Kernkraftwerk Kalkar

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Kernkraftwerk Kalkar
Kernkraftwerk Kalkar, 2004
Kernkraftwerk Kalkar, 2004
Lage
Kernkraftwerk Kalkar (Nordrhein-Westfalen)
Kernkraftwerk Kalkar
Koordinaten 51° 45′ 47″ N, 6° 19′ 37″ O51.7630566.326944Koordinaten: 51° 45′ 47″ N, 6° 19′ 37″ O
Land: Deutschland
Daten
Eigentümer: Schneller Brüter Kernkraftwerksgesellschaft MBH
Betreiber: Schneller Brüter Kernkraftwerksgesellschaft MBH
Projektbeginn: 1970
Stilllegung: 20. März 1991

Fertiggestellte Reaktoren (Brutto):

1  (327 MW)

Planung eingestellt (Brutto):

1  (1500 MW)
Stand: 6. Juni 2008
Die Datenquelle der jeweiligen Einträge findet sich in der Dokumentation.

Das Kernkraftwerk Kalkar (auch bekannt als SNR-300 für Schneller Natriumgekühlter Reaktor) ist ein ehemaliges Kernkraftwerk in Kalkar am Niederrhein, das 1985 fertiggestellt wurde, aber nie in Betrieb ging. Wegen sicherheitstechnischer und politischer Bedenken wurde das Projekt 1991 eingestellt. Durch die gewaltigen Kosten beim Bau und der anschließenden Bereithaltung für einen eventuellen späteren Betrieb wurde das Kraftwerk eine der größten Investitionsruinen Deutschlands.

Eckdaten[Bearbeiten]

Die höchsten Teile der Anlage sind 93 Meter hoch.[1]

Geschichte[Bearbeiten]

Motive[Bearbeiten]

Der erste „schnelle“ Reaktor (gemeint ist die Geschwindigkeit der Neutronen) wurde 1946 in den USA als Neutronenquelle für die Forschung gebaut und trug den Namen Clementine. Es handelte sich dabei um eine Reaktortechnik, die sich grundlegend von den bis dahin gebauten graphitmoderierten Reaktoren unterschied. Ebenso wie diese kann ein Brutreaktor nicht nur das vergleichsweise seltene Uranisotop 235U verwenden, sondern auch das viel häufigere 238U in spaltbares Plutonium umwandeln, wobei er mehr Plutonium erbrütet als er 235U verbraucht.

Der erste in industriellem Maßstab arbeitende Brutreaktor ging 1973 in Aqtau (damals Schewtschenko), UdSSR, in Betrieb. Das Kernkraftwerk Aqtau hatte einen Reaktor vom Typ BN-350, der 150 MW elektrischen Strom und 200 MW Prozesswärme zum Entsalzen von Meerwasser aus dem Kaspisee lieferte. Das erzeugte Plutonium wurde für das Atomwaffenprogramm der Sowjetunion und in anderen Atomkraftwerken verwendet.

Da die Uranvorräte im damaligen Westdeutschland begrenzt waren (in Ostdeutschland befand sich das drittgrößte Abbaugebiet der Welt), erhofften sich die Befürworter der Atomenergie, allen voran Wolf Häfele, mit dem Bau eines Brutreaktors eine erheblich effizientere Ausnutzung dieser Vorräte, so dass Deutschland auf unabsehbare Zeit von Energieimporten für die Stromerzeugung unabhängig werden könnte. Der erste deutsche Brutreaktor KNK-I wurde in den Jahren 1971 bis 1974 in Karlsruhe gebaut und 1977 zu einem schnellen Brüter mit der Bezeichnung KNK-II umgerüstet. Im Herbst 1972 wurde auf Veranlassung von Heinrich Mandel die belgisch-deutsch-niederländische Schnell-Brüter-Kernkraftwerksgesellschaft mbH in Essen gegründet. Diese Gesellschaft beauftragte die Siemens-Tochter Interatom mit dem Bau des Schnellen Brüters in Kalkar.

Bauphase[Bearbeiten]

Baustelle, September 1977
Baustelle, Juli 1981

Der zuerst von RWE geplante Standort Weisweiler bei Aachen, neben dem dortigen Braunkohlekraftwerk, musste nach Einspruch der Bundesregierung 1971 aufgegeben werden: Wegen der hohen Bevölkerungsdichte im Aachener Raum erschien ein Brüter dort zu riskant, und RWE musste auf das dünner besiedelte Kalkar ausweichen.[2] Die Grundsteinlegung erfolgte am 25. April 1973.[3] Schon bald kam Kritik am Kraftwerksbau auf. 1974 fand in Kalkar eine Demonstration mit mehreren tausend Teilnehmern, überwiegend aus den Niederlanden, statt. 1976 wurde Klaus Traube, Chef der Interatom mit 20-jähriger Karriere in der Atomindustrie, wegen Verdachts auf Informationsweitergabe an Atomkraftgegner und Sympathien für die RAF nach einer illegalen Abhöraktion des Verfassungsschutzes entlassen und trat in offene Opposition zu dem Projekt und der Atomenergienutzung allgemein.

1977 gab es in Kalkar eine Großdemonstration, bei der 40.000 Menschen auf die Straße gingen. Das Polizeiaufgebot hierzu gilt als das größte in der Geschichte der Bundesrepublik.

Im Lichte der Havarie des Kernkraftwerks Three Mile Island bei Harrisburg in den USA im Jahre 1979, bei der der Reaktorkern teilweise schmolz, und der aufkeimenden Anti-Atomkraft-Bewegung wurden immer mehr Bedenken geäußert. So sagte der spätere Umweltminister des Saarlandes, Jo Leinen (SPD), dass man die Technologie irgendwann aus Rentabilitätsgründen auch exportieren müsse. Da man mit Plutonium, im Gegensatz zu dem schwach angereicherten Uran der herkömmlichen Reaktoren, auch Atombomben herstellen kann, würde man so Ländern den Zugang zu Atombomben verschaffen, die diesen bislang nicht hätten.

Neben diesem Einwand gab es aber vor allem Sicherheitsbedenken. Ein Reaktor dieses Typs sei schlechter kontrollierbar und berge hierdurch mehr Gefahren. Insbesondere konnte ein nukleares Durchgehen, der Bethe-Tait-Störfall, nicht ausgeschlossen werden. Zudem verwendete man zur Kühlung flüssiges Natrium, das chemisch sehr aggressiv ist und mit Wasser heftig reagiert.

Die Gegner des Projekts erhoben Verfassungsbeschwerde vor dem Bundesverfassungsgericht. Die Enquête-Kommission des Bundestags erwirkte eine vierjährige Unterbrechung des Baus. Durch verschärfte Sicherheitsauflagen sollten die Bedenken ausgeräumt werden. Hierdurch wurde das Projekt allerdings auch immer teurer. 1969 sollte der Reaktor noch zum Festpreis von 500 Mio. Mark gebaut werden, bis 1972 war der Preis bereits auf 1,7 Milliarden Mark gestiegen. Nun kostete er insgesamt 7 Milliarden Mark, also mehr als das Vierfache des Preises von 1972,[4] und sogar das Vierzehnfache des ursprünglichen Preises von 1969. 1978 schwenkte die Landesregierung Nordrhein-Westfalens, zu dieser Zeit eine Koalition aus SPD und FDP, auf einen Anti-Kernkraft-Kurs um. Man hielt die energiepolitischen Gründe für einen Einstieg in die Plutoniumwirtschaft nicht für ausreichend. In der Folge wurde die Teilerrichtungsgenehmigung durch den Wirtschaftsminister Horst Ludwig Riemer (FDP) blockiert. Dies löste eine Krise aus.

Die Proteste radikalisierten sich zu Beginn der 1980er-Jahre zunehmend.

Fertigstellung, Nichtinbetriebnahme und endgültiges Aus[Bearbeiten]

Kernkraftwerk Kalkar, September 1985

Letztendlich wurde der Bau 1985 fertiggestellt. Das flüssige Natrium zirkulierte nun im Kühlkreislauf und musste mit elektrischen Heizelementen warm gehalten werden, um nicht zu erstarren. Der Reaktor war nun prinzipiell einsatzbereit. Ab sofort fielen pro Jahr 105 Millionen DM (54 Mio. Euro) Betriebskosten an.[5]

Das Land Nordrhein-Westfalen verweigerte allerdings die Betriebsgenehmigung, gegen den Wunsch der damaligen Bundesregierung. Die Bundesregierung hätte zwar nach Atomrecht per Weisung die Genehmigung erzwingen können, wollte aber die alleinige Verantwortung für das sicherheitstechnisch kontrovers diskutierte SNR-Projekt nicht übernehmen. Der für die Baugenehmigungen zuständige NRW-Sozial- und Arbeitsminister Friedhelm Farthmann hielt die Inbetriebnahme für nicht vertretbar, da die Risiken nicht kalkulierbar seien. Die vormaligen Errichtungsgenehmigungen waren auch nur unter Vorbehalt erteilt worden. Die Brennelemente durften nicht in den Reaktorkern gebracht werden. Nach der Wahl schied Farthmann aus der Regierung aus, und die Zuständigkeit für Genehmigungen wurde an Reimut Jochimsen (SPD) vom Wirtschaftsministerium übertragen. Man blieb aber bei dem zuvor eingeschlagenen Kurs, die Reaktorinbetriebnahme auch gegen den Wunsch der damaligen christlich-liberalen Bundesregierung zu behindern. Es wurden die dem Land zur Verfügung stehenden Mittel genutzt: Jochimsen unterzog die Anträge langwierigen Prüfungen, die formal korrekt waren, nach Meinung von SNR-Befürwortern aber das ganze Verfahren so lange verschleppten, bis das Aus des Reaktors mehr oder weniger unabwendbar war.

Auch die Stromversorger waren nicht mehr so sehr an einer Inbetriebnahme interessiert, da der Energieverbrauch in Westdeutschland langsamer gestiegen war als sie ursprünglich erwartet hatten. Zudem waren auch die Uranvorräte größer als erwartet. Es gab also keinen zwingenden Grund, den Atommeiler schnell ans Netz zu bringen. Infolge der Katastrophe von Tschernobyl 1986 schlug die Stimmung endgültig gegen den Reaktor um. Da es im Fall einer Inbetriebnahme zur radioaktiven Kontamination von Anlagenteilen kommen würde, die im Fall einer vorzeitigen Außerbetriebnahme wie beim Hochtemperaturreaktor in Hamm zu hohen Rückbaukosten führen würde und eine Weiternutzung des Gebäudes ausschließen würde, verkündete Bundesforschungsminister Heinz Riesenhuber am 21. März 1991 das endgültige Aus für das Kraftwerk.

Das Megaprojekt war hierdurch zu einer der größten Investitionsruinen Deutschlands geworden.

SNR-2[Bearbeiten]

In den ursprünglichen Plänen war ein weiterer Brutreaktor angedacht. Der schnelle natriumgekühlte Reaktor 2 (kurz SNR-2) sollte anfangs eine projektierte Bruttoleistung von 2.000 MWel haben und wäre damit der größte Kernreaktor der Welt geworden. Anfang der 1980er Jahre wurden die Pläne geändert und die vorgesehene Leistung zunächst auf 1600 MWel, später auf 1500 MWel reduziert. Die Nettoleistung sollte 1380 MWel betragen.[6] Der Bau sollte wenige Jahre nach der Inbetriebnahme des SNR-300 beginnen. Da dieser jedoch nicht in Betrieb genommen wurde, wurde auch der SNR-2 nicht realisiert. Verschiedenen Angaben zufolge war Kalkar noch nicht als Standort für den SNR-2 festgelegt.[7][8]

Abbau der Anlage[Bearbeiten]

Der Kühlturm als Kletterwand

Ein Abriss des Gebäudes hätte 75 Millionen Euro gekostet, was aus ökonomischen Gründen nicht in Frage kam. Man begann mit dem langsamen Verkauf der neuen und niemals genutzten Geräte und Maschinen.

Der von Nukem und Alkem gelieferte erste Reaktorkern, der nie benutzt wurde, befand sich bis 2005 in staatlicher Verwahrung in Hanau. Eigentümer des Kerns war die RWE Power AG, die jedoch keine Lizenz für den Umgang mit dem auf etwa 35 % Plutoniumanteil angereicherten Brennstoff hatte. Das Plutonium wurde in der Wiederaufarbeitungsanlage La Hague in Frankreich in sogenannte MOX-Brennelemente integriert, die in herkömmlichen Kernkraftwerken benutzt werden dürfen.

Nachnutzung des Gebäudes[Bearbeiten]

Das Gebäude selbst wurde per Zeitungsannonce angeboten. Letztendlich kaufte der niederländische Investor Hennie van der Most das Gelände und wandelte es in den Vergnügungspark Wunderland Kalkar (bis Anfang 2005 Kernwasser Wunderland genannt) um. Es gibt dort ein All-inclusive-Hotel mit 1000 Betten und Tagungsräume. Der Kaufpreis des Geländes samt Gebäude soll unsicheren Angaben zufolge 2,5 Millionen Euro betragen haben – ein verschwindend geringer Anteil des verbauten Sachwerts. Derzeit werden die Eisenteile des Kraftwerks ausgebaut und verwertet. Der Freizeitpark soll weiter expandieren. Eine Besichtigung des Hauptgebäudes ist seit 2003 aufgrund der Verwertung nicht mehr möglich.

Daten der Reaktorblöcke[Bearbeiten]

Im Kernkraftwerk Kalkar war ein Reaktor im Bau, ein weiterer war geplant:

Reaktortyp Netto-
leistung
Brutto-
leistung
Baubeginn Projekteinstellung (Baustopp)
SNR-300 295 MW 327 MW 23. April 1973 20. März 1991
SNR-2000 2000 MW 2160 MW Planungen eingestellt

Protestlieder[Bearbeiten]

Im Rahmen der Proteste gegen den Bau und die Inbetriebnahme des Reaktors entstanden auch einige Protestlieder. Zur Symbolfigur wurde dabei der Bauer Maas aus Hönnepel: „Bauer Maas. Lieder gegen Atomenergie“, verschiedene Interpreten u. a. Walter Mossmann; LP (pass op Verlag) 1979.

Literatur[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. http://www.afsbw.de/content/downloads/Liste_LFH_2005.pdf.
  2. J.Radkau, L.Hahn: Aufstieg und Fall der deutschen Atomwirtschaft, Oekom Verlag Berlin (2013)
  3. Kraftwerksruine in Kalkar - Brüter zu Flugbahnen, FAZ.net, 25. April 2013
  4.  Werner Meyer-Larsen: Der Koloß von Kalkar. In: Der Spiegel. Nr. 43, 1981, S. 42–55 (online).
  5. lt. Aushang im Brütermuseum in Kernie’s Freizeitpark, Stellungnahme von 1990.
  6. Kernkraftwerk SNR-2 auf der PRIS der IAEA.
  7. Kernfrage Kernenergie. Die Zeit, Ausgabe Nr. 39, 1977.
  8. Ein zweiter Brüter – muß das sein?. Die Zeit, Ausgabe Nr. 14, 1985.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Kernkraftwerk Kalkar – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien