Vitudurum

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
(Weitergeleitet von Kastell Winterthur)
Wechseln zu: Navigation, Suche
Lage von Vitudurum am Donau-Iller-Rhein-Limes (schwarzer Punkt)

Vitudurum (manchmal auch Vitodurum) war eine römische Siedlung, die 294 n. Chr. zu einem Kastell der Donau-Iller-Rhein-Limes-Verteidigungslinie ausgebaut wurde und sich auf dem heutigen Stadtgebiet von Winterthur im Kanton Zürich (Schweiz) befindet.

Geschichte und Befund[Bearbeiten]

Anfang des 1. Jahrhunderts n. Chr. entstanden entlang des römischen Verkehrsweges, der von Vindonissa (Windisch) und von Centum Prata (Kempraten) an den Lacus Brigantinus (Bodensee) führte, erste, sicher nachgewiesene Bauten nordöstlich des Kirchhügels von Oberwinterthur. Nach laufendem Ausbau entstand bis zum Jahre 70 n. Chr. ein vicus, ein römisches Strassendorf mit dafür charakteristischen Streifenhäusern in Fachwerktechnik, einer über ein Leitungssystem funktionierenden Wasserversorgung, die aus einer zwei Kubikmeter grossen Brunnenstube gespeist wurde, sowie Werkstätten wie Schmieden, Töpfereien, einen durch erhaltene Bottiche nachgewiesene Gerberei und eine Schuhmacherei, die 2007 mittels des ersten[1] aus der Römerzeit vollständig erhaltenen Paars an Schuhleisten nachgewiesen wurde.

Ebenso fanden sich öffentliche Gebäude, die auf dem heute gut ergrabenen und dokumentierten Kirchhügel angelegt waren. Es handelt sich hierbei um einen um 80 n. Chr. errichteten gallo-römischen Tempel, ein sogenanntes fanum, mit rechteckigem Grundriss, turmartiger cella und einem von Säulen getragenen Umgang. Südöstlich befand sich ein dem Tempel zugehöriges Nebengebäude. Beide wurden von einer Mauer umfasst und bildeten dadurch das temenos, den heiligen Bezirk. Dieser wurde an der östlichen Längsseite von weiteren drei Streifenhäusern gesäumt, wobei das mittlere Streifenhaus einen deutlich höheren Wohnkomfort aufwies und dadurch als öffentliches Gebäude interpretiert wird. Der den Tempelbezirk an der südlichen Schmalseite flankierende Steinbau wird aufgrund der Anlage des Wasserleitungssystems als Therme gedeutet.

Römische Mauerreste auf dem Kirchenhügel

Im Zuge der in der Mitte des 3. Jahrhunderts n. Chr. wiederholt erfolgenden Alemanneneinfälle wurde der Kirchhügel 294 n. Chr. befestigt und zu einem Kastell an der Donau-Iller-Rhein-Limes-Verteidigungslinie ausgebaut. Das Gründungsdatum wurde durch eine erhaltene Bauinschrift überliefert, welche möglicherweise am Haupttor der Kastellmauer eingelassen war und sich heute im Winterthurer Rathaus befindet. Ebenfalls in diese Zeit fällt das Vergraben eines Hortfundes im so genannten „Unteren Bühl“, dem Westteil des vicus.

Nebst auf Baufunde stützt sich das heutige Wissen um Aussehen, Alltag und Entwicklung des römischen Oberwinterthur auf zahlreiche Kleinfunde, von denen die hier genannten Keramikfunde, Fibeln, bronzenen Votivstatuetten, kleineren Terrakotten und aussergewöhnlichen Glasgefässe nur eine geringe Auswahl einer grossen Fülle an Fundmaterial darstellen. Keines der Fundstücke jedoch datiert sich jünger als nach 400 n. Chr. Mit dem Abzug der römischen Truppen von der Rheingrenze und dem Niedergang des Kastells erfährt Vitudurum einen Abbruch der archäologischen Quellen. Alleine bei den Rettungsgrabungen im „Unteren Bühl“ auf einer Fläche von 4500 Quadratmeter am Westrand der Siedlung, wurden über eine Million Einzelfundstücke entdeckt.

Gründungsinschrift[Bearbeiten]

Römische Inschriftentafel aus Vitudurum, die die Gründung des Kastells bezeugt

Vom Kastell ist eine Steininschrift bekannt, die ursprünglich wohl über dem Haupttor angebracht war (1,63 × 0,74 Meter). Das Fragment war vermutlich Bestandteil einer wesentlich grösseren Inschriftentafel und wurde später nach Konstanz gebracht, wo sie in die Mauritiusrotunde eingelassen und von den Stadtbürgern wie ein Heiligtum verehrt wurde, da die Einwohner der Stadt im Mittelalter die Inschriftentafel als Nachweis für die Gründung von Konstanz durch Kaiser Constantius I. ansahen. Heute ist das Stück jedoch wieder in Winterthurer Besitz und im Rathaus ausgestellt (man kann die Tafel vom Rathausdurchgang her sehen). Auf dieser Inschriftentafel ist das Jahr 294 n. Chr. als Grundsteinlegung für Vitudurum angegeben, wobei hierbei das Kastell gemeint ist.

Der Text der Inschrift lautet wie folgt:[2]

„[I]MP(erator) CAES(ar) G(aius) AURE(lius) VAL(erius) DIOCLETIAN[US PONT(ifex) MAX(imus) GER(manicus) MAX(imus)
SAR(maticus) MAX(imus) PERS(icus) MAX(imus) TRIB(unicia) POT(estate) XI IM[P(erator)x CO(n)S(ul) V P(ater) P(atriae) PROCO(n)S(ul) ET
IMP(erator) CAES(ar) M(arcus) AUR(elius) VAL(erius) MAXIMIA[N(us) PONT(ifex) MAX(imus) GER(manicus) MAX(imus) SAR(maticus)
MAX(imus) PERS(icus) MA[X(imus) TRIB(unicia) POT(estate) X IMP(erator) VIIII CO[(n)S(ul) IIII P(ater) P(atriae) PROCO(n)S(ul) P(ii) F(elices) INV(icti) AUG(usti)
ET VAL(erius) CONS[T]ANTIUS ET GAL(erius) VAL(erius) [MAXSIMIANUS NOBILISS(imi) CA]ES(are)S MURUM VITUDURENSEM A S[OLO] SUMPTU SUO FECER(unt)
AURELIO PROCULO V(iro) P(erfectissimo) PR[AES(ide) PROV(inciae) CURANTE].“
„Der Kaiser Gaius Aurelius Valerius Diocletianus, grösster Germanensieger, grösster Sarmatensieger, grösster Persersieger, im 11. Jahr seiner tribunizischen Gewalt, zum zehntenmal als Sieger ausgerufen, Konsul zum fünftenmal, Vater des Vaterlandes, Prokonsul, die frommen, glücklichem, siegreichen Kaiser, und Valerius Constantius und Galerius Valerius Maximianus, die erlauchtesten Unterkaiser, haben die Kastellmauer von Vitudurum von Grund auf auf ihre Kosten bauen lassen unter Leitung des Aurelius Proculus, des höchstangesehenen Provinzstatthalters.“[3]

Siehe auch[Bearbeiten]

Liste der Kastelle des Donau-Iller-Rhein-Limes

Literatur[Bearbeiten]

  • Pierre Bouffard: Winterthur in römischer Zeit (= 276. Neujahrsblatt der Stadtbibliothek Winterthur). Buchdruckerei Winterthur, 1943.
  • Jürg E. Schneider, Walter Ulrich Guyan, Andreas Zürcher: Turicum – Vitudurum – Iuliomagus: drei Vici in der Ostschweiz: Festschrift für Verleger Dr. Otto Coninx zu seinem 70. Geburtstag. Verlag Tages-Anzeiger, Zürich 1986, ISBN 3-8593-2002-5, S. 170–231.
  • Jürg E. Schneider, Walter Ulrich Guyan, Andreas Zürcher: Turicum, Vitudurum, Iuliomagus = Zürich, Winterthur und Schleitheim: drei römische Siedlungen in der Ostschweiz. Ergänzte Sonderauflage, Werd-Verlag, Zürich 1988, ISBN 3-8593-2002-5.
  • Vitudurum. Beiträge zum römischen Oberwinterthur, Bände 1–9, hrsg. v. der Kantonsarchäologie Zürich, 1984–2001.
    • Vitudurum 1: Jürg Rychener: Der Kirchhügel von Oberwinterthur. Die Rettungsgrabungen von 1976, 1980 und 1981, (= Monographien der Kantonsarchäologie Zürich 1), 1984, ISBN 978-3-905647-96-9
    • Vitudurum 2: Jürg Rychener, Peter Albertin: Ein Haus im Vicus Vitudurum - die Ausgrabungen an der Römerstrasse 186; Christiane Jacquat: Römerzeitliche Pflanzenfunde aus Oberwinterthur, (= Monographien der Kantonsarchäologie Zürich 2), 1986, ISBN 978-3-905647-97-6
    • Vitudurum 3: Jürg Rychener: Die Rettungsgrabungen 1983–1986, (= Monographien der Kantonsarchäologie Zürich 6), 1988, ISBN 978-3-905647-77-8
    • Vitudurum 4: Beat Rütti: Die Gläser, (= Monographien der Kantonsarchäologie Zürich 5), 1988, ISBN 978-3-905647-78-5
    • Vitudurum 5: Hansueli F. Etter, Regine Fellmann Brogli, Rudolf Fellmann, Stefanie Martin-Kilcher, Philippe Morel, Antoinette Rast : Die Funde aus Holz, Leder, Bein, Gewebe. Die osteologischen und anthropologischen Untersuchungen, (= Monographien der Kantonsarchäologie Zürich 10), 1991, ISBN 978-3-905647-79-2
    • Vitudurum 6. Band 1 und 2: Thomas Pauli-Gabi, Christa Ebnöther, Peter Albertin, Andreas Zürcher. Mit Beiträgen von Stefan Schreyer und Kurt Wyprächtiger: Ausgrabungen im Unteren Bühl: Die Baubefunde im Westquartier. Ein Beitrag zum kleinstädtischen Bauen und Leben im römischen Nordwesten, (= Monographien der Kantonsarchäologie Zürich 34) 2002, ISBN 978-3-905647-39-6
    • Vitudurum 7: Eckhard Deschler-Erb, Verena Schaltenbrand Obrecht, Christa Ebnöther, Annemarie Kaufmann-Heinimann u. a.: Ausgrabungen im Unteren Bühl: Die Funde aus Metall. Ein Schrank mit Lararium des 3. Jh., (= Monographien der Kantonsarchäologie Zürich 27) 1996, ISBN 978-3-905647-67-9
    • Vitudurum 8: Véronique Rey-Vodoz, Anne Hochuli-Gysel, Lilian Raselli-Nydegger u. a.: Ausgrabungen im Unteren Bühl: Les fibules. Keramische Sondergruppen: Bleiglasierte Keramik, Terrakotten, Lampen, (= Monographien der Kantonsarchäologie Zürich 30), 1997, ISBN 978-3-905647-85-3
    • Vitudurum 9: Bettina Hedinger, Florian Hoek, Karin Kob Guggisberg, Jürg Rychener, Verena Jauch, Rosanna Janke, Eckhard Deschler-Erb, Elena Corvi: Ausgrabungen auf dem Kirchhügel und im Nordosten des Vicus 1988-1998, (= Monographien der Kantonsarchäologie Zürich 35), 2001, ISBN 978-3-905647-43-3
  • Schweizerische Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte (Hrsg.), SPM V. Römische Zeit (2002) S. 403–404.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Vitudurum – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Pressemitteilung der Kantonsärchalogie Zürich vom 11. Dezember 2007: [1]
  2. CIL 13, 05249
  3. Helmut Maurer: Konstanz im Mittelalter. 1. Von den Anfängen bis zum Konzil. Konstanz: Stadler 1989, S. 71.

47.4972568.737564Koordinaten: 47° 30′ N, 8° 44′ O; CH1903: 697873 / 261532