Kindlifresserbrunnen

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Kindlifresserbrunnen mit Stock und Becken (2006)
Brunnenfigur
Darstellung eines Kinderfressers, Holzschnitt von Lorenz Schultes (um 1600)

Der Kindlifresserbrunnen (dialektal Chindlifrässerbrunne) gehört zur Hauptgruppe der Figurenbrunnen des 16. Jahrhunderts in der Berner Altstadt.

Geschichte[Bearbeiten]

Der Brunnen wurde 1545 von Hans Gieng anstelle eines hölzernen Brunnens aus dem 15. Jahrhundert errichtet. Der ursprünglich Platzbrunnen genannte Brunnen ist 1666 erstmals schriftlich als Kindlifresserbrunnen belegt. Der Brunnen wurde 1997 im Rahmen der Sanierung der Tramlinien auf dem Kornhausplatz leicht verschoben. Beim Versetzen kam auf dem Boden des Brunnenbeckens die Jahrzahl MDXXXXV (1545) zum Vorschein.[1]

Brunnenfigur ist eine auf ein Postament lehnende Kinderschreckfigur (Kinderfresser, im Englischen Oger), die gerade ein nacktes Kind verschlingt. In einem umgehängten Sack befinden sich weitere Kinder. Der Kinderfresser trägt einen spitzen Hut mit eingerollter Krempe. Die Brunnenskulptur steht auf einer mit Girlanden behängten korinthischen Säule. Das untere Ende des Säulenschafts ziert ein Bärenzug. Der Bärenzug setzt sich aus wehrhaft gekleideten Bären zusammen. Die Bären tragen Musketen, Helme, Schwerter, Fähnlein, eine Weinkanne, Kugelbeutel und Bandeliere mit Schweizerkreuzen.[2]

Deutung[Bearbeiten]

Der Kinderfresser ist eine weit verbreitete Kinderschreckfigur des Mittelalters und der Frühen Neuzeit. Die Figur wird jeweils mit einer Umhängetasche dargestellt, in welche die unartigen Kinder gesteckt werden, was beim Kindlifresserbrunnen ebenso der Fall ist. Die Form des Hutes der Figur dürfte auf Georg Pencz’ grafische Darstellung des Saturn (Kronos) aus dem Jahr 1531 zurückzuführen sein.[3] Kronos wird in der bildenden Kunst auch als Verschlinger von Kindern dargestellt. Die Brunnenfigur darf jedoch nicht als eindeutige Kronos-Darstellung angesprochen werden, da dieser jeweils nur mit einem Kind dargestellt wird und ihm in Giengs Skulptur klar die Sichel als Attribut fehlt. Andernteils wird der Kinderfresser nicht mit Hut dargestellt. Es ist daher anzunehmen, dass Hans Gieng in seiner Kinderschreckfigur zeitgenössische ikonographische Elemente des Kinderfressers und des Saturn verschmolzen hat.

Im Volksmund kursieren diverse Deutungen zum Kindlifresserbrunnen, etwa die, dass der Hut des Kinderfressers ein Judenhut sei, die Figur ein Jude, die an einen angeblichen, in Bern verübten Ritualmord (Rudolf von Bern) erinnere. Andere wiederum sahen im Kinderfresser eine Fastnachtsfigur, was unwahrscheinlich ist, denn die bernische Obrigkeit hatte die Fasnacht nach der Reformation 1529 zu unterbinden versucht und daher kaum eine Fasnachtsfigur als Brunnenskulptur in Auftrag gegeben.

Weiteres[Bearbeiten]

Der Kindlifresserbrunnen spielt eine wichtige Rolle im Roman L’ogre (Deutsch: Der Kinderfresser) von Jacques Chessex.

Literatur[Bearbeiten]

  • Paul Hofer: Die Stadt Bern. In: Die Kunstdenkmäler des Kantons Bern, Bd. 1, Basel 1952.
  • Hans Mödelhammer: Der Kinderfresser und andere Beiträge zu Volkskunde und Symbolik. Eine Reise in die Vergangenheit, Puchheim 2001.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. BZGH 2001, S. 106–107.
  2. Der Bärenzug erscheint erstmals in Diebold Schillings Spiezer Chronik (s. hier.)
  3. Berlin, Kupferstichkabinett, Pencz, Georg: Folge der »Planetenbilder«, Saturn, Holzschnitt, 1531, 36,9 × 23,3 cm.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Kindlifresserbrunnen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

46.9485194444447.4474472222222Koordinaten: 46° 56′ 55″ N, 7° 26′ 51″ O; CH1903: 600671 / 199715