Kernkraftwerk Tihange

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Kernkraftwerk Tihange
Blick auf das Kernkraftwerk mit seinen Kühltürmen
Blick auf das Kernkraftwerk mit seinen Kühltürmen
Lage
Kernkraftwerk Tihange (Belgien)
Kernkraftwerk Tihange
Koordinaten 50° 32′ 4,7″ N, 5° 16′ 21,1″ O50.5346277777785.2725333333333Koordinaten: 50° 32′ 4,7″ N, 5° 16′ 21,1″ O
Land: Belgien
Daten
Eigentümer: Societe Belgo-Francaise d'Energie Nucleaire Mosane
Betreiber: Electrabel M. V. Nucleaire Produktie
Projektbeginn: 1969
Kommerzieller Betrieb: 1. Okt. 1975

Aktive Reaktoren (Brutto):

3  (3129 MW)
Eingespeiste Energie im Jahr 2009: 23'719 GWh
Eingespeiste Energie seit Inbetriebnahme: 614'561,192 GWh
Stand: 31. Dezember 2009
Die Datenquelle der jeweiligen Einträge findet sich in der Dokumentation.

Das Kernkraftwerk Tihange ist ein vom belgischen Konzern Electrabel betriebenes Kernkraftwerk auf der Gemarkung von Huy an der Maas ca. 25 km südwestlich von Lüttich und damit etwa 70 km südwestlich von Aachen.

Neben dem Kernkraftwerk Doel ist es der zweite in Betrieb befindliche Kernkraftwerksstandort in Belgien.

Es besteht aus drei Blöcken mit Druckwasserreaktoren. Block 1 hat eine Bruttoleistung von 1.009 MW(e), Block 2 hat eine Bruttoleistung von 1.055 MW(e) und Block 3 hat eine Bruttoleistung von 1.065 MW(e).

Belgien beschloss 2003 den Ausstieg aus der Kernkraft bis 2025. Die belgischen Reaktoren sollten ursprünglich nach jeweils 40 Jahren endgültig abgeschaltet werden. Für Tihange-1 war die Abschaltung am 1. Oktober 2015 vorgesehen.[1] Der Betreiber Electrabel erklärte im November 2011, Block 1 gemäß dem Gesetz 2015 vom Netz nehmen zu wollen, da sich weitere Investitionen nicht mehr lohnen würden.[2]

Am 4. Juli 2012 entschied die damalige belgische Regierung jedoch gemäß der Möglichkeiten die das Atomausstiegsgesetz im Belgien bietet, Tihange-1 eine Laufzeitverlängerung um zehn Jahre - bis 2025 - zu gewähren. Man fürchte Engpässe in der Stromversorgung.[3] Für die Blöcke 2 und 3 erlischt die Genehmigung unverändert nach 40 Jahren, also 2023 bzw. 2025.

2012 wurden 'tausende feiner Risse im Reaktorbehälter' zunächst in Doel und im September 2012 auch in Tihange bekannt.[4]

Im Februar 2015 teilten Electrabel und die belgische Atomaufsichtsbehörde FANC mit, man habe tausende neue Risse in den Reaktoren Tihange 2 und Doel 3 gefunden. In Tihange stieg die Zahl von 2000 auf 3150.[5][6]

Eine grenzüberschreitende Bürgerinitiative engagiert sich mit wissenschaftlicher Unterstützung gegen das ihrer Einschätzung nach unsichere Kernkraftwerk.[7]

Zwischenfälle[Bearbeiten]

Kernkraftwerk Tihange

Am 22. November 2002 ereignete sich ein Störfall im Block 2 (INES 2). Der Reaktor - zu dieser Zeit heruntergefahren und nicht mehr kritisch - produzierte noch Nachzerfallswärme, die wie im Leistungsbetrieb durch zirkulierendes Kühlmittel im Primärkreislauf abgeführt wurde. Bei einem Test wurde irrtümlich ein Sicherheitsventil des Druckhalters geöffnet, wodurch der Druck im Primärkreislauf sehr schnell von 155 bar auf 85 bar fiel. Der hohe Druck im Primärkreislauf während des Betriebs bewirkt, dass das Wasser auch bei hoher Temperatur nicht siedet, sondern im flüssigen Aggregatzustand verbleibt. Sinkt der Druck, dann sinkt auch die Siedetemperatur des Wassers (bei dem es in den gasförmigen Zustand übergeht). Dann kann die Nachzerfallswärme der Brennelemente nicht mehr abtransportiert werden und es besteht die Gefahr einer Kernschmelze. Im konkreten Fall wurden aufgrund des rapiden Druckabfalls mehrere Sicherheitssysteme aktiviert, die Wasser in den Primärkreislauf hineinpumpten und so die Brennelemente weiter kühlten. Das irrtümlich geöffnete Überdruckventil wurde nach drei Minuten wieder geschlossen.[8]

Am 25. Oktober 2006 gelangten etwa 30 Greenpeace-Aktivisten auf das Kraftwerksgelände und besetzten es. Sie stellten auf der Kuppel einen riesigen Riss dar. Mit der Aktion an dem über 30 Jahre alten Kraftwerk wollte Greenpeace auf das Alter(n) der belgischen Kernkraftwerke aufmerksam machen.[9][10]

Am 4. Oktober 2010 kurz nach 18 Uhr liefen rund 600 Liter säurehaltigen Wassers aus einem Graben in die Maas. Laut Betreiberangaben trat bei dem Unfall kein radioaktives Material aus; die Säure soll sich im Flusswasser schnell neutralisiert haben.[11][12]

2011 äußerte der Leiter der Reaktortechnik an der RWTH Aachen und am Forschungszentrum Jülich, Hans-Josef Allelein, mehrfach öffentlich, die Kernreaktoren in Tihange seien sicher.[13]

Am 5. Dezember 2011 kam es zu nicht näher erläuterten Abweichungen bei Kontrollen des Kühlsystems (INES 1). Laut Angaben der belgischen Atomaufsichtsbehörde FANC wurde das Problem behoben.[14]

Am 7. Februar 2012 wurde erkannt, dass eine Gruppe von Heizstäben des Druckhalters von Tihange-1 außer Funktion war. Dies gab die FANC am 15. Februar 2012 bekannt. Der Vorfall wurde als INES-1-Ereignis eingestuft.[15][16][17]

Der Druckhalter mit den integrierten Heizstäben und Sprühsystemen ist relevant, um den notwendigen Druck im Primärkreislauf aufrechterhalten zu können. Dies kann beispielsweise bei Unterkühlungstransienten, die eine Reduktion der Kühlmitteldichte zur Folge hat (und somit eine Füllstandabnahme im Druckhalter), relevant werden. Durch Zuschaltung von Druckhalterheizstufen (was normalerweise automatisch erfolgt über die Reaktordruckregelung) kann der Druck stabilisiert werden, da im Druckhalter immer Sättigungsbedingung herrscht (z.B. 155 bar / 354 °C).

Im Juli 2012 wurde bekannt, dass das Abklingbecken von Tihange-1 pro Tag etwa 2 Liter radioaktiven Wassers verliert. Das Problem besteht seit 2005; es konnte (Stand Juli 2012) nicht beseitigt werden.[18]

Am 30. November 2014 ereignete sich eine Explosion mit anschließendem Feuer an einem Transformator außerhalb des nuklearen Bereichs des Block 3, was zu einer Abschaltung führte.[19] 48 Stunden später, nach Abschluss der Reparaturmaßnahmen wurde der Reaktor am 2. Dezember 2014 wieder angefahren. [20]

Risse im Druckbehälter von Block 2[Bearbeiten]

Im August 2012 wurde Block 2 heruntergefahren, nachdem man, wie auch am Reaktor Doel-3 Risse am Reaktorbehälter fand. Nachforschungen ergaben, diese Risse seien schon 1979 während des Baus entstanden.[21] Die seit 1996 nicht mehr bestehende Firma Rotterdamsche Droogdok Maatschappij (Rotterdam) hatte 22 Reaktorbehälter dieses Typs gefertigt, darunter Tihange-2 und Doel-3 und auch deutsche Anlagen.[22] Die beiden anderen Druckwasserreaktoren in Tihange stammen von Framatome und sind von dem Problem nicht betroffen.

Die Risse im Reaktor Doel-3 wurden laut FANC bei einer seit Anfang Juni 2012 laufenden Routineinspektion mit neuen Ultraschall-Messgeräten entdeckt.[23] Die FANC stellte in einem Untersuchungsbericht fest, die Risse seien "höchstwahrscheinlich" schon bei der Herstellung der Druckbehälters entstanden und daher unbedenklich. Die FANC erteilte im Mai 2013 die Erlaubnis für den Weiterbetrieb der Atomkraftwerke. Jan Bens, Leiter der FANC seit Januar 2013, war von 2004 bis 2013 auch Leiter des Kernkraftwerk Doel. Er schloss 2013 aus, dass es in Belgien überhaupt zu einem Reaktorunfall kommen könne.[24] Anfang Juni 2013 wurde der Reaktor von Tihange-2 wieder hochgefahren.

Im März 2014 mussten Doel-3 und Tihange-2 auf behördliche Anordnung erneut heruntergefahren werden. Tests im Studienzentrum für Kernenergie in Mol mit dem Reaktorbehälter-Material der beiden Reaktoren Doel-3 und Tihange-2 hätten "unerwartete Resultate" bezüglich mechanischer Resistenz erbracht. Der Stillstand dauert vorläufig bis Sommer 2015. Deutsche Medien vermuten, dass die Blöcke angesichts der Risse - und der Tatsache, dass ein Tausch des Reaktordruckbehälters nicht möglich ist, vor der endgültigen Stilllegung stehen würden.[25] Belgische Medien betonten im Februar 2015, es sei noch keine endgültige Entscheidung gefallen.[26]

Am 23. Februar 2015 wurde öffentlich bekannt, dass die Risse weiter gewachsen sind (siehe Einleitung).[27].

Widerstand[Bearbeiten]

Am 17. September 2011 demonstrierten rund 2000 Menschen aus Belgien, den Niederlanden und Deutschland vor dem AKW Tihange und forderten die Schließung der Kernreaktoren. Die Demonstration wurde von dem länderübergreifenden Bündnis Stop Tihange organisiert.[28]

Aus Anlass der bekannt gewordenen Risse im Reaktorbehälter organisierte das Bündnis Stop Tihange am 12. Januar 2013 eine Demonstration in Maastricht, an der rd. 1000 Personen teilnahmen.[29]

Daten der Reaktorblöcke[Bearbeiten]

Das Kernkraftwerk Tihange hat insgesamt drei Blöcke:

Reaktorblock[30] Reaktortyp Netto-
leistung
Brutto-
leistung
Baubeginn Netzsyn-
chronisation
Kommerzieller
Betrieb
Abschaltung
Tihange-1 Druckwasserreaktor 962 MW 1009 MW 01.06.1970 07.03.1975 01.10.1975 (2025)
Tihange-2 Druckwasserreaktor 1008 MW 1055 MW 01.04.1976 13.10.1982 01.06.1983 (2023)
Tihange-3 Druckwasserreaktor 1015 MW 1065 MW 01.11.1978 15.06.1985 01.09.1985 (2025)

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Nuclear power plant, Tihange – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. Informationen zum Atomausstieg des Föderalen Öffentlichen Dienst für Wirtschaft, KMB, Mittelstand und Energie. Abgerufen am 17. Februar 2015.
  2. Reaktor 1 vom Kernkraftwerk Tihange geht vom Netz. WDR, abgerufen am 7. November 2011 (html, deutsch).
  3. Atomausstieg wie geplant - außer für Tihange I (4. Juli 2012) www.grenzecho.net
  4. Atomkraftwerk Tihange: Probleme mit Kühlung und Elektrik (14. September 2012)
  5. spiegel.de 26. Februar 2015: Atomkraftwerke: Tausende Risse in belgischen Reaktoren entdeckt
  6. Aachener Zeitung: Größere Risse: Aus für Doel 3 und Tihange 2?
  7. stop-tihange.org
  8. Nuclear issues information service - Serious incident vindicates Belgian nuclear phaseout (englisch)
  9. contratom.de: Bericht
  10. Meldung auf www.indymedia.be mit Bildern der Aktion
  11. http://www.antenne-ac.de/004774-chemieunfall-am-atomkraftwerk-tihange Meldung auf www.antenne-ac.de
  12. www.tageblatt.lu: Meldung
  13. Ich sehe das Risiko bei Tihange nicht, Aachener Zeitung, 31. März 2011 http://www.westcastor.de/ret.pdf
  14. FANC: Homepage, siehe auch französische Wikipedia
  15. http://www.anti-akw-ac.de/de/tihange/stoerfaelle.html/-/asset_publisher/GJf1/content/ines-1-tihange-1-heizstabe-im-druckhalter-des-primarkreislaufs-ausser-funktion
  16. Niederländisch: http://fanc.fgov.be/nl/page/homepage-agence-federale-de-controle-nucleaire-afcn/1.aspx,
  17. Französisch: http://fanc.fgov.be/fr/page/homepage-federaal-agentschap-voor-nucleaire-controle-fanc/1.aspx
  18. AKW Tihange ist seit Jahren nicht mehr dicht. Aachener Nachrichten, 13. Juli 2012, Titelseite
  19. http://www.aachener-nachrichten.de/lokales/region/reaktor-in-tihange-nach-explosion-abgeschaltet-1.970284
  20. Tihange 3: Reaktor wieder angefahren. In: Belgischer Rundfunk, 14. Februar 2015. Abgerufen am 17. Februar 2015.
  21. http://www.grenzecho.net/ArtikelLoad.aspx?aid=df942227-8d9e-480c-b0c7-f9eb25d0059e Meldung in Grenzecho, 23. August 2012
  22. In Belgien könnten bald die Lichter ausgehen
  23. Le Monde (französische Tageszeitung) 8. August 2012: Belgique : la fiabilité de deux réacteurs nucléaires remise en cause
  24. Aachener Zeitung Nr. 124 v. 1. Juni 2013
  25. Zwei belgische Atommeiler vor der definitiven Abschaltung?. In: heise.de, 20. August 2014. Abgerufen am 20. August 2014.
  26. Belgischer Rundfunk: Tihange 2 und Doel 3 – Mehr Materialschwächen, 14. Februar 2015.
  27. Scheuren tot 6 centimeter in reactorvat Tihange, http://www.1limburg.nl/scheuren-tot-6-centimeter-reactorvat-tihange
  28. BRF - Proteste von Atomkraftgegnern in Tihange
  29. BRF - Proteste von Atomkraftgegnern in Tihange
  30. Power Reactor Information System der IAEA: „Belgium, Kingdom of : Nuclear Power Reactors“ (englisch)