Kofferwort

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Ein Kofferwort, Schachtelwort oder Portmanteau-Wort ist ein Kunstwort, das aus mindestens zwei morphologisch überlappenden Wörtern entstanden ist, die zu einem inhaltlich neuen Begriff verschmolzen sind.[1] Der zugrundeliegende Wortbildungsprozess wird als Amalgamierung, Kontamination oder Wortkreuzung bezeichnet.

Etymologie[Bearbeiten]

In Lewis Carrolls erzählerischem Werk Through the Looking-Glass, and What Alice Found There (1871, dt. Alice hinter den Spiegeln) erklärt Humpty Dumpty der Titelheldin die seltsamen Wörter aus dem Gedicht Jabberwocky: Sie seien wie Koffer, bei denen zwei Bedeutungen in ein Wort gepackt seien. Carroll belegte dieses Phänomen folglich mit dem Begriff portmanteau, einem zeitgenössischen Wort für „Handkoffer“, das auch in der ersten deutschen Übersetzung der Erzählung von 1923 verwendet wurde und wiederum vom französischen porte-manteau „Kleidersack“ abgeleitet ist, einer Zusammensetzung aus porter „tragen“, und manteau „Mantel“. (Heute bedeutet das französische portemanteau „Kleiderbügel, Kleiderständer“.) Im Vorwort zu The Hunting of the Snark (1876) gibt Carroll eine Art Einführung in seine Wortbildungsmethode, doch ohne die formalen Bedingungen direkt anzusprechen.[2] In der Folge sprach man schon seit 1877 auch in anderem Zusammenhang von portmanteau words. Inzwischen wird der englische Begriff portmanteau auch im Französischen verwendet und hat sich daneben auch im Englischen und Deutschen zu einem Oberbegriff für bewusst erstellte Kofferwörter entwickelt.

  • Im Französischen ist der englische Begriff erstmals 1947[3][4] als mot-valise (pl.: mots-valise oder mots-valises) belegt, was wörtlich übersetzt „Wort-Handkoffer“ bedeutet.
  • In Deutschland tauchte in den 1920er Jahren die Übersetzung Schachtelwort auf[5][6], die in den großen Übersetzungswörterbüchern mindestens bis in die 1980er Jahre das Wort der Wahl blieb.[7]
  • Die Bezeichnung Kofferwort wird erstmals 1935 als Übersetzung aus dem Englischen erwähnt.[8] 1959 steht umgekehrt das englische Wort als Erklärung neben dem deutschen.[9] Seitdem verbreitete sich die Bezeichnung allmählich.[10]

Hermann Paul prägte 1880 das Wort Kontamination (von lateinisch contaminare „in Berührung bringen“). Er verstand darunter „den Vorgang, dass zwei synonyme oder irgendwie verwandte Ausdrucksformen sich nebeneinander ins Bewusstsein drängen, so dass keine von beiden rein zur Geltung kommt, sondern eine neue Form entsteht, in der sich Elemente der einen mit Elementen der anderen mischen“. Paul definierte Kontamination als versehentliche, individuelle und momentane Bildung, die allerdings durch Wiederholung und Personengruppen usuell werden kann. Mit Verwandtschaft meinte er sowohl Bedeutungsverwandtschaft als auch etymologische Herkunft, so dass seine Wortprägung Kontamination auch als Oberbegriff für unbewusste Wortbildungen verstanden werden konnte. Nach Garland Cannon (2000)[11] ist Kontamination der heute im Deutschen übliche Terminus, der sich gegenüber Begriffen wie Mischform und Vermischung durchgesetzt hat.[2]

Die Benennung bleibt im Deutschen – ebenso wie im Englischen, Französischen oder Spanischen – sehr uneinheitlich, was häufig beklagt wird. Als erster wies 1933 Harold Wentworth darauf hin.[12][2] Bei den Begriffen wird häufig zwischen dem Vorgang und dem Produkt unterschieden. Im Deutschen gibt es folgende, nicht immer eindeutig verwendete, und von manchen Autoren für Spezialfälle reservierte Bezeichnungen: „(Wort-)Kontamination“, „Port(e)manteau-Wort“ oder „Portmanteau-Bildung“, „Amalgam“ oder „Amalgamierung(sform)“, „Wortkreuzung“ oder „Kreuzungswort“, „Wortverschmelzung“, „Verschmelzungswort“, „Zusammenziehung“, „(haplologische) Wortzusammenziehung“, „haplologische Zusammensetzung“, „Kontraktion“, „Wortmischung“, „Wortvermischung“, „Mischwort“, „Kombi-Wort“, „Wortverschränkung“, „Klappwort“, „Kapselwort“, „Koppelwort“, „Teleskopwort“, „Tandemwort“, „Wortgebilde“, „Kontaminat“ und „Blending“ bzw. „Blend“ (engl. ‚Mischung‘).[2]

Beispiele[Bearbeiten]

Bekannte Beispiele für Kofferwörter sind:

Sehr häufig sind Kofferwörter im Italienischen wie zum Beispiel Polfer für Polizia ferroviaria (Bahnpolizei) oder elettrauto für den Autoelektriker.

Etwa 70 Jahre nach Lewis Carroll schuf James Joyce in seinem Spätwerk Finnegans Wake Tausende von Portmanteaus. Auch das experimentelle Sprachwerk Fa:m’ Ahniesgwow des deutschen Autors Hans G Helms benutzt fast durchgängig die Portmanteau-Technik. Im Titel seines Romans Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch übersteigerte Michael Ende 1989 ein Portmanteau humorvoll.

Schneifel“ hingegen ist kein Kofferwort aus „Schnee“ und „Eifel“, sondern der von „Schneise“ herrührende ursprüngliche Name.

Abgrenzung von anderen Wortbildungsarten[Bearbeiten]

Man kann das Kofferwort als eine Form der Abkürzung oder der Kurzwortbildung betrachten; diese Wortbildungsarten stellen Kurzformen sowohl von Langformen als auch von Syntagmen dar. Das Kofferwort unterscheidet sich von anderen Formen der Kurzwortbildung dadurch, dass es die Bedeutung der zugrundeliegenden Wörter zu einer neuen Bedeutungseinheit verbindet.

Am ehesten ist das Kofferwort in die Komposita einzuordnen, da es dem Kopulativkompositum sehr ähnelt. Anders als beim Kopulativkompositum, bei dem zwei Begriffe inhaltlich nebeneinander und gleichberechtigt stehen, verschmelzen beim Kofferwort zwei Begriffe inhaltlich zu einem neuen.

Eine Übersicht über dieses Thema bietet der Artikel Wortbildung.

Typisierung[Bearbeiten]

Morphologische Typen[Bearbeiten]

In der sprachwissenschaftlichen Literatur gibt es Einigkeit über folgende morphologische Typen, die allerdings unterschiedlich benannt und erklärt werden und hier zusammengefasst dargestellt bzw. bezeichnet werden:

Lautliche Kompromissbildung[Bearbeiten]

Es wird meist nur ein Vokal geändert wie bei: Dorf + Derp → Derf. Grund für diese sind häufig geographisch-bedingte Bildungen. Sie bilden einen sprachlichen Ausgleich zweier gleichberechtigter Begriffe (Synonyme) in einem mundartlichen Übergangsgebiet.

Haplologische Verkürzung[Bearbeiten]

Eine gemeinsame Lautfolge wird zum gemeinsamen bzw. verbindenden Element wie bei: Hotelführer + Verführer → Hotelverführer. Siehe: Haplologie

Wortüberschneidung[Bearbeiten]

Kofferwörter, die durch eine Wortüberschneidung entstehen, weisen keine gemeinsame Lautfolge auf wie zum Beispiel Mammut + Elefant → Mammufant. Meist entfallen hier dann von einer oder mehr Komponenten Wortsegmente.

Assonanz[Bearbeiten]

Hier erfüllt die Assonanz keinesfalls die sonst übliche rhetorische Funktion, sondern stellt lediglich ein gemeinsames homophones oder homographes Segment dar, das die Ausgangslexeme verbindet.

Semantische Typen[Bearbeiten]

Hans Ulrich Schmid beschreibt in einem Aufsatz von 2003 zehn weitere semantische Typen:

  • Der ikonische Typ weist ein symmetrisches Verhältnis der Hintergrundlexeme auf und ist meist eine kurzsilbige Bildung ohne gemeinsames Segment wie zum Beispiel: Demokratie + Diktatur → Demokratur.
  • Beim charakterisierenden Typus verweist ein Hintergrundlexem auf bestimmte Eigenarten des anderen, zum Beispiel: Schleppen + Laptop → Schlepptop.
  • Beim Beziehungstypus sagt ein Hintergrundlexem aus, in welcher Beziehung das andere gültig ist, zum Beispiel: Schach + Sachverstand → Schachverstand.
  • Beim kausalen, finalen bzw. konsekutiven Typus löst ein Hintergrundlexem semantisch das andere aus, zum Beispiel: slim + Gymnastik → Slimnastik – Hier löst Gymnastik die Schlankheit aus.
  • Beim pleonastischen Typus sind die Hintergrundlexeme synonym, zum Beispiel: Bulle + Polizist → Bullizist.
  • Beim antonymischen Typus sind die Hintergrundlexeme gegensätzlich, zum Beispiel: Schweiß + Eisheilige → Schweißheilige.
  • Beim kontradiktorischen Typus benennt ein Hintergrundlexem einen Sachverhalt (absichtlich) falsch, zum Beispiel: teuer + Euro → Teuro.
  • Beim metaphorischen Typus stellt das Wortgebilde eine Metaphorik mit der Wirklichkeit her, zum Beispiel: Lust + Luftballon → Lustballon als Bezeichnung für das Kondom.
  • Beim segmentumdeutenden Typus ist im ersten Hintergrundlexem das zweite schon vollständig enthalten. Das so entstandene Wortgebilde besteht dann nur aus einem Segment der beiden Hintergrundlexeme, zum Beispiel: Porno + no → PorNO.
  • Der freie Assoziationstyp ist ein Sprachspiel, das keinen logischen oder sachlichen Zusammenhang zwischen den Hintergrundlexemen aufweist, zum Beispiel: Haarlem als Bezeichnung für einen Friseursalon.

Verwendungsumgebung[Bearbeiten]

Markennamen sind mitunter als Kofferwort konstruiert, zum Beispiel Osram (Osmium und Wolfram), Tesa (Tesmer Elsa) oder Nescafé (Nestlé Café).

Portmanteaus ergeben sich auch aus der Zusammenfügung von zwei Wörtern mit gleichlautenden End- und Anfangssilben. Beispiele sind „Goethebüstenhalter“ (Erich Kästner) oder „Dachstuhlgang“.

Neben den oben erwähnten Autoren James Joyce und Michael Ende arbeiten postmoderne Schriftsteller wie Elfriede Jelinek oder Walter Moers gerne mit dieser Technik.

Nicht zu verwechseln sind diese Bildungen mit den noch häufigeren Kunstwörtern aus Wortanfängen. So sind Wortschöpfungen wie Haribo (aus Hans Riegel Bonn), Milka (aus Milch und Kakao), LEGO (aus „leg godt“, dänisch für „spiel gut“), Adidas (aus Adi Dassler) oder auch Persil (aus Perborat und Silikat) keine Kofferwörter.

Bildungsmotivation[Bearbeiten]

Kofferwörter können aus verschiedenen Gründen gebildet werden. Dies sind beispielsweise:

  • Versprecher
  • nominatives Bedürfnis
  • lautliche Kompromissbildung
  • Wortspiel
  • Gelegenheitsbildung

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Friedrich Maurer: Volkssprache. Abhandlungen über Mundarten und Volkskunde. Zugleich eine Einführung in die neueren Forschungsweisen, Palm & Enke (Fränkische Forschungen 1), Erlangen 1933
  • Walter Henzen: Deutsche Wortbildung, Niemeyer (= Sammlung kurzer Grammatiken germanischer Dialekte. B. Ergänzungsreihe Nr. 5), Halle an der Saale, 1947, S. 249–256
  • Irmhild Barz: Die Wortbildung. In: Duden – Die Grammatik 2005. 7., völlig neu bearbeitete und erweiterte Auflage. Herausgegeben von der Dudenredaktion. Mannheim etc. (= Duden 4), S. 641–772.
  • Hannelore Poethe: Wort(bildungs)spiele, in: Irmhild Barz u. a.: Das Wort in Text und Wörterbuch, Hirzel, Stuttgart 2001, S. 23–40, ISBN 978-3-7776-1154-9
  • Hans Ulrich Schmid: Zölibazis Lustballon. Wortverschmelzungen in der deutschen Gegenwartssprache, in: Muttersprache 3 (2003), S. 265–278
  • Hartmut Günther: Kontamination, in: Helmut Glück (Hrsg.): Metzler Lexikon Sprache, Stuttgart 2005, ISBN 3-476-02056-8
  • Hans Altmann, Silke Kemmerling: Wortbildung fürs Examen. Wiesbaden 2005-02, S. 42–44
  • Elke Donalies: Basiswissen Deutsche Wortbildung. Tübingen/Basel 2007
  • Cornelia Friedrich: Kontamination – Zur Form und Funktion eines Wortbildungstyps im Deutschen, Dissertation an der Philosophischen Fakultät der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen, 2008
  • Elke Donalies: Nachwortbildung – Linguistisches über Reizwörter. In: Ulrich Namislow: Reizwörterbuch für Wortschatzsucher. 2. Auflage. Obernburg 2009, S. 83–99.

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Kofferwort – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Anmerkungen und Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Harald Fricke, Rüdiger Zymner: Einübung in die Literaturwissenschaft: Parodieren geht über Studieren. UTB, 2007, ISBN 9783838516165, Seite 31. eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche.
  2. a b c d Cornelia Friedrich: Kontamination – Zur Form und Funktion eines Wortbildungstyps im Deutschen, Dissertation an der Philosophischen Fakultät der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen, 2008
  3. René Arcos, Paul Colin, Léon Bazalgette, Jean Guéhenno, Dominique Braga, Jean Cassou (Hrsg.): Europe: revue littéraire mensuelle, Ausgaben 19–20, Les Éditions Denoël, 1947, S. 86
  4. Les mots-valises, in: Cahiers du Sud, Ausgaben 287–292, 1948, S. 31
  5. Karl Strecker: Friedrich Hebbel: sein Wille, Weg und Werk, Ulster, 1925 [unpaginiert]
  6. Friedrich Wilhelm Eitzen: Der Irrgarten der Sprachen, Ferd. Dümmler, 1929, S. 72–88 („mit dem bislang in Deutschland wohl noch unbekannten Ausdruck ,Schachtelwort‘“, mit Hinweis auf Carroll)
  7. Cassel: 1936, 1962, 1978; Brockhaus: 1953, 1965, 1976; Langenscheidt: 1964, 1972, 1977, 1983, 1988; Klett: 1978; Gegenprobe mit Kofferwort: Keine Treffer.
  8. Adolf Josef Storfer: Wörter und ihre Schicksale, Atlantis-Verlag, Zürich, 1935, S. 46
  9. Muttersprache, Bd. 69, Gesellschaft für deutsche Sprache, 1959, S. 73
  10. Der Sprachdienst, Bd. 7, Gesellschaft für Deutsche Sprache, 1963, S. 104
    Heinz Ischreyt: Studien zum Verhältnis von Sprache und Technik, Bd. 4 von Sprache und Gemeinschaft: Studien, Schwann, 1965, S. 202
    Lutz Mackensen (Hrsg.): Gutes Deutsch in Schrift und Rede, Rowohlt, 1968, S. 75
  11. Garland Cannon: Blending, In: Armin Burkhardt (Hrsg.): Morphologie/Morphology. Ein internationales Handbuch zur Flexion und Wortbildung. Handbuch zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft, Bd. 17.1, Berlin, New York 2000, S. 952–956
  12. Harold Wentworth: Twenty-Nine Synonyms for ‚Portmanteau Word‘, in: American Speech 8, 1933, 78 f.