Kernkraftwerk Gösgen

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Dieser Artikel befasst sich mit dem Kernkraftwerk Gösgen, kurz KKG, nicht zu verwechseln mit dem deutschen Kernkraftwerk Grafenrheinfeld mit derselben Abkürzung.

f1

Kernkraftwerk Gösgen
Kernkraftwerk Gösgen
Kernkraftwerk Gösgen
Lage
Kernkraftwerk Gösgen (Solothurn)
Kernkraftwerk Gösgen
Koordinaten 640055 / 24624547.3658333333337.9688888888889Koordinaten: 47° 21′ 57″ N, 7° 58′ 8″ O; CH1903: 640055 / 246245
Land: Schweiz
Daten
Eigentümer: Kernkraftwerk Gösgen-Däniken AG
Betreiber: Kernkraftwerk Gösgen-Däniken AG
Projektbeginn: 1973
Kommerzieller Betrieb: 1. Nov. 1979

Aktive Reaktoren (Brutto):

1  (1035 MW)
Eingespeiste Energie im Jahr 2010: 7'979 GWh
Eingespeiste Energie seit Inbetriebnahme: 233'707.51 GWh
Website: Website des Kernkraftwerks Gösgen
Stand: 31. Dezember 2010
Die Datenquelle der jeweiligen Einträge findet sich in der Dokumentation.
Kernkraftwerk Mai 2010
Kernkraftwerk Gösgen

Das Schweizer Kernkraftwerk Gösgen liegt auf dem Gebiet der Gemeinde Däniken an der Aare. Betreiberin ist die Kernkraftwerk Gösgen-Däniken AG.[1] Die Firma nahm im November 1979 den kommerziellen Betrieb auf.

Anlage[Bearbeiten]

Das KKG ist das erste Kernkraftwerk der 1000-Megawattklasse in der Schweiz. Die Bruttonennleistung wurde von anfangs 970 Megawatt zweimal durch Ausbauprojekte erhöht (1992 auf 990 Megawatt und 1996 auf den heutigen Wert) und betrug bis 2009 1020 Megawatt. Durch wirkungsgradverbessernde Massnahmen wie optimierte Schaufeln an der Hochdruckturbine, eine verbesserte Wasserabscheidung nach der Hochdruckturbine sowie neuen Kühlturmeinbauten mit besserer Kühlwirkung konnte die elektrische Leistung auf 1035 Megawatt gesteigert werden, ohne die nukleare Leistung zu verändern.

Herzstück des Kraftwerkes ist ein Druckwasserreaktor der damaligen deutschen Kraftwerk Union (heute Areva NP) mit 3002 Megawatt thermischer Leistung. Im Reaktorkern finden sich 177 Brennelemente mit je 205 Brennstäben, die aus angereichertem Urandioxid mit spaltbarem Uran-235 oder MOX-Brennelementen (Uran-Plutonium-Mischoxid-Brennelemente) mit einem Anteil an spaltbarem Plutonium bestehen.

Die Kühlung erfolgt im Gegensatz zu Beznau I, II und Mühleberg nicht direkt mit Flusswasser, sondern über einen 150 Meter hohen Naturzug-Nass-Kühlturm, so dass die Aare weniger stark durch die Abwärme des Kraftwerks belastet wird.

Die Jahresproduktion im Kernkraftwerk Gösgen beträgt etwa 8 Milliarden kWh, was rund 15 Prozent des schweizerischen Strombedarfs entspricht. Die Kosten für die Erzeugung einer Kilowattstunde betrugen 1980 6,30 Rappen. Diese konnten dank verschiedener Modernisierungsprojekte im Jahr 2001 auf 4,07 Rappen gesenkt werden.

Im Kraftwerk Gösgen sind knapp 500 Personen beschäftigt. Eigentümer des Kraftwerkes sind die Alpiq Holding mit 40 Prozent, die Nordostschweizerischen Kraftwerke mit 25 Prozent, die Centralschweizerischen Kraftwerke mit 12,5 Prozent, die Stadt Zürich (EWZ) mit 15 Prozent und die Stadt Bern (EWB) mit 7,5 Prozent. Für die Geschäftsführung ist die Alpiq verantwortlich.

Geschichte und Inbetriebnahme[Bearbeiten]

Ende der 1950er-Jahre kaufte die Aare-Tessin AG (damals Atel, heutiger Name Alpiq) ein Stück Land am heutigen Standort. 1969 gibt die Atel über die Medien die Gründung eines Studien-Konsortiums bekannt, welches in der Nähe von Gösgen ein Kernkraftwerk bauen will. Der Standortkanton Solothurn ist auch als Miteigentümer der Atel involviert. Von Amtes wegen verfügt die Kantonsregierung über zwei Sitze im Verwaltungsrat. 1969 ist einer davon der spätere SP-Bundesrat Willi Ritschard.

Widerstand erwächst dem Projekt bereits kurz nach dieser ersten öffentlichen Bekanntgabe. Der Gemeinderat der Nachbargemeinde Schönenwerd wendet sich – aufgeschreckt durch einen Brief eines Bürgers und früheren Nuklearingenieurs – an die Solothurner Regierung und stellt dieser Fragen zur nuklearen Sicherheit. Diese verweist die Gemeinde an den nach ihrer Auffassung zuständigen Bund. Der zuständige Bundesrat Roger Bonvin antwortet kurz, der Bund sei laut Bundesgesetz von 1959 verpflichtet, alle Massnahmen für den Schutz gegen ionisierende Strahlung zu treffen. Die Fachleute des Bundes bedürften im Weiteren keiner Auffrischung ihrer Kenntnisse über die Gefahren auf diesem Gebiet.

1970 reicht die Atel beim Bund ein Gesuch für die Standortbewilligung ein. Ausser Schönenwerd sprechen sich alle Gemeinden für den Standort aus. Es werden allerdings Bedenken gegen die damals noch vorgesehene Flusswasserkühlung vorgebracht, welche die Aare erheblich erwärmt hätte. Die Gegner des Projekts wähnen sich als Sieger, als der Bund im gleichen Jahr die Flusswasserkühlung verbietet.

1972 veröffentlicht die Atel einen Bericht mit einer Fotomontage, welche einen 150 Meter hohen Kühlturm auf dem geplanten Gelände zeigt. Politiker der Region werden von der Atel zu Studienreisen ins Ruhrgebiet eingeladen. In seiner Antwort auf eine Interpellation eines besorgten Parlamentariers schreibt die Solothurner Regierung im Oktober 1972, dass der Bau eines Kühlturmes mit der Natürlichkeit und Unversehrtheit der Gegend kaum vereinbar sei. Die Reisetätigkeit trägt allerdings Früchte. Die Regierung stellt nämlich auch fest, dass moderne Kühltürme in keiner Weise unelegant seien und für das Schönheitsempfinden nicht störend wirkten.

Vor Baubeginn müssen in den Gemeinden Däniken und Gretzenbach noch so genannte Zonenplanänderungen vorgenommen werden. Da der Dorfkern von Obergösgen näher am Standort liegt als diese beiden Gemeinden, erhebt dessen Gemeinderat Einsprache gegen die Umzonungen. Dieser Einspruch wird aber ohne erkennbaren Grund schon Ende November 1972 wieder zurückgezogen. Monate später gelangt ein Gemeinderatsprotokoll an die Öffentlichkeit, welches zeigt, dass der Gemeinderat und insbesondere der Gemeindeammann von der Fa. Atel massiv unter Druck gesetzt wurden.

Im November 1972 liegt das Baugesuch öffentlich auf. Es gibt zahlreiche Einsprachen von Einzelpersonen und Gruppen, welche allesamt abgewiesen werden. Bereits am 12. Januar 1973 wird die Baubewilligung erteilt. Obwohl einige Opponenten dagegen rekurrieren und das Verfahren somit noch nicht rechtskräftig abgeschlossen ist, fahren im Juni 1973 die ersten Baumaschinen auf dem Gelände auf.

Der Bundesrat vertritt die Auffassung, dass nicht der Bund bauen wolle, sondern der Kanton Solothurn und die Atel. Der Bund müsse lediglich von Gesetzes wegen zustimmen. Er habe keinerlei politische Mitsprachemöglichkeit. Die Behörden müssten das Projekt bewilligen, sofern es die sicherheitstechnischen Rahmenbedingungen erfülle.

Kernkraftwerksgegner/-innen versuchen daraufhin, mit einer kantonalen Initiative den Regierungsrat abzusetzen. Da der zuständige Willi Ritschard in dieser Zeit in den Bundesrat gewählt wird, verliert diese Gegenbewegung an Kraft. Auch das damalige Ölembargo der OPEC und die dadurch verursachte Ölkrise schwächt die Gegner das Kernkraftwerks. Eine Kampagne der Schweizerischen Vereinigung für Atomenergie (SVA) behauptet, dass die Kernkraftwerke die sauberste und umweltfreundlichste Art seien, um elektrische Energie zu erzeugen. Sie sei sicher, sauber, unentbehrlich und unerschöpflich. Auch die zu erwartenden Steuererträge stimmen viele Leute in der Region zu Gunsten der Kernenergie um. Viele Leute fürchten um ihren Job und wagen es nicht mehr, sich öffentlich zu äussern.

1975 wird die Überparteiliche Bewegung gegen Atomkraftwerke Solothurn (ÜBA) gegründet. Sie lanciert die Initiative zur Wahrung der Volksrechte und der Sicherheit beim Bau und Betrieb von Atomanlagen und die Nationale Petition für einen vierjährigen Baustopp aller KKW in der Schweiz.

Ende Mai 1977 findet der erste Protestmarsch statt, der so genannte Pfingstmarsch. Rund 10.000 Personen wandern zum Gösgener KKW-Gelände.[2] In der folgenden Woche wird das Schweizerische Aktionskomitee gegen das AKW Gösgen (SAG) gegründet, welches die Besetzung des KKW koordinieren soll. Am 25. Juni 1977 marschieren fast 3000 Gegner/-innen von Olten nach Gösgen, um die Zufahrten zum Baugelände zu besetzen. Rund 1000 Polizisten aus der ganzen Schweiz rücken an und stoppen die Demonstranten mit Tränengas. Auch zwei Wochen später misslingt ein Besetzungsversuch von etwa 6000 Personen, wobei die Polizei neben Tränengas diesmal auch [[ Gummigeschoss|Gummischrot]] und Wasserwerfer einsetzt. Am 28. September 1978 werden fünf Aktivisten deswegen zu Geldstrafen verurteilt.

Ende September 1978 ist das Kraftwerk fertig gebaut. Das zuständige Departement des Bundes, das dem oben genannten Willi Ritschard untersteht, erteilt die Inbetriebnahmebewilligung. Rekurse dagegen bleiben erfolglos. Am 30. Oktober 1979 nimmt das KKW nach einer Probephase den kommerziellen Betrieb auf. Im Mai 1981 lehnt der Bundesrat alle noch hängigen Beschwerden ab und überbürdet den Einsprechenden die Verfahrenskosten von 17.296 Franken.

Die Gegner haben den Behörden allerdings die Auflage abgetrotzt, bis 1985 ein Projekt vorzulegen, das für die sichere Entsorgung und Endlagerung Gewähr biete. Bundesrat Ritschard hält unmissverständlich fest, dass das Kraftwerk andernfalls abgeschaltet werden müsse. Ritschard stirbt 1983. Mit einer Reihe von juristischen Spitzfindigkeiten wird die Bedingung 1985 ausgehebelt. Das KKW bleibt im Betrieb und bekommt im gleichen Jahr sogar die Bewilligung für eine Leistungserhöhung. Ein Endlager für radioaktive Abfälle gibt es auch 2010 noch nicht.

Störfälle[Bearbeiten]

Am 15. September 2002 wurden am Basler Zoll zwei Verdächtige festgehalten, weil sie einen Plan des Kernkraftwerkes Gösgen auf ihrem Computer aufgeschaltet hatten, ohne dies plausibel erklären zu können – es ließ sich nicht mit ihrer angeblichen Reiseroute vereinbaren. "Es handelt sich nicht um Terroristen, sondern eher um Vorläufer." meinte die Bundespolizei laut "Schaffhauser Nachrichten" und ließ die zwei Männer wieder frei.[3]

Bei einem Vorkommnis im Jahr 2007 ging es um einen Schaden an einem Hüllrohr eines Brennstabes, durch welchen es zu einer geringfügigen Auswaschung von Brennstoff kam.[4]

Am Abend des 30. Juni 2012 kam es gegen 18:30 Uhr durch einen Defekt in einer Diode zu einer Reaktorschnellabschaltung. Dabei wurde „sichtbar und hörbar“ Dampf abgelassen, der nicht radioaktiv war. Nach den Reparaturen wurde der Reaktor wieder angefahren und die Stromproduktion am 1. Juli 2012 gegen 4:45 Uhr wieder aufgenommen. Das ENSI stufte den Vorfall auf Stufe 0 der INES-Skala ein.[5][6][7]

Neubau Kernkraftwerk Gösgen 2[Bearbeiten]

Am 10. Juni 2008 wurde bekannt, dass der Schweizer Energiekonzern Atel in Gösgen, direkt an das bestehende Kraftwerksgelände, ein neues Kernkraftwerk bauen will. Das neue Kernkraftwerk soll den Namen „Kernkraftwerk Niederamt“ bekommen, dabei würde ein Leichtwasserreaktor von einer Leistung zwischen 1000 und 1600 Megawatt-el sowie ein 60 Meter hoher Hybridkühlturm gebaut. Die Baukosten werden mit ca. 7 Mrd. Franken beziffert.[8]

Ein Gesuch zur Rahmenbewilligung wurde eingereicht. Dies ist der erste Schritt des Bewilligungsverfahrens. Als Nächstes würden beide Parlamentskammern darüber befinden. Dieser Schritt untersteht dem fakultativem Referendum. Ein solches hat die partei- und verbandsübergreifende Allianz Stopp Atom bereits angekündigt.[9] Bei einer Annahme müsste als nächster Schritt die Bau- und anschliessend die Betriebsbewilligung eingeholt werden. Gegen beide kann Einsprache erhoben werden.[10]

Die Region im Umkreis des KKG galt bislang als der Kernenergie gegenüber sehr positiv eingestellt, unkritischer als etwa die kantonale oder die gesamtschweizerische Bevölkerung. Nun hat sich aber der Gemeinderat der an Däniken angrenzenden Gemeinde Dulliken im Mai 2010 sogar einstimmig gegen eine weitere Kraftwerks-Einheit ausgesprochen. Ausschlaggebend waren im bürgerlichen Lager vorab Argumente von Landschaftsschutz und beeinträchtigter Lebensqualität.[11]

Aufgrund des Tōhoku-Erdbeben 2011 der Stärke 9,0 sistierte Bundesrätin Doris Leuthard alle Rahmenbewilligungsgesuche für neue Kernkraftwerke. Bisher war eine Erdbebensicherheit bis zur Stärke 7 gefordert, was bis auf das Kraftwerk Mühleberg bei Bern alle anderen einhalten konnten.[12] Nach dem Grundsatzentscheid des Bundesrates vom 25. Mai 2011, aus der Kernenergie auszusteigen [13] ist nicht mehr zu erwarten, dass das Projekt je umgesetzt werden wird.

Daten der Reaktorblöcke[Bearbeiten]

Das Kernkraftwerk Gösgen hat einen Block:

Reaktorblock [14] Reaktortyp Netto-
leistung
Brutto-
leistung
Baubeginn Netzsyn-
chronisation
Kommer-
zieller Betrieb
Abschal-
tung
Gösgen (KKG) Druckwasserreaktor 985 MW 1035 MW 01.12.1973 02.02.1979 01.11.1979 geplant, voraussichtlich 2029

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. SHAB: Kernkraftwerk Gösgen-Däniken AG. moneyhouse Handelsregister- und Firmendaten, abgerufen am 20. März 2011.
  2. woz.ch, Die Wochenzeitung, Schweiz, 12. Juni 2008, Susan Boos: Vielen Dank, Atel! (7. August 2011)
  3. Greenpeace Schweiz: Schweizer Atomkraftwerke im Fadenkreuz von Terroristen?, abgerufen am 12. März 2011
  4. HSK: KKW Gösgen: Hüllrohrschaden an Brennelement, Vorkommnis 25. Juni 2007
  5. Tagesschau: Reaktor des AKW Gösgen wegen Defekt abgeschaltet, 30. Juni 2012
  6. ENSI: Reaktorschnellabschaltung im Kernkraftwerk Gösgen, 30. Juni 2012
  7. http://www.ensi.ch/de/2013/01/25/kkg-reaktorschnellabschaltung-vom-30-juni-2012-wegen-fehlauslosung-von-reaktorschutzsignalen/
  8. Atel will zweites Kernkraftwerk in Gösgen bauen
  9. Gesuche für neue AKW reissen alte Gräben auf (NZZ online)
  10. Rahmenbewilligung eingereicht
  11. Gemeinderats-Beschluss Dulliken
  12. Rahmenbewilligungsgesuche für Ersatz-AKW sistiert, NZZ, 14. März 2011
  13. Grundsatzentscheid für den Atomausstieg, NZZ vom 25. Mai 2011
  14. Power Reactor Information System der IAEA: „Switzerland (Swiss Confederation): Nuclear Power Reactors“ (englisch)