Kenneth Waltz

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Kenneth Neal Waltz (* 8. Juni 1924 in Ann Arbor, Michigan; † 13. Mai 2013 in Washington, D.C.) war ein US-amerikanischer Politikwissenschaftler und Begründer des Neorealismus in den Internationalen Beziehungen.

Leben[Bearbeiten]

Waltz lehrte unter anderem an der UC Berkeley und war zuletzt an der Columbia University tätig. Er stand der American Political Science Association von 1987 bis 1988 vor. 1999 zeichnete ihn diese mit dem James Madison Award für „ausgezeichnete wissenschaftliche Beiträge für die Politikwissenschaft“ aus.

Wirken[Bearbeiten]

Im Zentrum von Waltz' wissenschaftlichen Bemühungen stand das Ziel, eine Theorie internationaler Politik zu entwickeln, welche sich am Ideal naturwissenschaftlicher Theorien orientiert und das Verhalten von Staaten aus den Machtstrukturen im internationalen System erklärt. Sein Denken entwickelte sich aus einer Kritik an Hans Morgenthaus Verständnis des Realismus heraus. Bereits in seinem ersten Werk Man, the State, and War von 1959 unterscheidet Waltz zwischen drei Analyseebenen (images) für die Erklärung des Krieges als ein Phänomen internationaler Politik: die Ebene des Individuums, die des politischen Systems und die des internationalen Systems. Nur auf letzterer lassen sich seiner Meinung nach zufriedenstellende Theorien gründen, denn es ist die anarchische Struktur des internationalen Systems, die die Entstehung/Führung von Kriegen überhaupt möglich macht. Damit setzt er sich sowohl von klassischen Realisten wie Morgenthau ab, die Kriegsursachen im Machtstreben des Menschen verorten, als auch von liberalen Denkern, die diese in der inneren Verfasstheit von Gesellschaften suchen.

Diesen Gedanken führt er in seinem Hauptwerk Theory of International Politics weiter aus. Waltz wendet sich gegen detailreiche und komplexe Beschreibungen internationaler Politik und plädiert stattdessen für schlanke und elegante Theorien ("parsimony"). Er begründet dies damit, dass man sonst von unwichtigen Details abgelenkt wird und den Blick für die wesentlichen Zusammenhänge verliert. Das Ziel sei, aus diesen vereinfachten und abstrakten theoretischen Aussagen testbare Hypothesen zu generieren.

Seine Theorie internationaler Politik ist von neoklassischen Ansätzen der Ökonomie beeinflusst. Demnach befinden sich Staaten wie Marktteilnehmer als rationale Akteure auf einem Markt, dem internationalen System. Oberste Präferenz der Akteure im System ist ihr eigenes Überleben. Dieses ist durch andere, ebenfalls um ihr Überleben kämpfende Staaten, bedroht und kann, da es keine mit einem Gewaltmonopol ausgestattete Weltregierung gibt, auch nicht durch eine übergeordnete Instanz gewährleistet werden. Nach Waltz ist Macht das einzige Mittel, mit dem Staaten ihr Überleben im anarchischen System sichern können. Unter Macht wird von ihm ein abstraktes Konzept aus militärischen, ökonomischen und sozialen Faktoren verstanden. Die Verteilung dieser Machtmittel unter den Staaten im internationalen System kann internationale Politik erklären.

Waltz sah im bipolaren System des Kalten Krieges eine besonders stabile Struktur der Weltpolitik. Die gegenwärtige US-Hegemonie hält er nicht für dauerhaft, denn nach seinen Annahmen ist zu erwarten, dass andere Staaten versuchen werden, durch Balancing gegen den Hegemon ein Mächtegleichgewicht wiederherzustellen. Kenneth Waltz ist einer der wenigen Denker, die die Existenz von Atomwaffen als Stabilisierungsfaktor für das internationale System betrachten und keine Angst vor einer Proliferation dieser Waffen haben.

Aus Waltz' Theorie ist in den USA ein großes Forschungsprogramm entstanden. Autoren wie John J. Mearsheimer, Steven van Evera, Robert Jervis, Randall Schweller und William Wohlforth gehen von systemischen Überlegungen bei ihren verfeinerten weltpolitischen Analysen aus. In Deutschland war es Werner Link, der den strukturanalytischen Ansatz gewinnbringend verwertete. Carlo Masala setzt dessen Arbeit fort.

Waltz' Ansatz wird für seine methodologische Eleganz bewundert. Inhaltlich ist sein Neorealismus jedoch in weiten Kreisen der liberalen und konstruktivistischen Denkschule in den Internationalen Beziehungen umstritten.

Nach Waltz ist seit 2008 eine jährliche Vorlesung am Arnold A. Saltzman Institute for War and Peace Studies an der Columbia University benannt.[1]

Schriften[Bearbeiten]

  • Man, the State, and War, New York: Columbia University Press (1959).
  • Theory of International Politics, Reading, Mass: Addison-Wesley (1979).
  • Reflections on Theory of International Politics. A Response to My Critics, in: Keohane, Robert O. (Hrsg.): Neorealism and Its Critics, New York: Columbia University Press (1986).

Literatur[Bearbeiten]

  • Carlo Masala, Kenneth N. Waltz – Einführung in seine Theorie und Auseinandersetzung mit seinen Kritikern, Baden-Baden 2005.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Annual Kenneth N. Waltz Lecture: James D. Fearon. In: Institute for War and Peace Studies, 15. November 2011 (englisch).