4. The Genre of the Lamentations bei medieval.org (englisch)