Klaus Theweleit

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Klaus Theweleit (* 7. Februar 1942 in Ebenrode, Ostpreußen)[1] ist ein deutscher Literaturwissenschaftler, Kulturtheoretiker und Schriftsteller.

Leben[Bearbeiten]

Theweleit wurde im ostpreußischen Ebenrode – heute Nesterow, Russland – als Sohn eines Eisenbahnbeamten geboren und wuchs nach der Flucht der Familie in Schleswig-Holstein auf.[2][3] Er studierte Germanistik und Anglistik in Kiel und Freiburg. Sein Studium finanzierte er durch Jobs im Hoch- und Tiefbau, auf einer Kieler Werft oder beim Kraftfahrt-Bundesamt in Flensburg.[2] Von 1969 bis 1972 arbeitete er als freier Mitarbeiter für den Südwestfunk.[4]

Mit seiner „summa cum laude“ bewerteten Dissertation Freikorpsliteratur: Vom deutschen Nachkrieg 1918−1923 wurde er 1976 zum Dr. phil. promoviert.[5][2] Die Doktorarbeit war die Grundlage für das 1977/1978 erschienene zweibändige Werk Männerphantasien.

Nach seiner Promotion wollte ihn die Freiburger Universität aufgrund seiner, so Gerhard Kaiser, „ungezügelten Intelligenz” kein Proseminar abhalten lassen.[6][5] Später lehrte er am Institut für Soziologie der Universität Freiburg und an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin. Von 1998 bis 2008 war er Professor für Kunst und Theorie an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe. 2002 und 2003 war er Fellow des Kollegs Friedrich Nietzsche.[7]

Theweleit lebt in Freiburg, ist als freier Autor tätig und hat Lehraufträge in Deutschland, den USA, der Schweiz und Österreich. Er ist Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland. Theweleit ist seit 1972 verheiratet (seine Frau ist Psychoanalytikerin) und hat zwei Söhne.[8]

Männerphantasien[Bearbeiten]

Theweleits zweibändige Untersuchung Männerphantasien entstand im Kontext der Aufarbeitung des Nationalsozialismus und gilt als eines der ersten Werke der deutschen und internationalen Männerforschung.[9] Das 1.174 Druckseiten umfassende, zweibändige Werk erschien im Verlag Roter Stern und wurde nach Erscheinen sowohl in linksalternativen und feministischen sowie in Mainstream-Publikationen ausführlich rezipiert. In einer achtseitigen Spiegel-Rezension bezeichnete Rudolf Augstein das Buch als die „vielleicht aufregendste deutschsprachige Publikation dieses Jahres“.[6] Mit diesem Buch wurde Theweleit weit über die linke Subkultur hinaus bekannt.[5]

In dem stark an Konzepten der Psychoanalyse und von Gilles Deleuze und Félix Guattari orientierten Buch untersuchte Theweleit faschistisches Bewusstsein und die soldatische Prägung des Ich. Darüber hinaus versuchte er, einige der verbreiteten psychoanalytischen Ansichten über den faschistischen Männertyp umzuformulieren. Er behandelt darin insbesondere die Literatur der deutschen Freikorps der Zwischenkriegszeit. Angeregt sind seine Thesen außerdem durch die Arbeit der amerikanischen Psychoanalytikerin Margaret Mahler, die in ihrem 1969 erschienenen Buch On human symbiosis and the vicissitudes of individuation psychotische Kinder beschreibt, deren Züge Theweleit mit den Attitüden der Autoren – Hermann Ehrhardt, Gerhard Roßbach, Martin Niemöller, Rudolf Höß, Ernst Jünger, Ernst von Salomon, Paul von Lettow-Vorbeck und Manfred von Killinger – vergleicht, die den Ausgangspunkt seiner (zunächst literaturwissenschaftlichen) Untersuchung bilden.

Gemeinsam sei sowohl den genannten Kindern als auch den von Theweleit angeführten Autoren u.a. eine Unfähigkeit zu menschlichen Beziehungen, ein Entgleisen der libidinösen menschlichen Objektwelt und ein aggressionsgesättigtes, chaotisiertes „Inneres“. Weder bei den von Mahler beschriebenen Kindern noch bei dem (durch die genannten Autoren repräsentierten) faschistoiden Männertyp sei ein von innen heraus gewachsenes Ich im Sinne der Freudschen Psychoanalyse – als Mittler zwischen der Welt und dem Es – voll entwickelt. Aufgrund dieses Mangels sei der faschistoide Typ, ähnlich wie Mahlers Patienten, von jederzeit hereinbrechenden unlustvollen symbiotischen Zuständen bedroht und darum zu ständiger Angstabwehr gezwungen.

Im Gegensatz zu den beschriebenen Kindern seien Erwachsene vom „faschistischen Typ“ jedoch hoch funktional und in keiner Weise autistisch, was Theweleit dadurch erklärt, dass diese Personen durch erlittene Prügel und militärischen Drill ein sekundäres Ich in Form eines „Körperpanzers“ erworben haben, dessen äußere Kennzeichen u. a. militärische Strammheit, Steifheit und Unterkühltheit seien.

Buch der Königstöchter[Bearbeiten]

Im März 2013 erschien sein 736 Seiten umfassendes Buch der Königstöchter; es ist das Teil des auf vier Bände angelegten Pocahontas-Komplex. In seinem Zentrum stehen Sagen und Erzählungen über die antike Königstochter Medea und die indianische Häuptlingstochter Pocahontas. Das materialreiche und üppig illustrierte Buch schildert sie als herausgehobene Beispiele für die zahlreichen weiblichen Opfer eingeborener Völkerschaften, die fremden und sich als kulturell überlegen betrachtenden Kolonisatoren bei deren Landnahme fremden Bodens dienstbar wurden. Theweleit beschreibt sie als – teils gezwungene, teils aus Liebe willfährige – Überläuferinnen in die Kultur der Invasoren.

Ausführlich befasst sich Theweleit mit der griechischen Mythologie, genauer: mit jenem Teil, der die Kolonisation der Gebiete, die später Griechenland genannt wurden, durch indogermanische „Völker-Wanderer“, reflektiert und rechtfertigt. Die Mythen erzählen von „Groß-Göttern“, welche Königstöchter schwängern und anschließend dafür sorgen, dass deren Väter ihr Land verlieren“.[10] Die von den verführten oder vergewaltigten Königstöchern geborenen Kinder kommen als Heroen (Halbgötter) „in die Welt als Agenten ihrer Götterväter und arbeiten gegen die Kultur ihrer Mütter; bis zu deren Unterwerfung unter die Gebote und Verfahren der Kultur der siegreich einwandernden griechischen Olympier“.[11]

Werke (Auswahl)[Bearbeiten]

als Autor

  • Männerphantasien 2 Bde., Verlag Roter Stern/Stroemfeld 1977, 1978, Lizenzausgabe als TB bei Rowohlt 1983−94, DTV, Piper 2000.
    • Bd. 1: Frauen, Fluten, Körper, Geschichte, 1977.
    • Bd. 2: Männerkörper. Zur Psychoanalyse des Weißen Terrors, 1978.
  • K. Th., mit Martin Langbein: Bruch, Verlag Roter Stern/Stroemfeld, 1980. Beiheft zu Art Spiegelman: Breakdowns.
  • Buch der Könige (auf 4 Bände angelegt)
  • Objektwahl (All You Need Is Love …). Über Paarbildungsstrategien & Bruchstück einer Freudbiographie, Stroemfeld, Basel 1990, ISBN 3-87877-321-8.
  • One + One. Rede für Jean-Luc Godard, Brinkmann & Bose 1995
  • Das Land, das Ausland heißt. Essays, Reden, Interviews zu Politik und Kunst, dtv, München 1995, ISBN 3-423-30449-9.
  • Heiner Müller. Traumtext, Stroemfeld, Basel 1996, ISBN 3-87877-579-2.
  • Ghosts: drei leicht inkorrekte Vorträge. Stroemfeld, Frankfurt am Main, 1998, ISBN 3-87877-744-2.
  • Der Pocahontas Komplex (auf 4 Bände angelegt)
    • PO: Pocahontas in Wonderland. Shakespeare on Tour. Stroemfeld, Frankfurt am Main 1999, ISBN 3-87877-751-5.
    • CA: Buch der Königstöchter. Von Göttermännern und Menschenfrauen. Mythenbildung vorhomerisch, amerikanisch. Stroemfeld, Frankfurt am Main 2013, ISBN 978-3-87877-752-6.
    • TAS: „You give me fever“. Arno Schmidt. Seelandschaften mit Pocahontas. Die Sexualität schreiben nach WW II. Stroemfeld, Frankfurt am Main 1999, ISBN 3-87877-754-X.
  • Nicht drängeln! Dreimal anklopfen. In: Elisabeth Schweeger und Eberhard Witt (Hrsg.): Ach Deutschland! Belville, München 2000, ISBN 3-933510-67-8, S. 45–57.
  • Der Knall: 11. September, das Verschwinden der Realität und ein Kriegsmodell. Stroemfeld, Frankfurt am Main 2002, ISBN 3-87877-870-8.
  • Deutschlandfilme. Godard. Hitchcock. Pasolini. Filmdenken & Gewalt. Stroemfeld, Frankfurt am Main 2003, ISBN 3-87877-827-9.
  • Tor zur Welt: Fußball als Realitätsmodell. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2004, ISBN 3-462-03393-X.
  • Friendly Fire: Deadline Texte. Stroemfeld, Frankfurt am Main 2005, ISBN 3-87877-940-2.
  • Absolute(ly) Sigmund Freud. Songbook. Orange-Press, Freiburg 2006, ISBN 3-936086-21-4.
  • mit Rainer Höltschl: Jimi Hendrix. Eine Biographie. Rowohlt, Berlin 2008, ISBN 978-3-87134-614-9.

als Herausgeber

CDs[Bearbeiten]

  • Das RAF-Gespenst. 2-CD-Set, 130 Minuten. Köln: supposé 2001, ISBN 3-932513-23-1
  • Ekstasen der Zeitenmischung. Geschichtsdarstellung in der Kunst. 2-CD-Set, 160 Minuten. Köln: supposé 2001, ISBN 3-932513-22-3
  • BST − VIOSILENCE. Audio-CD, 50 Minuten. Musik: Walter Berger, Christian Schaeffer, Klaus Theweleit. Köln: supposé 2001, ISBN 3-932513-24-X

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Kevin S. Amidon und Dan Krier: On Rereading Klaus Theweleit's Male Fantasies. In: Men and Masculinities. 11, Nr. 4, 2009, S. 488–496. doi:10.1177/1097184X08322611
  • Lutz Niethammer: Male Fantasies: an argument for and with an important new study in history and psychoanalysis. In: History Workshop Journal. 7, Nr. 1, 1979, S. 176–186. doi:10.1093/hwj/7.1.176
  • Klaus Theweleit: Alles muß man so machen, daß jeder, der es sieht, ausrufen kann, das kann ich auch. In: Uwe Nettelbeck (Hrsg.): Die Republik. Nr. 18–26, 30. April 1978, S. 464–603. Auch zu Theweleits Ablehnung durch die Universität.
  • Gerd Dembowski: Vertheweleitet. Vermeidbare Romantisierungen einer Männerfantasie. In: Ders.: Fußball vs. Countrymusik. Essays, Satiren, Antifolk. Papyrossa, Köln 2006, ISBN 3-89438-369-0, S. 80–84.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Caroline Fetscher: Der Inspirator. In: Der Tagesspiegel, 7. Februar 2012. Abgerufen am 1. Oktober 2012.
  2. a b c Klaus Theweleit. In: Munzinger-Archiv. Abgerufen am 1. Oktober 2012.
  3. Klaus Theweleit: Männerphantasien: Frauen, Fluten, Körper, Geschichte. Roter Stern/Stroemfeld, Frankfurt a.M. 1977, ISBN 978-3-87877-111-1, S. 7–8.
  4. Theweleit, Klaus. In: Bayerischer Rundfunk. Abgerufen am 1. Oktober 2012.
  5. a b c Sven Reichardt: Klaus Theweleits „Männerphantasien” – ein Erfolgsbuch der 1970er Jahre. In: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, Online Ausgabe 3 (2006), Heft 3.
  6. a b Rudolf Augstein: Frauen fließen, Männer schießen. In: Der Spiegel, 19. Dezember 1977. Abgerufen am 1. Oktober 2012.
  7. Forschung – Kolleg Friedrich Nietzsche – Fellowships. In: Klassik Stiftung Weimar. Abgerufen am 1. Oktober 2012.
  8. http://www.ardmediathek.de/swr2/swr2-zeitgenossen?documentId=19590306
  9. Franziska Bergmann und Jennifer Moos: Männer und Geschlecht. In: Freiburger GeschlechterStudien 21, 2007, S. 13–37.
  10. Klaus Theweleit: Buch der Königstöchter. Von Göttermännern und Menschenfrauen. Mythenbildung vorhomerisch, amerikanisch. Stroemfeld, Frankfurt am Main 2013, S. 225.
  11. Klaus Theweleit: Buch der Königstöchter. Von Göttermännern und Menschenfrauen. Mythenbildung vorhomerisch, amerikanisch. Stroemfeld, Frankfurt am Main 2013, S. 225.
  12. absolute-Reihe. In: Orange Press. Abgerufen am 28. November 2012.
  13. Merck-Preis für Klaus Theweleit. In: Der Tagesspiegel, 13. Mai 2003. Abgerufen am 1. Oktober 2012.
  14. Badische Zeitung, 3. Februar 2014: badische-zeitung.de: Klaus Theweleit erhält Reinhold-Schneider-Preis (8. Februar 2014)