Kleinzschocher

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Wappen von Leipzig
Kleinzschocher
Stadtteil von Leipzig
Koordinaten 51° 18′ 50″ N, 12° 19′ 20″ O51.31388888888912.322222222222Koordinaten: 51° 18′ 50″ N, 12° 19′ 20″ O.
Fläche 3,13 km²
Einwohner 8695 (31. Dez. 2011)
Bevölkerungsdichte 2778 Einwohner/km²
Eingemeindung 1891
Postleitzahl 04229
Vorwahl 0341
Stadtbezirk Südwest
Verkehrsanbindung
Eisenbahn ehem. Leipzig-Plagwitz–Markkleeberg-Gaschwitz
Straßenbahn 3
Quelle: Leipzig-Lexikon; statistik.leipzig.de
Kleinzschocher auf einer Karte um 1840

Kleinzschocher ist ein Stadtteil im Südwesten von Leipzig und war bis zu seiner Eingemeindung 1891 eine selbständige Gemeinde. Auf dem Gebiet der Gemeinde liegt der Volkspark Kleinzschocher.

Geschichte[Bearbeiten]

Kleinzschocher entstand im 11. Jahrhundert als slawisches Gassendorf. Ausgangspunkt der Besiedlung war dabei der Hügel, auf dem heute die Taborkirche steht und der damals eventuell als Kultstätte gedient hat (sog. Tanzberg). 1287 wurde der Ort erstmals als „pavorum Scochere“ (Zschocher altslaw.Zypergras“) erwähnt. Kleinzschocher bestand zu dieser Zeit aus einem südlich der Kirche gelegenen Oberdorf mit Hirtenviertel und einem nördlich gelegenen Unterdorf mit Häuslerviertel und Bauerngütern. Die Familie Hayn wurde 1350 als erster Besitzer des Rittergutes urkundlich erwähnt. 1484 heißt der Ort Cleyne Tschocher. Mit der Reformation wurden die umliegenden Dörfer Groß-Miltitz, Schleußig und Plagwitz eingepfarrt (Parochie Kleinzschocher). In Kleinzschocher wohnten 1562 schon 34 Familien. 1599 erhielt Kleinzschocher eine eigene Schule. 1632 wurde das Dorf von Tillyschen Reitern geplündert und zerstört. 1636 und 1680 grassierte die Pest. Am 26. August 1703 wütete ein Großfeuer im Dorf, wodurch auch ein Großteil der historischen Aufzeichnungen vernichtet wurde. Dem Brand fielen 26 Häuser, Pfarrhaus, Schule und Rittergutsschäferei zum Opfer. Die Kirche wurde gerettet. Eine große Belastung kam 1706 bis 1707 auf die Bevölkerung zu, als Kleinzschocher zur Truppenverpflegung im Nordischen Krieg verurteilt wurde. Der öffentliche Pranger wurde 1731 abgeschafft.

Schloss Kleinzschocher, um 1860
Die Dorfkirche Kleinzschocher um 1850
Das Schloss nach dem Umbau
Die Gartenseite des Schlosses um 1915
Die Meyerschen Häuser 1916
Die ehemalige Gaststätte
„Goldener Adler“

Im Jahre 1742 gelangte das Rittergut in den Besitz des Kammerherrn Karl Heinrich von Dieskau. Bei der Übernahme des Guts wurde die von Johann Sebastian Bach komponierte Bauernkantate am 30.August 1742 uraufgeführt. Zwei Jahre später bestand der Ort aus 90 Häusern, 52 Gütern, Ziegelei, Schäferei, Hirtenhaus, Pfarrhaus, Kirche und Schule. 1812 erwarb der Kaufmann David Johann Förster das Schloss Kleinzschocher. Er legte in der Folgezeit zur Förderung der Gutsgärtnerei Gewächshäuser an und gestaltete das nahe gelegene Hahnholz zu einem öffentlichen Park um. Dabei wurde auch das Liebesdenkmal errichtet.

Im Oktober 1813 flüchtete die Bevölkerung von Kleinzschocher während der Völkerschlacht in den Auewald. Mit 134 bewohnten Gebäuden (280 Familienhaushalte mit zusammen 1242 Einwohnern) gehörte Kleinzschocher 1815 zu den größten Dörfern nahe Leipzig. 1817 beherbergte Kleinzschocher 300 Einwohner, 23 Pferde und 260 Kühe. Bis 1834 stieg die Einwohnerzahl auf 724. An die zwischen Schleußig und Kleinzschocher stattfindenden Kampfhandlungen französischer und österreichischer Truppen erinnert heute ein 1913 eingeweihtes Doppeladler-Denkmal. 1848 wurde der Leipziger Verleger Christian Bernhard Tauchnitz neuer Rittergutsbesitzer, der im gleichen Jahr den Westflügel des Schlosses ausbauen und das gesamte Schloss 1865 von Constantin Lipsius grundlegend umbauen ließ. Der Allgemeine Turnverein Kleinzschocher wurde 1849 gegründet.

Die Situation der arbeitenden Bevölkerung war ab 1870 einem Wandel unterworfen: Waren bis dato viele der Einwohner im Maurer- und Zimmereihandwerk beschäftigt, arbeitete nun der Großteil in den Textil- und Metallfabriken von Plagwitz. 1877 wurde hier der bedeutende Volkshygieniker und Mitbegründer des Dresdner Hygienemuseums Arthur Luerssen geboren. Im gleichen Jahr wurde die Windmühle, welche sich auf dem heutigen Gießerplatz befindet, abgerissen und durch eine neue Windmühle aus Stein ersetzt. 1879 öffnete in Kleinzschocher eine Agentur der Deutschen Reichspost. Da diese aber keinen Telegrafen besaß, musste Kleinzschocher im Notfall durch Plagwitz oder Großzschocher informiert werden. Die Körner-Apotheke wurde 1886 von Paul Wild eröffnet und ist noch heute in Betrieb. Obwohl die Apotheke mehrmals umgebaut wurde, ist ein Teil der originalen Jugendstil-Einrichtung der Offizin erhalten geblieben. 1888 wurde von Rudolph Sack an den Kleinzschochernschen Feldern, heute Kantatenweg, eine landwirtschaftliche Versuchsstation eröffnet, dort befand sich nach 1945 das Volksgut Kleinzschocher. Heute befinden sich auf dem Gebiet ein Sportplatz und eine Schule.

Zum 1. Januar 1891 wurde der Ort nach Leipzig eingemeindet, fünf Jahre später erhielt der Stadtteil Anschluss an das Straßenbahnnetz der LVB. Im Jahr 1892 fand das erste Turn- und Sportfest des Leipziger Arbeitersports statt. Außerdem wurde im gleichen Jahr der Friedhof Kleinzschocher eröffnet. Pfarrer Gottfried Christian Lohse (1854–1906) leitete die erste Beerdigung. Richard Lucht erbaute die Kapelle im Stile der Neoromanik. Bedingt durch die herrschende Wohnungsnot begann nach der Eingemeindung die Erschließung von Bauland und intensiver Wohnungsbau (insbesondere Meyer’sche Häuser ab 1908). Von 1902 bis 1904 wurde die neoromanische Taborkirche nach Plänen von Arwed Roßbach erbaut. Sie ist die einzige zweitürmige Kirche im Leipziger Stadtgebiet. 1905 wurde die in unmittelbarer Nachbarschaft der Taborkirche gelegene alte Dorfkirche abgerissen.

Am 1. Januar 1909 wurde auch der 140 ha große Rittergutsbezirk Kleinzschocher nach Leipzig eingemeindet. Von 1910 bis 1913 wurde für den Industriellen Rudolph Sack ein Landschaftspark gestaltet (Robert-Koch-Park). Nach dem Ersten Weltkrieg erwarb die Stadt das Rittergut und veräußerte die dazugehörigen Felder. Auf ihnen entstanden in der Folge zahlreiche Wohnbauten. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde in Kleinzschocher ein Kriegs- und Flüchtlingslager errichtet. Dem Bombenhagel der Luftangriffe fiel neben der 49. Volksschule auch das Schloss zum Opfer.

Stolperstein-Seckelsohn.jpg
Kolumbarium-Theresienstadt.jpg
Stolperstein und Gedenktafel für Dr. Seckelsohn

1992 lebten in Kleinzschocher etwa 9600 Menschen. Im September 1994 wurde beschlossen, Kleinzschocher zum Sanierungsgebiet zu machen. Es war im Rahmen des Förderprogrammes URBAN II ein Bereich der Stadtentwicklung im Leipziger Westen. Besonders zu erwähnen sind die Neugestaltung der Industriebrache Rolf-Axen-Straße, Aufwertung und Neugestaltung von Wegeverbindungen und öffentlichen Freiflächen im Bereich Kantatenweg und Neugestaltung des südlichen Eingangsbereiches des Volksparks Kleinzschocher.

Schloss Kleinzschocher (Nebengebäude), heutiger Zustand (2013)

Seit 2008 gibt es nach Abriss der alten Volksschwimmhalle das neue „Sportbad an der Elster“. Das Leistungsangebot und die Größe des Schwimmbeckens unterscheidet es von den anderen Schwimmhallen der Stadt.

Vorerst äußerlich strahlt die Leonhardsche Villa in neuem Glanz. Der Erbauer war so begeistert von den Villen am Meeresstrand von Monte Carlo, dass er 1903 ein Ebenbild in Kleinzschocher errichtet hat.

Für den im KZ Theresienstadt umgekommenen jüdischen Arzt Berthold Seckelsohn wurde 2010 vor seiner ehemaligen Praxis in der Dieskaustraße 10 ein Stolperstein gesetzt. Im Folgejahr wurde im Kolumbarium Theresienstadt eine Tafel angebracht.

Am Adler, einer wichtigen Straßenkreuzung, die ihren Namen einem goldenen Adler an einer ehemaligen Gaststätte verdankt, informiert eine Tafel über einen möglichen Rundgang durch den Stadtteil. In einem Flyer (s. Commons) sind ebenfalls die einzelnen Rundgangsstationen aufgeführt.

In Kleinzschocher befindet sich die traditionsreiche Alfred-Rosch-Kampfbahn, eine Radrennbahn.


Bildung[Bearbeiten]

In Kleinzschocher befindet sich die Johannes-Kepler-Schule (Gymnasium der Stadt Leipzig) und die Fritz-Gietzelt-Schule (Förderschule).

Verkehr[Bearbeiten]

Die Linie 3 der Straßenbahn verbindet den Stadtteil mit dem Zentrum, außerdem tangieren die Linien 1 und 2 den Stadtteil im Westen und Norden. Des Weiteren besteht Anschluss an die wichtige Leipziger Buslinie 60.

Der Bahnhaltepunkt Leipzig-Kleinzschocher lag an der derzeit nicht im Personenverkehr bedienten Bahnstrecke Leipzig-Plagwitz–Markkleeberg-Gaschwitz.

Literatur[Bearbeiten]

  • C. Arendt, T. Nabert: Kleinzschocher – Ein Ortsteil auf alten Ansichtskarten. Pro Leipzig, Leipzig 2011, ISBN 978-3-936508-74-1
  • C. Arendt: Mein Kleinzschocher. Pro Leipzig, Leipzig 2010, ISBN 978-3-936508-63-5
  • B. Otto, R. Teubner, A. Tienelt, I. Uhlrich, Interessengemeinschaft „Buch Kleinzschocher“: Geschichte und Geschichten aus dem Leipziger Stadtteil Kleinzschocher Teil II. Leipzig 2009, ISBN 978-3-00-028481-6,
  • B. Otto, R. Teubner, A. Tienelt, I. Uhlrich, Interessengemeinschaft „Buch Kleinzschocher“: Stadtteilgeschichte Kleinzschocher. Leipzig 2007,
  • Ilse Uhlrich-Jehnichen: Die Taborkirche Leipzig-Kleinzschocher in ihrem historischen Umfeld: Vergangenheit und Perspektiven eines Wohngebietes. Leipzig 1994
  • Hartmut Mai: Taborkirche Leipzig-Kleinzschocher. Schnell und Steiner, Regensburg 1998, ISBN 3-7954-5972-9
  • Bernd Rüdiger, Harald Kirschner: Kleinzschocher: Eine historische und städtebauliche Studie. Pro Leipzig, Leipzig 1995
  • Andrea Lorz: Biografische Fragmente von Dr. med. Berthold Seckelsohn. Ärzteblatt Sachsen 11/2013 (PDF; 133 kB)
  • Im Leipziger Elsterland. Von Plagwitz bis Hartmannsdorf. Pro Leipzig 1997, ISBN 3980536831
  • Rat des Stadtbezirks Leipzig-Südwest: Leipzig-Südwest. 1.Auflage, Graphischer Großbetrieb Leipzig, 1989
  • Friedrich Popelka: Aus der Chronik von Leipzig-Kleinzschocher – Vom Sorbendorf zum Grosstadtteil. Eigenveröffentlichung für den Schulgebrauch, 1935

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Kleinzschocher – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien