Kein Täter werden

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Das Projekt Kein Täter werden ist ein seit 2005 bestehendes Forschungsprojekt zur Prävention von sexuellem Kindesmissbrauch im Dunkelfeld an der Charité in Berlin. Es richtet sich an Menschen mit auf Kinder gerichteten sexuellen Fantasien, die befürchten, sexuelle Übergriffe zu begehen, und therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen möchten.

Geschichte[Bearbeiten]

Das Forschungsprojekt „Kein Täter werden“ wurde 2005 unter der Leitung von Klaus Michael Beier ins Leben gerufen. Im Gegensatz zu bestehenden Therapieangeboten für bereits straffällig gewordene Personen, sogenannte Hellfeldtäter, entstand mit dem Berliner Projekt weltweit erstmals ein Angebot, welches sich speziell an Menschen richtet, die noch nicht straffällig wurden oder solche, die zwar bereits sexuellen Kindesmissbrauch begangen haben und/oder Missbrauchsabbildungen (sogenannte Kinderpornografie) konsumiert haben, jedoch nicht justizbekannt sind, sogenannte Dunkelfeldtäter.[1] Die Teilnahme steht aber auch Personen offen, die bereits wegen entsprechender Taten angezeigt oder verurteilt wurden und gegebenenfalls verhängte Strafen vollständig verbüßt haben.[2] Die Teilnahme ist kostenlos und durch die Schweigepflicht geschützt.

Mittlerweile wird das Projekt auch in Kiel, Regensburg, Leipzig, Hannover, Hamburg, Stralsund, Gießen, Düsseldorf sowie in Ulm angeboten. Die Standorte haben sich im Präventionsnetzwerk "Kein Täter werden" zusammengeschlossen und arbeiten nach gemeinsamen Qualitätsstandards. Weitere Standorte sind geplant. Ziel ist der Auf- und Ausbau eines Netzwerks zur bundesweiten Etablierung der primären Prävention sexueller Traumatisierungen von Kindern und Jugendlichen. Seit 2009 wird die Therapie auch den Konsumenten von Missbrauchsabbildungen (so genannte Kinderpornografie) angeboten.

Finanziert wurde das Projekt in den ersten Jahren durch die Volkswagenstiftung Hannover und durch die Opferschutzorganisation Hänsel & Gretel, seit 2008 wird der Berliner Standort des Projektes durch das Bundesjustizministerium finanziert. Die anderen Standorte werden von verschiedenen Landesministerien gefördert. 2005 erhielt das Projekt den Politikaward, 2006 den Bscher-Medienpreis und 2007 den Deutschen Förderpreis Kriminalprävention.[3][4]

Hintergrund[Bearbeiten]

Wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge (siehe https://www.kein-taeter-werden.de/story/18/3818.html) haben rund ein Prozent der Männer auf Kinder gerichtete sexuelle Fantasien. Das bedeutet, dass bei ihnen eine teilweise oder ausschließliche sexuelle Neigung im Sinne einer Pädophilie vorliegt. Demnach fühlen sich in Deutschland ca. 250.000 Männer zwischen 18 und 75 Jahren sexuell zu Kindern hingezogen.

Die Ursachen einer Pädophilie sind weitgehend unbekannt. Tatsache dagegen ist, dass viele der Betroffenen – in der großen Mehrheit Männer – erhebliche Schwierigkeiten haben, mit ihrer sexuellen Präferenz zu leben. In der Regel treten Unsicherheiten oder Ängste auf, wenn sie ihre Neigung erstmals bemerken. Viele der Betroffenen erkennen das Auftreten sexueller Gedanken an Kinder als Problem und wissen, dass deren Umsetzung tabu ist. Gleichzeitig fällt es ihnen schwer, mit diesem Wissen umzugehen. Die Neigung belastet Beziehungen zu (Sexual-)Partnern oder macht sie oft unmöglich. Fest steht: Es kann zu vielfältigen Problemen in der normalen Lebensführung kommen. Vielen gelingt es nicht, ihre Neigungen dauerhaft zu kontrollieren. Sie nutzen Missbrauchsabbildungen im Internet oder begehen sexuelle Übergriffe auf Kinder. Diese Handlungen haben nicht nur für die Opfer schwerwiegende körperliche und seelische Folgen, sondern sind zudem Straftaten, die erhebliche gesellschaftliche Konsequenzen nach sich ziehen.

Folgende Selbstbeobachtungen geben Anlass zur Vermutung, dass eine Pädophilie vorliegt:

• Sexuelle Erregung beim Betrachten von oder beim Kontakt zu Kindern • Sexuell erregende Fantasien, in denen Kinder eine Rolle spielen • Konsum von Missbrauchsabbildungen im Internet

Das Präventionsnetzwerk „Kein Täter werden“ bietet kostenlose und schweigepflichtgeschützte Behandlung für Personen, die eine sexuelle Neigung zu Kindern verspüren und therapeutische Hilfe suchen. Wer teilnehmen will, muss bezüglich seiner auf Kinder gerichteten sexuellen Impulse über ein Problembewusstsein verfügen und von sich aus therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen wollen.

Therapeutische Ansätze[Bearbeiten]

Das primäre Ziel einer Therapie besteht darin, sexuelle Handlungen an Kindern und den Konsum von Missbrauchsabbildungen zu verhindern. In Einzel- und Gruppentherapien lernen die Teilnehmer, ihre Impulse zu kontrollieren und Verhaltensmuster, die den sexuellen Missbrauch begünstigen, zu vermeiden. Weitere Ziele sind die Aufdeckung von Wahrnehmungs- und Interpretationsfehlern der Teilnehmer bezüglich des Verhaltens von Kindern sowie die Stärkung der Empathiefähigkeit.[5]

Bei dem für die Therapie verwendeten Handbuch, dem "BEDIT – The Berlin Dissexuality Therapy Program", handelt es sich um eine angepasste Version des im Hellfeld verwendeten Sex Offender Treatment Programmes.

Einbezogen in das Therapieprogramm werden: • Personen, die bislang keine Straftaten (sexuelle Übergriffe, Konsum von Kinderpornografie, etc.) begangen haben, aber befürchten, diese in der Zukunft zu begehen • Personen, die bereits Straftaten begangen haben, aber den Strafverfolgungsbehörden (noch) nicht bekannt sind • Personen, die bereits Straftaten begangen haben und dafür angezeigt und/oder rechtskräftig verurteilt wurden, vorausgesetzt, dass sie ihre Strafe vollständig verbüßt haben, nicht mehr unter Aufsicht durch die Justiz stehen und somit alle rechtlichen Angelegenheiten abgeschlossen sind

Nicht einbezogen in das Therapieprogramm werden Personen, gegen die aktuell wegen möglicher Straftaten ermittelt wird, die ihre Strafe nicht vollständig verbüßt haben und/oder deren Urteil Auflagen bzw. Bewährung beinhaltet.

Die gesamte Therapie erfolgt kostenlos und unter Schweigepflicht.

Ziel der Therapie ist es, Probleme im Umgang mit der sexuellen Neigung zu bewältigen. Dazu gehört insbesondere, das eigene Verhalten so zu kontrollieren, dass es zu keinem sexuellen Übergriff auf Kinder kommt.

Im Verlauf der Therapie erlernen die Teilnehmer daher • die angemessene Wahrnehmung und Bewertung ihrer sexuellen Wünsche und Bedürfnisse • die Identifizierung und Bewältigung gefährlicher Entwicklungen • Strategien zur Verhinderung von sexuellen Übergriffen

Die Therapie findet wöchentlich in Gruppen sowie bei Bedarf auch in Einzelgesprächen und unter Einbeziehung Angehöriger statt. Die Behandlung folgt einem strukturierten Therapieplan, berücksichtigt aber die individuellen Bedürfnisse und erfolgt in Absprache mit den Teilnehmern. Sie integriert psychotherapeutische, sexualwissenschaftliche, medizinische und psychologische Ansätze sowie die Möglichkeit einer zusätzlichen medikamentösen Unterstützung. [6]


Außerdem hat die Therapie folgende besondere Bestandteile:

Ampelsystem[Bearbeiten]

Die Teilnehmer erlernen ein sogenanntes situationsbezogenes kognitives Ampelsystem:

  • Rot = Gefahr (Kinder sind in Gefahr (zum Beispiel Alleinsein mit einem Kind))
  • Gelb = Vorsicht (zum Beispiel die Suche nach Kontakten zu alleinerziehenden Müttern, mit der Absicht Kontakt zu Kindern zu bekommen)
  • Grün = alles ok (Kein Kind in Gefahr – der Teilnehmer ist sich seiner Neigung und seinem Verhalten bewusst, und kann Gefahrensituationen bewusst vermeiden)

Mithilfe des Ampelsystems lernen die Teilnehmer rechtzeitig Situationen zu erkennen, in denen sie in Gefahr geraten sexuellen Kindesmissbrauch zu begehen und/oder Missbrauchsabbildungen zu konsumieren. Dadurch sollen persönliche Risikosituationen adäquat eingeschätzt und dementsprechend gehandelt werden.

Soziale Kontrollen[Bearbeiten]

Die Erfahrungen des Projektes zeigen, dass die Risikofaktoren für sexuellen Kindesmissbrauch gesenkt werden können, wenn die Teilnehmer ihr soziales Umfeld einbeziehen, mit Freunden bzw. ihrem sozialen Netzwerk über ihre Neigung sprechen.

Kognitive Verzerrungen[Bearbeiten]

Da Wünsche und sexuelle Impulse die Wahrnehmung, das Denken und Handeln stark beeinflussen können, kann es zu so genannten kognitiven Verzerrungen kommen: Sucht ein Kind beispielsweise emotionale Nähe, wird dies von vielen Pädophilen oder Hebephilen falsch interpretiert bzw. verzerrt wahrgenommen: Einige neigen dazu, ihre eigenen sexuellen Wünsche in die Situation hinein zu interpretieren. Dies führt dazu, dass sie denken, Kinder wollen sexuelle Interaktionen mit ihnen.

Ziel ist es, diese Interpretationsfehler aufzudecken, damit die Teilnehmer erkennen, dass es nur sie selbst sind, und nicht die Kinder, die diese sexuellen Interaktionen wollen.

Ein weiterer Grund für kognitive Verzerrungen sind außerdem biologische bzw. biochemische Defizite und Störungen im frontalen Cortex mit pathologischem Befund. Studien belegen, dass die kognitive Verhaltenstherapie sehr gut zur Korrektur von kognitiven Defiziten geeignet ist.

Empathietraining[Bearbeiten]

Ziel dieses Therapieverfahrens ist die Schaffung von Opferempathie. Dabei versuchen die Teilnehmer beispielsweise in Rollenspielen, die Perspektive ihrer Opfer zu übernehmen. Außerdem schreiben sie Briefe an ihre Opfer, in denen sie beispielsweise ihr Verhalten erklären. Die Briefe werden am Ende in der Gruppe oder im Einzelgespräch besprochen, aber nicht abgeschickt.

Rezeption[Bearbeiten]

Norbert Denef bezeichnete im Oktober 2006 in der Sendung Menschen bei Maischberger das Projekt grundsätzlich als notwendig, den Begriff „Pädophilie“ aber als verharmlosend; er empfahl, die Opfer „mit ins Boot zu nehmen“; den Bereich, dass Täter oftmals selbst Opfer sexuellen Missbrauchs gewesen waren, dürfe man nicht herausnehmen.[7] 2007 kritisierte Denef in der Fernsehsendung Johannes B. Kerner, dass die Charité im Zusammenhang mit Pädophilie sogar von „Liebe“ spreche, über die Schäden der Opfer werde zuviel geschwiegen.[8]

Vertreter des Betroffenenverbands netzwerkB kritisierten im November 2014 zusammen mit Fachleuten, dass der unter anderem vom Präventionsnetzwerk "Kein Täter werden" vertretene Ansatz, dass sich pädophile ‚Neigungen‘ in der Pubertät manifestieren - siehe dazu auch Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-5) der American Psychiatric Association (APA) - zu oberflächlich sei. Sie vertreten die Meinung, dass „die erscheinenden sexuellen Präferenzen in den meisten Fällen wahrscheinlich eine in sich schlüssige und in wiederum vielen Fällen eine traumatisierende Vorgeschichte inklusive dissoziativer Reaktionen haben können, die mit ausschließlich verhaltenstherapeutischen Arbeitsmodellen nur unzureichend bearbeitet und in Fällen einer Traumatisierung kaum bis gar nicht aufgelöst werden können.“ Diese Fälle benötigten daher „neben einer umfassenden Anamnese einschließlich Trauma-Anamnese höchstwahrscheinlich eine daran angepasste Psycho-Traumatherapie zur Bearbeitung traumabedingter innerer Dissoziations-Spaltungsprozesse.“[9]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Ziele. auf: kein-taeter-werden.de
  2. Teilnahmevoraussetzungen auf: kein-taeter-werden.de
  3. Projekt „Kein Täter werden!“ ausgezeichnet. In: Potsdamer Nachrichten. 13. Oktober 2007.
  4. Website der Opferschutzorganisation Hänsel & Gretel
  5. Website des Projektes „Kein Täter werden“ an der Berliner Charité
  6. Sexualität "Es ist einfach Schicksal". In: Der Spiegel. 40/2006.
  7. Menschen bei Maischberger, Sendung vom 10. Oktober 2006 (online)
  8. Fernsehsendung Johannes B. Kerner, Sendung vom 2. Oktober 2007 (online)
  9. Pressemitteilung von netzwerkB vom 7. November 2014 (online)

Weblinks[Bearbeiten]