Komplexe posttraumatische Belastungsstörung

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Klassifikation nach ICD-10
F62.- Andauernde Persönlichkeitsänderung, nicht Folge einer Schädigung oder Krankheit des Gehirns
F62.0 Andauernde Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung
F62.8 Sonstige andauernde Persönlichkeitsänderungen
F62.9 Andauernde Persönlichkeitsänderung, nicht näher bezeichnet
ICD-10 online (WHO-Version 2013)

Als komplexe posttraumatische Belastungsstörung (komplexe PTBS) wird ein psychisches Krankheitsbild bezeichnet, das sich infolge schwerer, anhaltender Traumatisierungen (z. B. Misshandlungen oder sexueller Missbrauch, Kriegserfahrung, Folter, Naturkatastrophen, physische oder emotionale Vernachlässigung in der Kindheit, existenzbedrohende Lebensereignisse) entwickeln kann. Es kann sowohl direkt im Anschluss an die Traumata als auch mit zeitlicher Verzögerung (Monate bis Jahrzehnte) in Erscheinung treten. Im Unterschied zur Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) ist es durch ein breites Spektrum kognitiver, affektiver und psychosozialer Beeinträchtigungen gekennzeichnet, die über einen längeren Zeitraum bestehen bleiben. Der Begriff Komplexe PTBS (engl. Complex PTSD, C-PTSD) wurde für dieses Krankheitsbild erst 1992 durch die amerikanische Psychiaterin Judith Herman eingeführt[1] und ist im deutschen Sprachraum bislang noch nicht vollständig etabliert.

Begriffsgeschichte[Bearbeiten]

Der Begriff geht zurück auf eine kritische Auseinandersetzung mit der Definition und den diagnostischen Kriterien der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS), die 1980 in der dritten Ausgabe des Diagnostischen und Statistischen Manuals Psychischer Störungen (DSM-III) der American Psychiatric Association (APA) publiziert wurden. Die diagnostischen Kriterien der PTBS konzentrierten sich auf Symptome, die bei Kriegsteilnehmern beobachtet worden waren und eigneten sich nicht dazu, auch die Störungsbilder zu beschreiben, die bei missbrauchten Kindern beobachtet werden konnten. Insbesondere eigneten sich die PTBS-Kriterien nicht zur Diagnostik von psychischen Problemlagen, die sich etwa als Spätfolgen des Kindesmissbrauchs im Jugend- und Erwachsenenalter entwickelten.[1]

Basierend auf den daraufhin von der DSM-Arbeitsgruppe der APA initiierten Felduntersuchungen ließ sich ein komplexeres Krankheitsbild identifizieren, das im Gefolge schwerer Traumatisierungen wie körperlicher oder sexueller Missbrauchserfahrungen, aber auch bei Kriegs- und Foltererfahrungen oder Entführungen entsteht und als „Störung durch Extrembelastung, nicht anderweitig bezeichnet“ („Disorder of Extreme Stress Not Otherwise Specified“ (DESNOS), Anhang DSM IV) begrifflich gefasst wurde. Diese Kategorie soll voraussichtlich in der nächsten Überarbeitung des DSM als „Komplexe Posttraumatische Belastungsstörung“ neu gefasst und aufgenommen werden.[2](S. 48) Ein sehr ähnliches Krankheitsbild wird in der ICD-Diagnose F62.0 „Andauernde Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung“ beschrieben. Nach den klinischen Beschreibungen und diagnostischen Leitlinien der ICD-10 „sollen“ die „späten chronischen Folgeerscheinungen von verheerenden Belastungen, d. h. die, die sich erst Jahrzehnte nach der belastenden Erfahrung entwickeln, […] unter F62.0“ (übersetzt aus dem Englischen) klassifiziert werden.[3]

Erscheinungsbild, Häufigkeit und Verlauf[Bearbeiten]

Symptome[Bearbeiten]

Im Rahmen einer komplexen Posttraumatischen Belastungsstörung können im Verlauf der Erkrankung eine Vielzahl von Symptomen auftreten. Legt man die diagnostischen Kriterien zugrunde, mit denen die sehr ähnliche DESNOS beschrieben wurde, lassen sich die Symptome aber sechs übergeordneten Bereichen zuordnen:

I. Veränderungen in der Regulation von Affekten und Impulsen (Affektregulation, Umgang mit Ärger, autodestruktives Verhalten, Suizidalität, Störungen der Sexualität, exzessives Risikoverhalten)
II. Veränderungen in Aufmerksamkeit und Bewusstsein (Amnesien, zeitlich begrenzte dissoziative Episoden und Depersonalisationserleben)
III. Veränderungen der Selbstwahrnehmung (Ineffektivität, Stigmatisierung, Schuldgefühle, Schamhaftigkeit, Isolation und Bagatellisierung, Verlust des Selbstwertgefühls)
IV. Veränderungen in Beziehungen zu anderen (Unfähigkeit anderen Personen zu vertrauen, Reviktimisierung, Viktimisierung anderer Personen)
V. Somatisierung (Gastrointestinale Symptome, chronische Schmerzen, kardiopulmonale Symptome, Konversionssymptome, sexuelle Symptome)
VI. Veränderungen von Lebenseinstellungen (Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, Verlust früherer stützender Grundüberzeugungen)

Für die Diagnose nach ICD-10 ist es erforderlich, dass mindestens zwei der folgenden Persönlichkeitsänderungen beschrieben werden:

  • feindliche oder misstrauische Haltung
  • sozialer Rückzug
  • andauerndes Gefühl von Leere und Hoffnungslosigkeit (das ggf. mit einer gesteigerten Abhängigkeit von anderen, der Unfähigkeit, negative oder aggressive Gefühle zu äußern, oder anhaltenden depressiven Symptomen einhergehen kann)
  • andauerndes Gefühl von Nervosität oder von Bedrohung ohne äußere Ursache (das ggf. zu Gereiztheit oder Substanzmißbrauch führen kann)
  • andauerndes Gefühl der Entfremdung (anders als die anderen zu sein), ggf. verbunden mit dem Gefühl emotionaler Betäubung.

Die beschriebene Symptomatik darf vor dem traumatischen Ereignis nicht vorhanden gewesen sein und nicht durch eine andere psychische Störung (z.B. Depression) bedingt sein. Die beschriebene Persönlichkeitsänderung muss seit mindestens zwei Jahren bestehen. Im Falle einer vorangegangenen Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) sollte eine anhaltende Persönlichkeitsänderung nur angenommen werden, wenn die PTBS vorher mindestens zwei Jahre lang erfüllt war (das heißt, die Diagnose erfordert hier mindestens zwei Jahre PTBS plus mindestens zwei Jahre Persönlichkeitsänderung).

Häufigkeit[Bearbeiten]

Unter anderem wegen der nicht abschließend geklärten Überschneidungen mit anderen psychischen Krankheitsbildern existieren nur wenige Erkenntnisse über die Prävalenz der komplexen PTBS. Die Lebenszeitwahrscheinlichkeit einer „einfachen“ PTBS liegt in der deutschen Allgemeinbevölkerung nach derzeitigem Erkenntnisstand zwischen 2 und 7 %; amerikanische Studien sprechen von 5–10 %. Für etwa zwei Drittel dieser Personen besteht das Risiko einer Chronifizierung.

Unter den schwer traumatisierten Personen finden sich in den westlichen Industriestaaten etwa doppelt so viele Frauen wie Männer, was sich in dem deutlich höheren Anteil von jungen Mädchen und Frauen unter den Opfern sexuellen Missbrauchs gründen könnte.[4]

Verlauf[Bearbeiten]

Die Komplexität und Individualität des Krankheitsbildes spiegelt sich vor allem in dem sehr variablen Verlauf und den unterschiedlichen Ausprägungen wider.[5] Häufig zeigen sich die Auswirkungen der Traumata lange Zeit gar nicht oder nur mit einzelnen Symptomen. Bei den leichteren Formen dieses Krankheitsbildes gelingt es den Betroffenen daher oft über lange Zeit, sich damit zu arrangieren – sofern sie über psychische und soziale Ressourcen zur Bewältigung und Kompensation (sog. protektive Faktoren) verfügen. Insgesamt besteht jedoch eine hohe Chronifizierungsneigung.[6] Nach den Ergebnissen des US-amerikanischen „National Comorbidity Survey“ kam es nur bei ungefähr einem Drittel der in der Studie erfassten PTBS-Fälle bereits nach einem Jahr zu einem deutlichen Symptomrückgang, bei den anderen zwei Dritteln konnten hingegen auch noch nach zehn Jahren Symptome auftreten. Außerdem lagen bei ca. 80 % der Fälle Begleitstörungen vor, welche die psychische Belastung erhöhten.

Aufgrund der Heterogenität des Störungsbildes werden bei den Betroffenen oftmals abweichende Diagnosen gestellt, die sich lediglich an Einzelsymptomen, beispielsweise Angststörungen oder Depressionen orientieren. Wie aus einer Studie mit Psychiatriepatienten hervorging, erfüllte ein größerer Teil von ihnen die Kriterien für eine PTBS, als die aufnehmenden Ärzte ursprünglich erkannt hatten. Traumapatienten können durch das Übersehen ihrer komplexen Problemlage daher im Lauf der Zeit auch mehrere verschiedene Diagnosen erhalten.[2] [7] Unbehandelte oder falsch behandelte Traumaschäden verschwinden jedoch nicht von selbst. Sie bleiben grundsätzlich bestehen, auch wenn sich die Symptome verändern oder teilweise kompensiert werden können.

Ein weiterer, die Problematik verstärkender Faktor resultiert aus den ungünstigen Lebenssituationen, die für die Betroffenen durch ihre psychischen Probleme entstehen. Da das Verhalten der Betroffenen häufig ablehnende Reaktionen anderer Menschen auslöst, sind die sozialen Beziehungen (z. B. die Beziehungen mit ihren eigenen Kindern) und das Berufsleben nicht selten beeinträchtigt, was ihre psychischen Probleme wie in einem Teufelskreis verstärken und zu nachhaltigen sozialen und beruflichen Problemen führen kann.[8][9] Gerade bei Kindern, die Opfer von Misshandlungen oder Missbrauch wurden, kann auch die schulische Entwicklung in hohem Maße gefährdet sein.

Grundsätzlich scheinen sich die Folgen schwerer komplexer Traumata nie vollständig zurückzubilden, auch nicht durch therapeutische Behandlung. Nachwirkungen der Traumata können immer wieder in Erscheinung treten, speziell in neuen, belastenden Lebensabschnitten. Nichtsdestoweniger können die psychischen Probleme durch adäquate medikamentöse und psychotherapeutische Verfahren in den meisten Fällen deutlich gemildert werden.[5] [10]

Zusammenhänge mit anderen Krankheitsbildern[Bearbeiten]

Die Symptome der komplexen PTBS zeigen große Überschneidungen mit anderen Krankheitsbildern (siehe Komorbidität) – insbesondere der Borderline-Persönlichkeitsstörung und dissoziativen Störungen – weswegen schon früh die Frage aufgeworfen wurde, ob diesen Krankheitsbildern nicht überwiegend eine komplexe PTBS zugrunde liegen könnte. Die bislang vorliegenden empirischen Befunde sind in dieser Hinsicht jedoch nicht eindeutig: Dissoziative Störungen sind in den allermeisten Fällen auf Traumata zurückführbar (sie können geradezu als „normaler“ Bewältigungsmodus angesehen werden). Dazu kommt aber, dass bei allen schweren Fällen von Borderline auch besonders ausgeprägte Dissoziative Symptome vorhanden sind. Die auch immer vorhandenen Triggererlebnisse sind ebenfalls nur durch Traumatisierungen erklärbar. Der allgemeine Konsens unter den meisten Psychologen ist, dass sich im Falle der Borderline-Störung trotz einiger dahingehender Bemühungen von Seiten der Traumaforschung bislang kein derartig enger und eindeutiger Zusammenhang nachweisen ließ. Einige Traumaforscher (u. a. Judith Herman, Michaela Huber) behaupten allerdings explizit das Gegenteil. Von ihnen wird gesagt, der eindeutige Zusammenhang sei schon mehrfach nachgewiesen. Nicht alle Betroffenen könnten sich an die ursächlichen Traumata erinnern, weil die schwersten Traumatisierungen oft in der frühen Kindheit vorkommen (in den ersten beiden Lebensjahren besteht die größte Empfindlichkeit für Traumatisierungen) und zudem besteht bei solchen Ereignissen ein völliger oder teilweiser Ausfall der Erinnerungsabspeicherung.

Die mit der komplexen PTBS im Zusammenhang stehenden und auch bei der Mehrzahl der Borderline-Störungen zu findenden Formen der Traumatisierungen stellen ein massives Risiko für die weitere psychosoziale Entwicklung dar – unabhängig davon, welche Störungen in ihrem Gefolge entstehen.

Literatur[Bearbeiten]

Fachartikel[Bearbeiten]

  • Courtois, C. (2004): Complex Trauma, Complex Reactions: Assessment and Treatment. Psychotherapy: Theory, Research, Practice, Training, 41: 412–425 (Abstract)
  • Driessen, M., Beblo, T., Reddemann, L. (2002): Ist die Borderline-Persönlichkeitsstörung eine komplexe posttraumatische Störung? Nervenarzt, 73: 820–829
  • Korn, D., Leeds, A. (2002): Preliminary evidence of efficacy for EMDR Resource Development and Installation in the stabilization phase of treatment of complex posttraumatic stress disorder. Journal of Clinical Psychology, 58: 1465–1487
  • Kunze, D., Güls, F. (2003): Diagnostik einfacher und komplexer posttraumatischer Störungen im Erwachsenenalter. Psychotherapeut, 48: 50–70
  • Sack, M. (2004): Diagnostische und klinische Aspekte der komplexen posttraumatischen Belastungsstörung., Nervenarzt 75, 451–459
  • Streeck-Fischer, A. (2004): „Trauma und Entwicklung“ Folgen von Traumatisierunge in Kindheit und Jugend. Psychiatria Danubina, 16 (4): 269–278 (PDF; 225 KB)

Bücher[Bearbeiten]

  • Fischer, G. & Riedesser, P. (1998): Lehrbuch der Psychotraumatologie. Ernst-Reinhardt-Verlag (UTB), ISBN 3-8252-8165-5
  • Herman, J. (1992): Trauma and Recovery: The Aftermath of Violence. Basic Books, New York, ISBN 0-465-08765-5
  • Huber, M. (2003): Wege der Traumabehandlung (2). Junfermann, Paderborn, ISBN 3-87387-550-0
  • Hudnall Stamm, B. (2002): Sekundäre Traumastörungen. Junfermann, Paderborn, ISBN 3-87387-489-X
  • Kernberg, O., Dulz, B., Sachsse, U. et al (2000): Handbuch der Borderline-Persönlichkeitsstörungen. Schattauer, Stuttgart, ISBN 3-7945-1850-0
  • Matsakis, A. (2004): Wie kann ich es nur überwinden. Junfermann, Paderborn, ISBN 3-87387-592-6
  • Özkan, I., Streeck-Fischer, A., Sachsse, U. (2002): Trauma und Gesellschaft. Vandenhoeck&Ruprecht, Göttingen, ISBN 3-525-45893-2
  • van der Kolk, B., Mc Farlane, A., Weisaeth, L. (2000): Traumatic Stress. Junfermann, Paderborn, ISBN 3-87387-384-2

Quellen[Bearbeiten]

  1. a b Herman, J. (1992): Complex PTSD: A syndrome in survivors of prolonged and repeated trauma. Journal of Traumatic Stress, 5 (3), 377–391
  2. a b Reddemann, L., Dehner-Rau, C. (2006): Trauma – Folgen erkennen. 2. korrigierte Auflage, Trias Verlag, Stuttgart, ISBN 3-8304-3345-X
  3. The ICD-10 – Classification of Mental and Behavioural Disorders – Clinical descriptions and diagnostic guidelines [PDF 1,29 MiB], dort unter F43.1, Unterabschnitt „Diagnostic Guidelines“
  4. Huber, M. (1995): Multiple Persönlichkeiten, die Frau in der Gesellschaft. Fischer Taschenbuch Verlag, ISBN 3-596-12160-4
  5. a b Herman, J. (2003): Die Narben der Gewalt. Traumatische Erfahrungen verstehen und überwinden. Junfermannsche, ISBN 3-87387-525-X
  6. Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften [1]
  7. Huber, M. (2003): Trauma und die Folgen, Band 1. Junfermann, Paderborn, ISBN 3-87387-510-1
  8. Schechter DS, Zygmunt A, Coates SW, Davies M, Trabka KA, McCaw J, Kolodji A., Robinson JL (2007). Caregiver traumatization adversely impacts young children’s mental representations of self and others. Attachment & Human Development, 9(3), 187-20.
  9. Schechter DS, Coates, SW, Kaminer T, Coots T, Zeanah CH, Davies M, Schonfield IS, Marshall RD, Liebowitz MR Trabka KA, McCaw J, Myers MM (2008). Distorted maternal mental representations and atypical behavior in a clinical sample of violence-exposed mothers and their toddlers. Journal of Trauma and Dissociation , 9(2), 123-149.
  10. Schäfer, U., Rüther, E., Sachsse, U. (2006): Borderline-Störungen. Ein Ratgeber für Betroffene und Angehörige. Vandenhoeck und Ruprecht, ISBN 3-525-46249-2

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Fachlich
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