C/1680 V1 (Großer Komet von 1680)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
(Weitergeleitet von Komet Kirch)
Wechseln zu: Navigation, Suche
C/1680 V1
Der Komet von 1680 über Rotterdam
Der Komet von 1680 über Rotterdam
Eigenschaften des Orbits (Animation)
Epoche: 29. November 1680 (JD 2.335.000,5)
Orbittyp langperiodisch
Numerische Exzentrizität 0,999986
Perihel 0,00622 AE
Aphel 889 AE
Große Halbachse 444 AE
Siderische Umlaufzeit ~9360 a
Neigung der Bahnebene 60,7°
Periheldurchgang 18. Dezember 1680
Bahngeschwindigkeit im Perihel 534 km/s
Geschichte
Entdecker Gottfried Kirch
Datum der Entdeckung 14. November 1680

C/1680 V1 (Großer Komet von 1680), auch bekannt als „Kirchs Komet“, war ein Komet, der um den Jahreswechsel 1680/1681 auch am Tage mit dem bloßen Auge gesehen werden konnte. Er wird aufgrund seiner außerordentlichen Helligkeit zu den „Großen Kometen“ gezählt.

Der Komet spielt in der Geschichte der Kometenforschung eine bedeutende Rolle, da er als erster Komet durch ein Teleskop entdeckt wurde und da aus seinen Beobachtungen zum ersten Mal eine Bahn berechnet wurde.

Entdeckung und Beobachtung[Bearbeiten]

Der Komet wurde von Gottfried Kirch in Coburg am Morgen des 4. Novemberjul./ 14. November 1680greg. entdeckt. Er beobachtete gerade die Mondsichel und den Mars, als er neben dem Mond einen Stern sah, der nicht in Tycho Brahes Sternkatalog verzeichnet war. Als er die Position dieses Sterns näher bestimmen wollte, stieß er auf etwas, das er später als „eine Art nebliger Fleck von ungewöhnlichem Aussehen“ beschrieb und das er entweder für „einen nebulösen Stern, ähnlich dem im Gürtel der Andromeda oder für einen Kometen hielt. In der Tat war sein „nebulöser Stern“ ein neuer Komet und Kirchs zufällige Entdeckung ging in die Geschichte ein als die erste Kometenentdeckung mit Hilfe eines Teleskops.

Zur Zeit seiner Entdeckung hatte der Komet noch keinen Schweif ausgebildet und war noch nicht mit bloßem Auge zu erkennen. Zwei Tage später hatte der Komet seine Position verändert und ein schwacher Schweif von ½° Länge war im Teleskop zu erkennen.

Der Komet nahm rasch an Helligkeit zu und am 20. November wurde er von den Philippinen aus mit bloßem Auge gesehen. Einen Tag später wurde er in England und am folgenden Morgen in China mit einem Schweif von 1,5° Länge gesehen. Bis Ende November hatte er sich zu einem auffälligen Spektakel entwickelt. Nach J. D. Ponthio wurde am 27. November in Rom ein Schweif von 15° Länge beobachtet und schon 2 Tage später wurden von Arthur Storer in Maryland zwischen 15 und 20° geschätzt. Bis Ende des Monats wurden immer größere Schweiflängen berichtet und der Komet erschien „größer“ als ein Stern erster Größenklasse.

Anfang Dezember näherte sich der Komet immer mehr der Sonne und war ab dem 7. Dezember nicht mehr zu beobachten. Am 18. Dezember ging der Komet durch seinen sonnennächsten Punkt (Perihel) (von der Erde aus gesehen ging er ab 11:30 Uhr UT für ca. eine dreiviertel Stunde direkt hinter der Sonnenscheibe vorbei) und entwickelte eine solche Helligkeit, dass er am Taghimmel neben der Sonne gesehen wurde.

Ab 20. Dezember war er dann am Abendhimmel als ein großartiges Schauspiel zu beobachten. Die Schönheit des Kometen wurde noch durch einen goldschimmernden Schweif verstärkt, wie berichtet wurde. John Flamsteed berichtete am 21. Dezember von einem Lichtstrahl von der Breite des Vollmonds, der sich senkrecht vom Horizont bis fast zum Zenit erstreckte. Ponthio in Italien schätzte die Schweiflänge am 22. Dezember zu 70° mit einer Breite von 3° an seinem Ende. Der Kopf glich in der Helligkeit einem Stern erster Größenklasse und der Schweif war so lang, dass er am westlichen Horizont noch 5 Stunden zu sehen war, nachdem der Kopf des Kometen untergegangen war. Am 28. Dezember erreichte der Schweif nach Robert Hooke in England eine Länge von 90° und reichte damit über das halbe Firmament. Er entfaltete auf die Öffentlichkeit eine ungeheure Wirkung. Eine Flut von Schriften erschien, zumeist beflügelt von einer grassierenden Kometenfurcht. Der Komet wurde wie viele seiner Vorgänger als Zeichen des nahenden Weltuntergangs, zumindest aber als Mahnung Gottes angesehen; in den Kirchen wurden Bußgottesdienste abgehalten.[1][2]

Im Januar 1681 zeigte der Komet erste Anzeichen des Verblassens, aber der Schweif blieb sehr lang und auffällig: Nach Flamsteed war der Kopf am 5. Januar schwächer als 3. Größenklasse, aber der Schweif war drei Nächte später noch 55° lang. Kirch berichtete am 7. Januar auch von einem (sehr schwachen) Gegenschweif, der zur Sonne zeigte, aber diese Beobachtung wurde von niemand anderem gemacht.

Anfang Februar war der Komet nicht mehr ohne Instrumente zu sehen, Flamsteed schätzte 7 mag , aber der Schweif war immer noch mit bloßem Auge zu erkennen, Isaac Newton schätzte ihn zu 6-7°. In der zweiten Hälfte des Monats konnte er mit dem Teleskop noch 2° Schweiflänge ausmachen.[3] Der Komet wurde zuletzt am 19. März 1681 beobachtet.

Wissenschaftliche Auswertung[Bearbeiten]

Ausgerechnet der Komet, der den Aberglauben zur höchsten Blüte führte, läutete auch dessen Ende ein. Zahlreiche Astronomen beobachteten den gewaltigen Schweifstern mit großer Sorgfalt. Der Astronom Johannes Kepler, der 1609 die Gesetzmäßigkeiten veröffentlicht hatte, nach denen sich Planeten in elliptischen Umlaufbahnen um die Sonne bewegen, war noch der Ansicht gewesen, dass sich Kometen in geraden Bahnen durch das Weltall bewegen. Giovanni Alfonso Borelli vermutete 1665 nach seiner Beobachtung des Kometen von 1664 (C/1664 W1) jedoch Parabel- oder Ellipsenbahnen. Auch Johannes Hevelius vertrat in seiner 1668 erschienenen Cometographia die Ansicht, dass die Kometen sich auf zur Sonne hin gekrümmten Bahnen bewegen, allerdings dachte er noch nicht daran, dass diese Bahnen die Sonne umkreisten.

Titelblatt von Dörffels Schrift

Georg Samuel Dörffel, ein Geistlicher aus Plauen, warf zuerst die Frage auf, ob die Bahnen der Kometen nicht Parabeln seien, deren Brennpunkt mit dem Mittelpunkt der Sonne zusammenfalle. Er wurde dazu veranlasst durch seine Beobachtungen des Kometen von 1680, der sich zuerst auf die Sonne zu und dann wieder von ihr wegbewegte. Er hielt seine Gedanken in einer Schrift in deutscher Sprache (Aſtronomiſche Betrachtung des Groſſen Cometen..., Plauen, 1681) fest.

Hätte er seine Schrift in Latein verfasst, wäre ihr vielleicht mehr Aufmerksamkeit zuteil geworden, vielleicht auch von Isaac Newton, der sich ebenfalls mit Untersuchungen über die Kometen beschäftigte. Newton war nämlich zu demselben Gedanken gekommen, als er sein allgemeines Gravitationsgesetz entwickelte. Er kam zu dem Ergebnis, die Kometenbahnen müsten ebenso wie die Bahnen der Planeten Ellipsen sein, in deren einem Brennpunkt die Sonne steht - allerdings nicht nahezu kreisförmige Ellipsen, sondern extrem langgezogene, wodurch die Kometen nicht ständig sichtbar seien, sondern nur, wenn sie den sonnennahen Teil ihrer Bahn durchlaufen. Diesen Teil aber, fügte Newton hinzu, könne man auch durch eine Parabel annähern, die sich in der Nähe des Brennpunkts wenig von einer exzentrischen Ellipse unterscheidet.

Der Orbit des Kometen von 1680 in Parabelform, aus Isaac Newtons Principia

Newton versuchte, seine Hypothese durch einen realen Fall zu überprüfen. Er zeigte, wie man eine parabolische Bahn eines Kometen aus drei durch Beobachtung gewonnenen Positionen berechnen kann. Er wählte exemplarisch aus Flamsteeds Beobachtungen des Kometen von 1680 drei Punkte aus und berechnete aus diesen eine parabolische Bahn, die mit allen weiteren Beobachtungen so perfekt zusammenpasste, dass kein Zweifel mehr daran blieb, dass damit die wahre Bahn der Kometen entdeckt wäre. Newton veröffentlichte seine Entdeckung in der 1687 erschienenen Philosophiae Naturalis Principia Mathematica.[4] Damit waren auch die verbreiteten zeitgenössischen Ansichten widerlegt, dass es sich bei dem Kometen von 1680 um zwei verschiedene Kometen handelte, einer der sich im November auf die Sonne zubewegte und ein anderer, der sich ab Dezember von der Sonne wegbewegte.

Der Aberglaube war damit aber noch nicht völlig verschwunden. Noch zu Zeiten Newtons wurde der Komet durch William Whiston mit einer Vielzahl von mythologischen und historischen Katastrophen in Verbindung gebracht, zwischen denen jeweils 575 Jahre liegen sollten: Die Sintflut im Jahr 2916 v.Chr., zwei Perioden später die Überschwemmung des Ogygos im Jahr 1767 v.Chr., der Beginn des Trojanischen Kriegs im Jahr 1192 v. Chr., die Zerstörung Ninives im Jahr 617 v. Chr., das Todesjahr von Julius Caesar im Jahr 43 v. Chr., der Beginn der Regierungszeit Justinians I. im Jahr 531 mit vielen Kriegen, Erdbeben und Seuchen, der Beginn der Kreuzzüge im Jahr 1106, und schließlich die Erscheinung im Jahr 1680. Im Jahr 2255 sollte dann vielleicht das Ende der abendländischen Kultur bevorstehen. Diese Zusammenstellung beruhte auf einer auf Edmund Halley zurückgehenden ungenauen Berechnung des Kometenorbits mit einer angenommenen Umlaufzeit von 575 Jahren und wurde noch im 19. Jahrhundert von D’Alembert in der Encyclopédie française und in Almanachen kolportiert. Dieser Unsinn fand erst ein Ende als 1816 von Johann Franz Encke genaue Berechnungen der Bahnelemente des Kometen von 1680 durchgeführt wurden, die ergaben, dass seine Umlaufzeit nicht 575, sondern fast 10.000 Jahre beträgt.[5]

Traktat von Eusebio Francisco Kino (1681)

Während der Komet von 1680 von Gottfried Kirch entdeckt und nach ihm benannt wurde, muss auch dem Tiroler Jesuiten Eusebio Francisco Kino (1645–1711) gedacht werden, der die scheinbare Bahn des Kometen aufzeichnete. Während seiner verspäteten Abreise nach Mexiko begann Kino mit seinen Beobachtungen in Cádiz spät im Jahre 1680. Mit seiner Ankunft in Mexiko-Stadt veröffentlichte er die Schrift Exposición astronómica de el [sic] cometa (1681), in der er seine Beobachtungen präsentierte. Kinos Veröffentlichung war damit eine der ersten wissenschaftlichen Untersuchungen, die in der neuen Welt herauskamen.[6]

Ein weiterer Jesuit, der den Komet in Mexiko beobachtete und darüber berichtete, war der Kroate Ivan Ratkaj (1647–1683).[7]

Umlaufbahn[Bearbeiten]

Der Komet läuft auf einer extrem langgestreckten, elliptischen Umlaufbahn um die Sonne, die um rund 61° gegen die Ekliptik geneigt ist.[8] Im sonnennächsten Punkt der Bahn (Perihel), den der Komet zuletzt am 18. Dezember 1680 durchlaufen hat, befand er sich nur etwa 930.000 km vom Sonnenmittelpunkt, d.h. er befand sich nur etwa ⅓ des Sonnenradius über der Sonnenoberfläche.

Obwohl der Komet unbestreitbar ein Sungrazer (Sonnenstreifer) war, ist er nicht Mitglied der Kreutz-Gruppe oder einer der anderen größeren Sonnenstreifer-Gruppen.[9] Jedoch hatte der Komet C/2012 S1 (ISON), der sich kurz vor Erreichen seines Perihels auflöste, ähnliche Bahnelemente wie der Komet von 1680 und könnte ein zweites Mitglied seiner Gruppe gewesen sein.[10]

Während seiner Passage des inneren Sonnensystems kam der Komet auch fast allen Planeten ein- oder mehrmals relativ nahe:

Datum Planet Distanz
(in AE)
Distanz
(in Mio. km)
28. Februar 1679 Saturn 1,46 218,5
12. Oktober 1680 Mars 0,37 55,3
30. November 1680 Erde 0,42 63,0
18. Dezember 1680 Venus 0,72 108,1
26. Dezember 1680 Merkur 0,24 35,2
3. Januar 1681 Mars 1,42 212,5
4. Januar 1681 Erde 0,49 73,2
3. Februar 1681 Venus 1,02 152,7
8. September 1681 Jupiter 1,45 217,6

Insbesondere die Annäherungen an Saturn und Jupiter bewirkten leichte Veränderungen der Bahnform des Kometen. Zur Zeit (2014) befindet sich der Komet etwa 255 AE/38 Mrd. km von der Sonne, er entfernt sich noch weiter mit 2,3 km/s. Ob er jemals in das innere Sonnensystem zurückkehrt, lässt sich nicht sagen, möglicherweise erst wieder nach mehreren zehntausend Jahren.[11]

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Stefan Krause: Komet Kirch (C/1680 V1). Abgerufen am 31. Mai 2014.
  2. André Walther: Von der (Be-)Deutung der Kometen - Der Komet des Jahres 1680/81 im Spiegel der zeitgenössischen Flugschriften. Abgerufen am 31. Mai 2014.
  3. D. A. J. Seargent: The Greatest Comets in History: Broom Stars and Celestial Scimitars. Springer, New York, 2009, ISBN 978-0-387-09512-7, S. 112-115.
  4. Ch. A. Semler: Merkwürdigkeiten aus der ſächſiſchen Literärgeſchichte. Abendzeitung, 266, Dresden, 7. November 1818
  5. Joseph Johann von Littrow: Die Wunder des Himmels, oder gemeinfaßliche Darſtellung des Weltſyſtems. Bd. 2. Stuttgart, 1835., S. 281-282.
  6. H. E. Bolton: Kino’s Historical Memoir of the Pimería Alta. Cleveland, OH (USA): Arthur H. Clark, 1919. Reprint 1949.
  7. N. Petrić: Description of the A.D. 1680 comet observed in Mexico by the Croatian Jesuit Ivan Ratkaj. In: Hvar Observatory Bulletin, Vol. 18, No. 1, 1994, S. 37-40. (PDF; 215 kB)
  8. NASA JPL Small-Body Database Browser: C/1680 V1. Abgerufen am 29. Mai 2014 (englisch).
  9. Tony Hoffman: A SOHO and Sungrazing Comet FAQ. Abgerufen am 31. Mai 2014 (englisch).
  10. Gary W. Kronk’s Cometography - C/2012 S1 (ISON). Abgerufen am 31. Mai 2014 (englisch).
  11. SOLEX 11.0 von A. Vitagliano. Abgerufen am 2. Mai 2014 (englisch).