Kernenergie in Frankreich

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Die Elektrizitätsproduktion in Frankreich wird seit den 1980er Jahren von der Kernenergie dominiert. Ein Teil des erzeugten Stromes wird exportiert.
  • Erneuerbare Energie
  • Fossile Energieträger
  • Kernenergie
  • Wasserkraft
Kernkraftwerke in Frankreich

Kernenergie ist die dominierende Energiequelle in Frankreich. Ihr Anteil am Primärenergieverbrauch belief sich in den Jahren 2010–12 auf rund 40 %.[1] Von den ungefähr 550 TWh Gesamtproduktion elektrischer Energie wurden 2010 etwa 429 TWh (brutto) durch Kernkraftwerke erzeugt. Im internationalen Vergleich hat Frankreich mit etwa 78 % (2011) den höchsten prozentualen Anteil nuklear erzeugten Stroms weltweit.[2][3]

Frankreich war zeitweise größter Netto-Exporteur elektrischer Energie in Europa; Hauptabnehmer waren seinerzeit Italien, die Schweiz, die Niederlande, Belgien, Großbritannien und Deutschland (siehe Tabelle hier). 2012 übernahm Deutschland - trotz der Energiewende im Jahr zuvor - diese Position.[4]

2011 wurden in Frankreich 542 Milliarden kWh (netto) erzeugt und 478 Mrd. kWh konsumiert (etwa 6800 kWh pro Person). 2011 war ein relativ mildes Jahr; 2010 wurden 513 Mrd. kWh konsumiert. (1 Mrd. kWh = 1 TWh). 2011 wurden 56 Mrd. kWh exportiert.[5]

Frankreich erlöste (2010?) an der Strombörse EEX für seinen exportierten Strom durchschnittlich 47,5 EUR/MWh.[6]

Die 58 in Betrieb befindlichen Kernreaktoren werden vom staatlich dominierten Stromkonzern EDF betrieben. 12 alte Reaktoren waren (Stand 20xx) endgültig abgeschaltet.[3] Ein EPR-Reaktor ist seit dem 3. Dezember 2007 am Standort Flamanville (wo seit Mitte der 1980er Jahre zwei Druckwasserreaktoren arbeiten) in Bau. Die geplanten Baukosten werden massiv überschritten: statt 3,3 Milliarden Euro sollen es (Stand Dezember 2012) etwa 8,5 Milliarden Euro werden[7] (Näheres hier).

Nicolas Sarkozy, Staatspräsident von 2007 bis Mai 2012, plante bis etwa zum Ausbruch der Wirtschaftskrise den Neubau eines weiteren EPR.[8] Nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima (März 2011) und der Wahl von François Hollande zum neuen Staatspräsidenten erscheint dies unwahrscheinlich.

Der staatliche Energiekonzern EdF (Électricité de France) plant (Stand Februar 2012), die Laufzeiten über 40 Jahre hinaus zu verlängern; angestrebt werden 60 Jahre (Stand Anfang 2012).[9] François Hollande, Staatspräsident Frankreichs seit Mai 2012, gilt als weniger atomkraftfreundlich als sein Vorgänger Sarkozy.

Geschichte[Bearbeiten]

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in Frankreich viele Talsperren zur Stromerzeugung errichtet (Liste hier); die Wasserkraft war Anfang der 1960er Jahre mit etwa 70 % Anteil an der erzeugten Energie der größte Pfeiler der französischen Stromproduktion. Infolge des mit Wirtschaftswachstum und Strukturwandel steigenden Strombedarfs wurden in den 1960ern insbesondere Ölkraftwerke zur Deckung des volatiler werdenden Strombedarfs zugebaut.[10]

Die Kernenergie lieferte in der Anfangszeit der 1960er Jahre nur einen geringen Beitrag zur nationalen Energieproduktion. Es wurden, auf Erfahrungen aus dem französischen Atomwaffenprogramm (Force de frappe) aufbauend, zwischen 1959 und 1972 neun gasgekühlte und graphitmoderierte Reaktoren (UNGG-Reaktoren) in Betrieb genommen, welche mit Natururan betrieben werden konnten. Weiterhin wurden 1967 je ein Druckwasserreaktor sowie ein gasgekühlter Schwerwasserreaktor zur Erprobung der Technologien in Betrieb genommen. 1973 trug die Kernenergie erst 8 % zur Stromproduktion in Frankreich bei.[10][3]

Messmer-Plan[Bearbeiten]

Der sogenannte Messmer-Plan (Stromproduktion aus Uran zur Verringerung der Abhängigkeit von Energieimporten)[10] wurde schon vor der Ölkrise beschlossen. Pierre Messmer (1916–2007) war vom 5. Juli 1972 bis zum 27. Mai 1974 französischer Premierminister (unter Staatspräsident Georges Pompidou). Der massive Zubau neuer Kernkraftwerke war also nicht (wie vielfach angenommen) eine Reaktion auf die Ölkrise. Es gab nach de Gaulles Rücktritt (1969) ein Atom-Kommissariat mit etwa 3.000 Mitarbeitern. Dieses war unterbeschäftigt, nachdem die Force de frappe fertig bewaffnet war. 1971 ging der Leiter des Atom-Kommissariats in den Ruhestand; sein Nachfolger wurde André Giraud (1925–1997). Dieser ergriff einige energische Maßnahmen und veröffentlichte im März 1971 einen Plan:

  • In den Jahren von 1971 bis 1975 sollten nun vier oder fünf (statt bisher vorgesehen nur zwei) neue Atomkraftwerke mit einer Gesamtleistung von 8000 Megawatt (MW) gebaut werden;
  • Als erste Neubauten wurden Fessenheim I (Elsass) und Bugey II im Kernkraftwerk Bugey (bei Lyon) vorgesehen.

Die folgenden Baubeginne zeigen das Tempo des Ausbaus: Bugey II 1. November 1972, Bugey III 1. September 1973, Bugey IV 1 Juni 1974, Bugey V 1. Juli 1974. Giraud (1925 - 1997) näherte Staat und Atomindustrie einander stark an[11] (Näheres im Personenartikel). Der Bau dauerte allerdings deutlich länger als erwartet (Fertigstellung zwischen Mai 1978 und Juli 1979). 1980 gingen sieben französische AKWs in Betrieb, 1981 acht, 1982 zwei, 1983 vier, 1984 sechs, 1985 vier, 1986 sechs.

Georges Pompidou (Staatspräsident Juni 1969–1974) trieb die Modernisierung Frankreichs voran. Frankreich war bis in die 1970er Jahre ein bäuerlich geprägtes Land. Mit zunehmender Industrialisierung entfielen viele Arbeitsplätze in der Landwirtschaft und entstanden viele in der Industrie. Der Energieverbrauch Frankreichs stieg deutlich an.

Die EdF wählte als Technologie den Druckwasserreaktor aus, u. a. auch aufgrund der vorhandenen Urananreicherungskapazitäten aus dem Atomwaffenprogramm. Die auf nationaler Ebene angesiedelte Genehmigungs- und Aufsichtsbehörde Autorité de sûreté nucléaire (in Deutschland: auf föderaler Ebene, siehe Atomaufsichtsbehörde) begünstigte die Verwendung standardisierter Reaktordesigns in ganz Frankreich (CP0, CP1, CP2); dies war eine Grundlage für einen schnellen und relativ preisgünstigen Ausbau der Kernkraftwerks-Kapazitäten in den 1970er und 1980er Jahren. (In Deutschland wurden dagegen relativ viele verschiedene Typen gebaut; nur von der Baulinie 69 (1969) gab es vier fast baugleiche Exemplare.) 1979 wurden 20 % des Stroms in Kernkraftwerken erzeugt, 1983 wurden 49 % erreicht und 1990 etwa 75 %. Parallel zum Ausbau der Kernenergienutzung wurden fossile Kraftwerke stillgelegt.[12][10]

Ära Mitterrand und Abflauen des Booms[Bearbeiten]

Unter François Mitterrand (Präsident 1981–1995) kam es zu einer Verlangsamung des Zubaus von Kernkraftwerken (siehe Liste der Nuklearanlagen in Frankreich). Es zeigte sich, dass der Messmer-Plan (ähnlich wie viele deutsche Prognosen in den 1970er Jahren) den Strombedarf massiv überschätzt hatten. Es entstand eine Überkapazität an Kernkraftwerken. 1988 waren die Reaktoren der EDF im Mittel nur zu 61 % ausgelastet, dies erschwerte die Rückzahlung der für ihren Bau aufgenommenen Kredite. Zur Erschließung zusätzlicher Absatzmöglichkeiten wurden daher Verbindungen zu den Elektrizitätsnetzen der Nachbarstaaten ausgebaut (siehe Europäisches Verbundsystem).[10]

Die Folgen der Katastrophe von Tschernobyl (April 1986) wurden in Frankreich systematisch verharmlost und verschwiegen.[13]

Reaktion auf Fukushima[Bearbeiten]

Im Gegensatz zu Deutschland und weiteren Ländern, insbesondere Japan, änderte nach den Kernschmelzen in Fukushima Frankreich unter Präsident Nicolas Sarkozy seine Atompolitik nicht. Ob die Stresstests für die französischen Reaktoren aus eigenem Antrieb oder nur zur Beruhigung der EU, Deutschlands und der französischen Öffentlichkeit erfolgten[14], ist fraglich. Die nach Fukushima vom französischen Institut für Strahlenschutz und nukleare Sicherheit (IRSN) durchgeführten Stresstests ergaben, dass alle 58 aktiven Kernreaktoren aus Gründen der Betriebssicherheit nachgerüstet werden müss(t)en, da sie nicht ausreichend gegen Naturkatastrophen ausgelegt sind. Erforderlich werden zusätzliche Einbauten von überschwemmungssicheren Dieselgeneratoren, Nachrüstungen von erdbebensicheren Rohren, zudem müssen die Kühlwasservorräte für die Notkühlung vergrößert werden. Daneben wurden bei den Kernkraftwerken Tricastin, Gravellines und Saint Alban bisher übersehene oder ignorierte Sicherheitsmängel entdeckt, beispielsweise die Nähe zu Chemiefabriken und Betrieben für explosive Stoffe.[15][16]

Im September 2011 kündigten die Spitzenkandidaten der (damals) oppositionellen sozialistischen Partei an, langfristig aus der Kernenergienutzung auszusteigen zu wollen.[17][18] Im November 2011 wurde bekannt, dass Sozialisten und Grüne bei einem Wahlsieg 2012 24 der 58 Kernreaktoren bis spätestens 2025 vom Netz nehmen wollen. Das Kernkraftwerk Fessenheim solle sofort abgeschaltet werden.[16][19][20]

Im Juni 2011 hatten sich bei einer repräsentativen Umfrage des Institut français d’opinion publique 62 Prozent der Franzosen für einen Ausstieg aus der Kernenergie binnen 25 bis 30 Jahren ausgesprochen; weitere 15 Prozent wollten schneller aussteigen.[21][22]

François Hollande wurde am 6. Mai 2012 zum nächsten Präsident Frankreichs gewählt. Er gewann die Stichwahl am 6. Mai 2012 gegen Amtsinhaber Nicolas Sarkozy.

Bei den Französischen Parlamentswahlen 2012 am 10. und 17. Juni 2012 gelang der Parti Socialiste ein Sieg, so dass sie auch in der Nationalversammlung eine absolute Mehrheit hat. Somit sind größere Möglichkeiten gegeben, die Energiepolitik zu ändern.

Besonderheiten der Nuklearenergie in Frankreich[Bearbeiten]

Wegen des hohen Anteils der Kernenergie an der Gesamtstromproduktion ist es für französische Kernkraftwerke wichtig, ihre Leistung der Nachfrage anpassen zu können („Lastfolgebetrieb[23]), also als Mittellastkraftwerke zu arbeiten. Dies erfordert einige technische Anpassungen der Reaktorkonstruktion; Kernkraftwerke werden international üblicherweise als Grundlastkraftwerke eingesetzt.

Bedingt durch den Lastfolgebetrieb ist im internationalen Vergleich die mittlere Auslastung der französischen Kernkraftwerke mit 75 % relativ gering. Wegen des hohen Fixkostenanteils an den Gesamtbetriebskosten eines Kernkraftwerks ist dies aus ökonomischer Sicht suboptimal.[12] Durch fehlende Spitzenlast-Kapazitäten ist EDF in Phasen mit hoher Stromnachfrage gezwungen, Strom „am relativ teuren Spot-Markt einzukaufen“.[24] Manchmal wird behauptet, dass Frankreich zu viel in nukleare Erzeugungskapazitäten investiert habe. Elektrizität wird für geringe Preise ins Ausland exportiert und durch subventionierte Preise sowie niedrige Steuern wird die Nachfrage im Inland befeuert. Dies führt zu einem relativ hohen Elektrizitätsverbrauch in Frankreich, u. a. durch elektrische Warmwasserbereitung sowie Gebäudeheizungen. Dies kann als Verschwendung von Strom gesehen werden, reduziert jedoch den Bedarf an fossilen Energieträgern und damit verbundene CO2-Emissionen. Unter den G8-Staaten hat Frankreich (Stand 20xx) den geringsten CO2-Pro-Kopf-Ausstoß.

Ein Problem ergibt sich aus dem Kühlwasserbedarf der Kernkraftwerke in heißen Sommerperioden, sofern diese nicht an einer Küste errichtet wurden. Da Frankreich kaum über Ersatzkapazitäten verfügt, können länger anhaltende Hitzeperioden zu ernsten Problemen in der Sicherstellung der Elektrizitätsversorgung führen.[25] Das zeigte sich zum Beispiel im August 2003.

Ebenfalls kritisch sind länger anhaltende sehr kalte Frostperioden, da in diesen wegen des überwiegend elektrisch beheizten und schlecht isolierten französischen Gebäudebestandes die Stromnachfrage sehr stark ansteigt. So wurde Frankreich z.B. während der Kältewelle in Europa 2012 vorübergehend zum Nettostromimporteur.[26]

Reaktortypen[Bearbeiten]

Die ersten Generationen[Bearbeiten]

Die ersten Reaktoren waren gasgekühlte und graphitmoderierte Reaktoren (UNGG-Reaktoren). Alle Reaktoren dieser Generation wurden inzwischen abgeschaltet. Ein erster Druckwasserreaktor der 300-MWe-Klasse wurde in Chooz auf Basis eines Westinghouse-Designs errichtet. Anhand der dort gewonnenen Erfahrungen wurden die standardisierten französischen Reaktortypen entwickelt.

900-MWe-Klasse (CP0, CP1 und CP2)[Bearbeiten]

Das Kernkraftwerk Saint-Laurent, zwei CP2-Reaktoren mit ihren Kühltürmen zur Rechten

Alle Kraftwerken der CPx-Baureihe (CP steht für contrat-programme, wobei die nachfolgende Nummer die Nummer des Programmes benennt) sind ähnlich aufgebaut; die elektrische Nettoleistung beträgt um 900 MW unter Verwendung eines "3-loop"-Designs. Dabei wird die Wärme des Primärkreises über drei Dampferzeuger an den Sekundärkreis überführt, mit dem dort erzeugtem Dampf wird die Turbine betrieben.

Als erste Reaktoren der CP0-Baulinie wurden 1977 die beiden Blöcke des Kernkraftwerks Fessenheim in Betrieb genommen, die vier weiteren CP0-Reaktoren befinden sich in Bugey.[27] Bei Kraftwerken der Linien CP0 und CP1 teilen sich noch zwei Reaktorblöcke ein Maschinenhaus und eine Steuerzentrale.

Die Reaktoren der CP1- und CP2-Baureihe verfügen über einen zusätzlichen Kühlkreislauf, zusätzliche Notfallsysteme, eine flexiblere Steuertechnologie für den Lastfolgebetrieb und sind in ihrer Konstruktion sehr ähnlich. Beide werden öfters auch unter der Bezeichnung 'CPY' zusammengefasst.[27][28][29]

Alle sechs Reaktoren der CP0-Baureihe sowie die 28 Reaktoren der CPY-Baureihe in Frankreich mit einer Gesamtleistung von 5 bzw. 26 GW sind (Stand 20xx) nach wie vor in Betrieb. CPx-Reaktoren wurden auch in anderen Ländern errichtet (u. a. das Kernkraftwerk Koeberg in Südafrika).

1300-MWe-Klasse (P4 und P'4)[Bearbeiten]

Das Kernkraftwerk Cattenom besteht aus vier 1300-MWe-Reaktoren

Der P4 (P4 steht für Paluel 4-loop) ist eine Weiterentwicklung des CP2 s – die elektrische Nettoleistung wurde unter Verwendung eines "4-loop"-Designs auf 1300 MWe gesteigert. Weiterhin wurde die Reaktorsteuerung zum Lastfolgebetrieb verbessert.[29] Vom P4 wurden 20 Reaktoren mit einer Gesamtnettoleistung von 26 GW errichtet. Der konstruktive Unterschied zwischen den P4 und P'4 besteht in der Baugröße der Reaktorgebäude und der Maschinenhallen, die bei dem P'4 kleiner ausgelegt wurden, um die Baukosten zu verringern.[30]

1450-MWe-Klasse (N4)[Bearbeiten]

Hauptartikel: N4 (Kernreaktor)
Das Kernkraftwerk Civaux mit zwei 1500-MWe-Reaktoren

Der N4-Reaktortyp weist neben einer gesteigerten Leistung insbesondere Verbesserungen bei der Lastfolgefähigkeit auf. Ein N4-Reaktor kann seine Leistung unter vermindertem Einsatz von Borsäure anpassen und ist unter den bisher errichteten großen Druckwasserreaktoren der am flexibelsten regelbare.[29]

Vom N4 wurden nur vier Reaktoren errichtet, zwei im Kernkraftwerk Civaux und zwei im Kernkraftwerk Chooz. Der Bau begann jeweils zwischen 1984 und 1991, die kommerzielle Inbetriebnahme erfolgte - wegen thermischer Materialermüdungsprobleme am Restwärme-Abfuhr-System sowie wegen Turbinen-Problemen - erst zwischen 2000 und 2002.[31] Die vier errichteten Reaktoren haben eine elektrische Gesamtnettoleistung von 6000 MW.

1750-MWe-Klasse (EPR)[Bearbeiten]

Als nächste französische Reaktorgeneration ist der Europäische Druckwasserreaktor vorgesehen. Er wurde von Areva aus dem N4 sowie von Siemens (Konvoi-Reaktor) entwickelt. Ein erster Prototyp wird in Finnland im Kernkraftwerk Olkiluoto errichtet. Die Baukosten des Kernkraftwerks Olkiluoto sind massiv überschritten; der Baufortschritt liegt (Stand 2011) etwa vier Jahre hinter Plan.[32]

Frühestens 2016 (Stand Dezember 2012) soll der Bau eines zweiten EPR in Flamanville (Frankreich) abgeschlossen sein, ursprünglich war 2012 vorgesehen. Die Investitionskosten dieses Reaktors haben sich enorm erhöht. Wurden bei Baubeginn im Jahr 2005 Kosten von 3,3 Mrd. Euro veranschlagt, stiegen diese bis Dezember 2012 auf 8,5 Mrd. Euro an.[33] Damit ist die Wirtschaftlichkeit des Projektes massiv in Frage gestellt; Enel zog sich daraufhin aus dem Projekt zurück, da es keine Aussichten auf einen positive Deckungsraten mehr sah. Auch in Frankreich kam es deshalb zu starker Kritik an dem Projekt. Kolportiert werden Stromgestehungskosten von ca. 7 bis 10 ct/kWh über die gesamte Betriebsdauer; aktuelle Windkraftanlagen erreichen im Schnitt 8 bis 8,5 ct/kWh[34], laut Fraunhofer ISE ca. 6,5 bis 8,0 ct/kWh.[35]

Ein dritter EPR ist (Stand 2008/09) im Kernkraftwerk Penly geplant.[8]

Der Käufer hat einen Festpreis vereinbart; Areva bzw. Areva NP machen beim Bau Milliardenverluste. Angesichts der Eurokrise, der weltweiten Wirtschaftskrise 2009/2010 und einer Bankenkrise ist die Finanzierung von Kernkraftwerken schwieriger als früher.

Fusionsreaktoren[Bearbeiten]

Der Demonstrationsreaktor ITER wird seit 2009 im französischen Cadarache gebaut und soll die Machbarkeit der Stromerzeugung aus der Fusion von Deuterium und Tritium zeigen. Die Inbetriebnahme mit einem Wasserstoffplasma ist (Stand Anfang 2012) für Ende 2020 vorgesehen[36]

Sicherheit[Bearbeiten]

Europäischer Stresstest für Kernkraftwerke[Bearbeiten]

Nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima wurde auf EU-Ebene ein Stresstest aller bestehenden Kernkraftwerke durchgeführt. Bei diesem Stresstest fielen neben nordeuropäischen Kernkraftwerken v.a. französische Anlagen besonders negativ auf. Bei allen 54 Kernkraftwerken wurden größere Mängel nachgewiesen, selbst das beste französische Kernkraftwerk lag mit fünf Rügen unter dem EU-Schnitt. Andere Kernkraftwerke lagen mit bis zu sieben Rügen am Ende der Tabelle. Bei allen Kraftwerken besteht erheblicher Nachrüstbedarf, Europaweit wird pro Reaktorblock je nach Schwere der Mängel mit ca. 30 bis 200 Millionen Euro kalkuliert.[37]

Umweltverbände kritisierten den Stresstest scharf und forderten die Abschaltung der beanstandeten Kraftwerke. So habe der Stresstest größtenteils auf dem Papier stattgefunden, während nur wenige Kraftwerke tatsächlich untersucht worden seien. Ursprünglich waren auf Druck u.a. von Frankreich in der gesamten EU nur 38 der 134 Kernkraftwerke inspiziert worden, wobei in besonders umstrittenen Anlagen wie im Kernkraftwerk Fessenheim und im tschechischen Kernkraftwerk Temelin keine Untersuchungen stattfanden. Daraufhin wurden nach heftiger Kritik an dem Verfahren acht weitere Kraftwerke inspiziert, worauf sich die französische Atom-Sicherheitsbehörde ASN über die Methodik des Stresstestes beschwerte. Zudem seien laut Umweltschützern bestimmte Risiken wie die Gefahr von Terroranschlägen oder Flugzeugabstürze völlig unberücksichtigt geblieben, während hingegen nur die Widerstandsfähigkeit gegen extreme Naturereignisse sowie die Beherrschung von daraus entstandenen Unfällen untersucht worden sei. Zuvor waren auf Initiative Frankreichs und Großbritanniens terroristische Anschläge und Cyberangriffe aus dem Prüfkatalog genommen worden.[38][39]

Finanzielle Folgen eines schweren Reaktorunfalls[Bearbeiten]

Im Februar 2013 wurde eine Studie des französischen Instituts für Strahlenschutz und nukleare Sicherheit IRSN veröffentlicht, in der die ökonomischen Folgen eines Supergaus analog der Katastrophe von Fukushima in einem französischen Kernkraftwerk untersucht wurden. Insgesamt gehen die Forscher von einem Gesamtschaden von ca. 430 Mrd. Euro aus, was etwa doppelt so viel sei wie die Folgekosten in Fukushima. Grund hierfür sei u.a., dass in Japan durch das Wetter während der Katastrophe, v.a. durch den Wind, der den Fallout größtenteils aufs Meer hinauswehte, mögliche schlimmere Auswirkungen verhindert habe. In Frankreich sei dies nicht zu erwarten. Es sei mit etwa 100.000 Flüchtlingen zu rechnen, neben mehreren Departements seien bei grenznahen Standorten wie z.B. Cattenom oder Fessenheim auch Nachbarländer wie Deutschland betroffen. Etwa 110 Mrd. Euro müssten für direkte Umweltkosten wie die Entseuchung radioaktiv kontaminierter Regionen aufgewandt werden, zudem fielen starke wirtschaftliche Folgekosten an. Neben einem starken Rückgang des Tourismus sei auch ein Einbruch im Verkauf von Agrarprodukten, speziell französischen Weins zu erwarten, was zusammen 160 Mrd. Euro Folgekosten nach sich ziehen könnte. Angesichts dieser hohen finanziellen Auswirkungen plädierte ISRN-Generaldirektor Jacques Repussard dafür, französische Kernkraftwerke aus Sicherheitsgründen nachzurüsten. Die Studie zeige klar, dass "die zehn Milliarden Euro, die EDF seit Fukushima investieren soll, um seine Atomkraftwerke sicherer zu machen, nicht besonders hoch gegriffen" seien.[40][41]

Brennstoff-Zyklus[Bearbeiten]

Arbeiten an einem Endlager

Frankreich ist eines der wenigen Länder auf der Welt, die über einen geschlossenen Brennstoffkreislauf verfügen. Uranerze werden von französischen Unternehmen im Ausland abgebaut, in zwei Anreicherungsanlagen am Standort Tricastin zu Kernbrennstoff veredelt und die abgebrannten Brennelemente in zwei Wiederaufarbeitungsanlagen in Beaumont-Hague aufbereitet. Die Kapazitäten sind ausreichend, um auch ausländische Kunden beliefern zu können.

Entgegen der Darstellung des französischen Nuklearkonzerns Areva werden mit dem geschlossenen Kreislauf jedoch nicht 96 %, sondern nur 10 % der verbrauchten Brennstoffe wieder verwertet (siehe auch: Albtraum Atommüll).[42] Ein Teil des Rests wird nach Sibirien verschifft oder bei La Hague ins Meer geleitet.[43]

Für die Endlagerung schwachradioaktiver Abfälle wurde zwischen 1969 und 1994 das Endlager Centre de la Manche in Nordfrankreich genutzt. Dort wurden kurzlebige Abfälle oberflächennah gelagert um ein gefahrloses Abklingen der Radioaktivität über die nächsten 300 Jahre zu gewährleisten. Als Nachfolge wurde 1992 das Centre de l’Aube in Betrieb genommen.

Für hochradioaktive Abfälle wird im nordfranzösischen Bure in einem Forschungsbergwerk die Eignung der dortigen Tonformation als Endlager geprüft.

Kosten[Bearbeiten]

Laut einem Bericht des Obersten Rechnungshofes in Frankreich (Januar 2012) kosteten die Erforschung, Entwicklung sowie der Bau der französischen Kernkraftwerke insgesamt 188 Mrd. Euro. Diese Kosten konnten bisher durch den Verkauf der Elektrizität zu etwa 75 % amortisiert werden. Da die Kraftwerke noch im Betrieb sind, werden diese Kosten aber vermutlich gedeckt werden können. Für Folgekosten gibt es bisher kaum Rückstellungen. Zudem geht der Rechnungshof davon aus, dass für die Demontage der Anlagen die vorgesehenen 18,4 Mrd. Euro nicht genügen werden, sondern mindestens die doppelte Summe anzusetzen sei. Zudem müssten noch langfristige Kosten für die Entsorgung oder die Endlagerung des Atommülls berücksichtigt werden; diese sind laut Bericht nur schwer zu beziffern.[44]

In seiner deutschen Übersetzung der Zusammenfassung schreibt der Rechnungshof u. a. (Seite 8):

„Die Bau- und Planungskosten (79.751 Mio. €2010), heruntergerechnet auf die Reaktorleistung, stiegen mit der Zeit von 1,07 Mio. €2010/MW im Jahr 1978 (Fessenheim) auf 2,06 Mio. €2010 im Jahr 2000 (Chooz 1 und 2) bzw. auf 1,37 Mio. €2010 im Jahr 2002 (Civaux) bei einem Durchschnitt von 1,25 Mio. €2010/MW für die 58 Reaktoren. Diese Erhöhung steht vor allem mit den immer höheren Sicherheitsanforderungen im Zusammenhang. Auch wenn ein genauer Vergleich nicht möglich ist, da die abschließenden Gesamtkosten eines EPR unbekannt sind, konnte der Cour des Comptes feststellen, dass die Baukosten im Verhältnis zur Leistung in MW mit dieser neuen Generation, die von Anfang an umfangreiche Sicherheitsauflagen erfüllen musste, weiter gestiegen sind. Bei geschätzten Baukosten von 6 Mrd. € für den EPR Flamanville (erster Reaktor der Baureihe) und einer Leistung von 1.630 MW betragen die Kosten pro MW 3,7 Mio. €; wobei bei Kosten der Baureihe von schätzungsweise 5 Mrd. € und ihre Kosten pro MW 3,1 Mio. € betragen.“[45]

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. http://de.statista.com/statistik/daten/studie/42422/umfrage/frankreich---primaerenergieverbrauch-ausgewaehlter-brennstoffe-in-millionen-tonnen-oelaequivalent
  2. [1]World Nuclear - Frankreich
  3. a b c [2] IAEO - Power Reactor Information System - Länderübersicht Frankreich
  4. Import 43,8 TWh Strom, Export 66,6 TWh 22,8 TWh => 22,8 Terawattstunden Ausfuhrüberschuss (MM 2. April 2013: Deutschland erneut Stromexport-Europameister)
  5. Die rechnerische Differenz zwischen 542 und 578 beträgt 64; wie die Differenz von 8 Mrd. TWh zustande kommt, geht aus der Quelle ([3]) nicht hervor.
  6. EPEX Spot SE beendet ein Jahr europäischer Strommarkt-integration – Handelsvolumen 2010 deutlich gestiegen. Website der Strombörse EEX. Abgerufen am 3. Oktober 2011.
  7. EPR-Reaktor in Flamanville kostet noch mal 2 Milliarden Euro mehr. In: Focus, 3. Dezember 2012. Abgerufen am 27. Februar 2013.
  8. a b [4] Radio France International - Präsident Sarkozy baut einen zweiten EPR in Frankreich
  9. Frankreich verlängert AKW-Laufzeiten Frankfurter Allgemeine Zeitung
  10. a b c d e [5] EDF - Firmengeschichte
  11. zeit.de 23. April 1971: Das Erbe de Gaulles wird liquidiert
  12. a b [6]Nuclear in France - what did they get right?
  13. [7]
  14. [8] Welt-Online: GAU in Fukushima - So geht das Ausland jetzt mit der Atomkraft um
  15. Frankreichs Atommeiler sind nicht sicher genug. Der Tagesspiegel, 17. November 2011. Abgerufen am 18. November 2011.
  16. a b Frankreichs AKWs müssen nachrüsten. Deutsche Welle, 17. November 2011. Abgerufen am 18. November 2011.
  17. Wahlkampf in Frankreich. FAZ, 17. September 2011. Abgerufen am 3. Oktober 2011.
  18. Frankreichs Sozialisten. Die Verwandlung der Dinosaurier. FAZ, 3. Oktober 2011. Abgerufen am 3. Oktober 2011.
  19. Experten fordern Nachrüstung französischer AKWs. Süddeutsche Zeitung, 17. November 2011. Abgerufen am 18. November 2011.
  20. Anmerkung; dieses Wahlversprechen wurde gebrochen
  21. Wenn die Ausstiegslust wächst. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6. Juni 2010. Abgerufen am 3. Oktober 2011.
  22. Le nucléaire s’invite dans la campagne 2012. Abgerufen am 3. Oktober 2011.
  23. Siehe auch (Januar 2011): Möglichkeiten und Grenzen des Lastfolgebetriebs von Kernkraftwerken (pdf, 32 Seiten; 540 kB)
  24. Stephanie Cooke (2009). In Mortal Hands: A Cautionary History of the Nuclear Age, Black Inc., S. 359.
  25. [9] Handelsblatt - Trotz Hitzewelle am Netz - Auflagen für Atomkraftwerke gelockert
  26. Energiewende im Praxistest. Atomkraft an die Wand geblasen. In: TAZ, 3. Februar 2012. Abgerufen am 4. Februar 2012.
  27. a b [10] (PDF; 443 kB) Francois HEDIN / EDF - Plant Life Management of EDF PWR Nuclear Fleet
  28. %A7ais.pdf Convention sur la sûreté nucléaire
  29. a b c Nuclear Development - June 2011 - Technical and Econimic Aspects of Load Following with Nuclear Power Plants
  30. Editions Technip: International nuclear energy guide. In: Editions TECHNIP, 1987, ISBN 2-7108-0532-4.
  31. [11] Power Technology - Civaux 1-2
  32. 19. Mai 2011 : Jairam gets lesson on Areva reactor behind Finnish line
  33. Atomreaktor wird Milliardengrab. EDF legt Hollande strahlendes Kuckucksei ins Nest. In: Handelsblatt, 5. Dezember 2012. Abgerufen am 8. November 2012.
  34. Die Franzosen zweifeln an der Atomkraft. In: Die Zeit, 6. Dezember 2012. Abgerufen am 8. Dezember 2012.
  35. Stromgestehungskosten Erneuerbarer Energien (PDF; 6,9 MB). Fraunhofer ISE. Abgerufen am 8. Dezember 2012.
  36. ITER Dodges Trouble With Superconducting Cables (27. Februar 2012)
  37. AKW-Stresstest der EU in der Analyse. Die Mär von den sicheren deutschen Reaktoren. In: tagesschau.de, 5. Oktober 2012. Abgerufen am 8. Dezember 2012.
  38. AKW-Stresstest. Schlechte Noten für Europas Meiler . In: Süddeutsche Zeitung, 1. Oktober 2012. Abgerufen am 8. Dezember 2012.
  39. Frankreich empört sich über AKW-Stresstests der EU. In: Die Welt, 5. Oktober 2012. Abgerufen am 8. Dezember 2012.
  40. Atom-GAU in Frankreich würde 430 Milliarden kosten. In: Die Zeit, 7. Februar 2013. Abgerufen am 8. Februar 2013.
  41. Studie zu Kosten eines Atomunfalls. Frankreichs Rechenspiele für einen GAU. In: tagesschau.de, 7. Februar 2013. Abgerufen am 8. Februar 2013.
  42. [12] Arte - Albtraum Atommüll
  43. [13] Tagesschau.de - Frankreichs Zwischenlösung für strahlenden Abfall
  44. www.ccomptes.fr Die Kosten der Kernenergie (Januar 2012). Zusammenfassung (PDF, 24 Seiten); Langfassung (PDF, 441 Seiten); Glossar; Kosten der Atomkraft in Frankreich. Im Kern falsch gerechnet. In: Taz. 1. Februar 2012. Abgerufen am 4. Februar 2012.
  45. Seite 8 Anmerkung: "€2010" meint "Euro mit der Kaufkraft von 2010"