Komik

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Titelseite von Helmut Bachmaiers Buch zu Komiktheorie

Komik (gr.: komikos, von komos ‚Festzug‘) bezeichnet das Komische und damit menschliches Verhalten oder Sprechen, aber auch Kunstprodukte (wie Texte, Filme oder Zeichnungen), die Gelächter oder Heiterkeit hervorrufen oder hervorrufen wollen. Das zugehörige Adjektiv „komisch“ erfasst den erheiternden Aspekt der Komik nur in Bezugnahme auf literarische (und andere) Texte, in Bezug auf Situationen oder das Verhalten von Interaktionspartnern ist dagegen oft ein distanziertes Unangenehm-Berührt-Sein bei einer derartigen Bewertung nachvollziehbar, besonders wenn Komik sich nicht aus der Situation heraus als sogenannte „Situationskomik“ ergeben hat, ohne beabsichtigt gewesen zu sein. Komik ist eine hochgradig subjektive Bewertung; wenn bei der Bewertung einer Situation eine signifikante Diskrepanz zwischen Beobachtern und Betroffenen vorhanden ist, werden Letztere oft „unfreiwillig komisch“ genannt. Grundsätzlich kann über Komik gesagt werden, dass sie Erwartungshaltungen durchbricht. Die überraschende Konfrontation mit Missverhältnissen oder -verständnissen zeitigt unwillkürliches Lachen.

Allgemeines[Bearbeiten]

Inhalte und Grenzen der Komik (die sich z.B. in der Frage „Was darf Satire?“ äußern) werden von den ethischen und medialen Vorstellungen einer Gesellschaft bestimmt. Komik kann zur seelischen Entlastung beitragen – man kann ihr aber auch zerstörerische Eigenschaften zuschreiben: Komik kann für ideologische Zwecke (z.B. in der Propaganda) missbraucht werden, sie kann Toleranzgrenzen überschreiten (z.B. in der Satire). Auch das Lachen wird einerseits als positive, egalisierende, andererseits als aggressive, unkontrollierbare Instanz beschrieben. Komik kann besonders durch Parodie menschliche Schwächen aufzeigen und ein kommunikatives Ungleichgewicht produzieren. Komik (oder Komisches) ist in der Literatur, im Theater, im Film und in der bildenden Kunst zu Hause. Komische Musik gibt es in der sogenannten Ernsten Musik per definitionem nicht, allerdings finden sich Stücke von Wolfgang Amadeus Mozart, in denen er Anweisungen an die Bläser und andere Teilnehmer des Orchesters gibt, das Stück gewollt schief zu spielen um damit möglicherweise auf ein anderes Stück anzuspielen und dieses zu parodieren. In der Populären Musik werden komische Elemente oft durch Parodien oder Anspielungen auf andere Musik zum Tragen gebracht, so z.B. durchgehend in Eric Idles Beatles-Parodie „The Rutles“ oder Frank Sidebottoms Musikparodien.

Komiktheorie[Bearbeiten]

Titelseite von Tom Kindts Buch zu Komiktheorie

Komiktheorie bezeichnet die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Komik. Komiktheorie ist interdisziplinär angelegt, es können also sowohl literatur- und kulturwissenschaftliche als auch soziologische oder medizinischen Fragestellungen an sie herangetragen werden. Auch die Linguistik interessiert sich für komische Phänomene. Besondere Beachtung verdienen die verschiedenen Diskursfelder des Lachens, des Humors, der Komik allgemein. Robert Gernhardt unterscheidet beispielsweise: „Humor ist eine Haltung, Komik das Resultat einer Handlung.“ Dazu gehört auch die Auseinandersetzungen mit den literarischen und anderen künstlerischen Gattungen komischer Provenienz, also z.B. die Komödie, der Witz, der Cartoon, das Kabarett etc. Auch müssen verschiedenen Begriffe und Kategorien wie Ironie, Sarkasmus, Zynismus, Satire, Parodie, Persiflage, Burleske, Groteske, Nonsens etc. voneinander abgegrenzt werden.

Ausprägungen[Bearbeiten]

Zum einen sind Kontrasttheorien zu benennen, die v.a. Unterschiede als Auslöser komischer Wirkungen festmachen. Andere Systeme argumentieren mit Umkehrungen, mit der Veränderung von Machtstrukturen, mit sozialen Dimensionen, dem Vexierspiel von Eindrücken, mit Normbrüchen; dem Drang nach Freiheit, der sich in der Komik artikuliert; mit Bewegung und Erstarrung, schnellem Wechsel, Angstgefühlen oder kultureller Zugehörigkeit. Die große Vielfalt der Humorerscheinungen, ihrer Zielrichtungen, Verfahren, Anlässe und Ausdrucksformen erschweren eine Einordnung. Bis heute ist keine umfassende Theorie der Komik (und des Humors) entwickelt worden.

Geschichte[Bearbeiten]

Die Komiktheorie setzte mit Aristoteles ein, der Komik als eine unschädliche Ungereimtheit auffasst. Er stellt fest, dass das Gelächter nur dem Menschen zukommt und damit ein Alleinstellungsmerkmal ist. Im fünften Kapitel seiner Poetik beschreibt Aristoteles das Komische als Nachahmung eines „mit Hässlichkeit verbundenen Fehlers“ des Denkens, Handelns oder Sprechens, einem „lächerlichen Fehler“. Dies kann auch durch die Verlachung eines moralischen Defekts, also eines abweichenden sozialen Verhaltens geschehen.[1] Er grenzt die Komik damit von der affektiven Wirkung der Tragödie ab. Sein Buch zur Komödie ging verloren (vgl. Der Name der Rose). Bei Horaz finden sich Reflexionen über das Satyrspiel (in der Ars Poetica). Im Barock definieren die Regelpoetiken neben Ständeklausel und Fallhöhe auch die Bedingungen für komische Effekte, so z.B. bei Martin Opitz. William Shakespeare steuerte das Diktum bei, dass die Kürze die Seele des Witzes sei. Thomas Hobbes fasst Lachen als Akt der Selbstaffirmation und thematisiert damit Machtverhältnisse zwischen Menschen. Bei Immanuel Kant findet sich eine Definition des Lachens als „Affekt aus der plötzlichen Verwandlung einer gespannten Erwartung in nichts“, KU § 54 (II 190). Jean Paul kritisiert diese Auffassung und setzt den Gegensatz zwischen Lächerlichem und Erhabenem als maßgeblich für komische Effekte. Bei Georg Wilhelm Friedrich Hegel (wie auch bei anderen Philosophen des deutschen Idealismus) wird Komik als Bewusstseinsvorgang verstanden, in dem sich subjektive Freiheit ausdrückt. Arthur Schopenhauer fasst das Komische kontrastiv als „plötzliche Wahrnehmung einer Inkongruenz“, während Friedrich Theodor Vischer einen dialektischen Kontrast zwischen „Idee und sinnlicher Erscheinung“ beschreibt. Von ihm stammen die Sätze „Jeder Witz muss schnell sein“ und die „Tücke des Objekts“. Für Charles Baudelaire ist das Komische mit dem Grotesken gleichzusetzen, bei Henri Bergson ein Mechanismus, der das Lebendige überdeckt. Theodor Lipps wiederum bestimmt es als „Negation, ein Zunichtewerden in unseren Augen“.

Freuds Komiktheorie[Bearbeiten]

Sigmund Freuds einflussreiche Schrift Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten beschäftigt sich mit Technik, Tendenzen und Motiven des Witzes, den Lustmechanismen und der Psychogenese des Witzes – aber auch der sozialen Komponente. Ein Kapitel behandelt Die Beziehung des Witzes zum Traum und zum Unbewußten. Dort vergleicht Freud den Witz mit dem Traum: Die Traumbildung steht im Dienst der Unlustersparung. Was im Traum vermummt daherkommt, tritt im Witz offen zutage: Er dient dem Lusterwerb. Halten sich unterdrückte Tendenz und Abwehr die Waage, so gibt die witzige Vorlust durch spielerische Aufhebung von Verdrängungen den Ausschlag zur Entbindung neuer, größerer Lust. „Eine Möglichkeit der Lustentwicklung tritt zu einer Situation hinzu, in welcher eine andere Lustmöglichkeit verhindert ist, so dass diese für sich allein keine Lust ergeben würde; das Ergebnis ist eine Lustentwicklung, die weit größer ist als die der hinzugetretenen Möglichkeit.“ Die psychischen Energien, die sich im Lachen lustvoll entladen, entstammen der Erleichterung des schon bestehenden und der Ersparung an erst noch aufzubietendem Hemmungsaufwand: „Lachen entsteht, wenn ein früher zur Besetzung gewisser psychischer Wege verwendeter Betrag von psychischer Energie unverwendbar geworden ist, so dass er freie Abfuhr erfahren kann.“

Komiktheorie heute[Bearbeiten]

Aufschlussreich sind die zeitgenössischen Theorien von Helmuth Plessner (Komik als Reaktion auf die Ambivalenz der menschlichen Existenz), Wolfgang Iser („Jede Position lässt die andere kippen“), Robert Gernhardt („Feldtheorie des Komischen“, die vor allem die anarchische Urkraft des Witzes feiert), die Poetik-Vorlesungen von Wilhelm Genazino (Über das Komische) und die zahlreichen komikkritischen Bemerkungen im Werk von Max Goldt („Humor ist eigentlich etwas, was man hat, wenn man alleine ist“). Auch die Satirezeitschrift Titanic hat durch die Hans Mentz Humorkritik ein „Forum der Beobachtung und Theoretisierung der Komikproduktion. [...] Insbesondere Gernhardt, Henscheid und Eilert, aber auch andere Autoren, konnten unter diesem Pseudonym Arbeiten ihrer Kollegen und Konkurrenten beurteilen, unfreiwillig komische Fundstücke vorstellen, die deutsche und internationale Komikproduktion bekannt machen und die Funktionsweisen von Komik analysieren.“ (M. F. Erdl)

Kritik der Komiktheorie[Bearbeiten]

„Komisch ist etwas oder muß es sein, mit dem man – grausamer- und angenehmerweise – nicht fertig wird, schon gar nicht durch eine Theorie“, schreibt Odo Marquard und Klaus Cäsar Zehrer ergänzt: „Nicht nur einzelne wissenschaftliche Arbeiten, die wissenschaftliche Denkweise als solche kommt mit dem Komischen nur schwer zurande. Aus ihrer wesenseigen humorlosen Warte kann sie es nicht anders denn als ‚Problem‘ betrachten.“ Bernd Eilert setzt wissenschaftskritisch hinzu: „Daß Komik allein aus dem Gegensatz, der Unvereinbarkeit, der Entfernung, der Abweichung, der Verweigerung zu erklären sei und von normativen Vorgaben stets abhängig bleibe, ist ein Vorurteil, an dem Theoretiker fest kleben.“

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Bachtin, Michail: Literatur und Karneval. Zur Romantheorie und Lachkultur. Frankfurt/M. 1990.
  • Baudelaire, Charles: Vom Wesen des Lachens. In: Ders.: Sämtliche Werke/Briefe. Hrsg. v. Friedhelm Kemp u. Claude Pichois in Zusammenarbeit mit Wolfgang Drost. Bd. 1. München 1977. S. 284 - 305.
  • Berger, Peter L.: Erlösendes Lachen: das Komische in der menschlichen Erfahrung. de Gruyter, Berlin/New York 1998, ISBN 3-11-015561-3
  • Bergson, Henri: Das Lachen. Darmstadt 1988.
  • August Wilhelm Bohtz: Über das Komische und die Komödie. Götting. 1844
  • Freud, Sigmund: Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten. London 1940.
  • Freud, Sigmund: Der Humor. In: Ders.: Studienausgabe. Hrsg. v. Alexander Mitscherlich, Angela Richards u. James Strachey. Bd. IV. Frankfurt/M. 1970. S. 275 - 282.
  • Gernhardt, Robert: Was gibt's denn da zu lachen? Zürich, 1988.
  • Genazino, Wilhelm: Der gedehnte Blick. München, 2004
  • Hecker: Die Physiologie und Psychologie des Lachens und des Komischen. Berlin 1873
  • Hirsch, Wolfgang: Das Wesen des Komischen. Amsterdam u. Stuttgart 1959.
  • Hirsch, Eike Christian: Der Witzableiter. Hamburg 1985.
  • Horn, András: Das Komische im Spiegel der Literatur. Versuch einer systematischen Einführung. Würzburg 1988.
  • Jahn, Franz: Über das Wesen des Komischen. 1906
  • Jünger, Friedrich Georg: Über das Komische. 3. Aufl. Frankfurt/M. 1948. [1. Auflage: ebenfalls 1948]
  • Kraepelin, Emil: Zur Psychologie des Komischen, Wissenschaftlicher Verlag, Schutterwald/Baden 2001
  • Lamping, Dieter: Ist Komik harmlos? Zu einer Theorie der literarischen Komik und der komischen Literatur. In: literatur für leser (1994) Nr. 2. S. 53 - 65.
  • Lipps, Theodor: Komik und Humor. Eine psychologisch-ästhetische Untersuchung. Hamburg u. Leipzig 1898. (= Beiträge zur Ästhetik. VI.)
  • Marquard, Odo: Exile der Heiterkeit. In: Das Komische. Hrsg. v. Wolfgang Preisendanz u. Rainer Warning. München 1976. S. 133 - 151.
  • Paul, Jean: Vorschule der Ästhetik. Hamburg, 1990.
  • Pfister, Manfred: Bibliographie zur Gattungspoetik (3). Theorie des Komischen, der Komödie und der Tragikomödie (1943 - 1972). In: Zeitschrift für französische Sprache und Literatur 83 (1973) S. 240 - 254.
  • Pirandello, Luigi: Der Humor. Mindelheim 1986 u.a.
  • Plessner, Helmuth: Lachen und Weinen. Eine Untersuchung nach den Grenzen menschlichen Verhaltens. München 1950.
  • Preisendanz, Wolfgang u. Rainer Warning (Hrsg.): Das Komische. München 1976.
  • Ritter, Joachim: Über das Lachen. In: Blätter für deutsche Philosophie 14 (1940/41) S. 1 - 21.
  • Speyer, Otto: Über das Komische und dessen Verwendung in der Poesie, Berlin 1888.
  • Ueberhorst, Karl: Das Komische. Eine Untersuchung. Band I: Das Wirklich-Komische. Leipzig 1896. Band II: Das Fälschlich-Komische. Leipzig 1900.
  • Vischer, Friedrich Theodor: Über das Erhabene und Komische, ein Beitrag zu der Philosophie des Schönen. Stuttgart 1837. [Auch in: Ders.: Über das Erhabene und Komische und andere Texte zur Ästhetik. Frankfurt/M. 1967. S. 37 - 215]

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Komik – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. s. Ralf Simon (Hrsg.), „Theorie der Komödie - Poetik der Komödie“, AISTHESIS Studienbuch 2, Aisthesis, Bielefeld, 2001, S. 50.