Kipper- und Wipperzeit

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Der lautmalerische Doppelbegriff „Kipper und Wipper“ beruht auf dem „Wippen“ der Waagbalken und dem Aussortieren („Kippen“) der besseren Münzen, welche dann dem Geldumlauf entzogen wurden.

Als große Kipper- und Wipperzeit bezeichnet man eine weite Teile Mitteleuropas erfassende Münzentwertung, die ihren Höhepunkt zwischen 1620 und 1623 während des Dreißigjährigen Krieges hatte. Von etwa 1675 bis 1690 gab es noch eine „Kleine Kipperzeit“ in Deutschland. Der Name leitet sich von der Praktik der betrügerischen Münzentwertung ab, nämlich dem Wippen der Waagbalken beim Auswiegen der Münzen auf einer Schnellwaage und dem anschließenden Kippen (niederdeutsch für „Aussortieren“)[1] der schwereren Stücke, aus denen dann unter Zugabe von Kupfer, Zinn oder Blei geringerwertige neue Münzen hergestellt wurden.

Ursachen und Praxis der Geldentwertung[Bearbeiten]

Den Anreiz für die systematische Münzentwertung gab die seit Mitte des 16. Jahrhunderts eingetretene Kurantgeldknappheit im Gebiet des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation. Die Ursachen für diese Geldknappheit lagen einerseits im Rückgang der deutschen Silberproduktion, der Anhäufung von Schatzgeld zur Finanzierung von Söldnerheeren und dem gleichzeitigen Ansteigen des Luxusbedürfnisses an den deutschen Fürstenhöfen. Außerdem waren die modernen Geldschöpfungsmethoden mittels Scheidemünzen und anderen Formen von Kreditgeld gerade erst im Entstehen. Diese Geldknappheit konnten auch die über Spanien und Portugal aus der „Neuen Welt“ ab etwa 1560 importierten Edelmetallmengen – trotz zeitweiligem Edelmetallüberangebot – nicht dauerhaft kompensieren. Gleichwohl trat – neben der unten beschriebenen Münzverschlechterung durch geringeren Feingehalt – noch ein allgemeiner Preisverfall der Edelmetalle gegenüber den Nahrungsmittelgrundstoffen ein. Als Ursache kann in Deutschland eine allgemeine Bevölkerungszunahme bei gleichzeitiger Zuwanderung in die Städte angesehen werden. Dieser Prozess, der schon etwas früher einsetzte, verstärkte sich besonders nach den Bauernkriegen von 1525 aus den angrenzenden Feudalterritorien frei nach der Devise „Stadtluft macht frei“, und gleichzeitig stagnierte die landwirtschaftliche Produktivität und Produktion. Im ausgehenden 16. Jahrhundert überlagerten sich somit eine Reihe preistreibender Faktoren, die in den Kriegswirren des Dreißigjährigen Krieges in der Kipper- und Wipperzeit ihren Höhepunkt um 1621 bis 1623 fanden.

In dieser Situation nutzten die Landesherren auch noch einen strukturellen Fehler der Reichsmünzordnung von 1559 aus, die ihnen als territorialen Münzherren die Ausgabe von kleineren Landesmünzen mit einem – gegenüber den Reichskurantmünzen – geringeren Silbergehalt ermöglichte. Betroffen von dieser Geldverschlechterung waren solche kleineren Münzsorten wie Pfennig, Kreuzer, Groschen und Halbbatzen. Einige, relativ wenige Großsilbermünzen aus dem süddeutsch-böhmischen Raum, Kippertaler oder -gulden genannt, waren jedoch auch von dieser Münzverschlechterung betroffen. Die genannten Kleinmünzen wurden dann als Nachahmungen gängiger Münzen mit einem unter dem Nennwert liegenden Silbergehalt hergestellt und in möglichst großen Mengen in anderen Gegenden des Reichs in Verkehr gebracht.

Beispielsweise wurden meist im Feingehalt noch weiter verschlechterte Nachahmungen des bisher wegen seines noch relativ hohen Silbergehaltes geschätzten Schreckenbergers im Ardennenfürstentum Château-Renault und anderen Münzstätten nachgeprägt. Eine andere Methode war die (zeitweilige) Duldung und sogar Förderung des flächendeckenden Überziehens der Feudalterritorien durch die Landesherrn mit sogenannten vom Reich nicht autorisierten Heckenmünzen, wo große Mengen minderwertiger Münzen geprägt wurden, die dann durch ihren zusätzlichen Geldumlauf wesentlich zum Anstieg der Inflation beitrugen. Es begann ein durch das Greshamsche Gesetz erzwungener „Wettbewerb“ bei der Verschlechterung der Kleinmünzen zwischen den Münzständen, der erst teilweise sein Ende mit der Einführung der offiziellen minderwertigen Scheidemünze bzw. Landmünze am Ende des 17. Jahrhunderts fand.

Siehe auch: Böhmisches Münzkonsortium durch Hans de Witte, Paul Michna von Vacínov, Karl von Liechtenstein, Wallenstein und Jacob Bassevi (1622)

Folgen und Beendigung[Bearbeiten]

Hauptbetroffene der Geldentwertung waren Festbesoldete, die ihre Einkommen in den von den Fürsten und Städten verschlechterten Münzsorten erhielten, während die Erzeuger landwirtschaftlicher und gewerblicher Produkte eine Bezahlung in harter Währung verlangen konnten. Die einsetzende Preissteigerung führte zu Not, Verarmung und Hunger, woraufhin besonders das städtische Volk in Form zahlreicher Flugblätter und Unruhen gegen die Münzverschlechterung protestierte. Als die Landesherren und Städte endlich erkannten, dass die erzielten Gewinne nur scheinbar waren, weil sie das schlechte Geld nun in Form von Steuern und Abgaben wieder zurückerhielten, begannen sie das Kippergeld wieder einzuziehen und neues nach „altem Schrot und Korn“ auszuprägen. Ein weiterer, wichtiger Grund für eine Münzreform mag auch in der Anwerbung von Söldnern bestanden haben, die nur für „gutes Geld“ kämpfen wollten. Die Kippermünzen wurden in der Zeit nach 1623, wenn überhaupt noch, dann teilweise weit unter ihrem inneren Metallwert in das neue Geld umgewechselt.

Im Zusammenhang mit weiteren Perioden der Währungsmanipulation spricht man auch von einer „Zweiten Kipper- und Wipperzeit“ (sechziger bis neunziger Jahre des 17. Jahrhunderts) sowie von einer „Dritten Kipper- und Wipperzeit“ (ab 1757, siehe Ephraimiten und Münzstätte Leipzig, Abschnitt Unter preußischer Besatzung).

Kursverlauf[Bearbeiten]

Folgende Tabelle gibt den Kursverlauf zwischen vollwertigem Reichstaler und minderwertigem Kreuzer wieder

Zeitraum Kurs Reichstaler–Kreuzer
1566 0068
1590 0070
1600 0072
1610 0084
1616/17 0090
Ende 1619 0124
Ende 1620 0140
Ende 1621 <390
1622/23 >600
regional >1000
ab 1623 0090

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Gustav Freytag: Die Kipper und Wipper und die öffentliche Meinung. In: Gustav Freytag: Bilder aus der deutschen Vergangenheit. Band 2: Reformationszeit und Dreißigjähriger Krieg. Bertelsmann Lexikon Verlag, Gütersloh u. a. 1998, ISBN 3-577-10472-4, S. 299–318.
  • Gabriele Hooffacker: Avaritia radix omnium malorum. Barocke Bildlichkeit um Geld und Eigennutz in Flugschriften, Flugblättern und benachbarter Literatur der Kipper- und Wipperzeit (1620–1625). Lang, Frankfurt am Main u. a. 1988, ISBN 3-8204-8832-4, (Mikrokosmos. Beiträge zur Literaturwissenschaft und Bedeutungsforschung 19), (Zugleich: München, Univ., Diss., 1986).
  • Niklot Klüßendorf: Der Münzschatz von Herborn. Zur Kipperzeit in der Grafschaft Nassau-Dillenburg. Elwert, Marburg 1989, ISBN 3-7708-0925-4, (Untersuchungen und Materialien zur Verfassungs- und Landesgeschichte 12).
  • Niklot Klüßendorf: Die Zeit der Kipper und Wipper (1618–1623). Realwert und Nominalwert im Widerstreit. In: Vorträge zur Geldgeschichte im Geldmuseum 2007. Deutsche Bundesbank, Frankfurt am Main 2009, ISBN 978-3-86558-538-7, S. 5–38.
  • Franz Mathis: Die Wirtschaft im 16. Jahrhundert. R. Oldenbourg Verlag, München 1992, ISBN 3-486-55798-X, (Enzyklopädie deutscher Geschichte 11), S. 98ff.
  • Fritz Redlich: Die deutsche Inflation des frühen Siebzehnten Jahrhunderts in der zeitgenössischen Literatur. Die Kipper und Wipper. Böhlau, Köln u. a. 1972, ISBN 3-412-92872-0, (Forschungen zur internationalen Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 6).
  • Ulrich Rosseaux: Die Kipper und Wipper als publizistisches Ereignis (1620–1626). Eine Studie zu den Strukturen öffentlicher Kommunikation im Zeitalter des Dreißigjährigen Krieges. Duncker & Humblot, Berlin 2001, ISBN 3-428-10362-9, (Schriften zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte 67), (Silvia Serena Tschopp: Rezension. In: sehepunkte 2, 2002, 3, (acc. 21. Juni 2010)).
  • Konrad Schneider: Hamburg während der Kipper- und Wipperzeit. In: Zeitschrift des Vereins für hamburgische Geschichte 67, 1981, ISSN 0083-5587, S. 47–74.
  • Konrad Schneider: Zur Münz-, Lohn- und Preispolitik der nassauischen Grafen der ottonischen Linie während der Kipper- und Wipperzeit 1619-1624. In: Nassauische Annalen 95 (1984), S. 119-133.
  • Konrad Schneider: Frankfurt und die Kipper- und Wipperinflation der Jahre 1619–1623. Kramer, Frankfurt am Main 1990, ISBN 3-7829-0395-1, (Mitteilungen aus dem Frankfurter Stadtarchiv 11).
  • Konrad Schneider: Artikel Kipper- und Wipperzeit, Münzwaage und Schreckenberger. In: Michael North (Hrsg.): Von Aktie bis Zoll. Ein historisches Lexikon des Geldes. Beck, München 1995, ISBN 3-406-38544-3.
  • Bernd Sprenger: Das Geld der Deutschen. Geldgeschichte Deutschlands von den Anfängen bis zur Gegenwart. 3. aktualisierte und erweiterte Auflage. Schöningh, Paderborn u. a. 2002, ISBN 3-506-78623-7, S. 107.
  • Karl Weisenstein: Die Kipper- und Wipperzeit im Kurfürstentum Trier. Numismatischer Verlag Forneck, Koblenz 1991, ISBN 3-923708-06-8, (Veröffentlichungen der Gesellschaft für Historische Hilfswissenschaften 1).

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Kipper- und Wipperzeit – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikisource: Kipper- und Wipperzeit – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Das Wort wird oft mit schwedisch klippa „mit der Schere schneiden“ in Verbindung gebracht, hat aber nichts damit zu tun.