Kastell Rutupiae

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Kastell Richborough
Alternativname Rutupiai/Portus Ritupiae/Rutupiae/Rutupis
Limes Britannien
Abschnitt Strecke 3,
Datierung (Belegung) a) 1. Jahrhundert n. Chr.,
b) 3. bis 5. Jahrhundert n. Chr.
Typ a) Flottenstation / Nachschubbasis
b) Sachsenküstenkastell
Einheit a) unbekannt,
b) Legio II Augusta
Größe a) unbekannt,
b) 2,5 ha
Bauweise a) Holz-Erde,
b) Steinbau
Erhaltungszustand a) Palisade mit vorgelagerten Doppelgraben,
b) quadratische Anlage mit vorkragenden Türmen,
oberirdisch größtenteils noch sichtbar.
Ort Richborough
Geographische Lage 51° 17′ 36″ N, 1° 19′ 57″ O51.2933333333331.3325Koordinaten: 51° 17′ 36″ N, 1° 19′ 57″ O
Vorhergehend Kastell Regulbium nördlich
Anschließend Portus Dubris südlich
Die Sachsenküstenkastelle um 380 n. Chr.
Historische Karte Küstenverlauf, Insel Thanet und Wantsumkanal im 18. Jahrhundert
Befunde des spätantiken Kastells
Rekonstruktionsversuch des Sachsenküstenkastells im 4. Jhdt.n.Chr., Blick aus SO
Ruinen der Umfassungsmauer des spätrömischen Kastells
Überreste der Innenbebauung
Heizkanal der Mansio
Ausgangspunkt der Watling Street am Westtor
Befundskizze einer Lanzen- (rechts) und einer Pfeilspitze (links) aus dem Kastell (gefunden in den 1920er Jahren)

Das spätantike Kastell Rutupiae liegt in der Nähe des heutigen Richborough, Grafschaft Kent in England, Distrikt Dover.

Richborough war von 43 n. Chr. bis zum Ende ihrer Herrschaft, im Jahre 410, von den Römern besetzt. Seine Bedeutung erlangte es als Marinestützpunkt und Basislager für die Eroberung der Insel mit der Invasion Britanniens durch Kaiser Claudius im Jahre 43 n. Chr. Während der römischen Besatzungszeit entwickelte es sich zu einer Zivilsiedlung bzw. einem Handels- und Fährhafen. Es war eines der beiden Haupttore zum römischen Britannien und somit eine der meistfrequentierten Anlaufstellen für den Schiffsverkehr, der die Insel mit Portus Itius/Gesoriacum (heute Boulogne-sur-Mer) an der gallischen Küste verband. Die römische Flotte kontrollierte von hier aus die Gewässer des Ärmelkanals und der Nordsee. Ab dem 3. Jahrhundert war Rutupiae auch Bestandteil der Kastellkette des sogenannten Litus Saxonicum (Sachsenküste).

Name[Bearbeiten]

Wahrscheinlich stammt der Name Rutupiae (= „trübes Wasser" oder „die schlammige Flussmündung“) aus dem keltischen Sprachbereich.

  • Richborough wird in der geographischen Abhandlung des Claudius Ptolemäus im frühen 2. Jahrhundert n. Chr. als Rutupiai bezeichnet.
  • Das im späten 2. Jahrhundert entstandene Itinerarium Antonini erwähnt Richborough an drei Stellen, einmal im Iter Britanniarum[1], daneben zweimal im Iter II, „Der Weg vom Wall zum Hafen von Ritupiae".[2] Hier werden auch alle Straßenstationen vom Hadrianswall bis nach Richborough aufgezählt. Die Entfernung zwischen dem Portus Ritupiae und der vorletzten Station, Durovernum (Canterbury), wird mit zwölf Meilen angegeben.[3]
  • In der Notitia Dignitatum scheint Rutupis im späten 4. Jahrhundert als Garnisonsort des Litus Saxonicum zwischen Regulbium (Reculver, Kent) und Anderitum (Pevensey, East Sussex) auf.

Lage und Funktion[Bearbeiten]

Die Besatzung des Kastells sicherte - zusammen mit Kastell Regulbium - einen der wichtigsten Hafenorte der britischen Provinzen und den südlichen Eingang des Wantsum-Kanals. Von hier aus konnte man relativ schnell und ungefährdet den Oceanus Britannicus nach dem gallischen Gesoriacum (Boulogne-sur-Mer) überqueren. Der Wantsum Kanal war ein großer Gezeitenkanal, der Schiffen, die in die Themse/Thamesis einlaufen wollten eine sichere Passage nach London/Londinium garantierte, ohne die Risiken, die eine Umfahrung der Insel Thanet auf offener See mit sich brachten. Er ist im Lauf der Jahrhunderte verlandet, nur Marschland und Deiche markieren die Stellen, wo in der Antike noch ein reger Schiffsverkehr möglich war. Die Ruine des Sachsenküstenkastells liegt daher heute circa drei Kilometer landeinwärts. Der antike Hafen ist heute ebenfalls Sumpfland. Am Rand des Kastellareals steht heute eine Fabrik, das östliche Ende des Lagers wurde ab dem 15. Jahrhundert durch Erosion und später noch durch die Anlage einer Eisenbahnlinie zerstört.

Der Ort war - neben dem benachbarten Portus Dubris - auch Ausgangspunkt der Watling Street, die zunächst nach London und dann über St. Albans und Wroxeter bis nach Zentralwales führte. Heute erinnert nur noch ein schmaler Feldweg, westlich von Richborough, an sie.

Forschungsgeschichte[Bearbeiten]

John Leland beschrieb 1540 erstmals die Mauern des Sachsenküstenkastells und die Fundamente des Triumphbogens. Weitere Berichte über römische Hinterlassenschaften wurden von William Boys im Jahre 1799 verfasst. Er erwähnt die Spuren von Straßen, die westlich des Kastells verliefen. 1846 wurden beim Bau der Eisenbahnlinie östlich des Kastells Mauerreste aus Feuerstein und Ziegeln und eine Apsis zerstört. 1849 wurden Teile des Amphitheaters freigelegt. Im Jahr 1887 fand George Dowker die Reste von antiken Steingebäuden mit Mosaikböden. 350 m weiter südlich wurden bei Eisenbahnbauarbeiten im Jahre 1926 nahe dem Amphitheater die Reste von zwei romano-britischen Tempeln, ein Gräberfeld, Brennöfen und weitere römische Gebäude entdeckt.

Die umfangreichsten Ausgrabungen wurden von Joselyn P. Bushe-Fox - im Auftrag der Society of Antiquaries of London und dem Minister für öffentliche Bauten und Arbeit - mit Hilfe von arbeitslosen Bergleuten in den 1920er und 1930er Jahren durchgeführt. Zwischen 1959 und 1969 führte die Kent Archeological Rescue Unit (KARU) Ausgrabungen im Kastell durch. 1965 erkannte Ian Archibald Richmond, dass die Fundamente im Zentrum des Kastells und Marmorfragmente zu einem Triumphalmonument gehörten. Eine abschließende Zusammenfassung der Grabungsergebnisse wurde von Barry Cunliffe 1968 herausgegeben. 2000 fertigte man Luftaufnahmen des antiken Stadtareals an. 2001 wurden zur Vervollständigung 22 ha des Grabungsgeländes geophysikalisch untersucht. Hierbei konnten vor allem der genaue Verlauf der römischen Straßen geklärt werden. 2001 und 2008 konnten Archäologen des English Heritage bestätigten, dass der antike Küstenverlauf mit dem heutigen Flussbett des Stoure fast identisch ist.[5]

Entwicklung[Bearbeiten]

Die Ufer des Wantsum-Kanals wurden schon seit der späten Bronzezeit besiedelt. Auch der Kanal selbst war vermutlich seit prähistorischer Zeit ein wichtiger Verkehrsweg. Bei Richborough wurden Spuren einer größeren Siedlung aus dem 7.–6. Jahrhundert v. Chr. beobachtet. Zur Zeit der römischen Invasion wurde die Region von den kelto-britischen Stämmen der Catuvellauni, Atrebaten und Trinovanten beherrscht.

Im Jahr 43 n. Chr. landeten die Römer unter Kaiser Claudius im Zuge ihrer zweiten Invasion in Britannien. Rutupiae war einer ihrer Brückenköpfe, hier ging Aulus Plautius wohl mit den Großteil der Truppen - wahrscheinlich bis zu drei Legionen – an Land. Die Legio II Augusta unter dem Befehl Vespasians betrat etwas weiter südlich britischen Boden. Die Okkupationsarmee wird heute auf ungefähr 800 Schiffe und 40.000–50.000 Mann geschätzt. Zu dieser Zeit war dieser Ort eine gut geschützte Lagune zwischen der Küste und der Insel Thanet. Archäologische Ausgrabungen haben ergeben, dass sofort nach der Landung begonnen wurde, den Brückenkopf zu befestigen und seine Infrastruktur weiter auszubauen.

Nach Konsolidierung ihrer Herrschaft im südöstlichen Britannien in der Mitte des 1. Jahrhunderts wurde Rutupiae zur bedeutendsten Marine- und Nachschubbasis für das weitere Vordringen der Römer in Britannien. Neue Heerstraßen wurden von hier in Richtung Canterbury und London angelegt, zahlreiche Holzbauten an einem gitterförmigen Straßennetz errichtet, um die Soldaten und Versorgungsgüter darin unterzubringen. Um das Jahr 85 änderte sich das Erscheinungsbild Rutupiaes grundlegend, die provisorischen Holzbauten der Gründungszeit wurden beseitigt und teilweise durch solidere Steinkonstruktionen und einem monumentalen Triumphbogen (Quadrifrons) ersetzt. Die Standorte derartiger Monumente hatten für die Römer eine große symbolische Bedeutung. Die Aufstellung des Monuments ist daher auch das stärkste Indiz dafür, dass Claudius’ Invasionstruppen hier tatsächlich zuerst britischen Boden betraten. In weiterer Folge sollte es aber wohl auch die Unterjochung der einheimischen Bevölkerung und Roms Macht nachdrücklich hervorheben.

Der militärische Fokus verlagerte sich aber zusehends in den Norden und Westen der Insel. Rutupiae wurde nun auch vom 25 km entfernten Dubris/Dover als Hauptversorgungs- und Marinestützpunkt abgelöst. Trotzdem entwickelte es sich zu einer blühenden Küstenstadt, zu ihrer Infrastruktur zählte nun auch eine große Mansio (Herberge). Die Stadt war im ganzen Römischen Reich auch für die Qualität ihrer Austernbänke bekannt. Diese werden bei Juvenal als auf einer Stufe mit denen vom süditalienischen Lukriner See/Lucrinus Lacus erwähnt.[6]

Um die Mitte des 3. Jahrhunderts erforderten drastische politische und wirtschaftliche Umwälzungen im Reich eine Befestigung der damals offenbar schon weitgehend zerstörten Hafenstadt. Möglicherweise hatte sich ein Großteil der wirtschaftlichen Aktivitäten nach London und Dover verlagert. Man errichtete rund um den Triumphbogen zunächst eine provisorische Befestigung. Ein Großteil des Areals der Zivilstadt wurde planiert, auch der inzwischen wohl ebenfalls schon verfallene Quadrifrons wurde vollständig abgetragen. Mit dem Abbruchmaterial wurden die massiven Wehrmauern des Sachsenküstenkastells hochgezogen und sein Marmor zu Kalk gebrannt. Es scheint, dass mit seinem Bau um 277 begonnen und dieser 285 beendet wurde. Als die Kastellmauern fertiggestellt waren, wurden auch die restlichen Erdwerke und Gräben abgetragen bzw. zugeschüttet. Die Festung wurde vermutlich vom Usurpator Carausius zur Abwehr einer Invasion durch Truppen der römischen Zentralregierung in Auftrag gegeben.[7]

Eine neue Bedrohung in Gestalt von angelsächsischen und fränkischen Piraten trat nun in Erscheinung. Sie waren die Vorhut der späteren sächsischen Siedler, die sich bald, über die Nordsee kommend, dauerhaft in Britannien festsetzen sollten. Der Limes an der „Sachsenküste“ wurde als eigenständiger Militärbezirk eingerichtet bzw. stärker befestigt. Am nördlichen Ausgang des Wantsum wurde im Zuge dessen u. a. auch das Lager von Regulbium/Reculver errichtet. 359/360 durchbrachen Pikten und Scoten die Nordgrenze und verheerten große Teile Britanniens. Um sie wieder zurückzuschlagen, setzte Kaiser Julian Apostatata seinen Heerführer, den magister equitum per Gallias Lupicinus in Marsch, der bald darauf mit einer Armee aus Herulern und Batavern in Rutupiae eintraf und mit ihnen nach Londinium marschierte, um von dort aus sein weiteres Vorgehen zu planen. 367 fielen Attacotten, Pikten und Sachsen zur gleichen Zeit in Britannien ein, vernichteten oder zerstreuten die auf der Insel stationierten römischen Streitkräfte, töteten ihren Heerführer, den Comes Litus Saxonici Nectaridus und belagerten den Dux Fullofaudes. Gleichzeitig riss ein Usurpator, Valentinus, die Herrschaft an sich. 368 landete daher der Comes Flavius Theodosius im Auftrag Kaiser Valentinians I. mit seiner Armee in Rutupiae, warf den Aufstand des Valentinus rasch nieder, sicherte den Hadrianswall, schlug die Eindringlinge vernichtend und stellte so die römische Ordnung auf der Insel - für ein letztes Mal - wieder her. Bei den Ausgrabungen fand man über 20.000 Münzen aus der Zeit zwischen 395 und 402 auf dem Kastellareal, weit mehr als im übrigen Britannien. Darunter war auch eine Menge kleinerer Nominale, ein starkes Indiz dafür, dass Rutupiae bis zum Abzug der Römer ein wichtiges Wirtschafts- und Finanzzentrum in der Region war. Das Kastell war bis in das 5. Jahrhundert vom römischen Militär besetzt, wurde aber danach wohl noch bis ins Mittelalter verwendet.

Im frühen 5. Jahrhundert gab die römische Armee und Verwaltung Britannien endgültig auf. Eine Anzahl von Münzfunden zeigt jedoch, dass in im ehemaligen Sachsenküstenkastell immer noch rege Betriebsamkeit herrschte. Als Augustinus von Canterbury im Jahr 597 Britannien besuchte, ging er wahrscheinlich in Rutupiae an Land. Aufgrund seiner günstigen Lage an der Kanalküste blieb dieser Ort auch weiterhin durchgehend besiedelt. Der romano-britische König Vortigern stellte angelsächsischen Söldnern unter ihren Anführern Hengist und Horsa die Insel Thanet als Siedlungsland zur Verfügung. Von dort aus nahm die angelsächsische Invasion Britanniens im Jahr 449 ihren Anfang. Gegen Ende des 5. Jahrhunderts war Thanet ein Teil des angelsächsischen Königreichs von Kent.

Bei Ausgrabungen im Jahr 2008 stieß man u. a. auch auf eine Dockanlage aus dem Mittelalter. Ein Beweis dafür, dass der Ort auch zu dieser Zeit noch als Hafen genutzt wurde. Der Wantsum-Kanal begann ab dem 12. Jahrhundert zu verlanden, das letzte Schiff durchfuhr ihn im Jahre 1672, auch der Hafen musste danach aufgegeben werden.

Küstenbefestigung[Bearbeiten]

Dieses Sperrwerk wurde wahrscheinlich in großer Eile errichtet, um die Landezone gegen Überraschungsangriffe der Briten abzusichern. Von dieser frühesten römischen Befestigung konnten nur Spuren eines Doppelgrabens, das älteste archäologische Zeugnis der römischen Invasion Britanniens, an der Innenseite, im Nordosten des Sachsenküstenkastells beobachtet werden. Es handelte sich wohl um ein insgesamt 2700 m langes Sperrwerk, bestehend aus einem östlich gelegenen Torf-Erde-Wall mit Palisadenpfählen und zwei vorgelagerten Gräben (ca. 650 m sind noch heute sichtbar), das sich von Nord nach Süd, parallel zum damaligen Küstenverlauf, erstreckte. Im Norden endeten die Gräben in Marschland, im Süden wurden sie beim Bau einer Eisenbahnlinie zerstört. Der innere Graben war 3,5 m breit und 2 m tief, der äußere war etwas schmäler und verlief 2 m entfernt. Der Wall verfügte landseitig über ein 3,25 m breites Tor, das von einem - auf vier Pfählen ruhenden - Holzturm gesichert wurde.

Holz-Erde-Befestigung am Triumphbogen[Bearbeiten]

In der Mitte des 3. Jahrhunderts wurden offenbar die Häuser um den Triumphbogen geräumt beziehungsweise abgerissen und das Areal mit drei Spitzgräben und einem Erdwall umgeben. Die Gräben endeten an der Mansio und der Watling Street, wo sich vermutlich das Haupttor der Befestigung befand. Die Befestigungsanlagen standen vermutlich 25-30 Jahre in Verwendung.

Sachsenküstenkastell[Bearbeiten]

Das Sachsenküstenkastell stand auf leicht erhöhten Grund im Norden der Bucht. Der spätantike Komplex besaß zwar noch den für mittelkaiserzeitliche Kastelle typischen - rechteckigen - Grundriss, aber keine abgerundete Ecken mehr. Des Weiteren konnte auch kein rückwärtiger Erdwall mehr nachgewiesen werden. An zwei Seiten waren Tore in die Wehrmauer eingelassen, die von je zwei Türmen flankiert wurden. Mit 2,5 ha etwas kleiner als das benachbarte Regulbium (Reculver), waren die Mauern des Kastells aber wesentlich massiver konstruiert und vermutlich nachträglich noch einmal modernisiert worden. Die östliche Seite der Festung ist heute komplett zerstört. Trümmer des Ostwalls wurde im 15. Jahrhundert noch als Dock genutzt.

Umwehrung[Bearbeiten]

Große Abschnitte der an der Basis 3,3 m messenden Mauer stehen heute noch bis zu einer Höhe von acht Metern. Dies war auch die Höhe des Wehrganges, der vermutlich durch ca. zwei Meter hohe Zinnen geschützt wurde. Die Mauer wurde hauptsächlich aus Flintstein erbaut, aber auch zahlreiche andere Gesteinsarten, wie z. B. Kalkstein aus der Umgebung fanden hierfür Verwendung. Der Nordwall z. B. dürfte größtenteils aus dem Material des abgebrochenen Triumphbogens bestehen. Hier ist an einer Stelle deutlich eine markante Änderung in der Konstruktion der Mauer zu erkennen. Vermutlich war dieser Abschnitt von einem anderen Bautrupp errichtet worden.

Der Kern der Mauer bestand aus in Zement gebundenem Bruchstein, der mit roh zugehauenen Blöcken verkleidet wurde. Sechs zweibändrige Ziegelreihen (sie enthalten auch eine kleine Menge wiederverwendeter Dachziegel) wurden in einem Meter Abstand zueinander eingefügt. Gut sichtbar sind überall auch noch kleinere quadratische Vertiefungen (sog. putlog holes), in denen einst die Stützbalken des Baugerüsts verankert wurden. Die äußere Verblendung ist heute größtenteils verschwunden, da sie für den Bau der Stadtmauer des nahegelegenen Sandwich verwendet wurden. Auch die heute sichtbaren großen Löcher im Wall wurden von Steinräubern verursacht.[8]

Tore und Türme[Bearbeiten]

Die Mauerecken waren mit vier vorkragenden, halbrunden massiven Türmen geschützt, während die zwölf Zwischen- und vier Tortürme rechteckig und im inneren begehbar waren. Ihre Zwischenböden bestanden aus Holz. In ihnen waren wahrscheinlich Wachstuben, Wohn- oder Lagerräume untergebracht. Ihre untersten Böden bestanden aus einer Schicht Kieselsteine, zu erkennen noch im Turm zwischen dem Nordost-Eckturm und der nördlichen Schlupfpforte. Im Zwischenturm nördlich des Westtores befand sich eine Latrine. Die Fundamente des Südwest-Eckturmes sind heute noch zu sehen. Auf den Ecktürmen standen wahrscheinlich schwere Pfeilschleudergeschütze (ballista).

Die beiden etwas versetzten Toranlagen im Osten (Hafenseite) und das Haupttor im Westen (Landseite) waren je mit einer Durchfahrt versehen. Die Wachstuben befanden sich über den Torbögen. Sie waren von zwei rechteckigen Türmen flankiert. Über sie gelangte man auch auf den Wehrgang. Am Nord- und Südwall waren in den zentralen Zwischentürmen (an ihrer Ost- bzw. Westseite) noch zwei kleine Schlupfpforten eingelassen. Die nördliche ist noch bis zu ihrer ursprünglichen Höhe erhalten geblieben.[9]

Wehrgräben[Bearbeiten]

Zwei V-förmige Wehrgräben umgaben noch zusätzlich die Kastellmauern als Annäherungshindernis. Der innere war 10 m breit und 3 m tief, der äußere 8m breit und 2 m tief. Ein dritter Graben, zwischen den beiden Hauptgräben, am Westtor war vermutlich das Ergebnis eines Vermessungsfehlers. Er wurde deshalb schon bald nach seinem Aushub wieder zugeschüttet.

Innenbauten[Bearbeiten]

Im 4. Jahrhundert bestanden fast alle Gebäude im Inneren des Kastells aus Holz. Insgesamt konnten 17 davon archäologisch nachgewiesen werden. Es handelte sich meist um einfache, langrechteckige Holzständerbauten. Die Zwischenwände waren in Fachwerktechnik ausgeführt worden. In der Südostecke standen zwei größere Speicherbauten (Horreum). Im Zentrum, am Standort des ehemaligen Triumphbogens wurden die Principia des Lagers errichtet.

Im 5. Jahrhundert wurde an der Nordwestmauer über den Überresten eines Holzgebäudes aus dem 1. Jahrhundert eine kleine Kapelle mit einem hexagonalen, gekachelten Basin (wahrscheinlich ein Taufbecken) errichtet. Sie ist eines der sehr seltenen Zeugnisse für die Aktivitäten des aufkeimenden Christentums in Britannien und dürfte auch noch einige Zeit nach Abzug der Römer in Gebrauch gewesen sein.[10]

Therme[Bearbeiten]

Im Nordostteil des Kastellareals wurde ein kleines, nach Ost-West ausgerichtetes, Badehaus (Reihenbadtyp) mit einem seitlich angebauten Becken freigelegt.[11] Es war vermutlich das einzige in Steinbauweise errichtete Gebäude im spätantiken Lager und wurde direkt über den Resten der früheren Mansio und vermutlich gleichzeitig mit dem Kastell errichtet (Fund einer Münze des Kaiser Tetricus, 268–273 n. Chr., unter dem Estrichboden des Frigidariums) und wohl im 5. Jahrhundert aufgegeben.[12]

Insgesamt konnten bei den Ausgrabungen drei Räume untersucht werden, einer davon war nicht beheizbar. Er liegt an der Ostseite des Gebäudes und misst 3,40 m x 3,60 m. An der Nordseite befindet sich eine mehrfach umgestaltete Piscina, die in eine rechteckige Nische (2,40 m x 1,65 m) eingebaut wurde. Im Westen schloss sich das 2,70 m x 3,60 m große Tepidarium an, danach das Caldarium. Beide sind mit einer Hypokaustenheizung ausgestattet, dessen Praefurnium sich an der Westseite des Caldariums befindet. Das dazugehörige Wasserbecken befand sich in einer an der Nordseite angebauten Apsis.

Garnison[Bearbeiten]

Am Ende des 4. Jahrhunderts war laut der Notitia Dignitatum im Kastell von Rutupis ein Präfekt mit einer Vexillation der Legio II Augusta unter dem Befehl des Comes litoris Saxonici per Britanniam stationiert (Praefectus legionis secundae Augustae, Rutupis). Das Lager von Rutupis war nicht groß genug, um die ganze Legion aufzunehmen. Ihre Vexillationen waren wohl zu dieser Zeit schon im ganzen weströmischen Reich verstreut, da nach den Armeereformen der Kaiser Gallienus und Diokletian ihre besten Soldaten den Comitatenses zugeteilt wurden.

Zivilstadt[Bearbeiten]

Die erste provisorische Befestigung wurde von einer Bebauungsphase abgelöst, in der die Gräben planiert, ein Straßennetz angelegt und 12, 28 m × 9 m große, Holzbauten, darunter zwei Lagerhäuser, errichtet wurden. Ab 70 hatte sich Rutupiae als wichtiger Handelshafen etabliert. Die Lagerhäuser wurden abgebrochen und durch schmale, langrechteckige Holzgebäude mit Veranda sowie straßenseitigen Geschäfts- und Wohnräumen im hinteren Bereich ersetzt (Streifenhaus).

Die mehrphasige Zivilsiedlung (zunächst wohl nur ein vicus) entstand in präflavischer Zeit. Ihr Zentrum lag westlich des Triumphbogens im einen von Erdwerken umgebenen Areal und setzte sich auch noch außerhalb dieser Wälle weiter fort. Die Lagerhäuser des Militärs wurden schon im 1. Jahrhundert nach und nach durch Wohnbauten ersetzt. Entlang der Watling Street und unmittelbar westlich des spätantiken Kastell, hinter einem Bergrücken, kamen ein ausgedehnter regelmäßiger Straßenraster und kleinere Fundamentgräben von Steingebäuden zum Vorschein. Die meisten Gebäude waren jedoch aus Holz errichtet worden. In einigen wurden Öllämpchen hergestellt oder Metall verarbeitet. Es muss sich um eine stadtähnliche, etwa 21–25 ha große Siedlung gehandelt haben, die ihre Blütezeit und größte Ausdehnung im 2. Jahrhundert erreichte. Weiters fand man ein Gräberfeld und die Reste von zwei kleinen Tempeln (Tempel 1 und 2). Nach 270 n. Chr. war die Stadt offenbar schon von den meisten ihrer Bewohner verlassen worden. Ihr Gelände wurde danach planiert und darauf - über der Fläche von sechs ehemaligen Insulae - das Kastell des Sachsenküstenlimes errichtet.[13]

Hafen[Bearbeiten]

Über ihn ist nur wenig bekannt. Er befand sich östlich des Kastellgeländes, seine letzten Reste wurden beim Eisenbahnbau zerstört. Im 3. Jahrhundert begann der Hafenbereich durch die Sedimentablagerungen des Stourflusses zu verlanden, besonders westlich der Stadt, was einer der Gründe für ihren Niedergang in dieser Zeit gewesen sein könnte.

Mansio[Bearbeiten]

Dieses mehrphasiges Gebäude stand an der der See zugewandten Seite des Stadtareals. Der genaue Verwendungszweck des Gebäudes ist nicht gänzlich geklärt, es scheint jedoch mit ziemlicher Sicherheit als Herberge (mansio) für Durchreisende und Staatsbeamte gedient zu haben. Die Mansio bestand im 1. Jahrhundert noch komplett aus Holz, ihre Räume waren um einen großen Innenhof angeordnet. Um 70 n. Chr. wurde sie völlig neu in Stein errichtet und um 85 noch weiter nach Nordosten erweitert. Sie wurde danach noch mehrmals umgebaut und während des 2. Jahrhunderts noch einmal völlig neu errichtet und dabei auch mit einer Hypokaustenheizung für einen Baderaum ausgestattet. Die Befestigungen des späten 3. Jahrhunderts um den Triumphbogen durchschnitten die Überreste von Wohnhäusern, sparten die Mansio aber aus. Sie muss zu diesem Zeitpunkt noch intakt gewesen sein. Vielleicht diente sie als Unterkunft für den Festungskommandanten. Das Gebäude stand noch bis ins späte 3. Jahrhundert. Nach ihrer Zerstörung durch den Bau des Sachsenküstenkastells wurde über ihren Überresten das Lagerbad errichtet.[14]

Triumphbogen[Bearbeiten]

Möglicherweise um dem Sieg des Gnaeus Iulius Agricola in der Schlacht am Mons Graupius oder den Abschluss der Eroberung Britanniens unter Domitian feiern, wurde in Rutupiae ein Triumphbogen (Quadrifrons oder Great Monument) errichtet. Der mit weißem Carraramarmor aus Italien verkleidete, vierbögige Monumentalbau, ursprünglich ca. 25 m hoch, sollte wohl auch symbolisch den Eingang zu Roms neuer Provinz Britannien markieren (accessus Britanniae). Solche Monumente hatte man auch in anderen Provinzstädten aufgestellt (z. B. das sogenannte Heidentor im pannonischen Carnuntum). Seine kreuzförmig angeordneten, aus in Lehm gebundenen Flinstein bestehenden und 10 m tiefen Fundamente sind heute noch sichtbar. Die vier Hauptpfeiler waren von vier Torbögen flankiert, die mittig ein kreuzförmiges Gewölbe bildeten. Die westlichen und östlichen Bögen waren wesentlich breiter und höher und dienten als Durchgang der beidseitig über Treppen betreten werden konnte. Über den Bögen war noch ein kastenförmiger Oberbau mit Flachdach aufgesetzt worden. Er trug evt. eine Reiterstatue oder Figurengruppe (Quadriga).[15]

Einzelne bronzene Fundstücke und Bruchstücke des bearbeiteten Marmor geben heute eine gute Vorstellung davon, wie imposant er einmal ausgesehen haben könnte. Vielleicht war er dem Meeresgott Neptun geweiht, was sich in seiner Fassadendekoration widergespiegelt haben könnte. Es ist möglich, dass dieses Monument auch mit einer in Rom aufgefundenen monumentalen Inschrift, die die Unterwerfung von elf britischen Könige vor Kaiser Claudius zum Inhalt hat, in Zusammenhang steht. Die Inschrift war dort auf einem für Claudius errichteten Triumphbogen angebracht.[16]. Mitte des 3. Jahrhunderts wurde er mit Erdwällen befestigt, zusätzlich mit drei V-förmigen Gräben umgeben und als Beobachtungs- und Signalstation zur Warnung vor Piraten verwendet. Gegen Ende des Jahrhunderts (275–300) wurde er schließlich endgültig abgebrochen.[17]

Amphitheater[Bearbeiten]

Das Amphitheater ist seit dem 18. Jahrhundert bekannt. Es stand etwa 400 m südwestlich des Sachsenküstenkastells auf der höchsten Erhebung der Halbinsel. Man vermutet, dass es im späten 3. Jahrhundert für die Kastellbesatzung errichtet wurde. Es handelte sich um eine ellipsoide Anlage mit zwei Haupteingänge in der Längsachse und massiven baulichen Strukturen im Bereich der Querachse innerhalb der Zuschauerränge. Die Amphitheater in Britannien wurden in der Regel nicht vollkommen aus Stein errichtet. Ausgrabungen im Jahre 1848 und jüngste geophysikalischen Untersuchungen innerhalb des Areals zeigten eine Arena, die von abgeschrägten 12 m breiten und 2 m hohen Substrukturen aus Ton und Mörtelmauerwerk umgeben war. Auf ihnen waren die Holzsitze für die Zuschauer angebracht. Vom Amphitheater ist heute nur noch eine leichte Senke, die 62 × 50 Meter große Arena, zu erkennen. Die Magnetometeruntersuchungen zeigten auch große Steinkreisflächen unter den Zuschauerbänken, die sehr tief fundamentiert waren. An den Schmalseiten, an der Nord-West und Süd-Ost-Seite, gibt es Hinweise auf zwei zusätzliche Tore, die anscheinend von Türmen flankiert wurden. Es scheint, dass das Amphitheater auch kaiserzeitliche Siedlungsstrukturen überlagert hat.[18]

Hinweise[Bearbeiten]

Die Fundstelle steht unter der Obhut von English Heritage und ist öffentlich zugänglich. Zu besichtigen sind Ruinen aus mehreren Phasen der römischen Besiedlung von Richborough.

Literatur[Bearbeiten]

  • Jocelyn Plunket Bushe-Fox: Reports on the Excavation of the Roman Fort at Richborough. 1, 1926-4, 1949.
  • Barry Cunliffe: Fifth Report on the Excavation of the Roman Fort at Richborough. Society of Antiquaries, London 1968.
  • Donald White: Litus Saxonicum. The British Saxon Shore in Scholarship and History. State Historical Society of Wisconsin for the Department of History, University of Wisconsin,‎ Madison 1961, S. 36 (Volltext).
  • Sheppard Frere: Britannia. A History of Roman Britain. Routledge and Kegan Paul,‎ London 1967, S. 432.
  • David E. Johnston: The Date of the Construction of the Saxon Shore Fort at Richborough. In: Britannia Bd. 1,‎ 1970, S. 240–248.
  • Susan Harris: Richborough and Reculver, Kent, English Heritage, London 2001.
  • Malcolm Todd: Rutupiae. In: Der Neue Pauly (DNP). Band 10, Metzler, Stuttgart 2001, ISBN 3-476-01480-0, Sp. 1174.
  • Tony Willmott: Richborough: The Context of the Invasion of AD 43 and of the Saxon Shore Fort. In: Limes XIX. Proceedings of the XIXth International Congress of Roman Frontier Studies in Pécs, Hungary Sept. 2003. Pécs 2005, ISBN 963-642-053-X, S. 71–74.
  • Tony Willmott: Richborough and Reculver, Historic Buildings and Monuments Commission for England, English Heritage, London 2012.
  • Nic Fields: Rome’s Saxon Shore Coastal Defences of Roman Britain AD 250–500, (= Fortress 56). Osprey Books, 2006.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. A Gessoriaco de Galliis Ritupis in portu Britanniarum. Stadia numero CCCCL. „Von Gesoriacum in Gallien, zum Hafen von Britannia, Ritupiae, 450 Stadien.“
  2. Item a vallo ad portum Ritupis mpm cccclxxxi.
  3. The Antonine Itinerary.
  4. R & C Nr. 73.
  5. Tony Willmott 2003, S. 71–72 und 2012, S. 46–48
  6. Juvenal, Satiren 4, 141.
  7. Donald White: 1961, S. 36.
  8. Tony Willmott: 2012, S. 4
  9. Tony Willmott: 2012, S. 5
  10. P. D. C. Brown: The Church at Richborough. In: Britannia. Bd. 2,‎ 1971, S. 225–231.
  11. Tony Rook: Roman Baths in Britain. Shire, Buckinghamshire 2002, ISBN 0-7478-0157-6, S. 57 (mit Plan); Manfred Philipp: Kastellbäder in den nördlichen Provinzen des römischen Reiches. Studien zu ihrer Typologie und Funktion. Ungedruckte Dissertation, Universität Innsbruck 1999, Textband I, S. 136.
  12. Tony Willmott: 2012, S. 15
  13. Tony Willmott: 2012, S. 33–34
  14. Tony Willmott: 2012, S. 12
  15. Barry Cunliffe: Fifth Report on the Excavation of the Roman Fort at Richborough. London 1968, S. 40–73, Tony Willmott: S. 10–11.
  16. CIL 6, 920: Ti(berio) Clau[dio Drusi f(ilio) Cai]sari / Augu[sto Germani]co / pontific[i maxim(o) trib(unicia) potes]tat(e) XI / co(n)s(uli) V im[p(eratori) XXII(?) cens(ori) patri pa]triai / senatus po[pulusque] Ro[manus q]uod / reges Brit[annorum] XI d[iebus paucis sine] / ulla iactur[a devicerit et regna eorum] / gentesque b[arbaras trans Oceanum sitas] / primus in dici[onem populi Romani redegerit]. Übersetzung: „Dem Tiberius Claudius Caesar Augustus Germanicus, Sohn des Drusus, Hoher Priester, Inhaber der tribunizischen Gewalt zum elften Mal, Konsul zum fünften Mal, zum zweiundzwanzigsten Mal zum Imperator im Feld ausgerufen, Zensor, Vater des Vaterlandes [haben dies gewidmet] der Senat und das Volk von Rom, weil er elf britische Königen in wenigen Tagen ohne Verluste besiegt und ihre Reiche sowie die barbarischen Stämme jenseits des Ozeans als erster unter die Herrschaft des römischen Volkes gebracht hat. "
  17. Tony Willmott: S. 10–11.
  18. Tony Wilmott, Neil Linford, Louise Martin: The Roman amphitheatre at Richborough (Rutupiae), Kent. Non-invasive research. In: Tony Wilmott (Hrsg.): Roman amphitheatres and spectacula. A 21st-century perspective. Archaeopress, Oxford 2009, ISBN 9781407304267, S. 85–94.