Kirche von Juditten

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Kirchen-Inneres vor 1945
Die Nikolaikirche, Januar 2012

Die Kirche von Juditten ist ein Gotteshaus in Juditten, einem ehemaligen westlichen Vorort von Königsberg (heute Stadtteil Mendelejewo) im Zentralrajon von Kaliningrad (Königsberg (Preußen)).

Kirchengebäude[Bearbeiten]

Die Kirche von Juditten gehört zu den ältesten Gotteshäusern des Samlands. Sie wurde durch den Deutschen Orden als Wehrkirche 1288 errichtet, obwohl sie schon damals auch als Wallfahrtskirche genutzt wurde. Der ursprünglich flache Chor wurde 1330 zusammen mit dem Kirchenschiff mit einem Steingewölbe überdacht. Die Bauabschnitte sind gut durch die Materialien zu sehen: Der Unterbau ist aus Backstein, der dann nach oben mit Fachwerk abschließt; der Westgiebel ist auch mit Naturstein gemauert. Der alleinstehende Glockenturm wurde 1820 durch die tonnengewölbte Quervorhalle mit dem Kirchenschiff verbunden. Die Kirche beherbergte die Familiengruft von Roeder und das Grab von Johann von Lehwaldt. 1700 wurde Johann Christoph Gottsched im Pfarrhaus geboren.

Die Kirche überstand den Zweiten Weltkrieg bis zur Eroberung von Juditten durch die Rote Armee 1945 praktisch unbeschadet. Dann wurde sie geplündert und bis in die 1970er Jahre dem Verfall preisgegeben. In den 1960er Jahren stürzte das Dach ein, später auch ein Teil der Wände.

Anfang 1980 wurde das ruinöse Gebäude der Russisch-Orthodoxen Kirche überlassen, welche es bis 1990 restaurierte. Die 1945 vernichtete deutsche Ausstattung wurde in orthodoxem Sinne ersetzt. Bereits am 6. Oktober 1985 war die Kirche -als erste christliche Kirche zur Sowjetzeit in Kaliningrad- nach dem Hl. Nikolaus von Myra neu geweiht worden und heißt seither Nikolaikirche (russisch Свято-Никольская церковь/Swjato-Nikolskaja zerkow). 1988 fand zu Ehren des 1000. Jahrestages der Taufe der Rus der erste Gottesdienst statt. Die Kirche ist heute Hauptkirche des gleichnamigen Frauenklosters der Eparchien Kaliningrad und Baltijsk der Russisch-Orthodoxen Kirche, daneben touristische Attraktion.

Kirchengemeinde[Bearbeiten]

Eine Kirchengemeinde in Juditten bestand bereits in vorreformatorischer Zeit. Die Reformation hielt hier bereits früh Einzug. Damals gehörte Juditten zur Inspektion Schaaken (russisch: Schemtschuschnoje), bis 1945 war der Ort dann in den Kirchenkreis Königsberg-Land II (Bereich nördlich des Pregel) innerhalb der Kirchenprovinz Ostpreußen der Kirche der Altpreußischen Union eingegliedert. Seit 1928 bestand die Filialgemeinde Metgethen (heute russisch: Possjolok imeni Alexandra Kosmodemjanskowo), die vom Amtsinhaber der zweiten Pfarrstelle von Juditten betreut wurde.

Anfang der 1980er Jahre fasste in Mendelejewo die Russisch-Orthodoxe Kirche Fuß und bildete nach 1990 eine eigene Gemeinde innerhalb der Diözese Kaliningrad und Baltijsk (bis 2009: Diözese Smolensk und Kaliningrad).

Im Bereich Mendelejewos lebende evangelische Kirchenglieder sind heute der Auferstehungskirche in Kaliningrad (Königsberg) zugeordnet. Sie gehört zur Propstei Kaliningrad[1] der Evangelisch-lutherischen Kirche Europäisches Russland.

Kirchspielorte (bis 1945)[Bearbeiten]

Zur Kirche von Juditten gehörten vor 1945 neben dem Pfarrort noch 30 Kirchspielorte[2]:

Deutscher Name Russischer Name Deutscher Name Russischer
Name
Deutscher Name Russischer Name
Adlig Friedrichswalde Groß Friedrichsberg Sowchosnoje Rathshof Woduschny
Am Fort Groß Holstein Pregolski Rieselfeld
Bahnhof Halbehufe Spittelhof
Charlottenburg Lermontowo Klein Friedrichsberg Spittelkrug
Dammkrug Klein Holstein Spittelpark
Fischhof Lawsken Mendelejewo Waldgarten
Forsthaus Louisenthal Waldschlößchen
Fort 5
„Friedrich Wilhelm III.“
Marienberg Mendelejewo Wallenthal
Fort 6
„Königin Luise“
Metgethen Possjolok imeni Alexandra
Kosmodemjanskowo
Wehrdamm
Fürstenteich Moditten Possjolok imeni Alexandra
Kosmodemjanskowo
Wilky Mendelejewo

Pfarrer (bis 1945)[Bearbeiten]

Von der Reformation bis zum Jahre 1945 amtierten an der Kirche von Juditten 29 evangelische Geistliche[3]:

  • Johann Cramer, bis 1533
  • Johann NN., bis 1534
  • Wenceslaus Jencker, bis 1535
  • Paul Cosninck, bis 1554
  • Michael Schönwaldt, ab 1570
  • Urban Meyer, 1574–1619
  • Rüdiger Jacob, 1612–1620
  • Joachim Neresius, 1620
  • Heinrich Haltermann, ab 1621
  • Jacob Stanislai, 1630–1638
  • Johann Settegast, 1638–1643
  • Christoph Rhode, 1643–1663
  • Simon Böhm, 1663–1682
  • Christoph Schultz, 1682–1692
  • Johann Lemcke, 1692–1697
  • Christoph Gottsched, 1697–1715
  • Johann Meyer, 1715–1737
  • Johann Gottlieb Sier, 1738–1749
  • Georg Wilhelm Augar, 1750–1798
  • Theodor Stein, 1798–1810
  • Dietrich Gottfried Niedt, ab 1810
  • Wilhelm Theodor A.G. Buchholz, 1842–1848
  • Ernst Ludwig Storch, 1848–1872
  • Louis Friedrich Wilhelm Tackmann,
    1872–1893
  • Louis Richard Otto Fünfstück, 1893–1924
  • Gerhard Lawin, 1924–1945
  • Horst Voßköhler, 1938–1939
  • Albert Podschun, 1940–1945
  • Kurt Flack, 1945

Kirchenbücher[Bearbeiten]

Von den Kirchenbuchunterlagen der Kirche von Juditten haben sich erhalten und werden heute im Evangelischen Zentralarchiv in Berlin-Kreuzberg aufbewahrt[4]:

  • Taufen: 1681 bis 1800, Namensverzeichnisse: 1727 bis 1825 und 1831 bis 1913
  • Trauungen: keine
  • Beerdigungen: 1768 bis 1877, Namensverzeichnisse: 1768 bis 1893

Gräberfelder[Bearbeiten]

Südlich der Kirche befinden sich Massengräber von Deutschen, die 1945 bis 1947 an Hunger und Seuchen verstorben sind.

Bildgalerie[Bearbeiten]

Verweise[Bearbeiten]

 Commons: Kirche von Juditten – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Evangelisch-lutherische Propstei Kaliningrad (deutsch/russisch)
  2. Patrick Plew, Die Kirchen im Samland: Juditten
  3. Friedwald Moeller, Altpreußisches evangelisches Pfarrerbuch von der Reformation bis zur Vertreibung im Jahre 1945, Hamburg, 1968, Seite 60
  4. Christa Stache, Verteichnis der Kirchenbücher im Evangelischen zentralarchiv in Berlin, Teil I: Die östlichen Kirchenprovinzen der Evangelischen Kirche der altpreußischen Union, Berlin 1992³, Seite 55-56

Literatur[Bearbeiten]

  •  Robert Albinus: Königsberg-Lexikon. Stadt und Umgebung. Flechsig, Würzburg 2002, ISBN 3-88189-441-1.
  • Richard Armstedt: Geschichte der königl. Haupt- und Residenzstadt Königsberg in Preußen. Reprint der Originalausgabe, Stuttgart 1899.
  •  Fritz Gause: Die Geschichte der Stadt Königsberg in Preussen. 3 Bände, Böhlau, Köln 1996, ISBN 3-412-08896-X.
  • V. Kulakov u. a.: Pamjatniky istorii i kultury. Kaliningrad. Moskau 2005, ISBN 5-90242-501-8 (Geschichts- und Kunstdenkmäler. Kaliningrad; russisch)
  •  Jürgen Manthey: Königsberg – Geschichte einer Weltbürgerrepublik. Hanser, München 2005, ISBN 3-446-20619-1.
  •  Gunnar Strunz: Königsberg entdecken. Zwischen Memel und frischem Haff. Trescher, Berlin 2006, ISBN 3-89794-071-X.
  •  Baldur Köster: Königsberg. Architektur aus deutscher Zeit. Husum Druck, Husum 2000, ISBN 3-88042-923-5.

Siehe auch[Bearbeiten]

54.71568720.425184Koordinaten: 54° 42′ 56″ N, 20° 25′ 31″ O