Klassismus

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Klassismus bezeichnet Vorurteile oder Diskriminierung aufgrund der sozialen Herkunft oder der sozialen Position gegenüber Angehörigen einer „niedrigeren“ Klasse. Die Klassismustheorie unterscheidet beispielsweise zwischen Diskriminierung gegenüber Arbeitern (working class) und armen Menschen (poverty class).[1] Klassismus kann Grundlage oder Teil von sozialen Bewegungen, sozialpolitischen Programmen und/oder säkularen, kulturellen oder politischen Ideologien werden.[2]

Begriffsbildung[Bearbeiten]

„Racis[ia]m + Classis[i]m = Katrina“ – Graffiti nach dem Hurrikan Katrina, New Orleans 2005

Klassismus ist die deutsche Übersetzung des englischen Begriffs Classism. Obschon in den USA mit dem Begriff classism spätestens bereits um 1900 klassenbezogene Ungerechtigkeiten benannt wurden, scheint es Anfang der 1970er Jahre zu einer Neubildung gekommen zu sein. Der Begriff classism wurde dann ähnlich wie der Begriff sexism parallel zum Begriff racism gebildet, um die Auffassung zu betonen, dass Diskriminierung nicht nur aufgrund von ethnisch bedingtem Rassismus oder auf Basis des Geschlechtes (Sexismus), sondern auch auf Grund der Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Klasse stattfindet.

Nach der Sozialwissenschaftlerin Bettina Roß besteht heute ein weitgehender Konsens darüber, dass es sich bei Rassismus, Sexismus und Klassismus „um Herrschafsverhältnisse handelt, die zusammenwirken, die sich gegenseitig verstärken, sich ähneln, aber doch nie ganz ineinander aufgehen.“[3]

Theorie[Bearbeiten]

Die Klassismustheorie wurde maßgeblich von dem amerikanischen Ökonomen Chuck Barone entwickelt. Er unterscheidet drei Ebenen von Klassismus: [1]

Makroebene
Institutionell bedingte Unterdrückung einer Klasse durch eine andere vor allem durch ein bestimmtes polit-ökonomisches System.[4] In diesem Bereich fällt beispielsweise von Einzelnen oder Gruppen als Ausbeutung eingestufte Behandlung durch als zu unzureichend bezahlt empfundene Arbeit. Das heißt auch, dass der Kapitalismus an sich bereits klassistisch, bzw. dass Antiklassismus auf dieser Ebene notwendigerweise antikapitalistisch sei.[5]
Mesoebene
Unterdrückung einer Klasse auf Gruppenebene durch den Aufbau von negativen Vorurteilen gegenüber Angehörigen einer „niedrigeren“ Klasse u. a. mit Hilfe der Massenmedien. Antiklassismus auf dieser Ebene umfasst deshalb auch die Forderung nach einer anderen Medienkultur.
Mikroebene
Unterdrückung auf Einzelebene durch individuelle Einstellungen, Identitäten und Interaktionen.[6] In den USA gibt es seit einigen Jahren Anti-Klassimus-Trainings analog zu den Anti-Rassismus-Trainings, um individuelle klassistische Einstellungen zu überwinden. Ähnliches dazu siehe: Alltagsrassismus.

Klassismustheorien sehen die Auseinandersetzung zwischen Klassen nicht als Hauptwiderspruch im Sinne des Marxismus, Diskriminierungen auf Grund von Geschlecht oder Ethnizität dementsprechend nur als „Nebenwidersprüche“. Sie wollen vor allem verhindern, dass die Diskussion über Klassendiskriminierung gegenüber Sexismus und Rassismus als Diskriminierungsformen weiter in den Hintergrund gerät. Betont wird auch die Überschneidung verschiedener Unterdrückungsformen, wie sie beispielsweise von der Intersektionalitäts-Theorie formuliert wird.

Die Klassismustheorie hat Kontinentaleuropa und insbesondere den deutschsprachigen Raum bisher kaum erreicht. Im europäischen Diskurs spielen – vor allem in Bezug auf die soziale Vererbung von „Klasse“ – eher die Begriffe Kapitalsorten, Habitus und symbolische Gewalt, die Pierre Bourdieu geprägt hat, eine Rolle. Diese wiederum sind in den USA weniger gebräuchlich.

Nach Christian Baron gibt es auch in der politischen Linken Klassismus, z.B. in dem man sich über die "Unterschicht" lustig mache. [7]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Deutschsprachige Literatur[Bearbeiten]

  • Christian Baron, Britta Steinwachs: Faul, Frech, Dreist. Die Diskriminierung von Erwerbslosigkeit durch BILD-Leser*innen. (= Kritische Wissenschaften – Klassismus. Band 1). Edition Assemblage, ISBN 978-3-942885-18-8.
  • Leah Carola Czollek, Gudrun Perko, Heike Weinbach: Praxishandbuch Social Justice und Diversity. Beltz Juventa, 2012, ISBN 978-3-7799-2822-5.
  • Owen Jones: Prolls. Die Dämonisierung der Arbeiterklasse. (bezogen auf Großbritannien). VAT Verlag André Thiele, 2012, ISBN 978-3-940884-79-4. (Original: Chavs. The Demonization of the Working Class, s. u.)
  • Andreas Kemper, Heike Weinbach: Klassismus. Eine Einführung. Unrast Verlag, Münster 2009, ISBN 978-3-89771-467-0.
  • Anja Meulenbelt: Scheidelinien. Über Sexismus, Rassismus und Klassismus. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1988, ISBN 3-498-04316-1.
  • Juli Roßhardt: Anti/Klassismus im feministischen Bewegungsalltag: Eine Spurensuche, in: Roman Klarfeld, Dagmar Nöldge, Friedrike Mehl (Hrsg.): Spurensicherung. Feminismus in Aktion und Dokument, Berlin 2013
  • Heike Weinbach: Social Justice statt Kultur der Kälte. Alternativen zur Diskriminierungspolitik in der Bundesrepublik Deutschland. Karl Dietz Verlag, Berlin 2006, ISBN 3-320-02911-8 (PDF).
  • Gabriele Winker, Nina Degele: Intersektionalität. Zur Analyse sozialer Ungleichheiten. Transcript, Bielefeld 2009, ISBN 978-3-8376-1149-6.
  • Hans-Günter Thien: Klassentheorien – Die letzten 50 Jahre (PDF).

Englischsprachige Literatur[Bearbeiten]

  • Maurianne Adams, Warren J. Blumenfeld, Rosie Castaneda, Heather W. Hackman, Madeline L. Peters, Ximena Zuniga (Hrsg.): Readings for Diversity and Social Justice. An Anthology on Racism, Antisemitism, Heterosexism, Ableism, and Classism. Routledge, New York/ London 2000, ISBN 0-415-92634-3.
  • Marcia Hill, Esther D. Rothblum (Hrsg.): Classism and Feminist Therapy. Counting Costs. Harrington Park Press, New York 1996, ISBN 1-56023-092-4.
  • Jacqueline S. Homan: Classism For Dimwits. Elf Books, 2008, ISBN 978-0-9815679-1-4.
  • Bell Hooks: Where We Stand. Class Matters. Routledge, New York 2000, ISBN 0-415-92911-3 (PDF; 1,1 MB).
  • Owen Jones: Chavs. The Demonization of the Working Class. Verso, 2012, ISBN 978-1-84467-864-8.
  • Betsy Leondar-Wright: Class Matters: Cross-Class Alliance Building for Middle Class Activists. New Society Publishers, Gabriola Island 2005, ISBN 0-86571-523-8.
  • John Russo, Sherry Lee Linkon (Hrsg.): New Working-Class Studies. ILR Press, Ithaca 2005, ISBN 0-8014-8967-9.
  • I. M. Shanklin: ’’The Laborer and His Hire.’’ The Neale Company, 1900 archive.org

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Chuck Barone: Classism, in: Robert E. Weir (Hrsg.): Class in America. An Encyclopedia, Greenwood Press 2007, ISBN 978-0-313-33719-2, S. 139f.
  2. Werner Obrecht: Ontologischer, Sozialwissenschaftlicher und Sozialarbeitswissenschaftlicher Systemismus. Ein Paradigma der Sozialen Arbeit. In: Silvia Staub-Bernasconi (Hrsg.): Systemtheorien im Vergleich. Was leisten Systemtheorien für die Soziale Arbeit? Versuch eines Dialogs. 2005, S. 148.
  3. Bettina Roß: Migration, Geschlecht und Staatsbürgerschaft, Politik und Geschlecht, (= Reihe: Politik und Geschlecht, Band 16), VS Verlag fur Sozialwissenschaften, ISBN 978-3-8100-4078-7, S. 18
  4. „On the macro level oppression is a matter of collectivity, of economic, social, political, and cultural/ideological institutions.“ Chuck Barone: Extending our analysis of class oppression: Bringing classism more full into the race & gender picture. S. 7 (PDF; 102 kB).
  5. „The primary institutional basis of classism is the economic system. Capitalism is structured on the basis of classes.“ Chuck Barone: Extending our analysis of class oppression: Bringing classism more full into the race & gender picture. S. 11 (PDF; 102 kB).
  6. „The micro level is a matter of individuality and identity, our attitudes and interactions with others“. Chuck Barone: Extending our analysis of class oppression: Bringing classism more full into the race & gender picture. S. 9 (PDF; 102 kB).
  7. Christian Baron: „Zu hoch für dich“. Warum ist es unter Linken en vogue, sich über Angehörige der sogenannten Unterschicht lustig zu machen? In: konkret 5/2013