Konflikttransformation

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Von Konflikttransformation wird hauptsächlich dann gesprochen, wenn die entsprechende Konfliktintervention auf eine Transformation, also Um- oder Neugestaltung, der Konfliktparameter hinwirkt. Dies heißt, dass ein verändertes Verhalten und eine veränderte Einstellung dem Konflikt gegenüber, sowie entsprechend be- und verarbeitete strukturelle und kulturelle Dimensionen es erlauben eine neue, gewaltfreie (transformierte) Wirklichkeit zu schaffen.

Solche Prozesse finden entsprechend sowohl auf psycho- und gruppensozialer Ebene statt, als auch überall dort, wo Menschen aufgrund ihrer Eigenschaften und Lebensumstände zu Gruppen zugeordnet werden können. Dies schließt Ökonomie, Politik und viele weitere Bereiche ein und zeigt den notwendigen Umfang und Aufwand zur erfolgreichen Transformation an. Praktiker der Konflikttransformation sind Generalisten mit Schwerpunkten in Sozio- und Politikwissenschaften, Psychologie, Ökonomie und weiteren Bereichen. Auch das Konzept Restorative Justice kann im Sinne einer alternativ-konstruktiven Herangehensweise zu Gerechtigkeit als Form von Konflikttransformation verstanden werden. Auch das Konzept der Mediation beruht auf einem ähnlichen Ansatz.

Im Unterschiede zur klassischen Konfliktlösung, die darauf beruht gewaltfreie Lösungen für bestimmte konfligierende Angelegenheiten zu finden, werden bei der Konflikttransformation Strukturen reformiert, Kulturen hinterfragt, eigene und fremde Grundbedürfnisse bewusst gemacht und Beziehungen geheilt. Im weitesten Sinne arbeitet die Konflikttransformation mit einem erweiterten Gewaltverständnis - oft mit dem von Johan Galtung in den 1970er Jahren eingeführten Konzept der strukturellen Gewalt und in einigen Fällen auch dem von ihm in den 1990er Jahren geprägten Konzept der kulturellen Gewalt. Im weitesten Sinne kann Konflikttransformation auch das von jeher in anderen Disziplinen (wie z.B. der Salutogenese, der Resilienzforschung, der kognitiven Psychotherapie, der Psychohygiene, der Meditationspraxis) abgedeckte (und von der Konfliktforschung bislang kaum berücksichtigte) Konzept der "inner-psychischen Gewalt" umfassen, wie beispielsweise von Karim Fathi aufgezeigt (Fathi 2011: 161f.; 263-299).

Johan Galtung - Mitbegründer der in den 1950er Jahren entstandenen Friedensforschung und der etwa in den 1990er Jahren etablierten Tradition der Konflikttransformation und John Paul Lederach gelten als wichtigste und bekannteste Vertreter der Konflikttransformation.

Entstehung[Bearbeiten]

Die Entstehung der Tradition der Konflikttransformation geht eng einher mit dem sich seit den 1990er Jahren verbreitenden Phänomen "postmoderner Kriege". Die Mehrheit davon wird bezeichnet als "neue Kriege", "ethnische" bzw. "ethnisierte Konflikte" oder/und innerstaatliche innerstaatliche Kriege. Der neue postmoderne Krieg, in welchem auf allen Seiten das Töten von Zivilisten als Hauptstrategie eingesetzt wird, übertrumpft den klassischen modernen zwischenstaatlichen Krieg in seiner Komplexität. In der Praxis zeigten sich diese neuen Kriege als ungewöhnlich resistent gegenüber traditionellen Ansätzen, wie man einem bewaffneten Konflikt zu begegnen hat. Insbesondere im Falle von Friedensverhandlungen, wo traditionelle Abkommen diskutiert oder gar getroffen wurden, brach die Gewalt bei gegebenem Anlass stets von neuem aus. Beispiele finden sich in Angola, Ruanda, Palästina/Israel und in Sri Lanka. Im Falle von Angola und Ruanda starben sogar mehr Menschen nach dem Unterzeichnen der Abkommen als während dem vorangegangenen Bürgerkrieg (O’Toole 1997). Auch im aktuellen Kontext des "globalen Krieges gegen den Terror" haben beispielsweise in Afghanistan und Irak die neue Verfassungen keinen Frieden gebracht. Einer von vielen Gründen dieses Versagen bei Verhandlungen und Abkommen liegt am Fehlen einer komplex(er)en Konfliktanalyse und -bearbeitung. Die neu auftretenden Formen direkter, kriegerischer Gewalt sind nur die Spitze des Eisbergs in einem Feld vieler neuer struktureller und kultureller Konfliktformationen in der neuen Phase eines „globalen, multinationalen Weltkapitalismus“ (Jameson 1991). Vor dem Hintergrund wichtiger Lehren, die aus vergangenen Friedensprozessen gezogen wurden, ist die Tradition der Konflikttransformation entstanden. Zu ihnen gehören unter anderem,

  • dass Friedensprozesse oft scheitern, weil sie auf der Top-Ebene der Entscheidungsträger hinter verschlossenen Türen stattfinden, die Betroffenen vom Prozess ausgeschlossen bleiben, was von oppositionellen Kräften oft politisch genutzt wird, um den Friedensprozess zu boykottieren;
  • dass man oft dazu tendiert, komplexe Konflikte auf zwei Konfliktparteien zu reduzieren, meist ausschließlich moderate Vertreter dieser Konfliktparteien an einen runden Tisch setzt, währenddessen ausgeschlossene Konfliktparteien, die nicht als Verhandlungspartner akzeptiert werden, eine konstruktive Lösung durch Gewaltanwendung verhindern;
  • dass die Konfliktparteien sehr unterschiedliche Vorstellungen von Gerechtigkeit haben, sich natürlich selbst im Recht sehen und die anderen im Unrecht. Speziell in interkulturellen Kontexten erscheint die Frage nach einer „gerechten“ Konfliktlösung jedoch oft nicht beantwortbar;
  • dass die Bereitschaft zur Empathie, dem Verstehen der anderen Konfliktparteien, nicht gegeben ist, sondern dass Verhandlungen nur als Fortsetzung des Kampfes mit Worten geführt werden;
  • dass die Konfliktparteien so sehr in ihren Positionen verhaftet sind, dass ihnen unmöglich wird, neue kreative Konfliktlösungsperspektiven zu explorieren;
  • dass der Konflikt als eine Win-lose-Konstellation verstanden wird, wobei ein definierter und fixierter Wert an Ressourcen verteilt werden muss. Diesem Verständnis nach haben Parteien Ziele, und sie müssen an einem gewissen Punkt nachgeben, um ihre Ziele in Einklang mit den Zielen der anderen Partei zu bringen. Die mit diesen Ansätzen verbundenen Begriffe sind ‚win-lose’, ‚Nullsummenspiel’, ‚Konkurrenz, ‚legalistisch’ und inkludiert Taktiken wie ‚carrot and stick’, Gewaltandrohungen, ‚Drohung, Täuschung und Unterschlagung’ und ‚Kompromiss hin zur Mitte’.

Besonderheiten und Abgrenzung der Konflikttransformation[Bearbeiten]

Der Bedarf an einem anderen, differenzierterem Ansatz sowohl für eine komplexere Konfliktanalyse als auch für eine komplexere Praxis wird durch die anhaltenden Konflikte der letzten Jahrzehnte nur deutlich gemacht. Dies führte zur Entstehung von alternativen, zivilen, dialogischen Ansätzen von Konfliktmanagement, Konfliktlösung und Konflikttransformation, welche seit dem Ende des Kalten Krieges auch Beachtung erhalten (vgl. Purkharthofer 2000). Heute lassen sich insgesamt mindestens vier große Traditionen der konstruktiven Konfliktbearbeitung unterscheiden, mit unterschiedlichen zugrunde liegenden theoretischen Grundannahmen, Zielen, Zeitfokus und angewandten Methoden. Sie lassen sich wie folgt definieren:

Konfliktregelung ("conflict settlement") Die Konfliktregelung ist am ältesten und bezieht sich auf alle ergebnisorientierten und vergleichsweise schnell umsetzbaren Strategien mit dem Ziel Lösungen zu erreichen und/oder direkte Gewalt zu beenden, ohne die zugrunde liegenden Konfliktursachen anzusprechen. Ein wichtiger Vertreter dieses Typs der Konfliktbewältigung ist William Zartmann. Die Konfliktparteien werden zumeist als rational handelnde Akteure angesehen. Primäres Ziel ist es daher Konflikte durch politische Vereinbarungen (z.B. Waffenstillstand) „handhabbar“ zu machen. Die bestimmenden Akteure dieser Maßnahmen umfassen offizielle Führungskräfte aus Militär, Politik und Wirtschaft (vgl. Reimann 2004: 8f.).

Konfliktmanagement Das Konfliktmanagement ist die "Kunst der angemessenen Intervention": Konflikte werden hierbei als dynamische Prozesse aufgefasst. Da davon ausgegangen wird, dass es keine Patentlösungen gibt, gilt es den Konflikt zu "managen" (vgl. Miall 2004: 3). Der Konflikt wird dabei als ein Interessengegensatz mindestens zweier Akteure innerhalb des Status quo eines politischen Ordnungssystems verstanden (vgl. Reimann 2004: 8). So gesehen, werden Konflikte als wesentliche Bestandteile des sozialen Lebens angesehen. Konflikte sind daher unvermeidbar, jedoch können sie in Bahnen konstruktiver Austragung gelenkt werden (vgl. Miall 2004: 3).

Konfliktlösung ("conflict resolution") Konfliktlösung im Sinne Reimanns bezieht sich auf alle prozessorientierten Aktivitäten, die zum Ziel haben, den Konflikt als gemeinsames Problem neu zu definieren, mit für beide Seiten annehmbaren Lösungen. Hierzu ist es notwendig, die psychosozialen Ursachen von Konflikten und von Gewalt aufzudecken. Demzufolge werden in Anlehnung an John Burtons Theorie länger andauernde Konflikte als natürliche Folgen unerfüllter menschlicher Bedürfnisse (Identität, Nahrung, Schutz etc.) aufgefasst. Im Gegensatz zum Konfliktmanagement liegt der Ansatzpunkt in der Konfliktintervention weniger in den unterschiedlichen Interessen der Konfliktparteien, sondern in ihren Grundbedürfnissen. Diese sind im Gegensatz zu Interessen nicht verhandelbar. Die Strategien der Konfliktlösung sind prozess- und beziehungsorientiert und umfassen vor allem freiwillige und inoffizielle Aktivitäten, z.B. von privaten Personen oder NGOs (vgl. Reimann 2004: 9f.; vgl. Miall 2004: 3f.).

Konflikttransformation Zusätzlich zum Vorgehen der Konfliktlösung zielt die Konflikttransformation auf die Herstellung umfassender sozialer Gerechtigkeit und die Versöhnung der Konfliktparteien ab. Der Fokus dieser Strategie liegt daher im Besonderen auf die gezielte Unterstützung von Akteuren und ihrer Friedensressourcen innerhalb der Konfliktkonstellation und auf einer Einbindung aller intervenierenden Akteure auf allen Ebenen ("Multi-Track"). Wichtige Vertreter sind John Paul Lederach, Adam Curle und Johan Galtung (vgl. Reimann 2004: 10-13; Miall 2004: 4). In Abgrenzung zu anderen Traditionen der Konfliktbearbeitung bedeutet Konflikttransformation eine besonders nachhaltige Veränderung des gesamten Konfliktkontexts (daher "Transformation"), sodass die Endsituation für alle Parteien einen mindestens genauso hohen Nutzen stiftet, wie die Ausgangssituation. Gegenüber anderen Traditionen ist die Konflikttransformation ist bei weitem die nachhaltigste, aber auch die langwierigste und aufwendigste Form der konstruktiven Konfliktbearbeitung. Da sie im höchsten Maße die Konfliktparteien in den Friedensprozess einbindet, ist die Transformation auch entsprechend abhängig von den Parteien selbst. Andererseits zeigen die vergangenen Erfahrungen, dass ein nachhaltiger Frieden nur dann gegeben ist, wenn die Konfliktparteien selber zu der für sie optimalen Lösung kommen. Dem Konfliktarbeiter bzw. der Konfliktarbeiterin kommt daher vor allem die Rolle der "Übersetzung", der empathischen Prozessbegleitung und der eines kreativen Multiplikators zu.

Anwendungen[Bearbeiten]

Die Konflikttransformation ist eine vergleichsweise neue Tradition der Konfliktbearbeitung, vor dem Hintergrund "neuer" komplexer(er) Gewaltkonflikte entstanden und findet daher noch heute schwerpunktmäßig in der Bearbeitung politischer Konflikte Anwendung. Unter den wenigen bislang existierenden Referenzbeispielen werden meist das Ende des Kalten Kriegs, das Ende des Ost-Timor-Konflikts und vor allem das Ende des Ecuador-Peru-Konflikts als typische Fälle einer Konflikttransformation zugeordnet.

Bislang kaum Beachtung haben die organisationale Ebene (Unternehmenskonflikte), die zwischenmenschliche Ebene (z.B. Ehekonflikte) oder die innerpsychische Ebene (z.B. persönliche Dilemmata) in der Anwendung der Konflikttransformation gefunden. Unter den wenigen Konfliktforschern und -beratern, die Konflikttransformation gezielt auf den Arbeitskontext von (Psycho-)Therapie, Coaching, Mediation und Meditation ausweiten und methodisch verknüpfen, gehören Wilfried Graf, Gudrun Kramer und Karim Fathi.

Konkret angewendet wird der Ansatz der Konflikttransformation zum Beispiel vom Schweizerischen Institut für Konflikttransformation und Friedenskonsolidierung (ICP).[1]

Literatur[Bearbeiten]

  • Berghof Foundation (Hrsg.): Berghof Glossar zur Konflikttransformation. 20 Begriffe für Theorie und Praxis. Berghof Foundation, Berlin 2012, ISBN 978-3-941514-11-9 (englische Ausgabe online).
  • Karim P. Fathi: Integrierte Konfliktbearbeitung im Dialog. Der Integrale Ansatz als Bindeglied unterschiedlicher Methoden. Tectum-Verlag, Marburg 2011, ISBN 978-3-8288-2801-8.
  • Johan Galtung: 50 Years, 25 Intellectual Landscapes Explored. Transcend University Press / Kolofon Press, Oslo 2008, ISBN 978-8230004715.
  • Wilfried Graf, Gudrun Kramer, Augustin Nicolescou: Conflict Transformation through Dialogue: from Lederach's rediscovery of the Freire method to Galtung's 'Transcend' approach. In: Journal für Entwicklungspolitik. Band 22, Nr. 3, 2006, ISSN 0258-2384, S. 55–83.
  • Fredric Jameson: Postmoderne. Zur Logik der Kultur im Spätkapitalismus. In: Andreas Huyssen, Klaus R. Scherpe (Hrsg.): Postmoderne. Zeichen eines kulturellen Wandels. (= rowohlts enzyklopädie. Band 427). Reinbek bei Hamburg 1986, S. 45–102.
  • John Paul Lederach: Preparing for Peace: Conflict Transformation across Cultures. Syracuse University Press, New York 1995, ISBN 978-0815626565.
  • Hugh Miall: Conflict Transformation: A Multi-Dimensional Task. Berghof Forschungszentrum für konstruktive Konfliktbearbeitung, Berlin 2004 (PDF; 247 kB).
  • Kathleen O’Toole: Why peace agreements often fail to end civil wars. Stanford Report, Nov. 19, 1997 (online).
  • Petra Purkarthofer: Verhandlung und Mediation: Permanenter Dialog als Weg zu dauerhaftem Frieden. In: Anita Bilek (Hrsg.): Welcher Friede? Lehren aus dem Krieg um Kosovo. (= Agenda Frieden. Nr. 36). Agenda-Verlag, Münster 2000, ISBN 3-89688-084-5, S. 62–75.
  • Cordula Reimann: Assessing the state-of-the-art in conflict transformation. Berghof Forschungszentrum für konstruktive Konfliktbearbeitung, Berlin 2004 (PDF; 406 kB).

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Swiss Institute for Conflict Transformation and Peacebuilding (Schweizerisches Institut für Konflikttransformation und Friedenskonsolidierung)