Klaus-Jürgen Rattay

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Gedenktafel vor dem Haus Potsdamer Straße 127, in Berlin-Schöneberg

Klaus-Jürgen Rattay (* 6. Dezember 1962[1] in Kleve am Niederrhein; † 22. September 1981 in Berlin) war ein deutscher Hausbesetzer, der bei einer Demonstration starb.

Soziale und politische Lage[Bearbeiten]

Rattay war in der Hausbesetzerszene der 1980er Jahre aktiv. Dass in Berlin einerseits ganze Häuser leer standen und andererseits Wohnungsknappheit herrschte, hatte seine Ursache in der in den 1960er-Jahren eingeleiteten Flächensanierung, der systematisch ganze Altbau-Wohnblocks zum Opfer fielen: Häuser, die jahrelang vorher schon „entmietet“ waren, riefen nicht nur den Unmut und Widerstand Betroffener hervor. Auch die Bevölkerung in den alten Quartieren verurteilte diesen „Kahlschlag“.

Abriss des Blocks 103 in Kreuzberg 36

Ende der 1970er-Jahre entwickelte sich nicht nur in Berlin eine Szene junger Menschen, die leerstehende Häuser besetzten und bewohnten um der Wohnungsknappheit auf ihre Weise zu begegnen (Instandbesetzungen). Mitte 1981 waren in Berlin über 160 Häuser besetzt. Es gelang dadurch im Zusammenhang mit Planern und Architekten der IBA (Internationale Bauausstellung 1984), der liberalen Öffentlichkeit und der in mehreren Bezirksverordnetenversammlungen Fuß fassenden Alternativen Liste (ab 1993 Bündnis 90/Die Grünen) das Konzept der „Behutsamen Stadterneuerung“ durchzusetzen. Siehe auch: „12 Grundsätze der Stadterneuerung“. Diese Entwicklung verlief jedoch nicht reibungslos - die damalige Zeit war von politischen Kontroversen charakterisiert, die von den Besetzern, ihren Unterstützern und der Polizei häufig auf der Straße ausgetragen wurden. Auftakt der militanten Konflikte war die Schlacht am Fraenkelufer am 12. Dezember 1980. Der 1981 ins Amt gekommene Innensenator Heinrich Lummer (CDU) propagierte eine harte Haltung und die sofortige Räumung illegal genutzter leerstehender Häuser. Im Sommer 1981 beschloss der Senat einen entscheidenden Schlag gegen die „Hochburgen“ der Hausbesetzer zu unternehmen.

Jugend Rattays[Bearbeiten]

Nachdem er zuvor eine Berufsausbildung abgebrochen hatte und von zu Hause ausgezogen war, schloss sich Klaus-Jürgen Rattay 1980 der Berliner Hausbesetzerszene an. Zuvor war er drei Monate durch ganz Europa getrampt; nur in Berlin habe er, so in einem ARD-Interview, ein Klima vorgefunden, das ihm zusagte: „Es ist einfach astrein, wie die Leute zusammenleben, Wohngemeinschaften, im besetzten Haus, echt optimal […] weil in Berlin viel mehr los ist, als woanders in Europa, weil ich mich wohler fühle hier, weil da kein Zwang ist.“ Angesichts der bevorstehenden Räumung des Hauses, vor dem das Interview gedreht wurde, gab er an: „Ich hab' gleichzeitig Angst und ich hab' gleichzeitig auch Mut zu kämpfen.“[2]

Tod eines Demonstranten[Bearbeiten]

Nach der Räumung von acht besetzten Häusern[3] im Rahmen einer groß angelegten Polizeiaktion am 22. September 1981 gab Innensenator Lummer im zuvor geräumten Haus Bülowstraße 89 eine Pressekonferenz. Vor dem Gebäude fanden sich nach und nach ca. 200 Personen ein, die gegen die Anwesenheit des Senators protestierten. Durch einen Polizeieinsatz wurde die Gruppe erst auf die andere Fahrbahn der Bülowstraße verdrängt und anschließend bis auf die Potsdamer Straße vertrieben. Nach allgemeinem Bekunden ruhte dort der Verkehr infolge einer Rotphase, doch wenig später fuhr u.a. ein Bus der BVG an, erfasste auf der Fahrbahn der Potsdamer Straße unterhalb der Hochbahn den 18jährigen Klaus-Jürgen Rattay und schleifte ihn unter dem linken Vorderrad zu Tode.

Aufnahme aus dem Super8-Film in Panorama vom 29. September 1981

Erst vor der Zentrale der Commerzbank wurde der Bus von einer Menschenmenge gestoppt und setzte zurück. Nach heftigen Auseinandersetzungen rund um das Fahrzeug hielt sich die Polizei vom Schauplatz fern, bis ein Rettungswagen der Feuerwehr den leblosen Körper abholte.[4] Danach besetzte die Polizei die Straßenkreuzung und ein Wasserwerfer säuberte bald darauf den Platz. Eine Spurenaufnahme fand nicht statt.

Eine am Nachmittag über die Presseagenturen AP und Reuters verbreitete und erst in der Tagesschau allgemein dementierte Meldung, ein Polizist sei erstochen worden, heizte die Stimmung gefährlich an.[5]

Gegen Abend des 22. September strömten Tausende zum Ort des Geschehens (die Presse schrieb von 10–15.000 Teilnehmern). Nach einer lange schweigsamen Versammlung kam es nach der Umstellung durch die Polizei bis in die frühen Morgenstunden zu weitläufigen Gewalthandlungen.

Der als Ort des Gedenkens eingerichtete Straßenabschnitt wurde in den folgenden Tagen und Nächten immer wieder zum Schauplatz von Auseinandersetzungen und polizeilichen Abräumungen. Am 1. Oktober zog die Mahnwache nach zunehmenden Querelen zur Baugrube in der Potsdamer Straße 130 um.[6] Die geräumten Besetzer der Bülowstraße 89 besetzten am 29. September in der Nähe das Haus Pohlstraße 59, das jedoch bereits am Folgetag von der Polizei wieder geräumt wurde.[7]

In zahlreichen deutschen Städten und auch in Amsterdam kam es zu Solidaritätskundgebungen.[8]

Der Hergang des Vorfalles war sofort – vor allem über die Presse – heftig umstritten. Die Versionen reichten vom Angriff Rattays auf den Bus und dem Selbstverschulden seines Todes (Polizei-Mitteilung)[9] bis zur Darstellung von Zeugen, der Bus sei ohne Rücksicht in die Menschenmenge gefahren. In der Presse wurden auch Fotos gedruckt, die nach Verlautbarung des Leiters des Berliner Staatsschutzes, Manfred Kittlaus, beweisen sollten, dass Rattay mit einem fotografierten Demonstranten identisch sei, der unmittelbar vor der Räumung in der Winterfeldtstraße Barrikaden mit Benzin angezündet habe und ein gefährlicher Gewalttäter gewesen sei.[10]

Die allmählich veröffentlichten weiteren Fotos und der Super-8-Film (ein zweiter folgte später) konnten einige Aspekte des Vorfalles klären – vor allem den, dass der Bus vor dem Zusammenprall nicht angegriffen worden war –, doch gibt es vom exakten Moment des Anstoßes keine Bild-Dokumente.

Die politische Initiative übernahm am 24. September der Regierende Bürgermeister Richard von Weizsäcker, der alle gesellschaftlichen Gruppen zu einem Gespräch „über Wege zum inneren Frieden“ einlud. Die SPD verlangte dabei auch Besetzer und Vermittler einzubeziehen, was sich als schwierig erwies.[11]

Drei Wochen nach dem Tod Rattays bildete sich eine „unabhängige Untersuchungskommission“, der unter anderen Bundesverfassungsrichter a. D. Martin Hirsch, Professorin Uta Ranke-Heinemann und Pfarrer Jörg Zink angehörten.[12]

Die Darstellungen in Presse und Literatur[Bearbeiten]

a) Presse und Publizistik

Während die Darstellungen der Zeitungen der Axel Springer AG (B.Z., Bild) unter Berufung auf die erste Polizeimeldung einen Angriff Rattays auf den Bus behauptete

„Nach Darstellung der Polizei war der 18jährige auf die vordere Stoßstange des Busses gesprungen, um eine bereits durch Steinwürfe zerstörte Frontscheibe des Bus-Fahrers weiter einzuschlagen. Dabei rutschte der Demonstrant ab, geriet unter die Vorderräder.“

B.Z. vom 23. September 1981[13]

und die tageszeitung (taz) den Polizeieinsatz vor dem Haus Bülowstr. 89 in den Vordergrund rückte

„der die Umstehenden auf die Kreuzung Bülowstraße/Potsdamer Straße (trieb), wo sich zu diesem Zeitpunkt der Verkehr dicht staute. [… Der anfahrende] Bus ergriff einen flüchtenden jungen Mann an der vorderen Fahrerseite, gab nach Angaben der Zeugen Vollgas und schleifte den Mann etwa 50 Meter vorn auf der Fahrerseite hängend mit.“

die tageszeitung (taz), 23. September 1981[14]

verhielten sich die liberale Presse und der Öffentlich-rechtliche Rundfunk neutral und zitierten verschiedene Varianten.

Der Ermittlungsausschuss im Mehringhof und der Anwalt der Eltern Rattays, Wolfgang Meyer-Franck, suchten Zeugen und vor allem „Spurenfotos“. Dabei konnte nachgewiesen werden, dass noch auf der südlichen Seite der Hochbahnbrücke zum Kleistpark hin kein Angriff auf den Bus erfolgte. Der Zusammenprall konnte erst unter der Brücke geschehen sein. Der Stern, der zum Antrag auf die Wiederaufnahme des Verfahren im Februar 1982 einen Bildbeitrag brachte, zitierte einen ihm glaubwürdig erscheinenden Zeugen:

„Während Rattay einige Sekunden auf der Fahrbahn stand, um nach den nachrückenden Polizisten zu sehen, fuhr ein BVG-Bus mit Vollgas direkt auf den deutlich sichtbaren Mann zu. Der bemerkte noch kurz vor dem Aufprall den Bus, drehte sich zu ihm hin und hob abwehrend die Hände. Der Bus traf Rattay mit der linken Seite frontal. Die Scheibe zersplitterte.“

stern, 4. März 1982[15]

1997 veröffentlichte Der Tagesspiegel im Vorabdruck einen Auszug aus der Autobiographie des ehemaligen Polizeipräsidenten Klaus Hübner, „Einsatz“,[16] in dem Hübner scharfe Angriffe gegen Verantwortliche im Hintergrund richtete: vor allem die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Sein Beitrag fand eine Entgegnung per Artikel, in dem nach Meinung des Autors der Schock nach dem Vorfall beide Seiten auf den Weg einer Lösung brachte. Er hielt die GEW im Zusammenhang der Hausbesetzungen für unbedeutend und schloss mit dem Fazit, dass „Die Bewegung der Hausbesetzer im Kampf gegen die ‚Flächensanierung‘ in Teilen West-Berlins das historische Stadtbild gerettet [hat].“[17]

b) Literatur und Dokumentation

In einer Reihe von Veröffentlichungen mit teils chronologischer Intention, teils mit Tagebuch-Charakter oder auch in romanhafter Erzählung wurde versucht, das Geschehen darzustellen und zu reflektieren. Allen gemeinsam ist, dass nie mit absoluter Sicherheit der Ablauf des Vorfalles beschrieben wird, doch weist schon der Umfang der Literatur darauf hin, dass der 22. September 1981 ein für die Geschichte der Hausbesetzungen in Berlin entscheidendes Datum markiert.

Diese Bedeutung wird auch dadurch unterstrichen, dass in der ARD-TV-Serie "60x Deutschland" mit einer entsprechenden Anzahl von Folgen anlässlich des 60. Jubiläums der Bundesrepublik Deutschland 2009 (ergänzt um das Geschehen in der DDR bis 1990) die Hausbesetzungen nur anlässlich des Todestages von Rattay im Beitrag 1981 thematisiert werden. [18]

Die Gerichtsverfahren[Bearbeiten]

„1. Nach dem Tod von K.-J. Rattay wurde noch am 22. September 1981 von Amts wegen ein Ermittlungsverfahren gegen den Getöteten wegen Gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr eingeleitet.
2. In den folgenden Wochen wurde im Einvernehmen zwischen Polizeistellen und Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren wegen Landfriedensbruch geführt.“[19]

Zu dem 2. Verfahren erklärte der Rechtsanwalt der Eltern Rattays und der Schwester des Vorfallopfers, Wolfgang Meyer-Franck: „Mit dem Ermittlungsverfahren gegen einen Toten sind die Behörden über ihren gesetzlichen Auftrag hinausgegangen und haben die Behörden ein Verfahren betrieben, für das sie keine gesetzlichen Grundlagen hatten. Gemäß § 206 a StPO ist ein Verfahren mit dem Tod des Beschuldigten einzustellen, da der Tod ein absolutes Verfahrenshindernis im strafprozessualen Sinne darstellt.“ Der Anwalt ging davon aus, dass damit „als Beschuldigte in Betracht kommende Polizeibeamte von ihren Kollegen nur als Zeugen befragt [werden sollten]. Ermittlungsziel: u.a.: Hat K.-J. Rattay einen Angriff auf den Bus verübt?.“[20]

Das Todesermittlungsverfahren (1.) wurde am 3. Dezember 1981 eingestellt,

„da kein hinreichender Tatverdacht für ein Fremdverschulden vorliege. Dem Busfahrer habe nicht nachgewiesen werden können, daß er seine Fahrweise nicht der Verkehrssituation angepaßt habe. […] Ein objektives Spurenbild sei nicht vorhanden, da ‚unmittelbar nach dem Vorfall eine bei tödlichen Verkehrsunfällen übliche Spurensicherung nicht stattgefunden‘ habe.“

Der Tagesspiegel, 4. Dezember 1981[21]

Am 15. Februar 1982 beantragte Rechtsanwalt Wolfgang Meyer-Franck auf einer Pressekonferenz, „daß aufgrund der jetzt vorgelegten Materialien die Ermittlungen wieder aufgenommen und Anklage gegen die Verantwortlichen erhoben wird.“[22]

Bus mit zerstörter Frontscheibe und Beule nach dem Zusammenprall mit Rattay

„Mit einem bisher unbekannten Super-8-Film, neuen Spurenfotos und 14 weiteren Zeugen wollen die Anwälte den ursächlichen Zusammenhang zwischen dem Polizeieinsatz gegen Demonstranten und dem Tod Rattays belegen. […] Neuen Gutachten zufolge trügen Polizisten sowie der BVG-Busfahrer ‚eine strafrechtliche Verantwortung für den Tod‘ des jungen Mannes. [… Es sei möglich …] die genaue Aufprallstelle des fliehenden Demonstranten Rattay auf dem Vorderblech des Busses zu rekonstruieren.“

Volksblatt Berlin, 16. Februar 1982[23]

Die Staatsanwaltschaft Berlin nahm die Ermittlungen am 22. Februar 1982 wieder auf,[24] eine Anklageerhebung wurde jedoch am 22. April 1982 erneut abgelehnt, da „ein Fremdverschulden am Tod Rattays auch aufgrund neuer Zeugenaussagen und Bilddokumente nicht nachweisbar gewesen sei.“[25]

Gemessen an der Polizeimeldung vom 22. September 1981, die einen Angriff Rattays und einen Steinhagel, wo keiner war, unterstellt hatte, konnte der tatsächliche Ablauf über die Gerichtsverfahren zwar weitgehend aufgeklärt werden, doch wurde eine Klageerhebung gegen den Busfahrer in letzter Konsequenz verhindert.

Rechtsanwalt Meyer-Franck bewirkte mit einem Klageerzwingungsverfahren unter Beiziehung eines Verkehrsgutachtens am 21. März 1983 eine Verhandlung vor dem 2. Strafsenat des Kammergerichts Berlin. Am 22. April 1983 beschloss jedoch das Kammergericht, den Klageerzwingungsantrag zurückzuweisen.

Wenn auch den Anstrengungen, den tödlichen Vorfall auf gerichtlichem Wege klären zu lassen, kein Erfolg beschieden war, so wurde in der aufwendigen Vorbereitung der Verfahren doch eine hohe Zahl von Zeugen bekannt und umfangreiches Bildmaterial erschlossen. Dies war auch deshalb von Bedeutung, da nach der Darlegung von Rechtsanwalt Meyer-Franck 18 Zeugen

„von der Staatsanwaltschaft zu unrecht ohne weitere inhaltliche Prüfung ausgeschieden [wurden]. Einziges Kriterium hierfür war, daß sie das Anstoßgeschehen nicht in Übereinstimmung mit dem Spurenbild lokalisieren konnten. Wenn berücksichtigt wird, daß sich die Kreuzung in voller Bewegung befand und der Vorfallsbus beim Anstoß in Fahrt war, so ist eine korrekte Lokalisierung des Anstoßgeschehens schwierig, zumal zwischen Anstoß und Endlage des vom Bus Erfaßten nach den Feststellungen des Sachverständigen mindestens 5 bis 10 m liegen.“

Pressemitteilung, S. 87[26]

Zudem konnte auch die Staatsanwaltschaft aufgrund der fehlenden Spurensicherung die Anstoßstelle nicht genau festlegen.

Diese Kritik an der Zeugenauswahl wurde vom Kammergericht anerkannt, doch sah es darin keinen ausreichenden Grund zu einer erneuten Zulassung des Verfahrens.

In der Folge kam es noch zu einem Verfahren vor dem Verwaltungsgericht Berlin, das am 25. Januar 1984 feststellte, dass „Demonstranten rechtswidrig vom Grundstück Bülowstraße von der Polizei abgedrängt“ wurden. „Die Berufung, die Polizeipräsident Hübner gegen das Urteil beim Oberverwaltungsgericht […] eingelegt hatte, zog er […] am 20. März dieses Jahres [1986] […] zurück.“[27]

Da sich die Gerichtsverfahren insgesamt über Jahre hinzogen, blieben in der Öffentlichkeit die unterschiedlichsten Varianten des Vorfalls präsent, die aber schon bald hinter der politischen Wertung des Geschehens zurückstanden.

Politische Auswirkungen[Bearbeiten]

Am Sonntag, den 27. September zogen rund 25.000 Demonstranten vom Fehrbelliner Platz zum Dennewitz Platz unweit des Vorfallsortes. „Die meisten Spruchbänder forderten in unterschiedlichen Variationen den Rücktritt Lummers.“[28]

Am Montag, den 28. September lehnte das Berliner Abgeordnetenhaus den Misstrauensantrag der Alternativen Liste (AL) gegen Innensenator Lummer mit der Mehrheit der regierenden Parteien CDU und FDP ab: „Die SPD hatte sich wegen innerparteilicher Zwistigkeiten nur zur Stimmenthaltung durchringen können, […] drei SPD'ler stimmten mit der AL.“[29] Auch eine Minderheit in der Regierungspartei FDP enthielt sich der Stimme.

Der vom Regierenden Oberbürgermeister von Weizsäcker am 26. September 1981 einberufene und von der B.Z. mit großen Vorschußlorbeeren bedachte Gesprächskreis[30] – war nur mit Vertretern der traditionellen Parteien und Verbände besetzt. „Der Kreuzberger Baustadtrat Orlowsky teilte Weizsäcker schriftlich mit, daß er nicht an dem Gespräch teilnehmen könne, weil wieder einmal ‚nur über jene, um die es doch geht‘, gesprochen werde, ‚statt mit ihnen‘.“[31] Die Versammlung vertagte sich auf den 7. Oktober.

Eine „Gegenveranstaltung“ der Hausbesetzer fand mit 1.500 Teilnehmern am 29. September im Tempodrom statt. Dabei ging es jedoch vor allem um die Selbstverständigung.[32]

Obwohl der „Gesprächskreis“ in der ursprünglichen Form keinen Bestand hatte, war das Eis gebrochen – es ging nun um die Voraussetzungen akzeptabler Lösungen: „Wir sind nach wie vor für eine Gesamtlösung und gegen eine Spaltung in ‚Gut und Böse‘“ schrieben die Besetzer, während „SPD und FDP fast gleichlautend von einer ‚ernsthaften Bereitschaft des Senats zu einem umfassenden Dialog‘ sprachen“[33] Eine zunehmend gewichtige Rolle spielte dabei die Evangelische Kirche, deren Gemeinden auf Bezirksebene häufig in Kontakt mit besetzten Häusern standen.

Die von Staatsseite durch die Räumungen am 22. September 1981 beabsichtigte Schwächung der Bewegung war nicht erfolgt. Ihre ungebrochene Kraft brachte diese ein knappes Jahr später, am 11. Juli 1982 während der sogenannten „Reagan-Demo“ nachhaltig in Erinnerung. Erst nachdem 1983 die Legalisierungen zugestanden waren und viele Besetzer Verträge abschlossen, konnten die Häuser der Verweigerer nach und nach geräumt werden – zuletzt der „Kuckuck (Kunst- und Kulturzentrum Kreuzberg)“. Die Stadt ging wieder zur Tagesordnung über.

Nachleben[Bearbeiten]

Am Gedenkort für Klaus-Jürgen Rattay am 22. September 2011

Die 1981 angelegte Gedenksteinplatte[34] für den Verstorbenen existiert noch heute in der Potsdamer Straße/Ecke Bülowstraße vor der Commerzbank-Zentrale.

Der Sänger Heinz Rudolf Kunze widmete Rattay 1982 das Lied „Regen in Berlin“, das die niedergeschlagene Stimmung unter den Hausbesetzern nach dem tödlichen Vorfall einfängt.

Bekannt wurde auch der Refrain „Scheiben klirren und ihr schreit – Menschen sterben und ihr schweigt“ des Songs „Septemberblumen“ der Gruppe „Sorgenhobel“ aus Berlin.

Literatur[Bearbeiten]

Film[Bearbeiten]

  • Häuser, Hass und Straßenkampf: Der Film (Erstausstrahlung im RBB am 25. September 2006) berichtet über den Verlauf der „Hausbesetzer-Bewegung“ 25 Jahre später und enthält Passagen des Panorama-Interviews mit K.J. Rattay einen Tag vor seinem Tod. Das Filmteam besuchte auch den Vater von K.J. Rattay und lässt ihn Näheres von seinem Leben und von seinem Sohn erzählen.
  • Der Tod von Klaus-Jürgen Rattay Ausschnitt aus dem Film Häuser, Hass und Straßenkampf
  • Super8-Film Tod Rattay, 3 min., in Ausschnitten in Nachrichtensendungen und in voller Länge im Beitrag über die Räumungen in Panorama am 29. September 1981. In:50 Jahre Panorama
  • Die Super8-Aufnahmen über die Umstände des Vorfalls wurden im Zusammenhang mit einer Darstellung der in den ersten Tagen laufenden Pressekampagne über die vorgebliche Täterschaft Rattays zu einem Kurzfilm zusammengefasst und vom Filmverleih Gegenlicht mit 15 Kopien 1981 / 1982 zur Gegendarstellung eingesetzt.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. youtube.com: Videobericht über den Tod von Rattay mit Sterbeurkunde
  2. Interview in Panorama, ausgestrahlt von der ARD am 29. September 1981.
  3. Die Häuser: Winterfeldtstraße 20, 22, 24, Bülowstraße 89, Knobelsdorffstraße 40/42, Dieffenbachstraße 10 und Hermsdorfer Straße 4
    In: Zitty, Nr. 21/81, Ute Büsing, Betrifft: Die Räumungen, S. 8.
  4. Vorgang dokumentiert im Super8-Film, in: Panorama, 29. September 1981.
  5. die tageszeitung (taz) 24. September 1981, S. 4.
  6. taz vom 2. Oktober 1981, S. 22.
  7. taz vom 1. Oktober 1981, S. 16.
  8. taz vom 24. September 1981, S. 3.
  9. B.Z. 23. September 1981, S. 5.
  10. Bild Berlin 24. September 1981, S. 1,4.
  11. Der Tagesspiegel 25. September 1981, S. 1.
  12. Vgl. Kommission will Tod bei Räumung in Berlin klären. In: Frankfurter Rundschau, 13. Oktober 1981.
  13. B.Z. (Berliner Zeitung), „Der Tod des Maskierten“, 23. September 1981, S. 1.
  14. taz: 23. September 1981, S. 16.
  15. stern: „Blamage für den Staatsanwalt“, 10/1982, 4. März 1982, S. 306.
  16. Der Tagesspiegel: „Ein unpolitisches Opfer“, 29. August 1997, S. 13.
  17. Der Tagesspiegel: „Der Tod hat den Blick für die Maßstäbe geschärft“, 14. September 1997, S. 10.
  18. ARD, 60xDeutschland. http://www.60xdeutschland.de/1981-jahresschau/ (3. Juni 2013)
  19. Pressemitteilung RA Wolfgang Meyer-Franck, 15. Februar 1982, S. 2.
  20. Pressemitteilung RA Meyer-Franck, 15. Februar 1982, S. 2.
  21. Der Tagesspiegel: „Tod Rattays bleibt ungeklärt“ 4. Dezember 1981
  22. Pressemitteilung, S. 3.
  23. Volksblatt Berlin: „Neue Beweise im Fall Rattay“, 16. Februar 1982, S. 11.
  24. taz: „Staatsanwaltschaft nimmt Ermittlungen erneut auf“, 24. Februar 1982, S. 15.
  25. Der Tagesspiegel: „Verfahren Rattay eingestellt“, 23. April 1982.
  26. Pressemitteilung, S. 87.
  27. taz: „Polizeipräsident gibt auf“, 3. April 1986, S. 20.
  28. taz, 28. September 1981, S. 16.
  29. taz, 29. September 1981, S. 4.
  30. „Morgen 10 Uhr! Das neue große Datum in der Berliner Geschichte.“, B.Z., 25. September 1981, S. 1.
  31. taz, Diepgen als einziger Vertreter der Jugend?, 28. September 1981, S. 16.
  32. taz-Titel: „Ein Dia-Abend der Bewegung“, 1. Oktober 1981, S. 16.
  33. taz, Nix genaues weiß man nicht, 1. Oktober 1981, S. 16.
  34. Sie stehen mit Ihren Füßen darauf. In: der Freitag, 22. September 2006