Kasuistik

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Kasuistik (lat. casus: „Fall“) bezeichnet allgemein die Betrachtung von Einzelfällen in einem bestimmten Fachgebiet.

Allgemeines[Bearbeiten]

Der Begriff Kasuistik findet sich in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen, insbesondere in der Rechtswissenschaft, philosophischen Ethik und Medizin.

Rechtswissenschaft[Bearbeiten]

Kasuistik ist eine Rechtsordnung, in der sich die aktuelle Rechtslage nicht nach abstrakten Rechtsnormen (Gesetze, Verordnungen) richtet, sondern nach früheren Gerichtsentscheidungen (Präjudizien). Kasuistik ist von Richterrecht geprägt und nicht von Gesetzesrecht. Ausgangspunkt ist der Einzelfall („casus“), der sich verallgemeinert in der Rechtsnorm wiederfindet. Das Wort „casus“ stammt aus dem römischen Recht, das eine Vielzahl von Einzelfällen verdichtete und zu allgemeinen Regeln erhob. Kasuistik zwingt zur Subsumtion des Einzelfalles unter vorausgegangene, von Gerichten entschiedene andere Einzelfälle (Präjudizien), um daraus eine „richtige“ Entscheidung zu deduzieren. Durch Kasuistik entstehen jedoch notwendigerweise Gesetzeslücken, die durch Generalklauseln oder abstrakte Gesetzessprache im Gesetzesrecht weitgehend verhindert werden. Allerdings kann auf eine fallbezogene Kasuistik keine Rechtsordnung letztlich vollständig verzichten.[1] Die Verallgemeinerung (Abstraktion) in Gesetzen birgt jedoch die Gefahr in sich, dass sie inhaltslos werden und auf mehr Lebenssachverhalte zutreffen als es dem ursprünglichen Gesetzeswillen entsprach.

Das angelsächsische Case Law und das islamische Recht („Scharia“) sind bis heute kasuistisch geblieben und sollen einerseits einen lebensfremden Normativismus und Formalismus verhindern,[2] andererseits unterliegen sie der Gefahr, unübersichtlich zu werden. Doch auch in der Kasuistik bilden sich im Laufe der Zeit durch Ansammlung vieler Einzelfälle abstrakte Regeln und Prinzipien heraus. Kasuistische Ansätze finden sich im deutschen Recht insbesondere dort, wo die Gesetzgebung der aktuellen, sich schnell ändernden Lebenssituation hinterherhinkt. Das ist vor allem im Steuerrecht, Handelsrecht oder Medienrecht der Fall.

Vor- und Nachteile der Kasuistik:[3]

Vor- oder Nachteil Kasuistische Standards Prinzipienorientierte Standards
Vorteile Detailgenauigkeit lediglich konzeptionelle Vorgaben
Nachteile hoher Gesamtumfang des Regelwerks hoher Abstraktionsgrad

Philosophische Ethik und katholische Moraltheologie[Bearbeiten]

In der philosophischen Ethik und in der katholischen Moraltheologie ist die Kasuistik der Teil der Sittenlehre, der für mögliche Fälle des praktischen Lebens anhand eines Systems von Geboten das richtige Verhalten bestimmt. Die aus dem Repertoire der praktischen Philosophie stammende Kasuistik ist nicht einheitlich zu verstehen. Einerseits beschreibt der Begriff im weiteren Sinne ein empirisches Verfahren, das nach Analogien und Ähnlichkeiten vorgeht, andererseits versteht er hierunter im engeren Sinne die Subsumption nach logischer Gesetzmäßigkeit.

Medizin[Bearbeiten]

Die klinische Medizin benutzt den Begriff bei der Beschreibung von einzelnen, oft paradigmatischen und propädeutischen Fallbeschreibungen bei Krankheitsverläufen. Dabei werden die Analyse von Einzelfällen und ihre Beurteilung als alleinige Erkenntnisquelle angesehen. Werden allgemeine Prinzipien erkennbar, so gewinnen sie ihre Plausibilität erst aus Einzelfällen. Die Analyserichtung ist induktiv.[4]

Umgangssprache[Bearbeiten]

Umgangssprachlich wird das Wort Kasuistik oft abfällig für Haarspalterei, spitzfindige Argumentation oder Wortverdreherei verwendet.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Martin Honecker, Einführung in die theologische Ethik, 2002, S. 170 f.
  2. Martin Honecker, a.a.O., S. 171
  3. Stefan Hofmann, Handbuch Anti-Fraud-Management, 2008, S. 183
  4. Boris Zernikow, Palliativversorgung von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, 2008, S. 48
Rechtshinweis Bitte den Hinweis zu Rechtsthemen beachten!