Kinderpsychologie

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Die Kinderpsychologie ist ein Teilbereich der Entwicklungspsychologie, der sich mit dem Zeitraum von der Geburt bis zur Reifezeit befasst.

Kindergarten in Afghanistan

Nach Adolf Portmann ist der Mensch eine "physiologische Frühgeburt" und ein "sekundärer Nesthocker". Er muss von Geburt an, wie sonst kein Lebewesen, alles lernen. Dabei ist er in höchstem Maße auf die wohlwollende und adäquate Unterstützung seiner Artgenossen, insbesondere seiner Mutter, angewiesen. Deshalb ist er von Natur aus ein soziales Lebewesen. Neuere Forschungen der Neurologie weisen auf die hohe Synaptische Plastizität des jugendlichen Gehirns hin. Damit werden Erkenntnisse der Entwicklungspsychologie bestätigt, dass beim jungen Menschen psychische Fehlentwicklungen leichter korrigierbar sind als später beim Erwachsenen.

Entwicklungsgeschichte[Bearbeiten]

Die Anfänge der Kinderpsychologie reichen bis ins 19. Jahrhundert zurück. 1882 erschien die „Seele des Kindes“ von William Thierry Preyer. Preyer und nach ihm William Stern und Clara Stern beobachteten systematisch ihre Kinder und hielten ihre Beobachtungen in Form von Tagebuchaufzeichnungen fest.[1]

Im Wien der 1920er entwickelte sich die akademische Entwicklungspsychologie (Charlotte Bühler) in direkter Konkurrenz zur frühen Kinderpsychoanalyse (Hermine Hug-Hellmuth und Anna Freud). Obwohl Bühler die Kinderpsychoanalyse ablehnte, bestanden auch Verbindungen; René A. Spitz arbeitete mit Charlotte Bühler und Anna Freud zusammen.

1928 erschien in den USA ein Buch des Psychologen John B. Watson, der Mutterliebe als „gefährlich“ bezeichnete. Das Buch wurde zum Bestseller.

1930 erschien Alfred Adlers Lehrbuch der Kindererziehung“, in dem er die individualpsychologischen Konzepte auf die kindliche Entwicklung und auf die Erziehung in Schule und Elternhaus anwendet.

1935 begann René A. Spitz mit der systematischen, psychoanalytischen Erforschung der Psychologie des Säuglingsalters mittels direkter Beobachtung. Er belegt den Zusammenhang zwischen Störungen in der frühen Mutter-Kind-Beziehung und schweren Erkrankungen des Säuglings bis zum Hospitalismus.

1951 veröffentlichte John Bowlby die im Auftrag des WHO erstellte Studie über den Zusammenhang zwischen mütterlicher Pflege und seelischer Gesundheit. Sie bildet einen Beitrag für das Programm der UNO zum Wohle heimatloser Kinder.

1956 begann der Psychologe Harry Harlow mit Rhesusaffen-Babys zu forschen. Er hatte gesehen, dass einsame Affen-Babys sich an Stoffwindeln schmiegten, mit denen die Käfige ausgelegt waren, und sich verzweifelt daran klammerten, wenn Reinigungspersonal sie herausnehmen wollten. Harlow zog Affenjunge mit zwei Arten von Affenpuppen auf: die einen hatten weiches Fell; die anderen waren aus Draht gefertigt. Babys bauten keine Beziehung zum Drahtgestell auf (auch wenn eine Milchflasche eingebaut war); Babys mit Fellpuppen verbrachten die meiste Zeit bei dieser und suchten Schutz bei ihr, wenn sie sich bedroht fühlten. Die Ergebnisse wurden berühmt und beendeten eine Ära, in den viele Eltern in den USA und Westeuropa glaubten, ihr Kind charakterlich zu ruinieren, wenn sie es trösteten, streichelten oder liebkosten. Diesem Irrglauben folgend wurden z.B. in englischen und amerikanischen Kinderheimen die Kinder komplett isoliert. Die Pfleger betraten die Zimmer nur mit Mundschutz und Handschuhen. [2]

1961 publizierte Walter Toman den Klassiker „Familienkonstellationen - Ihr Einfluss auf den Menschen“, in dem er den prägenden Einfluss der Geschwisterpositionen empirisch und theoretisch grundlegend begründet.

1962 legte der Begründer der „Tschechischen Kinderpsychologischen Schule“ Zdenek Matejcek, als Resultat seiner Langzeitstudien (insgesamt über 40 Jahre) der kommunistischen Kollektiverziehung, sein Buch „Psychische Deprivation im Kindesalter“ vor. 1963 entsteht unter seiner Mitwirkung der in Venedig preisgekrönte Film «Kinder ohne Liebe», der die Problematik der außerhäuslichen Kindererziehung aufgreift und die Auswirkungen mangelnder Bindung auf die Entwicklung der Kinder zeigt.

1967 wird die Feldstudie von Mary Ainsworth, eine Mitarbeiterin Bowlbys, über die vorbildlichen Methoden der Kindererziehung beim afrikanischen Stamm der Ganda in Uganda veröffentlicht. Sie zeigt die positiven Auswirkungen dieser Methoden auf die psychosoziale Entwicklung des Kindes.

1969 begründet John Bowlby mit seinem das Buch „Bindung - Eine Analyse der Mutter-Kind-Beziehung“ die Bindungstheorie. Dies bedeutet eine Schwerpunktverlagerung in der Forschung von den hindernden zu den fördernden Faktoren in der Mutter-Kind-Beziehung.

1971 veröffentlicht Albert Bandura sein Buch Lernen am Modell, in dem er einige seiner berühmten Analysen über die Bedeutung und die einzelnen Subprozesse des Identifikationslernens darlegt. Seine lerntheoretisch begründete Aggressionsforschung wird als sozial-kognitive Theorie bekannt.

Literatur[Bearbeiten]

Klassische Werke (chronologisch geordnet)

  • Gustav Siegert: Problematische Kindesnaturen. Voigtländer, Kreuznach und Leipzig 1889(Digitalisat, PDF), ein Beispiel für die Beschreibung der Psychologie des Kindes im 19. Jahrhundert
  • Preyer, William Th. (1989): Die Seele des Kindes (Nachdruck der Erstauflage von 1882; eingeleitet und mit Materialien zur Rezeptionsgeschichte versehen von Georg Eckardt). Berlin (DDR): Verlag der Wissenschaften.
  • Alfred Adler: Kindererziehung. (EA 1930) Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 2001, ISBN 3-596-26311-5
  • Walter Toman: Familienkonstellationen. Ihr Einfluss auf den Menschen.(Erstausgabe 1961) Beck Verlag, München, 7. Auflage 2002 , ISBN 3-406-32111-9
  • René A. Spitz: The first year of life; a psychoanalytic study of normal and deviant development of object relations, New York: International Universities Press, 1965, dt. Vom Säugling zum Kleinkind:: Naturgeschichte d. Mutter-Kind-Beziehungen im 1. Lebensjahr, Stuttgart: Klett-Cotta, 1967 - letzte Neuausgabe: Stuttgart:Klett-Cotta, 2005 ISBN 3-6089-1823-X
  • Mary D. Salter Ainsworth: Infancy in Uganda. The Johns Hopkins Press, Baltimore 1967
  • Albert Bandura: Lernen am Modell. Klett-Cotta, Stuttgart 1976, ISBN 3-12-920590-X
  • John Bowlby: Trennung - Psychische Schäden als Folge der Trennung von Mutter und Kind. Fischer Taschenbuch, Frankfurt 1986, ISBN 3-596-42171-3

Neuere Werke (alphabetisch geordnet)

  • Gute Autorität: Grundsätze einer zeitgemäßen Erziehung von Wolfgang Bergmann, Beltz, August 2008
  • Handbook of Child Psychology, hrg. von William Damon, Wiley & Sons, 6. Auflage 2006

Zeitschriften

  • Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie, ISSN 0032-7034

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Kinderpsychologie – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. Siegfried Hoppe−Graff und Hye−On Kim, Von William T. Preyer zu William Stern: Über die Durchführung und Nutzung von Tagebuchstudien in den Kindertagen der deutschen Entwicklungspsychologie http://www.journal-fuer-psychologie.de/index.php?id=68&type=123
  2. Genaueres in Deborah Blum: Die Entdeckung der Mutterliebe. Die legendären Affenexperimente des Harry Harlow. Beltz-Verlag 2010.