Kismaayo

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Karte Somalias
Satellitenaufnahme von Kismaayo und Umgebung
Landschaft bei Kismaayo, Dezember 1993

Kismaayo (ital. Chisimaio; auch Kismayo, Kismaju, Chisimaayo etc. geschrieben) ist eine Hafenstadt im Süden Somalias mit etwa 40.000 Einwohnern[1]. Sie ist Hauptstadt der Region Jubbada Hoose (Unter-Jubba), liegt nahe der Mündung des Flusses Jubba und ist über eine Straße mit der Hauptstadt Mogadischu verbunden.

Vor Kismaayo liegen die Bajuni-Inseln.

Geschichte[Bearbeiten]

Kismaayo war ursprünglich ein Fischerdorf[2] der Bajuni, die zur Swahili-Gesellschaft an der Küste Ostafrikas zählen. Der Ortsname soll von kisima yuuSwahili für „hoher Brunnen“ – abgeleitet sein, was auch der Name eines nahegelegenen Brunnens ist[1]. Der Ort gewann an Bedeutung, als sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts Angehörige des Somali-Clans der Harti-Darod in der Umgebung niederließen[2]. Heute sind die Stadt und ihr Umland von diversen Somali-Clans und ethnischen Minderheiten bewohnt.

Im 16./17. Jahrhundert wurde das Gebiet von Portugiesen kontrolliert, im 18./19. Jahrhundert war es unter der Oberherrschaft des Sultanats Sansibar. 1875/76 wurde es kurzzeitig von Ägypten unter Ismail Pascha besetzt. Deutschland beanspruchte 1886/1890 Kismaayo als Teil von Witu (siehe Deutsch-Somaliküste). 1896 wurde die Region Jubaland einschließlich Kismaayo Teil der britischen Kolonie Kenia.[1] 1925 wurde das Gebiet an Italien übertragen, im darauffolgenden Jahr wurde es als Provinz Oltre Giuba mit Kismaayo als Hauptstadt in Italienisch-Somaliland eingegliedert.

Nach der Unabhängigkeit Somalias wurden Ende der 1960er Jahre die alten Hafenanlagen modernisiert. Sie dienten zum Export von Bananen, Häuten, Myrrhe und Zitrusfrüchten. Unter Siad Barre wurde ein großer Fleischverarbeitungsbetrieb errichtet, der Hunderte beschäftigte.[1]

Während des Bürgerkrieges in Somalia war Kismaayo zwischen verschiedenen Clans aus der Stadt und ihrer Umgebung umkämpft. Es wurde zur Hochburg der 1999 entstandenen Juba Valley Alliance unter der Führung des Marehan-Darod Barre Adan Shire Hiiraale.[3]

Zahlreiche somalische Bantu aus dem Jubba-Tal kamen als Binnenvertriebene in die Stadt[4].

Islamistische Herrschaft[Bearbeiten]

Am 25. September 2006 nahm eine Fraktion der Union islamischer Gerichte die Stadt ein und verdrängte damit die Juba Valley Alliance[5].

Als Truppen des Nachbarlandes Äthiopien Ende 2006 in Somalia einmarschierten und die Union aus weiten Landesteilen verdrängten, zogen sich große Teile der Union nach Kismaayo zurück. Truppen Äthiopiens und der Übergangsregierung Somalias folgten ihnen und nahmen Kismaayo am 1. Januar 2007 ein.[6] Ab Juni 2007 kontrollierten wieder Clan-Milizen, die lose mit der Übergangsregierung verbunden waren, die Stadt[3][7].

Sie wurden im August 2008 wiederum von der radikal islamistischen al-Shabaab und der Hisbul Islam verdrängt[8]. Seither nutzen die Islamisten den Hafen der Stadt, um Waffen und weitere Ausrüstung auf dem Seeweg zu importieren[9]. Zudem stellen Abgaben, die sie im Hafen erheben, eine bedeutende Einnahmequelle dar[3]. Im Oktober 2008 führten sie die Steinigung eines 13-jährigen Mädchens durch. Gemäß Verwandten war das Mädchen vergewaltigt worden und hatte diese Tat bei den Sicherheitskräften der al-Shabaab anzeigen wollen, wurde daraufhin jedoch inhaftiert, des unehelichen Geschlechtsverkehrs beschuldigt und öffentlich hingerichtet.[10] Ende September 2009 gab es Kämpfe zwischen al-Shabaab und Hisbul Islam wegen Differenzen um die Teilung der Macht zwischen den beiden Gruppen[11]. Dabei spielten auch Clan-Konflikte eine Rolle.[3] Ende des Jahres 2011 drangen kenianische Truppen auf somalisches Gebiet vor, um die al-Shabaab zu bekämpfen. Dabei war die Einnahme Kismaayos, insbesondere die Kontrolle über den Hafen, ein strategisches Ziel.[12]

Ende September 2012 gingen kenianische Marineinfanteristen vor der somalischen Hafenstadt Kismayo an Land (Seelandung). In der Nacht darauf räumten die Islamisten Kismaayo, ihren letzten festen Stützpunkt in Somalia. In Kismaayo ringen mehrere Clans um Macht und Pfründe.[13]

Klimatabelle[Bearbeiten]

Kismaayo
Klimadiagramm
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Temperatur in °C,  Niederschlag in mm
Quelle: wetterkontor.de
Monatliche Durchschnittstemperaturen und -niederschläge für Kismaayo
Jan Feb Mär Apr Mai Jun Jul Aug Sep Okt Nov Dez
Max. Temperatur (°C) 29,6 29,9 31,0 31,8 30,4 28,6 28,0 28,3 28,6 29,5 30,5 30,5 Ø 29,7
Min. Temperatur (°C) 24,2 24,5 25,4 25,8 24,8 23,5 23,1 23,3 23,3 24,0 24,5 24,4 Ø 24,2
Niederschlag (mm) 1 1 3 39 111 89 52 21 21 15 17 3 Σ 373
Sonnenstunden (h/d) 7,6 8,0 8,0 7,0 8,3 6,9 6,2 8,1 7,5 8,0 7,5 7,0 Ø 7,5
Regentage (d) 0 0 0 4 7 11 9 5 3 2 2 1 Σ 44
Luftfeuchtigkeit (%) 77 76 76 77 80 80 80 79 78 78 77 77 Ø 77,9
T
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23,5
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Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Kismaayo – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d Said Samatar: Kismaayu, in: Siegbert Uhlig (Hrsg.): Encyclopaedia Aethiopica, Band 3, 2008, ISBN 978-3-447-05607-6
  2. a b Lee V. Cassanelli: The Shaping of Somali Society. Reconstructing the History of a Pastoral People, 1600-1900, 1928, ISBN 978-0-8122-7832-3 (S. 75)
  3. a b c d Alisha Ryu: Somali Clan Disputes Giving Boost to al-Shabab, in: Voice of America, 19. Oktober 2009.
  4. Ken Menkhaus: Bantu ethnic identities in Somalia, in: Annales d'Ethiopie, No 19, 2003 [1]
  5. BBC News: Islamists capture key Somali port
  6. BBC News: Somali Islamic stronghold falls
  7. Garowe Online: Islamist rebels in secret deal with Kismayo port militia
  8. taz.de: Islamisten weiten Kämpfe aus
  9. National Geographic 9/2009: Somalia Blues
  10. Amnesty International: Somalia: Girl stoned was a child of 13
  11. BBC News: Somali Islamists clash over port
  12. Spiegel online: Feldzug gegen Schabab-Milizen: Kenianer blamieren sich im somalischen Morast
  13. spiegel.de 2. Oktober 2012: Kampf um Kismayo

-0.3666666666666742.533333333333Koordinaten: 0° 22′ S, 42° 32′ O