Kinderreim

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Der englische Kindervers Humpty Dumpty als Rätsel (mit Lösung), in einem 1902 erschienenen Bilderbuch von William Wallace Denslow

Ein Kinderreim ist ein mündlich überlieferter Vers, der kleinen Kindern, speziell im Kindergarten oder von den Eltern beigebracht wird oder selbst ausgedacht wurde.

Intentionen[Bearbeiten]

Der Vers wird oft melodisch oder rhythmisch gesprochen oder gesungen, daher sind Kinderreim und Kinderlied kaum zu unterscheiden. Das Lernen solcher Verse hilft Kindern Vokabular aufzubauen, zählen zu lernen oder – in Verbindung mit Bewegungen – motorische Fertigkeiten zu schulen. Ein spezieller Fall von Kinderreimen sind Abzählreime. Kindern werden oft Verse vorgetragen, die zuerst in Buchform veröffentlicht wurden. Beispiele dafür sind Struwwelpeter und Max und Moritz. Diese Verse sind oft dazu gedacht, die Kinder moralisch zu lenken. Als Kinderreim kann jedoch auch eine oft völlig sinnfreie Reimform (Eene meene minke manke, pinke panke...), die teils drastisch, vulgär, zersetzend[1] sein kann (Verschwinde wie der Furz im Winde), bezeichnet werden.[2]

Englische Kinderreime[Bearbeiten]

Englische Kinderreime, die so genannten nursery rhymes werden oft in der Popmusik zitiert. Die Gruppe Genesis etwa betitelte ihr 1971 erschienenes drittes Album Nursery Cryme; in dem Eröffnungsstück The Musical Box wird der Kindervers „Old King Cole“ zitiert. Mit den ersten Versen von There was an Old Woman Who Lived in a Shoe beginnt All Mama's Children von Carl Perkins und Johnny Cash aus dem Jahr 1956. Humpty Dumpty, der durch seinen Auftritt in Lewis Carrolls Alice hinter den Spiegeln bekannt ist, wird unter anderem zitiert in Aretha Franklins All the King's Horses (1972) und dem Song der Monkees mit demselben Titel, in Billy Joels The Great Wall of China von 1993 und in Aimee Manns Humpty Dumpty aus dem Jahr 2002.

Die Zeile „Sticks and stones may break my bones“ im Lied S&M von Rihanna stammt ebenfalls aus einem Kinderreim, der erstmals 1894 in der britischen Sammlung Folk Phrases of Four Countries abgedruckt wurde.[3] Dieser Reim findet sich auch im Text zu Pocketful of Sunshine von Natasha Bedingfield.

Kinderreime haben wegen der Mother Goose genannten Sammlung im anglo-amerikanischen Kanon einen ähnlichen Stellenwert wie Grimms Märchen im deutschen (auch wenn das erste publizierte Buch unter diesem Titel von Charles Perrault stammt). Anspielungen auf Kinderverse sind im englischen Sprachraum so geläufig wie Anspielungen auf Märchen im deutschen. Auch Werke der Hochliteratur spielen auf Kinderverse an, wie z.B. Robert Penn Warrens bekannter Roman "All the King's Men" (1946; Anspielung auf Humpty Dumpty, Filmversionen 1949 und 2006). Carl Bernstein und Bob Woodward benannten ihr Buch über die Watergate-Affäre entsprechend All the President's Men (1974; Film 1976). John Hulme brachte 1981 unter dem Titel Mörder Guss Reims: The Gustave Leberwurst Manuscripts eine Sammlung heraus, in der er den englischen Text einiger Kinderreime mit deutschen Worten graphemisch-phonetisch unterlegt und den so entstandenen Unsinn mit pseudowissenschaftlichen Anmerkungen erklärt. Aus "Little Miss Muffet ..." wird "Liter mies muffelt ..." mit der Anmerkung, dass der Sprecher sein verdorbenes Bier beklagt. Es gibt eine ähnliche Version auch in Pseudofranzösisch.

Liste von Kinderreimen (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Das ist der Daumen, der schüttelt die Pflaumen (= Zeigefinger), der sammelt sie alle auf (= Mittelfinger), der trägt sie nach Haus' (= Ringfinger) und der kleine, der isst sie alle auf (= kleiner Finger)
    • Schweizerdeutsch: Das isch de Duume, de schüttlet d'Pfluume, de liest si uuf, de treit si hei, und de chli chli Luuser isst sie ganz elei
  • Hoppe hoppe Reiter
  • Es war einmal ein Mann, der hatte sieben Kinder, die Kinder sprachen: Vater erzähl' uns eine Geschichte. Da fing der Vater an, es war einmal ein Mann, der hatte ....
  • Messer, Gabel, Scher' und Licht – sind für kleine Kinder nicht.
  • Wir haben Hunger, Hunger, Hunger, haben Hunger, Hunger, Hunger, haben Hunger, Hunger, Hunger, haben Durst. Wo bleibt das Essen, Essen, Essen, bleibt das Essen, Essen, Essen, bleibt die Wurst? Wenn wir nichts kriegen, kriegen, kriegen, fressen wir Fliegen, Fliegen, Fliegen, fressen wir Fliegen, Fliegen, Fliegen, von der Wand.
  • Piep, Piep, Piep, wir haben uns alle lieb, wir essen was es gibt, guten Appetit!
  • Piep, Piep, Piep, wir haben uns alle lieb, jeder isst so viel er kann außer seinen Nebenmann.
  • Piep, Piep, Piep, wir haben uns alle lieb, ein jeder esse was er kann, nur nicht seinen Nebenmann; und nimmt man's ganz genau, auch nicht seine Nebenfrau; und auch nicht das Geschirr, sonst macht's im Magen Klirr. Hat er es dann doch gegessen, Zähne putzen nicht vergessen.
  • Piep, Piep Mäuschen, bleib in Deinem Häuschen. Frisst du mir mein Butterbrot, kommt die Katz´ und beißt dich tot. Piep, Piep, Piep, recht guten Appetit
  • Hier hast 'nen Taler (fiktiven Taler dem Kind in den Handteller drücken), geh auf den Markt, kauf dir 'ne Kuh, 'n Kälbchen dazu, Kälbchen hat 'n Schwänzchen - didldidldänzchen (das Kind im Handteller krabbeln)
  • S kunnt (kommt) en Bär vu Konstanz her (mit den Fingern das Bein des Kindes hochmarschieren), en schwarze und en wiiße – der will de/d ...(Name des Kindes) biiße, biiße, biiße (sanft in die Brust, Nase oder Wangen kneifen). (aus Südbaden)
  • Drei Chinesen mit dem Kontrabass
  • As I Was Going to St Ives
  • London Bridge is Falling Down
  • Backe, backe, Kuchen
  • Heile, heile Gänsje

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Hans Magnus Enzensberger: Allerleirauh. Viele schöne Kinderreime. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1961. Taschenbuchausgabe: insel taschenbuch 115. Insel, Frankfurt am Main 1974, ISBN 978-3-458-31815-6.
  • Peter Rühmkorf: Über das Volksvermögen: Exkurse in den literarischen Untergrund. Rowohlt, Reinbek 1972, ISBN 3499111802.
  • Heinrich Wolgast: Schöne alte Kinderreime: Für Mütter und Kinder, mit Buchschmuck (Jugendstil) von Josef Mauder, Buchverlag der Jugendblätter, München um 1910

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1.  Reinhard Baumgart: Volksgesang, Volksgestank. In: Der Spiegel. Nr. 23, 1967 (online).
  2. http://www.volksliederarchiv.de/lexikon-495.html
  3. Dean Borgman: Center for Youth Studies - BULLYING OVERVIEW, Zugriff am 3. Juli 2011