Khieu Samphan

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Khieu Samphan (2011)

Khieu Samphan (* 27. Juli 1931[1] in der Provinz Svay Rieng, Kambodscha) ist ein ehemaliger führender Funktionär der Roten Khmer und war von 1976 bis 1979 Staatsoberhaupt von Kambodscha.

Leben[Bearbeiten]

Seine Ausbildung erhielt er an der Sorbonne in Paris. Dort promovierte er 1959 über die Wirtschaft von Kambodscha (siehe Literatur). Bereits vor der Machtübernahme der Roten Khmer 1975 wurde er Leiter des gefürchteten Büros 870, der Parteiorganisation Angkar. Während der Schreckensherrschaft der Roten Khmer war Khieu Samphan nach dem erzwungenen Rücktritt von Prinz Norodom Sihanouk von 1976 bis 1979 Staatsoberhaupt des neu gegründeten Demokratischen Kampuchea und galt so der internationalen Öffentlichkeit als Gesicht des Regimes, eine Rolle, die er nach 1979 für die Roten Khmer weiter ausübte.

Nach dem Einmarsch vietnamesischer Truppen 1979 und dem Sturz des Terrorregimes floh er in die Volksrepublik China, wo er weiter als von den Vereinten Nationen offiziell anerkannter Vertreter Kampucheas fungierte. Unter der 1982 von den Roten Khmer und Prinz Sihanouk gebildeten Exilregierung „Koalition des Demokratischen Kampuchea“ war Khieu Samphan Vizepräsident mit dem Aufgabengebiet eines Außenministers. 1985 wurde er offiziell in der Nachfolge von Pol Pot als Anführer der Roten Khmer genannt. 1991 war Khieu Samphan Sprecher der Roten Khmer bei den Friedensverhandlungen in Paris. Die unter UN-Aufsicht 1992 in Kambodscha durchgeführten Wahlen wurden unter seiner Führung von den Roten Khmer boykottiert.

Vor dem Hintergrund ideologischer Auseinandersetzungen innerhalb der Roten Khmer und der Perspektivlosigkeit ihrer Politik ergab sich Khieu Samphan 1998 der Regierung Hun Sen in Phnom Penh und wurde von dieser amnestiert. 2003 erklärte Khieu Samphan öffentlich in einem sechsseitigen Brief, er erkenne die Tatsache eines Genozids in der Zeit der Herrschaft der Roten Khmer im Nachhinein zwar an, habe davon jedoch weder gewusst noch sei er dafür verantwortlich gewesen.

Am 18. November 2007 wurde Khieu Samphan als letzter noch lebender ranghoher Vertreter des Khmer-Regimes verhaftet. Der zum damaligen Zeitpunkt 76-Jährige wurde unter Waffengewalt aus einem Spital in Phnom Penh abgeführt und dem 2006 eingerichteten Rote-Khmer-Tribunal überstellt. Das von den Vereinten Nationen gestützte Tribunal soll die zwischen 1975 und 1979 verübten Verbrechen der Roten Khmer untersuchen und aburteilen.[2] Am 16. September 2010 wurde offiziell Anklage gegen Khieu Samphan erhoben. Der Prozess begann am 27. Juni 2011.[3] Verteidigt wurde er unter anderen vom französischen Rechtsanwalt Jacques Vergès.[4] Am 6. August 2014 wurde er wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu lebenslanger Haft verurteilt.[5]

Werke[Bearbeiten]

  • Khieu Samphan: Die Wirtschaft Kambodschas und die Probleme seiner Industrialisierung. Dissertation, Paris 1959, Übersetzung Gerd Koenen, KBW-Verlag Kühl KG, Kommunistische Volkszeitung/Kommunismus und Klassenkampf/Dokumentation, Frankfurt am Main 1979.
  • Khieu Samphan: Cambodia’s Economy and Industrial Development. Übersetzung aus dem Französischen von Laura Summers, Department of Asian Studies, Cornell University, 1979.
  • Khieu Samphan: L’histoire récente du Cambodge et mes prises de position. Taschenbuch, 174 Seiten, Editions L’Harmattan, 1. Februar 2004, ISBN 978-2747559478.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Stephen Herder: Pol Pot and Khieu Samphan. Clayton, Australia 1991, ISBN 0-7326-0272-6.
  • Munzinger, Internationales Biographisches Archiv 12/2008 vom 18. März 2008 (hu).

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Khieu Samphan – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. Nach anderen Angaben (Munzinger IBA) 22. Juli 1932.
  2. Nicola Glass: Im Krankenbett verhaftet. In: taz.de. 19. November 2007.
  3. Rote Khmer vor Gericht – „Bruder Nummer zwei“ erwartet seine Strafe. In: Spiegel Online. 27. Juni 2011.
  4. Khmer Rouge leader seeks release. In: BBC News. 23. April 2008, abgerufen am 11. April 2011.
  5. Drahtzieher des Rote-Khmer-Regimes schuldig gesprochen. In: NZZ online, 7. August 2014.