Kliestow

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Kliestow (Begriffsklärung) aufgeführt.

52.3674514.51434754Koordinaten: 52° 22′ 3″ N, 14° 30′ 52″ O

Kliestow
Höhe: 54 m ü. NN
Fläche: 1,2 km²
Einwohner: 1108 (31. Dez. 2012)[1]
Postleitzahl: 15234
Vorwahl: 0335

Kliestow ist ein Ortsteil der kreisfreien Stadt Frankfurt (Oder).

Geographie[Bearbeiten]

Gebietsgliederung Frankfurt Oders, Lage Kliestows hervorgehoben.

Geographische Lage[Bearbeiten]

Kliestow liegt vier Kilometer nordwestlich der Stadt Frankfurt (Oder), zwischen dem Ostrand des Landes Lebus, der Oderniederung und dem Gebiet der Booßener Teiche, etwa 80 km östlich von Berlin.

Nachbargemeinden[Bearbeiten]

Westlich von Kliestow liegt Booßen, ein Ortsteil von Frankfurt (Oder). Im Nordosten grenzt das Amt Lebus an. Im Süden liegt die Stadt Frankfurt (Oder).

Ortsgliederung[Bearbeiten]

Zum Ort gehört die Siedlung Hexenberg, die etwa 800 m nördlich von Kliestow liegt.

Größe[Bearbeiten]

Kliestow ist zum Jahresende 2010 drittgrößter Ortsteil von Frankfurt (Oder). Von den 1105 Einwohnern waren 553 weibliche gemeldet.[2] 2005 hatte Kliestow noch 1.194 Einwohner.

Feuerwehr[Bearbeiten]

Die Freiwillige Feuerwehr Kliestow wurde 1885 gegründet. Sie besitzt zwei Fahrzeuge, ein TLF 20/25 und ein HLF 20/16. Es gibt eine Jugendfeuerwehr mit neun Mitgliedern (Stand: 2011).

Geschichte[Bearbeiten]

Die Geschichte Kliestows beginnt mit der Besiedlung im 8./9. Jahrhundert bis hin zur Ostkolonisation im 12. Jahrhundert durch slawisch-wendische Stämme. Flurbezeichnungen wie Wendischer Hof, eine ehemalige Siedlung, wie auch Kleine Kliestow (Einödshof) am Triftweg erinnern an slawische Besiedlung.

Die Slawen bauten im 9./10. Jahrhundert drei Kilometer nördlich von Kliestow eine Wallburg, die im 10. Jahrhundert durch eigene Hand einem Brand zum Opfer fiel. Aufgrund der bei Ausgrabungen gefunden Tongefäße werden die Liutizen oder die Wilzen als Erbauer der Burg angesehen.

Inwiefern der slawische Burgwall bei Kliestow zum Ort selbst gehörte oder ein Teil der Burg in Lebus war, ist nicht zweifelsfrei geklärt. Der Grundriss der Burg unterscheidet sich jedoch wesentlich von den nahe gelegenen Volksburgen Reitweiner Wallberge und Burgwall Lossow, bei denen der gesamte Innenraum mit Häusern bebaut war.[3]

Der Name des Ortes ist vielleicht auf den früher östlich gelegenen Kliester See (auch Kliestsee genannt) zurückzuführen. Zur Unterscheidung vom Hof „Klein Kliestow“ (später „Wendischer Hof“) wurde er auch Groß Kliestow genannt. Der östlich vom alten Wendischen Hof gelegene See war 1926 nur noch als tief gelegene, bei hohem Wasserstand der Oder überschwemmte Wiesenfläche erkennbar.[4] Heute befindet sich dort ein großes Schilfgebiet.

Der Wendische Hof oder Klein Kliestow ist nach dem Erwerb durch Kliestow im Jahre 1510 in der Feldmark von Kliestow aufgegangen und wurde nicht wieder besiedelt.[4]

Die erste urkundliche Erwähnung des Ortes als ville clistow stammt aus dem Jahr 1320. Herzog Rudolf von Sachsen beschenkte die Stadt Frankfurt mit dem Dorf Cliestow. Er führte seit dem Tod des brandenburgischen Markgrafen Waldemar die Regierung zunächst für die Witwe und später als anmaßlicher Erbe. Mit seinem Geschenk wollte er sich die Freundschaft und Unterstützung der Frankfurter sichern. Aber schon 1338 war Bischof Stephan II. von Lebus der Besitzer des Dorfes.[5]

Frankfurt hatte lange Zeit wegen der Zerstörung der bischöflichen Stadt Göritz (heute Górzyca) unter dem Bann des Bischofs gestanden. Als sich die Stadt mit dem Bischof aussöhnte, wollte sie ihm als Sühne die Marienkirche als bischöfliche Kathedrale einräumen. Das verhinderte aber der Kaiser, der das Patronat an dieser Kirche dem Landesherren vorbehalten wissen wollte. Stattdessen trat nun die Stadt den größten Teil des Dorfes Cliestow an den Bischof ab.

Im Jahre 1527, an der Schwelle der neuen Zeit (Reformation), als die Macht des Bischofs ins Wanken geraten war, weigerte sich der Rat, dem Bischof wie Untertanen den Lehnseid zu schwören. Man rief deshalb den Kurfürsten an. Dieser bestimmte, das ganze Lehen gegen eine Zahlung von 300 Gulden der Stadt zu überlassen. Das Domkapitel gab dazu aber nicht die Zustimmung. 1528 wurde bestimmt, dass von jetzt an zwei Ratsmitglieder das Lehen übernahmen. Diese mussten einen Eid auf den Landesherren und die Stadt leisten. Der Bischof verzichtete auf die Anrede an die Frankfurter als „liebe Getreue“. Von dieser Zeit an wechselte Cliestow sehr oft den Besitzer (Lehnsherren).

1589 wurde Cliestow für 4.380 Taler an Liborius von Schlieben verkauft. Das Gut blieb in dieser Familie bis 1706. Dann kaufte es die Stadt Frankfurt für 24.000 Taler zurück. Während des Dreißigjährigen Krieges hatte Cliestow sehr gelitten. Das Dorf wurde total zerstört. Die aus Granit gebaute Kirche überstand als einziges Gebäude diese Zeit. Die Raub- und Plünderungszüge führten im Jahre 1633 zur Einäscherung des Dorfes. Erst 1639 wurde ein Teil des Kirchenackers wieder bestellt, der größere Teil allerdings erst 1651, nachdem er 1650 gerodet wurde.

Ab 1759 war ein gewisser Hückel Pächter. Er übernahm schließlich das Gut in Erbpacht. Die Herrlichkeiten aber blieben im Besitz der Stadt, wie zum Beispiel die Gerichtsbarkeit und die Steuern. In der Familie Hückel blieb das Gut bis 1854. In diesem Jahr übernahm den Besitz die Familie Scherz, die es dann bis zur Bodenreform 1945 behielt.

Der Ort lag noch kurz vor Beendigung des Zweiten Weltkrieges wochenlang an der Oderfront. Am 5. Februar 1945 mussten alle Kliestower den Ort vor der vorrückenden Front verlassen. Kliestow war in jenen Tagen fast leer und nur zögernd kehrten die Flüchtlinge zurück.

Als erste Reform nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches erfolgte die Landreform. Im Zuge dessen wurde 1945 auch die Familie Scherz enteignet, die fast 500 Hektar Land besaß.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann man in Kliestow Braunkohle im Tagebau zu fördern.[6] Der Kohleabbau endete 1925 mit der Schließung der Grube „Vaterland“. Eigens für den Transport der Kohle erhielt Kliestow Anschluss an die Preußische Ostbahn mit einem Bahnhofsgebäude an der Berliner Chaussee, das heute als Wohnhaus dient. Der Bahnhof "Grube Vaterland" erhielt am 15. November 1934 die Bezeichnung "Kliestow (Kreis Lebus)".[7] Nördlich des Gebäudes erkennt man heute noch den Bahndamm. Die Schienen wurden jedoch nach 1945 abmontiert und als Reparationen in die Sowjetunion verbracht. Die Strecke ermöglichte insbesondere während des Zweiten Weltkrieges eine direkte Verbindung von Frankfurt (Oder) nach Küstrin (heute Kostrzyn nad Odrą). In der Nähe von Wilhelmshof und der Wüste Kunersdorf befand sich der Anbindungspunkt an die über Booßen nach Lebus führenden Bahngleise. Eine alte Backsteinbrücke (in der Nähe des Gutsparks) und mit Kopfsteinen gepflasterte Abschnitte des Bahndamms, bei denen es sich um Bahnübergänge handelte, sind bis heute erhalten.

Kliestower Kirche.
Ehemaliges Gemeindehaus und Schule.

Siedlungen und Wohnanlagen[Bearbeiten]

Der Hexenberg[Bearbeiten]

Die Herkunft des Namens ist nicht geklärt. Die Siedlung entstand Anfang 1950 für diejenigen, die im Rahmen der Bodenreform Land erhielten. Der ursprüngliche Name dieses Gebietes war „Am Weiler“; bis auf eine große Scheune stand dort nichts. Der Name „Am Weiler“ rührt von einem in der Nähe der heutigen Siedlung gelegenen zeitweilig Wasser führenden kleinen See am ehemaligen Bahndamm. Nach starken Regenfällen findet man diese Stelle noch heute.

Wohnanlage am Frankfurt Weg[Bearbeiten]

Anfang der 1980er Jahre errichteten die LPG und die GPG zwischen der Berliner Chaussee und dem Gutspark eine Wohnanlage für ihre Mitglieder. Die Grundstücke haben alle die gleiche Größe und die einstöckigen unterkellerten Häuser mit Garage sind alle baugleich. Errichtet wurden die Häuser von Gefangenen.

Wohnanlage Sonnenhang[Bearbeiten]

Die Mitte der 1990er Jahre am östlichen Ortsrand in der Nähe des sogenannten Kohlenbergs von der Firma Westphalbau errichtete Wohnanlage besteht aus Reihen- und Einfamilienhäusern. Dort wohnt auch der Boxstar Axel Schulz. Einst befanden sich hier ein Möbellager und der dazugehörige Löschwasserteich, der im Zuge der späteren Errichtung eines Einfamilienhauses zugeschüttet wurde.

Historische Bauwerke und Gebäude[Bearbeiten]

  • Kirche

Evangelisches Gemeindehaus (ehemalige Schule) und Turnhalle[Bearbeiten]

Nach einem Entwurf von Curt Steinberg entstand 1913 der zweiflüglige, eingeschossige Putzbau über V-förmigen Grundriss mit einem hohen Satteldach. Auf dem Balken der Vorlaube finden sich die Inschriften "Erbaut zum Besten der Gemeinde" und "Der Herr segne deinen Ausgang und Eingang". Ursprünglich befanden sich im Inneren rechts und links eines Mittelflures zwei große Räume.[8] Heute befindet sich eine Wohnstätte des Wichernheim Frankfurt an der Oder e.V. für behinderte Menschen darin.

Gutshaus mit Park[Bearbeiten]

Um 1850/1860 erbauter unterkellerter zweigeschossiger Putzbau mit Satteldach.[9] Nach 1945 wurde die untere Etage des Gebäudes als Kinderkrippe (linker Flügel), Kindergarten (rechter Flügel hinten) und Schulhort (rechter Flügel Vorderseite) genutzt. Im Obergeschoss befanden sich 3 Mietwohnungen.

In der Nacht vom 11. zum 12. August 2005 wurde das Gebäude durch einen Brand stark in Mitleidenschaft gezogen. Das Feuer, das auf dem Dachboden wütete, konnte nur bedingt durch die Feuerwehr bekämpft werden, da das Gebäude aufgrund der Baufälligkeit nicht betreten werden konnte und die großen Dachblechplatten selbst verhinderten, dass das Wasser das Feuer erreichte. Erst in den frühen Morgenstunden gelang es der Freiwilligen Feuerwehr Kliestow mit Unterstützung der Berufsfeuerwehr der Stadt Frankfurt (Oder) und weiterer Ortsteilfeuerwehren, das Feuer unter Kontrolle zu bringen. Bis zum heutigen Tag gelang es weder dem Eigentümer, noch der Stadt Frankfurt (Oder), das Dach, des unter Denkmalschutz stehenden Gebäudes, zu reparieren.

Wohnstallhaus[Bearbeiten]

Im Winkelweg gegenüber der alten Schule steht dieses in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts errichtete märkische Mittelflurhaus. Es ist ein Lehmfachwerkhaus mit Satteldach und gehört zu den ältesten Wohnstallhäusern in Brandenburg. Leider findet es keinen Käufer, sodass es zusehends verfällt.

Mehrfamilienhaus mit Nebengebäude für Grubenarbeiter[Bearbeiten]

Am südöstlichen Dorfrand am alten Bahndamm entstand 1898 das sogenannte Grubenhaus mit Toilettenhaus und Stall. Ursprünglich für die Grubenarbeiter der Grube „Vaterland“ errichtet, wurde es später von Eisenbahnerfamilien bewohnt.

Wirtschaft und Infrastruktur[Bearbeiten]

Verkehr[Bearbeiten]

Kliestow liegt an der Bundesstraße 5, die von Berlin kommend nach Frankfurt (Oder) weiterführt. Der nächstgelegene Bahnhof befindet sich im zwei Kilometer entfernten zur Stadt Frankfurt (Oder) gehörenden Ortsteil Booßen. Nach Kliestow fahren die Buslinie 981 aus Frankfurt (Oder) und die Linie 967 aus Müncheberg.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Kliestow – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Cathrin Knop, Henry Maus: Einwohner mit Hauptwohnsitz - Stadt Frankfurt (Oder) - Stadtteile - 31.12.2012. Einwohnermelderegister/Kommunale Statistikstelle der Stadt Frankfurt (Oder), 22. Mai 2013, abgerufen am 30. Dezember 2013 (PDF, 26 kB).
  2.  Heinz Kannenberg: 1513 Menschen sind in Booßen zu Hause. In: Märkische Oderzeitung. 4. Februar 2011 (online, abgerufen am 26. März 2011).
  3.  Wilhelm Unverzagt: Der Burgwall von Kliestow, Kr. Lebus. In: Studien zur Vor-und Frühgeschichte, Carl Schuchardt zum 80. Geburtstag dargebracht. Berlin 1940, S. 73–87.
  4. a b  Peter P. Rohrlach: Lebus. In: Historisches Ortslexikon für Brandenburg. VII, Böhlau, Weimar 1983.
  5. Heinrich Andriessen: Zeit- und Kulturbilder aus der Kirchengeschichte der Stadt Frankfurt (Oder) auf Grund archivalischer Studien: Die Reformation in Frankfurt a. Oder. Die Geschichte der Georgengemeinde. Das Dorf Cliestow. Verlag der Buchhandlung von Gustav Harnecker, Frankfurt a. Oder 1909, S. 145.
  6. Klaus D. Zimmermann: Braunkohle an der Oder: Die Geschichte des märkischen Braunkohlenbergbaus in der Region Frankfurt (Oder) und Brieskow-Finkenheerd. Viademica, Berlin 2003, ISBN 3-932756-92-4.
  7. Oderzeitung vom 1. November 1934
  8. Gramlich, Bernhard, Cante, Küttner u.a.: Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland; Denkmale in Brandenburg Stadt Frankfurt (Oder). Worms am Rhein 2002, S. 355–356.
  9. Gramlich, Bernhard, Cante, Küttner u.a.: Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland; Denkmale in Brandenburg Stadt Frankfurt (Oder). Worms am Rhein 2002, S. 354–355.