Klaus-Jürgen Rattay
Klaus-Jürgen Rattay (* 6. Dezember 1962[1] in Kleve am Niederrhein; † 22. September 1981 in Berlin) war ein deutscher Hausbesetzer, der bei einer Demonstration starb.
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Soziale und politische Lage [Bearbeiten]
Rattay war in der Hausbesetzerszene der 1980er Jahre aktiv. Dass in Berlin einerseits ganze Häuser leer standen und andererseits Wohnungsknappheit herrschte, hatte seine Ursache in der in den 60er-Jahren eingeleiteten Flächensanierung, der systematisch ganze Altbau-Wohnblocks zum Opfer fielen: Häuser, die jahrelang vorher schon „entmietet“ waren, riefen nicht nur den Unmut und Widerstand Betroffener hervor. Auch die Bevölkerung in den alten Quartieren verurteilte diesen „Kahlschlag“.
Ende der 70er-Jahre entwickelte sich nicht nur in Berlin eine Szene junger Menschen, die leerstehende Häuser besetzten und bewohnten um der Wohnungsknappheit auf ihre Weise zu begegnen (Instandbesetzungen). Mitte 1981 waren in Berlin über 160 Häuser besetzt. Es gelang dadurch im Zusammenhang mit Planern und Architekten der IBA (Internationale Bauausstellung 1984), der liberalen Öffentlichkeit und der in mehreren Bezirksverordnetenversammlungen Fuß fassenden Alternativen Liste (ab 1993 Bündnis 90/Die Grünen) das Konzept der „Behutsamen Stadterneuerung“ durchzusetzen. Siehe auch: „12 Grundsätze der Stadterneuerung“. Diese Entwicklung verlief jedoch nicht reibungslos - die damalige Zeit war von politischen Kontroversen charakterisiert, die von den Besetzern, ihren Unterstützern und der Polizei häufig auf der Straße ausgetragen wurden. Auftakt der militanten Konflikte war die Schlacht am Fraenkelufer am 12.12.1980. Der 1981 ins Amt gekommene Innensenator Heinrich Lummer (CDU) propagierte eine harte Haltung und die sofortige Räumung illegal genutzter leerstehender Häuser. Im Sommer 1981 beschloss der Senat einen entscheidenden Schlag gegen die „Hochburgen“ der Hausbesetzer zu unternehmen.
Jugend Rattays [Bearbeiten]
Nachdem er zuvor eine Berufsausbildung abgebrochen hatte und von zu Hause ausgezogen war, schloss sich Klaus-Jürgen Rattay 1980 der Berliner Hausbesetzerszene an. Zuvor war er drei Monate durch ganz Europa getrampt; nur in Berlin habe er, so in einem ARD-Interview, ein Klima vorgefunden, das ihm zusagte: „Es ist einfach astrein, wie die Leute zusammenleben, Wohngemeinschaften, im besetzten Haus, echt optimal (...) weil in Berlin viel mehr los ist, als woanders in Europa, weil ich mich wohler fühle hier, weil da kein Zwang ist“. Angesichts der bevorstehenden Räumung des Hauses, vor dem das Interview gedreht wurde, gab er an: „Ich hab' gleichzeitig Angst und ich hab' gleichzeitig auch Mut zu kämpfen“.[2]
Tod eines Demonstranten [Bearbeiten]
Nach der Räumung von acht besetzten Häusern[3] im Rahmen einer groß angelegten Polizeiaktion am 22. September 1981, gab Innensenator Lummer im zuvor geräumten Haus Bülowstraße 89 eine Pressekonferenz. Vor dem Gebäude fanden sich nach und nach ca. 200 Personen ein, die gegen die Anwesenheit des Senators protestierten. Durch einen Polizeieinsatz wurden die Störer erst auf die andere Fahrbahn der Bülowstraße verdrängt und anschließend bis auf die Potsdamer Straße vertrieben. Nach allgemeinem Bekunden ruhte dort der Verkehr infolge einer Rotphase, doch wenig später fuhr u.a. ein Bus der BVG an, erfasste auf der Fahrbahn der Potsdamer Straße unterhalb der Hochbahn den 18jährigen Klaus-Jürgen Rattay und schleifte ihn unter dem linken Vorderrad zu Tode.
Erst vor der Zentrale der Commerzbank wurde der Bus von einer Menschenmenge gestoppt und setzte zurück. Nach heftigen Auseinandersetzungen rund um das Fahrzeug hielt sich die Polizei vom Schauplatz fern bis ein Rettungswagen der Feuerwehr den leblosen Körper abholte.[4] Danach besetzte die Polizei die Straßenkreuzung und ein Wasserwerfer säuberte bald darauf den Platz. Eine Spurenaufnahme fand nicht statt. Eine am Nachmittag über die Presseagenturen AP und Reuters verbreitete und erst in der Tagesschau allgemein dementierte Meldung, ein Polizist sei erstochen worden, heizte die Stimmung gefährlich an.[5]
Gegen Abend des 22. September strömten Tausende zum Ort des Geschehens (die Presse schrieb von 10-15.000 Teilnehmern). Nach einer lange schweigsamen Versammlung kommt es nach der Umstellung durch die Polizei bis in die frühen Morgenstunden zu weitläufigen Gewalthandlungen.
Der als Ort des Gedenken eingerichtete Straßenabschnitt wurde in den folgenden Tagen und Wochen immer wieder zum Schauplatz von Auseinandersetzungen und polizeilichen Abräumungen. Die Räumung eines besetzten Hauses in der Nähe - Pohlstraße 59 - wenige Tage später, diente vor allem der Beseitigung eines logistischen Stützpunktes für den Betrieb der Gedenkstätte.
In zahlreichen deutschen Städten und auch in Amsterdam kam es zu Solidaritätskundgebungen.[6] Der Hergang des Vorfalles war sofort - vor allem über die Presse - heftig umstritten. Die Versionen reichten vom Angriff Rattays auf den Bus und dem Selbstverschulden seines Todes (Polizei-Mitteilung)[7] bis zur Darstellung von Zeugen, der Bus sei ohne Rücksicht in die Menschenmenge gefahren. In der Presse wurden auch Fotos gedruckt, die nach Verlautbarung des Leiters des Berliner Staatsschutzes, Manfred Kittlaus, beweisen sollten, dass Rattay mit einem fotografierten Demonstranten identisch sei, der unmittelbar vor der Räumung in der Winterfeldtstraße Barrikaden mit Benzin angezündet habe und ein gefährlicher Gewalttäter gewesen sei.[8]
Die allmählich veröffentlichten weiteren Fotos und der Super8-Film (ein zweiter folgte später) konnten einige Aspekte des Vorfalles klären - vor allem den, dass der Bus vor dem Zusammenprall nicht angegriffen worden war -, doch gibt es vom exakten Moment des Anstoßes keine Bild-Dokumente.
Die politische Initiative übernahm am 24. September der Regierende Bürgermeister Richard von Weizsäcker, der alle gesellschaftlichen Gruppen zu einem Gespräch „über Wege zum inneren Frieden“ einlud. Die SPD verlangte dabei auch Besetzer und Vermittler einzubeziehen, was sich als schwierig erwies.[9] Eine weitere Räumung besetzter Häuser wurde vorerst eingestellt.
Drei Wochen nach dem Tod Rattays bildete sich eine „unabhängige Untersuchungskommission“, der unter anderen Bundesverfassungsrichter a. D. Martin Hirsch, Professorin Uta Ranke-Heinemann und Pfarrer Jörg Zink angehörten.[10] Nachdem die Ermittlungen noch im Dezember desselben Jahres eingestellt worden waren, bemühten sich die Eltern des Achtzehnjährigen vergebens um Wiederaufnahme des Verfahrens, die im August 1982 abgelehnt wurde.[11]
Nachleben [Bearbeiten]
Der 1981 angelegte Gedenkstein[12] für den Verstorbenen existiert noch heute in der Potsdamer Straße /Ecke Bülowstraße vor einer Commerzbank-Filiale zwischen den Gehwegplatten. Der Sänger Heinz Rudolf Kunze widmete Rattay 1982 das Lied „Regen in Berlin“, das die niedergeschlagene Stimmung unter den Hausbesetzern nach dem tödlichen Vorfall einfängt.
Literatur [Bearbeiten]
- Irene Lusk, Christiane Zieseke (Hrsg.): Stadtfront: BerlinWestberlin. Elefanten Press, Berlin 1982, ISBN 3-88520-100-3
- Michael Wildenhain: Die kalte Haut der Stadt. (Roman), Fischer Taschenbuch, Frankfurt 1995, ISBN 3-59612358-5, Vorwort
- Ermittlungsausschuss im Mehringhof (Hrsg.): abgeräumt?. 8 Häuser geräumt … Klaus-Jürgen Rattay tot. Berlin 1981
Film [Bearbeiten]
- Häuser, Hass und Straßenkampf: Der Film (Erstausstrahlung im RBB am 25. September 2006) berichtet über den Verlauf der „Hausbesetzer-Bewegung“ 25 Jahre später und enthält Passagen des Panorama-Interviews mit K.J. Rattay einen Tag vor seinem Tod. Das Filmteam besuchte auch den Vater von K.J. Rattay und lässt ihn Näheres von seinem Leben und von seinem Sohn erzählen.
- Der Tod von Klaus-Jürgen Rattay Ausschnitt aus dem Film Häuser, Hass und Straßenkampf
- Super8-Film Tod Rattay, 3 min., in Ausschnitten in Nachrichtensendungen und in voller Länge im Beitrag über die Räumungen in Panorama am 29.09.1981. In:50 Jahre Panorama
Weblinks [Bearbeiten]
Einzelnachweise [Bearbeiten]
- ↑ youtube.com: Videobericht über den Tod von Rattay mit Sterbeurkunde
- ↑ Interview in Panorama, ausgestrahlt von der ARD am 29. September 1981.
- ↑ Die Häuser: Winterfeldtstraße 20, 22, 24, Bülowstraße 89, Knobelsdorffstraße 40/42, Dieffenbachstraße 10 und Hermsdorfer Straße 4 In: Zitty, Nr. 21/81, Ute Büsing, Betrifft: Die Räumungen, S.8.
- ↑ Vorgang dokumentiert im Super8-Film, in: Panorama, 29.09.1981
- ↑ Die tageszeitung 24.09.1981, S.4.
- ↑ Die tageszeitung 24.09.1981, S.3
- ↑ BZ 23.09.1981, S.5.
- ↑ Bild 24.09.1981, S.1,4
- ↑ Der Tagesspiegel 25.09.1981, S.1
- ↑ Vgl. Kommission will Tod bei Räumung in Berlin klären. In: Frankfurter Rundschau, 13. Oktober 1981.
- ↑ Vgl. Rattay-Akten bleiben zu. In: Frankfurter Rundschau, 28. August 1982.
- ↑ Sie stehen mit Ihren Füßen darauf. In: der Freitag, 22. September 2006
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Rattay, Klaus-Jürgen |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Hausbesetzer |
| GEBURTSDATUM | 6. Dezember 1962 |
| GEBURTSORT | Kleve |
| STERBEDATUM | 22. September 1981 |
| STERBEORT | Berlin |