Kessel von Gundestrup

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Der Kessel von Gundestrup

Der Kessel von Gundestrup ist ein reich verzierter silberner Kessel aus der La-Tène-Zeit (5. Jahrhundert v. Chr. bis 1. Jahrhundert v. Chr.). Er wurde im Rævemose (Fuchsmoor), einem Torfmoor nahe Gundestrup nördlich des Borremose im jütländischen Himmerland in Dänemark im Jahre 1891 gefunden. Er befindet sich heute im Dänischen Nationalmuseum in Kopenhagen.

Der Kessel ist ein großartiges Zeugnis handwerklicher und künstlerischer Treibkunst und hat erstaunliche Abmessungen: Durchmesser 69 cm, Höhe 42 cm. Der dekorative Schmuck der Platten des Kessels zeigt Darstellungen aus der keltischen Mythologie, nach anderen Interpretationen aus der germanischen und thrakischen Mythologie, Götterbilder und Rituale. Deswegen und wegen der Materialwahl nimmt man an, dass er für lokale Opferrituale der germanischen Bevölkerung benutzt wurde.

Entdeckung und Rekonstruktion[Bearbeiten]

Der Kessel wurde demontiert und in einem trockenen Teil eines Torfmoores abgelegt, wo er 1891 wiedergefunden wurde. Dabei fanden sich 13 Platten: eine runde, fünf längere Rechtecke und sieben kürzere Rechtecke. Ein weiteres kleineres Rechteck fehlt. Die Platten bestehen aus fast reinem Silber (97 %), einige Teile sind vergoldet. Der Kessel wurde vor der Deponierung absichtlich zerstört. Die Bildplatten und ein Randfragment lagen auf dem Kesselboden. Es fehlen ein Griff, eine vermutete achte äußere Platte und der größte Teil des Randes. Die Platten zeigen Abnutzungsspuren und andere Beschädigungen. Das Moor war zu der Zeit der Deponierung bereits trocken.

Der dänische Archäologe Sophus Müller rekonstruierte den Kessel 1892 in seiner heutigen Form, mit den fünf Platten im Inneren, den sieben an der Außenseite und der runden Platte als Boden. Er benannte die Platten nach den Nummern der Tafeln seiner Publikation als VI bis XIV. 1950 bezeichnete Ole Klindt-Jensen (1918 - 1980) die inneren Platten mit Großbuchstaben (A–E), die äußeren mit Kleinbuchstaben (a–g).

Motive[Bearbeiten]

Bodenplatte[Bearbeiten]

Die runde Bodenplatte wird von einem Stier dominiert. Über ihm befindet sich eine Frau [1] (Göttin oder Priesterin?) mit Speer, offensichtlich im Begriff, den Stier zu töten. Ein Hund über dem Kopf des Stiers und ein weiterer unter seinen Hufen vervollständigen das Ensemble.

Außenplatten[Bearbeiten]

Auf jeder der sieben Außenplatten findet sich eine zentral gelegene Büste, die wohl eine Gottheit darstellt. Die Platten a bis d zeigen bärtige, männliche Figuren, die anderen drei offenbar weibliche.

  • Auf Platte a hält der Bärtige in jeder Hand einen viel kleiner gestalteten Mann am Arm. Jeder der beiden greift nach oben zu einem kleinen Keiler. Unter den Füßen der Männer – also auf der Schulter des Gottes – sieht man links einen Hund und rechts ein geflügeltes Pferd.
  • Der Gott auf Platte b hält in jeder Hand ein Seepferdchen oder einen Drachen. Er wurde mit dem irischen Meeresgott Manannan in Verbindung gebracht.
  • Platte c zeigt einen Gott, der seine leeren Fäuste empor streckt. Auf seiner rechten Schulter befindet sich ein Mann in „boxender“ Position, auf der linken Schulter eine springende Figur mit einem Reiter darunter.
  • Auf Platte d befindet sich ein bärtiger Gott, der in jeder Hand einen Hirsch am hinteren Ende hält.
  • Die Göttin auf der Platte e ist flankiert von zwei kleineren männlichen Figuren.
  • Auf Platte f hält die Göttin in ihrer aufgerichteten rechten Hand einen Vogel. Der linke Arm ist horizontal ausgerichtet und stützt oder trägt einen Mann und einen Hund der auf seinem Rücken liegt. Flankiert wird die Göttin von zwei Raubvögeln an jeder Seite ihres Kopfes. Ihr Haar wird gerade von einer kleinen Frau an ihrer rechten Seite geflochten.
  • Die Arme der Göttin auf Platte g sind gekreuzt. Auf ihrer rechten Schulter findet sich eine Szene, in der ein Mann gegen einen Löwen kämpft, auf der linken wiederum eine springende Figur analog zu Platte c.

Innere Platten[Bearbeiten]

Platte A: Gehörnter Gott[Bearbeiten]

Darstellung des Cernunnos auf dem Kessel von Gundestrup

Platte A zeigt zentral eine Figur mit Gehörn (nicht Geweih) in sitzender Position die meist mit dem Gott Cernunnos identifiziert wird. In der rechten Hand hält er einen Torques, in der linken eine gehörnte Schlange. Links sieht man einen Hirsch mit Geweih, sehr ähnlich dem des Gottes. Weiter findet man rechts des Gottes andere Tiere: Hunde, Katzen, Rinder und eine menschliche Figur, die auf einem delfinähnlichen Fisch reitet. Die Szenerie wurde oft mit Pashupati, dem „Herrn der Tiere“ der Indus-Kultur verglichen.

Platte B: Göttin mit Rädern/Blumen[Bearbeiten]

Hier findet sich eine Göttin, flankiert von zwei sechs-speichigen Rädern sowie mythischen Tieren: zwei elefantenähnliche Kreaturen und zwei Greife. Unter der Büste der Göttin liegt ein großer Hund.

Platte C: Zerbrochenes Rad[Bearbeiten]

Platte C zeigt einen bärtigen Gott, der ein zerbrochenes Rad hält. Eine kleinere, springende Figur mit gehörntem Helm hält ebenfalls den Rand des Rades. Unter der springenden Figur befindet sich eine gehörnte Schlange. Die Gruppe wird von Elefanten und Greifen wie auf Platte B umgeben. Der Gott wurde als der irische Dagda identifiziert. Die Speichen des Rades sind asymmetrisch dargestellt, aber man kann von zwölf Speichen für das ganze Rad ausgehen – das würde Funden von Streitwagen-Begräbnissen entsprechen.

Platte D: Opferung von Bullen[Bearbeiten]

Platte D zeigt die Tötung von Bullen. Drei Bullen sind in einer Reihe dargestellt, der rechten Seite zugewandt. Jeweils ein Mann mit einem Schwert attackiert die Bullen. Unter ihren Hufen rennt je ein Hund nach rechts, über dem Rücken der Bullen finden sich drei Katzen, ebenfalls nach rechts gewandt und rennend.

Platte E: Initiation von Kriegern[Bearbeiten]

Initiation von Kriegern

Auf Platte E ist offenbar ein Initiationsritus dargestellt. Auf der unteren Hälfte zieht ein Zug von Kriegern mit Speeren und Schildern und begleitet von Carnyx- und Luren-Bläsern nach links. An der linken Seite steht eine große Figur, die einen Mann in einen Kessel taucht. In der oberen Hälfte ziehen Krieger, nunmehr als Reiter und offensichtlich nach Bestehen der Initiation, vom Kessel weg.

Interessanterweise findet sich in späteren keltischen Mythen das Motiv der Wiederauferstehung toter Krieger aus einem Kessel.

Interpretation[Bearbeiten]

Der Kessel von Gundestrup ist der größte bekannte Fund aus Silber der europäischen Eisenzeit. Der Stil und die Ausführung legen eine thrakische Entstehung nahe, die Bilderwelt ist jedoch wahrscheinlich im ganzen indogermanischem Raum sowie im Orient verbreitet. Das führte zu differierenden Theorien über den Ursprung des Kessels.

Bergquist und Taylor nehmen an, dass der Kessel von einem thrakischen Handwerker angefertigt wurde, seiner Meinung nach eventuell im Auftrag der keltischen Skordisker. Der Kessel könnte dann über die Kimbern, die um 120 v. Chr. den mittleren Donauraum (Nordwesten Bulgariens und Südwesten Rumäniens) durchzogen, nach Norden gekommen sein.

Dagegen hält Hachmann den Kessel für ein gallisches Produkt spätaugusteischer Zeit, und er wurde nach ihm in der älteren Kaiserzeit deponiert.[2]

Olmsted interpretiert die Ikonographie als Prototyp der irischen Mythen des Táin Bó Cúailnge, dazu die gehörnte Figur des Cú Chulainn anstatt des Cernunnos.

Weiteres[Bearbeiten]

Eine Imitation des Gundestrupkessels stellt der wahrscheinlich Anfang des 20. Jahrhunderts hergestellte „Chiemsee-Kessel“ dar.

Literatur[Bearbeiten]

  • A. K. Bergquist und T. F. Taylor: The origin of the Gundestrup Cauldron. Antiquity, vol. 61, 1987, 10–24
  • Rolf Hachmann: Gundestrup-Studien. Untersuchungen zu den spätkeltischen Grundlagen der frühgermanischen Kunst. Bericht der Römisch-Germanischen Kommission 71, 1991, 568–903
  • Jean-Jacques Hatt: Eine Interpretation der Bilder und Szenen auf dem Silberkessel von Gundestrup. in: Die Kelten in Mitteleuropa. Kunst - Kultur - Wirtschaft. Ausstellungskatalog. Salzburg 1980, S. 68 ff.
  • Garett S. Olmsted: The Gundestrup version of Táin Bó Cuailnge. Antiquity, vol. 50, 1976, 95–103
  • Ole Klindt-Jensen: The Gundestrup Bowl — a reassessment. Antiquity, vol. 33, 1959, 161–169
  • Rudolf Grosse: Der Silberkessel von Gundestrup. Phil.-Anthr. Vlg., Dorn, 1983, ISBN 3723502962
  • Richard Pittioni: Wer hat wann und wo den Silberkessel von Gundestrup angefertigt? 1984, ISBN 3700106696
  • Lisa Pörschke: Das Geheimnis des Silberkessels von Gundestrup; Novalis Media, 2008, ISBN 978-3-907260-34-0
  • F.Falkenstein: Anmerkungen zur Herkunftsfrage des Gundestrup-Kessels. Prähistorische Zeitschrift 79, 2004, 57-88
  • The Gundestrup cauldron. New Scientific and Technological Investigations. Acta Archaeologica København 76, 2005, H. 2, 1-58

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Kessel von Gundestrup – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Katalog der Ausstellung: Die Kelten. Druiden. Fürsten. Krieger. Völklingen 2010. S. 270
  2. Hachmann 1991; Bemmann / Hahne S. 35 f.

56.8058019.579413Koordinaten: 56° 48′ 21″ N, 9° 34′ 46″ O

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Dieser Artikel wurde am 3. Dezember 2005 in dieser Version in die Liste der lesenswerten Artikel aufgenommen.