Klagesmarkt

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Der Klagesmarkt in Richtung Innenstadt mit dem rotweißen Gewerkschaftshaus des Deutschen Gewerkschaftsbundes Niedersachsen und der Nikolaikapelle (Bildmitte hinten)

Der Klagesmarkt in Hannover ist ein rund 7500 m² großer gepflasterter Platz im Stadtteil Mitte. Im Zuge von Hannover City 2020 + wird die weitere Bebauung des Platzes diskutiert.

Lage[Bearbeiten]

Der Klagesmarkt liegt zwischen der Celler Straße bzw. der Otto-Brenner Straße und der Christuskirche. Auf östlicher Seite erstreckt sich bis Höhe der Straße Postkamp der als innerstädtische Parkanlage umgestaltete, alte St. Nikolai Friedhof. Auf westlicher Seite liegt ein für den Stadtteil typisches Wohngebiet mit Nachkriegsbauten. Das Gewerkschaftshaus des DGB am südlichen Platzende bildet städtebaulich das Pendant zur Christuskirche und bietet einen hervorragenden Blick auf den Platz.

Geschichte[Bearbeiten]

Nachdruck eines Ölgemäldes aus dem 16. Jahrhundert mit Darstellung des Heiligen Nikolaus von Myra am Klagesmarkt vor dem Alten St.-Nikolai-Friedhof und der Stadtbefestigung Hannovers
Fotolithografie der Aubeldruck-Anstalt aus August Juglers Buch Aus Hannovers Vorzeit ...
Um 1800:
Nördlich der Stadtbefestigung der Städte Hannover und Calenberger Neustadt ist ganz oben rechts Schloss Monbrillant zu erkennen, rechts daneben das "Taubenfelde" und der Klagesmarkt
Markttreiben um 1900;
Ansichtskarte Nr. 944 Karl F. Wunder
Markttreiben um 1908 als Stereoskopie-Fotografie von Underwood & Underwood

Der Klagesmarkt entstand vermutlich im 14. Jahrhundert als vor dem Steintor gelegener Marktplatz und als Richtstätte. Der Name leitet sich von Heiligen Nikolaus (niederdeutsch „Sünte Klaas“, später „Sünte Klages“) ab. Die Benennung erfolgte erst um 1845 und bezieht sich auf die südlich des Platzes gelegene Nikolaikapelle: Sie war die Kirche des dort im Mittelalter befindlichen Stiftes für Alte, Kranke und Aussätzige. Eine 1740 erschienene Ansicht vom Klagesmarkt auf die Nikolai-Kapelle und weiter zum Steintor vor Hannover enthält das von Bürgermeister Christian Ulrich Grupen geschriebene Buch Origines Et Antiqvitates Hanoverenses…: Der Kupferstich von J. G. Schmidt, Br(unsviga) nach E. E. Braun wurde von der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel digitalisiert.[1]

Nach den 1468 erstmals erwähnten Schützenfesten auf dem Gelände der geschleiften Burg Lauenrode wurde 1573/74 am Klagesmarkt das erste Schützenhaus Hannovers erbaut. Die Nutzung des Klagesmarktes als Schützenplatz fand erst 1827 ein Ende, nachdem von Laves ein neues Schützenhaus in der Ohe errichtet wurde; etwa dort, wo sich heute die HDI-Arena befindet.

Später fanden auf dem Klagesmarkt hauptsächlich Gemüse-, Vieh- und Jahrmärkte statt innerhalb nur verstreut bebauter Feldflur.[2]

Für die ab Mitte des 19. Jahrhunderts schnell wachsende Stadtgemeinde wurde 1859-1864 die nördlich angrenzende Christuskirche errichtet. Etwa zur gleichen Zeit entstand auf halber Höhe das, von Conrad Wilhelm Hase für den Apotheker Thilo Bergmann (Sohn des damaligen hannoverschen Kultusministers Heinrich Bergmann) gebaute, Apothekerhaus.

1914 verlegte Johann Weishäupl, der bald zu einem der größten Fleischwarenfabrikanten aufsteigen sollte, sein am Engelbosteler Damm eröffnetes erstes Geschäft zum Klagesmarkt 10.[3]

Anfang des 20. Jahrhunderts, insbesondere infolge der wirtschaftlichen Notlage nach dem Ersten Weltkrieg, war der Klagesmarkt auch erstmals Schauplatz von politischen Großveranstaltungen. Zur „Verbesserung der Verhältnisse“ wurde der Platz 1926/27 vollständig gepflastert.

In Vorbereitung auf den erwarteten Luftkrieg wurde 1939 unter dem Einsatz von Zwangsarbeitern ein unterirdischer Bunker gebaut.[4]

Noch 1942 fand in den Sommermonaten täglich ein Großmarkt auf dem Platz statt, in den Ställen von Haus Nr. 32 monatlich ein Pferde- und Schweinemarkt. Während der Luftangriffe auf Hannover im Zweiten Weltkrieg blieb der unterirdische Bunker intakt, wurde aber später von der britischen Militärverwaltung unbrauchbar gemacht und versiegelt. In den 1950er Jahren wurde dann der neue Großmarkt am Tönniesberg eröffnet.

Auf dem Klagesmarkt fand am 31. März 1979 mit etwa 100.000 Teilnehmern die bis dahin größte Anti-Atom-Demonstration und bis heute größte Demonstration Niedersachsens statt.[5] Es war die Abschlusskundgebung des eine Woche zuvor im Wendland gestarteten Gorleben-Trecks mit rund 500 Traktoren.

Mit Ablösung der oberirdischen Straßenbahnverbindung durch die neue Stadtbahntrasse C-Nord und Sperrung der vierspurigen Durchgangsstraße für den Autoverkehr entstand am Klagesmarkt 1993 als Übergangslösung eine langgestreckte Parkplatzfläche. Seine jetzige Gestalt erhielt der Platz dann im Zusammenhang mit den Vorbereitungen zur EXPO 2000 in Hannover.

Heutige Funktion[Bearbeiten]

Einzug von Gewerkschaftern und Politikern am Ersten Mai 2012, dem „Tag der Solidarität“ auf dem Klagesmarkt; im Hintergrund das Gewerkschaftshaus Hannover

Als große innerstädtische Freifläche in zentraler Lage ist der Klagesmarkt traditioneller Standort für gewerkschaftliche und politische Großveranstaltungen, wie Tag der Arbeit. Darüber hinaus hat sich die östlich anschließende Fußgängerzone in den letzten Jahren als Treff- und Übungsort der lokalen Skater-Szene etabliert. Seit etwa 2009 wird er auch von Longboardern genutzt. Mit den Inline Games erhielt dieser Standort vorübergehend auch internationale Relevanz bis 2010 im Berliner Tiergarten ein neuer Veranstaltungsort gefunden wurde. Angrenzend an die nutzbare Platzfläche befindet sich in einem nach 2000 neu errichteten Pavillon eine Gaststätte mit Außenbewirtschaftung. Die Fassadensteine stammten vom jordanischen Beitrag auf der Weltausstellung EXPO 2000.[6] Im asphaltierten, von Bäumen und einer halbhohen Mauer gesäumten, nördlichen Teil findet dienstags und samstags ein traditioneller Wochenmarkt statt. Den Abschluss zu City-Ring und Christuskirche bildet ein kleiner Platz, auf dem sich acht Sitzbänke um einen Schalenbrunnen gruppieren.

Umbaupläne[Bearbeiten]

Im Rahmen des Projekts Hannover City 2020 + gibt es seit 2010 kontrovers diskutierte Überlegungen, einzelne Bereiche des Platzes durch Neubauten aufzuwerten, wodurch sich der Platz wesentlich verkleinern und seine Funktion als Veranstaltungsort verlieren würde. Der städtebaulich-landschaftsplanerische Ideenwettbewerb wurde im Juni 2010 abgeschlossen. [7] Der Siegervorschlag sieht vor, die gesamte aktuell genutzte Parkplatzfläche mit mehrstöckigen Büro- und Geschäftshäusern zu überbauen. Auch eine Neupositionierung der historischen Grabsteine auf dem St.-Nikolai-Friedhof wurde angeregt. Der überdimensionierte Kreisel wurde 2012 unter Halbierung der einmündenden Fahrspuren zur einfachen Kreuzung zurückgebaut. Ob der an der St.-Nikolai-Kapelle neu entstehende Platz den laut Umbauplan vorgesehenen Flächenverlust kompensieren kann, bleibt fraglich.

Anfang 2012 hat der Stadtrat den Verkauf und die Bebauung gegenüber dem DGB-Gewerkschaftshaus beschlossen.[8] Trotz verfeinerter Entwürfe, die Stadtbaurat Uwe Bodemann im März 2012 vorgestellt hatte,[9] hat sich dagegen ein Aktionsbündnis Neuer Klagesmarkt gebildet, bestehend aus (Stand: März 2012)[8]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Seite 00070a Klagesmarkt in Origines Et Antiqvitates Hanoverenses
  2. Eva Benz-Rababah in: Stadtlexikon Hannover, S. 349f.
  3. Waldemar R. Röhrbein: WEISHÄUPL, Johann, in: Hannoversches Biographisches Lexikon, S. 380; online über Google-Bücher
  4. Niemandsland: Klagesmarkt Bunker. luftschutzbunker-hannover.de, abgerufen am 22. Juni 2004 (HTML, deutsch, Datenblatt).
  5. Gisela Jaschik: März 1979: Gorleben-Treck nach Hannover. In: Norddeutsche Geschichte. ndr.de, abgerufen am 22. März 2011 (HTML, deutsch, Video).
  6. Website des Exposeum e.V., abgerufen am 23. August 2011
  7. Wettbewerb Hannover City 2020+
  8. a b c d e f g h Aktionsbündnis Neuer Klagesmarkt: Der Klagesmarkt muss öffentlich bleiben! Aktionstag am 17. März 2012, Faltblatt vom März 2012
  9. Conrad von Meding: Umbau beginnt im Mai / Klagesmarkt bald ohne Kreisel, online auf der Seite der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung

52.3791666666679.7302777777778Koordinaten: 52° 22′ 45″ N, 9° 43′ 49″ O