Kniefall von Warschau

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52.24972220.99413Koordinaten: 52° 14′ 59″ N, 20° 59′ 38,87″ O

Bronzetafel am Denkmal des Kniefalls

Willy Brandts Kniefall von Warschau am 7. Dezember 1970 ist im Rahmen der von Brandt und seiner Regierung betriebenen Ostpolitik als eine in aller Welt wahrgenommene ikonische Demutsgeste ein wirkungsmächtiges Symbol der Bitte um Vergebung für die deutschen Verbrechen des Zweiten Weltkriegs.

Das Ereignis und seine unmittelbare Wirkung[Bearbeiten]

Als Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland legte Willy Brandt am 7. Dezember 1970 unmittelbar vor der Unterzeichnung des Warschauer Vertrags zwischen Polen und der Bundesrepublik Deutschland am Ehrenmal der Helden des Ghettos in Warschau einen Kranz nieder. Nach dem Richten der Kranzschleife verharrte er nicht wie üblich stehend, sondern sank auf die Knie und verharrte so schweigend etwa eine halbe Minute.

Hermann Schreiber, der zugegen gewesen war, schrieb eine Woche später im Nachrichtenmagazin Der Spiegel:

„Wenn dieser […] für das Verbrechen nicht mitverantwortliche, damals nicht dabeigewesene Mann nun dennoch auf eigenes Betreiben seinen Weg durchs ehemalige Warschauer Ghetto nimmt und dort niederkniet – dann kniet er da also nicht um seinetwillen. Dann kniet er, der das nicht nötig hat, da für alle, die es nötig haben, aber nicht da knien – weil sie es nicht wagen oder nicht können oder nicht wagen können. Dann bekennt er sich zu einer Schuld, an der er selber nicht zu tragen hat, und bittet um eine Vergebung, derer er selber nicht bedarf. Dann kniet er da für Deutschland.“[1]

Die Demutsbekundung war überraschend: für die Delegation, die Gastgeber und die Öffentlichkeit. International wurde sie als Bitte um Vergebung verstanden und zum Symbol der Ostpolitik, für die Willy Brandt 1971 der Friedensnobelpreis zuerkannt wurde. In der Bundesrepublik Deutschland stieß sie auch auf Ablehnung – nicht zuletzt aus den Reihen der CDU; Günter Grass spricht gar vom »Haß [...], der damals von den politischen Gegnern bewußt geschürt« worden sei.[2] Einer Spiegel-Umfrage zufolge fanden damals 48 Prozent der Westdeutschen den Kniefall übertrieben, 41 Prozent angemessen, 11 Prozent hatten keine Meinung dazu.[3] Die Presse der DDR erwähnte die Geste nicht.[4]

Wie überrascht und besorgt über die Wirkung in Deutschland Brandts Freunde waren, spiegelt sich auch in einem Text, den Günter Grass fünf Tage später verfasste:

„Wie wird man zu Hause davon berichten? Wird unterschwellig der Hang zur Verleumdung Nahrung finden und den Kniefall zum Kotau verbiegen? Aber alle Anzeichen – erstaunte, erschreckte, beschämte – bewiesen Betroffensein. (Ähnlich die polnischen Gastgeber: meinten sie doch, deutsches Verhalten zu kennen; dieses war ihnen neu. Das Wort ›Israel‹ wurde halblaut. Auch mag ein Rest Antisemitismus sich in seiner antizionistischen Verkleidung erkannt gefühlt haben.)“[5]

Spätere Bewertung[Bearbeiten]

Im Rückblick ist man sich einig, dass der Kniefall eine wichtige Rolle bei der Entspannung zwischen den Blöcken spielte. Der am gleichen Tag unterzeichnete Warschauer Vertrag erkannte die Unverletzlichkeit der faktischen polnischen Grenzen an. Für Polen unterschrieb der Ministerpräsident Józef Cyrankiewicz (1911–1989), ein Überlebender des KZ Auschwitz.[4]

Viel wurde darüber spekuliert, ob Brandt spontan gehandelt habe. Er selbst schrieb dazu in seinen 1989 erschienenen Erinnerungen:

„Immer wieder bin ich gefragt worden, was es mit dieser Geste auf sich gehabt habe. Ob sie etwa geplant gewesen sei? Nein, das war sie nicht. Meine engen Mitarbeiter waren nicht weniger überrascht als jene Reporter und Fotografen, die neben mir standen, und als jene, die der Szene ferngeblieben waren, weil sie »Neues« nicht erwarteten. […] Ich hatte nichts geplant, aber Schloß Wilanow, wo ich untergebracht war, in dem Gefühl verlassen, die Besonderheit des Gedenkens am Ghetto-Monument zum Ausdruck bringen zu müssen. Am Abgrund der deutschen Geschichte und unter der Last der Millionen Ermordeten tat ich, was Menschen tun, wenn die Sprache versagt.“[6]

Egon Bahr äußerte sich in seinen Erinnerungen Zu meiner Zeit 1996 wie folgt:

„Als die Wagenkolonne sich zum Ghetto-Ehrenmal in Bewegung setzt, vergleichen Berthold Beitz und ich unsere Eindrücke. Wir steigen in Ruhe aus und haben es nicht eilig, uns der dichten Menge von Journalisten und Photographen zu nähern – da wird es plötzlich ganz still. Daß dieses hartgesottene Völkchen verstummt, ist selten. Beim Nähertreten flüstert einer: »Er kniet.« Gesehen habe ich das Bild erst, als es um die Welt ging. Den Freund zu fragen, habe ich mich auch am Abend beim letzten Whisky gescheut. Daß einer, der frei von geschichtlicher Schuld, geschichtliche Schuld seines Volkes bekannte, war ein Gedanke, aber große Worte zwischen uns waren unüblich. »Ich hatte das Empfinden, ein Neigen des Kopfes genügt nicht.«“[7]

Walter Scheel schrieb 2010 in einem Brief an das Solinger Tageblatt:

„In dem Moment, als wir ausstiegen und vor das Mahnmal traten, war die Stimmungslage sehr überwältigend. Plötzlich sank Willy Brandt auf die Knie und jeder Mensch, der anwesend war, hätte es ihm gleichtun wollen und jeder hat diese Geste, diese vollkommen ungeplante und spontane Geste, für einzigartig und beeindruckend empfunden. […] Es war eine dieser Fähigkeiten Willy Brandts, die ich bei ihm so sehr geschätzt habe, die Menschen emotional anzusprechen und für alle erkennbare Zeichen zu setzen. Ich habe keinen Politiker erlebt, der vergleichbar gewesen wäre.“[8]

Willy-Brandt-Platz in Warschau
Denkmal des Kniefalls auf dem Skwer Willy'ego Brandta

Etwa 150 Meter nordwestlich des Ehrenmals und bis zum Bau des Museums der Geschichte der polnischen Juden von dort aus sichtbar, wurde dem Kniefall im Jahr 2000 ein Denkmal aus Backstein mit einer Bronzetafel von Wiktoria Czechowska Antoniewska errichtet. Das Areal um dieses Denkmal heißt inzwischen offiziell Skwer Willy'ego Brandta (Willy-Brandt-Platz).

2010 besuchte der damalige deutsche Bundespräsident Christian Wulff anlässlich des 40. Jahrestages des Kniefalls Polen.[4]

Künstlerische Bezugnahmen[Bearbeiten]

Der Komponist Gerhard Rosenfeld schuf eine Oper Kniefall in Warschau über Willy Brandt (Libretto von Philipp Kochheim, Uraufführung 1997 in Dortmund).

Willy Brandts Duz-Freund[9] Günter Grass lässt im Kapitel 1970[10] seiner Erzählungssammlung Mein Jahrhundert einen den »Kniefallkanzler« und Egon Bahr hassenden Journalisten in einem inneren Monolog darüber räsonieren, was er nun schreiben soll. Der Augenzeuge »muss [...] widerwillig dort segnen, wo er fluchen wollte und sollte; [...] [er muss so] einer der größten Gesten deutscher Nachkriegspolitik widerwillig Respekt zollen«.[11]

Siehe auch[Bearbeiten]

 Commons: Willy-Brandt-Denkmal in Warschau – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Hermann Schreiber: Ein Stück Heimkehr. In: Der Spiegel vom 14. Dezember 1970, S. 29 f.
  2. Günter Grass: Willy Brandt im Warschauer Ghetto. [1995]. In: Ders.: Werkausgabe. Bd. 16. Göttingen 1997, S. 422−424. Zitiert nach: Volker Neuhaus: Günter Grass: Mein Jahrhundert – 1970. In: Werner Bellmann, Christine Hummel (Hrsg.): Interpretationen. Deutsche Kurzprosa der Gegenwart. Reclam, Stuttgart 2006 (RUB), S. 244–249, hier 247.
  3. Kniefall angemessen oder übertrieben? In: Der Spiegel vom 14. Dezember 1970, S. 27.
  4. a b c Thomas Kröter: Die Kraft der Demut. In: Frankfurter Rundschau vom 6. Dezember 2010 zum 40. Jahrestag des Kniefalls.
  5. Günter Grass: Politisches Tagebuch. Betroffen sein. In: Ders.: Werkausgabe. Bd. 15. Göttingen 1997, S. 80–82, hier 82. Zitiert nach: Volker Neuhaus: Günter Grass: Mein Jahrhundert – 1970. In: Werner Bellmann, Christine Hummel (Hrsg.): Interpretationen. Deutsche Kurzprosa der Gegenwart. Reclam, Stuttgart 2006 (RUB), S. 244–249, hier 246f.
  6. Willy Brandt: Erinnerungen. Propyläen-Verlag, Frankfurt am Main 1989, S. 214.
  7. Egon Bahr: Zu meiner Zeit. Blessing-Verlag, München 1996, S. 341.
  8. Brandts Kniefall: Solinger Scheel erinnert sich. In: Solinger Tageblatt vom 8. Dezember 2010].
  9. Vgl.: Volker Neuhaus: Günter Grass: Mein Jahrhundert – 1970 In: Werner Bellmann, Christine Hummel (Hrsg.): Interpretationen. Deutsche Kurzprosa der Gegenwart. Reclam, Stuttgart 2006 (RUB), S. 244–249, hier 245.
  10. Günter Grass: Werkausgabe. Hg. von Volker Neuhaus und Daniela Hermes. Bd. 17. Steidl, Göttingen 1999, S. 257−260; Einzelabdruck in: Werner Bellmann, Christine Hummel (Hrsg.): Deutsche Kurzprosa der Gegenwart. Reclam, Stuttgart 2005 (RUB), S. 178–181.
  11. Volker Neuhaus: Günter Grass: Mein Jahrhundert – 1970. In: Werner Bellmann, Christine Hummel (Hrsg.): Interpretationen. Deutsche Kurzprosa der Gegenwart. Reclam, Stuttgart 2006 (RUB), S. 244–249, hier 249.

Literatur[Bearbeiten]

Siehe auch 40 Jahre Ostverträge – Literaturauswahl 1970–2011 (pdf, 91 Werke)

  • Bernd Rother: Willy Brandt – Der Kniefall von Warschau. In: Claudia Fröhlich, Michael Kohlstruck (Hrsg.): Engagierte Demokraten. Vergangenheitspolitik in kritischer Absicht. Münster 1999, S. 299–308.
  • Adam Krzemiński: Der Kniefall. Warschau als Erinnerungsort deutsch-polnischer Geschichte. In: Merkur 54 (November 2000), Heft 11, S. 1077–1088, (PDF; 923 kB) und in Étienne François, Hagen Schulze (Hrsg.): Deutsche Erinnerungsorte. C. H. Beck, Band 1, München 2001, S. 638–653.
  • Bernhard Giesen, Christoph Schneider (Hrsg.): Tätertrauma. Nationale Erinnerungen im öffentlichen Diskurs. Konstanz 2004. Darin:
    • Valentin Rauer: Geste der Schuld. Die mediale Rezeption von Willy Brandts Kniefall in den neunziger Jahren. S. 133–156.
    • Wolfgang Ludwig Schneider: Brandts Kniefall in Warschau. Politische und ikonographische Bedeutungsaspekte. S. 157–194.
    • Christoph Schneider: Der Warschauer Kniefall. Zur Geschichte einer Charismatisierung. S. 195–238.
  • Klaus-Dieter Hein-Mooren: Spontan oder geplant? Bemerkungen zu Willy Brandts Kniefall in Warschau. In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 55 (2004), S. 744–753.
  • Friedrich Kießling: Täter repräsentieren. Willy Brandts Kniefall in Warschau. Überlegungen zum Zusammenhang von bundesdeutscher Außenrepräsentation und der Erinnerung an den Nationalsozialismus. In: Johannes Paulmann (Hrsg.): Auswärtige Repräsentationen. Zur Selbstdarstellung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg. Köln 2005, S. 205–224.
  • Thomas Brechenmacher und Michael Wolffsohn: Denkmalsturz? Brandts Kniefall. Olzog Verlag, München 2005, ISBN 3-7892-8162-X. Einleitung und Schlusswort auch in dieselben: „Der Kanzler hat gekniet“. Brandts Kniefall – ein Leitstern der Politik. Rapporte der Konrad-Adenauer-Stiftung Nr. 16. 2010
  • Volker Neuhaus: Günter Grass: Mein Jahrhundert – 1970. In: Werner Bellmann, Christine Hummel (Hrsg.): Interpretationen. Deutsche Kurzprosa der Gegenwart. Reclam, Stuttgart 2006 (RUB), S. 244–249.
  • Christoph Schneider: Der Warschauer Kniefall. Ritual, Ereignis und Erzählung. UVK-Verlag, Konstanz 2006.
  • Nicola Hille: Willy Brandts Kniefall. Die politische Bedeutung, emotionale Wirkung und mediale Rezeption einer symbolischen Geste. In: Heidi Hein-Kircher (Hrsg.): Erinnerungsorte, Mythen und Stereotypen in Europa. = Miejsca pamięci, mity i stereotypy w Europie. Breslau 2008, S. 163–184.
  • Alexander Behrens (Hrsg.): Durfte Brandt knien? Der Kniefall in Warschau und der deutsch-polnische Vertrag. Eine Dokumentation der Meinungen. Verlag J.H.W.Dietz Nachf., Bonn 2010, ISBN 978-3-8012-0404-4.

Weblinks[Bearbeiten]

Fotos des Kniefalls